Montag, 10. Januar 2005
"Addio sigarette": Zündstoff in Italien
Italien war einmal das Land der unbegrenzten Freiheiten. Der Italiener an sich lebte sein Leben so, wie er es für richtig hielt und genoss im Geheimen das Gefühl der legalen Anarchie. Bis vor wenigen Jahren brausten die Motorino-Fahrer ohne Helm über die Straßen, Sicherheitsgurte im Auto galten als lästiges Beiwerk, und die innig geliebte Zigarette qualmte bisher ohne Rücksicht und Gewissensbisse zu jeder Tageszeit. Jetzt will die Regierung von Ministerpräsident Silvio Berlusconi den Rauchern an den Kragen: Am Montag ist auf der Apennin-Halbinsel ein Anti-Rauchgesetz in Kraft getreten, das als das wohl strengste in ganz Europa gilt.
Überall in Europa haben es Raucher immer schwerer. Auch in Italien waren die Glimmstängel bereits vor Jahren von den Flughäfen verbannt worden, in denen es - wohl einmalig in Europa - noch nicht einmal Raucherzonen gibt. Per Gesetz sind sie jetzt auch in allen öffentlichen Gebäuden, Büros, Kneipen, Restaurants, Discotheken und Hotels verboten - falls es keine dort völlig abgeriegelten Raucherzimmer und ein funktionierendes Belüftungssystem gibt.
Wer doch zur Zigarette greift, muss mit Bußgeldern von mindestens 27 Euro rechnen. Falls vor Kindern oder Schwangeren geraucht wird, drohen bis zu 600 Euro Strafe. "Ein absurdes Gesetz", nörgelt Stefano, Kellner der Pizzeria "Ivo" im römischen Szene-Viertel Trastevere.
Das Gesetz von Gesundheitsminister Girolamo Sirchia ist vor allem deshalb umstritten, weil die Besitzer von Gaststätten und Lokalen dazu aufgefordert werden, die Polizei zu verständigen, falls sich jemand doch widerrechtlich eine Zigarette anzündet. Sonst drohen ihnen selbst Strafen von bis zu 2.200 Euro - oder im schlimmsten Fall sogar die Schließung des Lokals. Und genau dieser Paragraf sorgt in Italien derzeit für Zündstoff.
"Meine Kunden sind fast alles Freunde und Bekannte, und es käme mir nie in den Sinn, die Polizei zu rufen", sagt Rossana, die ein Café im Zentrum von Rom besitzt. Auch in der nahen In-Kneipe "Sloppy Sam's" machen sich die Angestellten Sorgen: "Bei uns rauchen 90 Prozent der Kunden. Ob die wohl künftig noch kommen werden?" Andere benutzen noch deutlichere Worte und sprechen von "faschistischen Maßnahmen" und "Diktatur".
"Ich will ja gar keinen zwingen, den Sheriff zu spielen", winkt Sirchia ab. "Die Lokalbesitzer sollen rauchende Kunden nur deutlich dazu auffordern, die Zigarette auszumachen, wenn es keine Raucherzonen gibt." Aber viele Restaurant- und Pub-Besitzer haben derzeit die Befürchtung, dass ihnen demnächst die Kunden ausbleiben.
Denn derzeit sind nur sechs Prozent aller öffentlichen Lokale mit abgetrennten Räumlichkeiten für das neue Gesetz gerüstet. Den anderen ist der Umbau zu teuer - oder aus Platzmangel gar unmöglich.
"Dann gehe ich halt erst im Sommer wieder in die Pizzeria, wenn man draußen essen und rauchen kann", sagt ein Römer. Er gehört zu den 18 Millionen Rauchern im Land, immerhin gut ein Viertel der Bevölkerung. Die Nichtraucherfraktion hingegen freut sich, nicht mehr allerorts Nikotin und Teer der anderen einatmen zu müssen: "Endlich haben wir wieder die Möglichkeit, auswärts essen zu gehen, ohne eine Vergiftung zu riskieren", sagt die in Italien sehr bekannte Schauspielerin und TV-Moderatorin Barbara D'Urso.
Bleibt abzuwarten, wie das Land der persönlichen Freiheiten auf das strenge Gesetz reagiert. Denn die Zigarette nach dem morgendlichen Espresso und dem abendlichen Grappa war Millionen Italienern bisher heilig. Sie gehörte zur Dolce-Vita-Lebenskultur wie Fellini und Fettuccine. Aus dem rebellischen Neapel wurden unterdessen schon die ersten Protestaktionen gemeldet: Wer kürzlich beim Besuch einer Filmpremiere ein Päckchen Zigaretten vorweisen konnte, brauchte keinen Eintritt zu zahlen.
(von Carola Frentzen, dpa)



