Greenspan hat in Bakers Augen versagt.
Donnerstag, 24. Juli 2008
Fed unterschätzte Finanzblase: "Wir stehen vor dem Kollaps"
Die Immobilienkrise in den USA hat ihren Tiefpunkt noch nicht erreicht. Nach Ansicht von Dean Baker vom Center for Economic and Policy Research werden die Preise noch bis ins kommende Jahr hinein fallen - und die USA mit großer Wahrscheinlichkeit in eine Rezession schlittern. Auch Deutschland werde die Folgen zu spüren bekommen.
Christian Wilp: Herr Baker, Sie als Wirtschaftswissenschaftler in Washington verfolgen den Immobilienmarkt in den USA seit Jahren. Können Sie kurz beschreiben, wie Sie die Situation derzeit bewerten?
Dean Baker: Wir stehen kurz vor dem Kollaps der Immobilienblase in den USA. Wir hatten eine Acht-Billionen-Immobilienblase; von 1995 bis 2006 sind die Hauspreise um über 70 Prozent gestiegen. Nun zahlen wir den Preis dafür. Die Hauspreise korrigieren sich, das heißt, sie fallen schnell, um fast 20 Prozent allein in den letzten Monaten. Wir befinden uns also in der Mitte einer Preiskorrektur und erleben die Folgen davon. Banken haben große Verluste wegen der Hypothekendarlehen an Privatpersonen. Das alles hat Auswirkungen auf das gesamte Finanzsystem und die Wirtschaft.
Ist die Entwicklung damit bald am absoluten Tiefpunkt angekommen?
Wir sind immer noch im Anfangstadium, die Hauspreise fallen sehr schnell und das werden sie auch weiterhin tun, sicherlich noch bis Ende 2008 und mit großer Wahrscheinlichkeit auch noch bis ins Jahr 2009 hinein. Das ist wichtig zu wissen, denn es bedeutet, dass viele Menschen mit ihren Hypotheken immer weiter in Schwierigkeiten geraten werden. Denn die Hypothek wird den Wert des Hauses übersteigen. Diese Situation wird Leute dazu verführen, ihre Hypothek nicht zurückzahlen zu wollen. Wer der Bank zum Beispiel 400.000 US-Dollar für ein Haus schuldet, das im Endeffekt nur noch 250.000 US-Dollar wert ist, wird sich einfach als zahlungsunfähig erklären und der Bank das Haus überlassen. Diese Entwicklung wird sich fortsetzen und einen enormen Druck auf die Wirtschaft ausüben.
Ohne die Leute verrückt machen zu wollen: Wie sähe Ihrer Ansicht nach das schlimmstmögliche Szenario aus?
Wenn wir eine schlechte Politik verfolgen, dann könnten wir in eine lange und schwere Rezession steuern; meiner Ansicht nach werden wir mit großer Wahrscheinlichkeit eine Rezession erleben. Die Wirtschaft verzeichnet Verluste und immer mehr Arbeitsplätze sind in den letzten sechs Monaten verlorengegangen. Nach der Definition einer Rezession befinden wir uns noch nicht in einer, denn die Wirtschaft zeigt auch positive Entwicklungen, aber ich bin mir fast sicher, dass sich das ändern wird. Bisher ist der Konsum noch nicht wirklich gesunken, aber ich bin mir sicher, dass das auch noch geschehen wird. Die Frage wird sein, wie man darauf reagieren wird. In meinen Augen wird es wichtig sein, sowohl für die Regierung als auch für den Vorstand der US-Notenbank, eine neue Politik einzuschlagen, denn wir erleben auch eine Inflation. Unser Dollar fällt weiter, was zu einer höheren Inflation führt. Wenn die US-Notenbank ihre Politik fortsetzt, die in erster Linie darauf aus ist, die Inflation zu bekämpfen, würde dadurch - bei dann steigenden Zinsen - das wirtschaftliche Wachstum gedämpft. Letztlich könnte das alles zu einer ähnlichen Situation wie in Japan führen. Dort gab es eine sehr lange Periode einer sehr langsam wachsenden Stagnation. So etwas könnten wir hier auch erleben, und das wäre mein "worst case scenario".
Klingt nicht sehr beruhigend. Wie geht es denn Ihrer Ansicht nach im günstigsten Falle weiter?
Das Beste für uns wäre, wenn sich die Situation so schnell wie möglich selbst bereinigt. Es mag ein wenig pervers klingen, aber ich würde gerne sehen, dass die Hauspreise so schnell wie möglich fallen, damit wir uns nach vorne bewegen können, sich das Gleichgewicht wiederherstellt und die Immobilienblase der Vergangenheit angehört. Dann müsste man die Wirtschaft stimulieren; ein Teil davon wäre den Dollar weiter fallen zu lassen. Hier sorgt man sich, dass der Dollar zu niedrig ist. Aber die einfache Rechnung ist, dass wir immer noch ein Handelsdefizit besitzen. Der Weg dieses abzubauen ist, die Währung weiter fallen zu lassen. Statt also den Verfall des Dollars zu behindern, sollte die Notenbank die Währung weiter sinken lassen. Das würde am Ende unseren Exportwert verbessern, der wiederum den Wertverlust auf dem Immobilienmarkt und den Rückgang im Konsum ausgleichen würde. In meinen Augen gibt es keinen anderen Ausweg. Das Handelsdefizit auszugleichen und den Dollar zu schwächen, sollte Top Priorität haben.
Welche Konsequenzen hat die Krise in den USA für Europa und speziell auch für Deutschland?
Die Auswirkungen werden auf verschiedene Weise zu spüren sein. Auf der einen Seite wird die Tatsache, dass wir so viele Finanzunsicherheiten haben, auch nach Europa schwappen, weil beide Märkte sehr eng miteinander verbunden sind. Deutschland und Europa haben viele Investitionen in den USA. Sind sie immobilenbezogen, wird das natürlich schwere Konsequenzen haben. Ich weiß, dass es schon ein paar Banken in Deutschland gibt, die von den Verlusten des amerikanischen Immobilienmarktes betroffen sind, und mit Sicherheit wird es da noch mehr geben. Auf der anderen Seite fällt der Dollar immer weiter, vielleicht weniger gegen den Euro als gegen die asiatischen Währungen, diese werden wohl am ehesten betroffen sein. Aber wir werden eben auch immer weniger ein Exportmarkt sein, was natürlich Konsequenzen für Deutschland als auch auf das restliche Europa haben wird. Diese werden sich dann anderweitig orientieren müssen. Die Auswirkungen, die wir hier in den USA spüren, wird man in der ganzen Welt spüren.
Welche Konsequenzen sollten aus der gegenwärtigen Krise gezogen werden? Und wie können wir solch ein Desaster künftig vermeiden?
Die Umstände hier sollten dazu führen, dass die US-Notenbank die Finanzblase ernster nimmt. Alan Greenspan hatte als Vorsitzender der Bank während der Aktienblase in den Neunzigern und auch jetzt während der Immobilienkrise in diesem Jahrzehnt die Einstellung, dass Finanzblasen zu einem gewissen Grad niedlich sind. - So nach dem Motto, sie kommen und gehen. Fakt ist aber, dass die Konsequenzen von Finanzblasen enorm und sehr, sehr ernst sein können. Um genau zu sein, ich glaube, dass es nichts Wichtigeres gibt, als dass die US-Notenbank die Finanzblasen bekämpft. Ich will zwar nicht mit ansehen, dass die Inflationsrate von drei Prozent auf vier Prozent steigt, aber offen gesagt macht das keinen so großartigen Unterschied. Die Auswirkungen, wenn eine Acht-Billionen-Immobilienblase platzt, sind vermutlich tausendmal gravierender, als eine kleine Steigerung der Inflationsrate. Die Politik der US-Notenbank, die vor allem darauf bedacht ist, die Inflation zu bekämpfen und die Finanzblase zu ignorieren, ist völlig fehlgeleitet. Hoffentlich wird die Notenbank daraus eine Lehre ziehen.
Es ist ja derzeit Mode, die US-Notenbank für ihre jahrelange Niedrigzinspolitik zu kritisieren. Sehen Sie das ähnlich oder haben Sie auch Verständnis für die Bankpolitik der Vergangenheit?
Ich kritisiere die Bank nicht so sehr für das Senken der Zinsrate. Zu Beginn dieses Jahrzehntes war Alan Greenspan sehr stark daran interessiert, die Zinsrate zu senken, weil die Wirtschaft auf Grund der geplatzten Aktienblase so schwach war. Er hätte nur nicht so verantwortungslos sein sollen, die Aktienblase völlig außer Kontrolle geraten zu lassen. 2002 und 2003 hat er die Zinsen stark gesenkt, wegen der vergleichsweise schwachen Wirtschaft. Legt man nur eine schwache Wirtschaft zugrunde, so ist die Senkung dieser Rate sicherlich das Richtige. Aber er hätte zu dem Zeitpunkt bemerken sollen, was auf dem Immobilienmarkt los war. Ich sprach von der Blase im Jahr 2002, die war auch seinerzeit schon zu erkennen. Wir hatten einen enormen Anstieg der Hauspreise, also hätte Alan Greenspan das auch bemerken sollen, und die US-Notenbank hat unglaubliche Mittel, eine solche Blase zu bekämpfen. Alan Greenspan hätte dem ein Ende setzen können. Er hätte über die Blase sprechen können, er hätte den Leuten Angst machen können, er hätte davor warnen können, dass die Hauspreise eines Tages drastisch sinken werden. Stattdessen hat er das Gegenteil getan. Er hat gesagt, dass es keine Blase gäbe und man sich keine Sorgen machen müsse. Und am Ende, als die Blase weiter wuchs, hätte er die Zinsraten erhöhen können. Er hätte auch, als Vorsitzender der US-Notenbank, seine sehr mächtige Plattform nutzen können, um zu erklären, warum es eine Blase auf dem Immobilienmarkt gibt. Aber Alan Greenspan ist einen anderen Weg gegangen: Er hat gar nichts gemacht.
Mit Dean Baker sprach Christian Wilp



