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Samstag, 09. April 2005

100 nackte Frauen

Zuschauer in Rage

Bei der Kunst-Performance der Künstlerin Vanessa Beecroft mit 100 nackten Frauen ist es am Freitagabend vor der Neuen Nationalgalerie in Berlin zu tumultartigen Szenen gekommen. Nach Polizeiangaben kam es zu Rangeleien mit den Ordnern, weil den Besuchern, die in einer mehrere hundert Meter langen Schlange warteten, die Einlasskontrollen zu lange dauerten. Zudem hätten mehrere Personen vergeblich versucht, durch das Überklettern von Mauern und Absperrungen schneller in die Ausstellung zu kommen.

Die Veranstalter hatten die Polizei zu Hilfe gerufen, die dreieinhalb Stunden mit bis zu 20 Beamten vor Ort war. Eine Polizeisprecherin sagte, die Ordnungshüter hätten die Besucher beruhigt und die Situation wieder unter Kontrolle gebracht.

Nach einem Bericht der "Berliner Morgenpost" ist auch ein Feuerwerkskörper in die Warteschlange geflogen. Unter den Besuchern war nach diesen Angaben auch der stadtbekannte Kirchenstörer Andreas Roy, der ein Plakat mit der Aufschrift "Sündenbabel Berlin" hoch hielt.

In der Spät-Abendschau des RBB-Fernsehens empörte sich eine Besucherin am Freitagabend mit den Worten: "Bei solchen Massen kann man sich doch überhaupt nicht mit Kunst auseinander setzen."

"Lebende Bilder"

Die in Amerika lebende italienische Künstlerin Beecroft ist weltweit mit ähnlichen Aktionen bekannt geworden, bei denen sie inmitten von Kunstwerken in Museen "lebende Bilder" mit meist unbekleideten Frauen "von nebenan", die sich stundenlang nicht bewegen und auch nicht sprechen dürfen, inszeniert.

Die 100 Frauen in der Neuen Nationalgalerie sind nur mit durchsichtigen Strumpfhosen "bekleidet", die Körper leicht glänzend von Öl. Die Aktion heißt "VB55" – die 55. Performance von Vanessa Beecroft. Die Modelle stehen in der großen Halle der Galerie, scheinbar ohne feste Ordnung und doch dicht an dicht. Der Bau ist rundherum verglast, so dass nicht nur die Besucher drinnen, sondern auch Schaulustige von draußen Einblick auf das Geschehen erhalten. Sie sehen das Geschehen durch die Scheiben als "lebendiges Bild" und hinterlassen Schlieren an den Fenstern. Die Besucher, die die Performance besuchen, sind dagegen mit ihren Reaktionen Teil des Projekts.

Der Bau von Mies van der Rohe sei das "große Schaufensters der Moderne", sagt der Direktor der Galerie, Peter-Klaus Schuster. Tatsächlich wirken auch Beecrofts Modelle wie Schaufensterpuppen, die auf den Dekorateur warten. Auch wenn sie von Zeit zu Zeit ihre Position leicht ändern, sich kurz strecken: Ihr Blick ist unbeteiligt, sie wirken leblos.

Der Zuschauer als Voyeur

Beecroft spiele mit dem Voyeurismus des Publikums, so Kuratorin Gabriele Knapstein. "Wenn sich nichts bewegt, nichts passiert, schlägt der Blick der Beobachter in Selbstbetrachtung um, in eine Reflexion der eigenen Erwartungen."

Die Künstlerin selbst sagt, sie habe ein "toughes und rohes Bild" schaffen wollen. Die Bloßstellung der Frauen sei ein Experiment, dessen Wirkung auf die Besucher sie nervös erwarte, sagte die 35-jährige gebürtige Italienerin vor der Generalprobe am Donnerstag. "Bei dieser Performance haben die Modelle nichts an, keine Schuhe, kein Make-up oder spezielle Frisuren und ich wollte sehen, ob sie dennoch eine Distanz zwischen sich und dem Publikum herstellen können, so als wären sie Teil eines Gemäldes, ein menschliches Gemälde und kein bloßes Objekt."

Was auf der imaginären Bühne nicht passiert, soll im Kopf des Betrachters geschehen, erklärt Beecroft. Der sei zu Anfang in der Position des Voyeurs, doch mit der Zeit würden die meisten Menschen unruhig und dann werde es möglich, dass sie zu reflektieren beginnen: über ihre Sehgewohnheiten, über das Verhältnis von Betrachter und Objekt. Beecroft weiss, dass nicht wenige in dieser Kunst nichts als Provokation sehen. "Diese Performance ist herausfordernd und aggressiv für das Publikum. Sie ist nicht gefällig, denn es ist nicht schön."

Schwarz-Rot-Gold

Die teilnehmenden Frauen hat Beecroft vorher in Berlin casten lassen - ohne Rücksicht auf Gewicht oder Körpermaße. Lediglich bei der Haarfarbe wollte sie einen Akzent für Berlin setzen. Die vertretene Haarpracht sollte schwarz, rot und blond sein - den deutschen Nationalfarben entsprechend. Etliche Frauen meldeten sich auf entsprechende Zeitungsannoncen. Beecroft ist sich nicht sicher, warum, aber froh, dass sich so viele Frauen interessiert gezeigt hätten. "Ich selbst finde es sehr bedrohlich, nackt vor anderen Menschen zu stehen."

Von den Berliner Zuschauern hält Beecroft offenbar viel: "Ich denke, das deutsche Publikum ist intellektueller und aufgeschlossener als anderswo." Die Berliner Veranstaltung wurde vom Verein der Freunde der Nationalgalerie ermöglicht, der auch die spektakuläre Ausstellung des New Yorker Museums of Modern Art (MoMA) im vergangenen Jahr in der Berliner Neuen Nationalgalerie veranstaltete.

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