Donnerstag, 05. Juni 2008
Konsumtempel ohne Käufer: Zu viele neue Läden
Überall drehen sich Kräne für riesige Einkaufszentren: Allein die Hamburger ECE, Europas größter Shoppingcenter-Betreiber will in den kommenden Jahren noch mehrere Milliarden Euro für neue Projekte ausgeben. Doch nicht nur bunt glitzernde Shoppingwelten schießen allerorten wie Pilze aus dem Boden. Auch in den Einkaufsstraßen der Innenstädte entstehen immer neue Ladenflächen. Doch egal, ob in München, Hamburg oder Düsseldorf - oft reihen sich nur die Filialen großer Ketten aneinander. Fraglich ist auch, wer alles in den vielen neuen Konsumtempeln einkaufen soll.
"Was da passiert, stimmt uns mit Sorge", sagt Rolf Pangels vom Handelsverband BAG auch mit Blick auf die anhaltend müde Konsumentwicklung. Vor allem für kleine und mittelständische Unternehmen nehme der Druck zu. Die Gewerkschaft ver.di warnt vor einem enormen Verdrängungswettbewerb. "Die großen Konzerne erhalten immer mehr Marktmacht", wird kritisiert. Zudem gehe in den Städten die Versorgung durch kleinere Läden in Nähe des Wohnorts zunehmend verloren.
Allein in Berlin wuchs die Verkaufsfläche im vergangenen Jahr um rund 215.000 auf etwa 4,56 Millionen Quadratmeter an. Fast die Hälfte des Zuwachses entfiel auf Shoppingcenter. Der Industrie- und Handelskammer zufolge hat die Hauptstadt bundesweit mit 58 die meisten solcher Center. In Hamburg gibt es 41, in Frankfurt sieben und in München gerade einmal drei. Bis 2010 soll die Einkaufsfläche in Berlin sogar nochmal um 20 Prozent zunehmen. Dabei gibt es dort schon jetzt gut eine halbe Million Quadratmeter zu viel Ladenfläche, der keine Kaufkraft gegenübersteht. Viele Unternehmen setzten daher auf die Touristen in der Stadt. Damit werde mittlerweile bald ein Viertel des Gesamtumsatzes generiert, sagt Nils Busch-Petersen vom regionalen Handelsverband.
Auch Einzelhandelsfläche gestiegen
Bundesweit nahm die Einzelhandelsfläche im vergangenen Jahr um 1,6 Millionen Quadratmeter auf gut 119 Millionen zu. Bis 2010 könnte sie nach Schätzung des Branchenverbands HDE sogar auf mehr als 122 Millionen anwachsen. Neben Einkaufszentren entstehen vorwiegend neue Discounter, Elektronik- und Baumärkte. Oft könnten sich in den Zentren der Großstädte nur große Konzerne die hohen Mieten leisten. So bilden sich in den Straßen immer mehr austauschbare Monostrukturen durch die Filialen von H&M, Zara oder anderer Ketten.
Nach Beobachtungen des Europäischen Handelsinstituts EHI in Köln sind Toplagen in den Großstädten derzeit sehr gefragt. "Mittelgroße Städte müssten sich aber fragen, ob sie ausreichend für die Attraktivität ihrer Standorte sorgen", sagt Marco Atzberger. Shoppingcenter böten oft eine bessere Verkehrsanbindung, kostenlose Parkplätze und eine gute Mischung an Geschäften. "Die Städte müssen gute Rahmenbedingungen bieten", heißt es beim Deutschen Städtetag. Dazu gehöre ein strategisches Flächenmanagement, mit dem die Kommunen ihre eigenen Interessen mit denen der Investoren in Einklang bringen, betont Hauptgeschäftsführer Stephan Articus.
Mittlerweile gibt es nach Erhebungen des EHI bundesweit 399 Shoppingcenter, vor acht Jahren waren es noch 279. Bis Anfang 2009 seien weitere 15 in Planung. Dabei gehe der Trend allmählich weg von der Grünen Wiese hin zu den Zentren vor allem größerer Städte. Mit der gigantischen Verkaufsfläche von 70.000 Quadratmetern entsteht derzeit für 300 Millionen Euro im Essener Zentrum die neue Einkaufsmeile "Limbecker Platz". Einer der Hauptmieter ist bereits Karstadt mit 20.000 Quadratmetern Fläche. Bis zur Fertigstellung im kommenden Jahr sollen in dem wohl größten deutschen Shoppingpalast 200 Geschäfte einziehen.
Den enormen Flächenzuwachs im Einzelhandel führt das EHI auch auf neue Verkaufskonzepte der Unternehmen zurück. "Viele Geschäfte präsentieren immer weniger Waren auf immer größeren und attraktiveren Flächen", betont Atzberger. Konzerne wie Karstadt und Kaufhof bauten danach ihre Warenhäuser um. "Die Inszenierung des Produktangebots wird immer spektakulärer." Das hänge auch mit der Internet-Konkurrenz zusammen. "Ansonsten kaufen die Leute lieber gleich online ein", heißt es beim EHI.
Von Maren Martell, dpa

