Mittwoch, 28. Dezember 2005
MTU-Verkauf: Wirtschaftskrimi mit vielen Facetten
von Frank Heidmann
Mit dem Verkauf des Dieselmotorenbauers MTU an den schwedischen Finanzinvestor EQT ist ein Verhandlungsmarathon zu Ende gegangen, der alle Zutaten für einen Wirtschaftskrimi hatte: Familienzwist, aufgebrachte Mitarbeiter, juristische Scharmützel, gezielte Indiskretionen und schließlich ein Bietergefecht sorgten immer wieder für Aufsehen. DaimlerChrysler-Konzernvorstand Rüdiger Grube hat schließlich dennoch das geschafft, was sei Auftrag war, nämlich dem klammen Autokonzern die dringend benötigte Milliardenspritze zu besorgen. Mit 1,6 Milliarden Euro - wobei für DaimlerChrysler aber wegen Pensionsverpflichtungen nur eine Milliarde übrig bleibt -sind es dennoch mehr geworden, als zu Beginn des Verkaufsprozesses erwartet worden war.
Wer nun Sieger oder wer möglicherweise Verlierer ist, wird sich erst in Monaten oder gar Jahren zeigen. Immerhin hat der schwedische Investor zugesichert, dass er kräftig investieren will. Damit können die 5.000 Mitarbeiter in Friedrichshafen zunächst erst mal wieder beruhigt zur Arbeit gehen.
Anfangs waren die Verkaufspläne von DaimlerChrysler ganz massiv von den alten Besitzerfamilien Maybach und Zeppelin-Brandenstein gestört worden, die noch rund zwölf Prozent an dem profitablen und traditionsreichen Motorenbauer in Friedrichshafen besaßen. Das Wort vom "Denver-Clan am Bodensee" machte die Runde, als sich die Familien mit dem Finanzinvestor Carlyle gegen DaimlerChrysler verbündeten. Erinnerungen an die 80er Jahre wurden wach, in denen die ebenfalls schillernde Familie Dornier der damaligen Daimler-Benz AG sehr viel Geld für die Übernahme des Satelliten- und Flugzeugbauers aus der Tasche lockte.
So etwas wollte Grube nicht erneut erleben, entfaltete eine rege Verhandlungsdiplomatie, jettete aus Asien zu Aufsichtsratssitzungen von MTU und drohte sogar mit der Liquidierung von MTU. Schließlich konnte er die Familienfront aufweichen. Mit dem Verkauf ihrer Anteile machten die Erben schließlich den Weg frei für das eigentliche Bieterverfahren.
Auch wenn der Stuttgarter Mutterkonzern immer wieder beteuert hatte, MTU solle, egal wer der Käufer sei, als eigenständiges Unternehmen erhalten bleiben, verstärkte der Betriebsrat in den monatelangen Verhandlungen seinen Druck. Früh hatten sich die Arbeitnehmervertreter mit ihrem Nein zu einem Finanzinvestor festgelegt, vor allem die amerikanische KKR erschien ihnen als großes Übel. Sogar Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) wurde eingespannt, um die "Heuschreckengefahr" zu bannen.
Da half es auch nicht, dass EQT und KKR an den Bodensee reisten und für ihre Konzepte warben, die relativ ähnlich waren. Auch dass KKR mit Dubai International Capital einen eher langfristig orientierten Partner an Bord hatte, änderte die Meinung nicht. Daraufhin ließen Verhandlungskreise durchblicken, dass ihrer Meinung nach bei einem MAN-Einstieg zum Beispiel in der Verwaltung ein größerer Stellenabbau drohen könnte.
Ohnehin hatte MAN im Stuttgarter Autokonzern wenig Befürworter. Man befürchtete, dem direkten Konkurrenten auf dem Nutzfahrzeugsektor mit MTU zum Beispiel neue Vertriebskanäle zu eröffnen. Mit EQT kommt aber nun ein Käufer zum Zuge, der für die Mitarbeiter immerhin der Zweitbeste ist - so ganz unglücklich wirkte Karl-Heinz Wulle über die Abgesandten aus dem Wallenberg-Imperium nicht mehr. DaimlerChrysler ist nun seinem Ziel, ein reiner Autokonzern zu werden, einen weiteren großen Schritt näher gekommen. Den Stuttgartern bleibt nun nur noch die milliardenschwere Beteiligung an dem europäischen Luft- und Raumfahrtkonzern EADS. Beobachter fragen sich nun, wann diese veräußert werden könnte.

