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Die einstigen Proiduktionshallen im holländischen Amersfoord liegen heute brach.
Die einstigen Proiduktionshallen im holländischen Amersfoord liegen heute brach.

Ein Brite überrollt Europa: Mini - große Geschichte, kleines Auto

Von Holger Preiss

Die Geschichte des Mini hat Hochs und Tiefs. Seinen Ursprung hat der kultige Brite jedenfalls im englischen Oxford. In über 40 Jahren hat er seine Spuren quer durch Europa verteilt. Nicht immer glücklich, aber fast immer erfolgreich.

Der Bullnose Morris ist das erste Auto, das in Oxford gebaut wird.
Der Bullnose Morris ist das erste Auto, das in Oxford gebaut wird.

Seit 100 Jahren werden im englischen Oxford Autos gebaut. Das erste ist der Bullnose Morris. Er verlässt die Hallen am 28. März 1913. Später folgen der Flatnose und die Series I bis VI. Erst ab 1959 rollen dann tatsächlich Minis von den Bändern. Damals unter dem Namen Morris Mini-Minor. Der Viersitzer wird dank des Technischen Leiters der British Motor Corporation (BMC), Alec Issigonis, eine automobile Revolution. Issigonis hatt dem 3,05 Meter langen Kleinwagen nicht nur Frontantrieb, sondern auch einen vorn quer eingebauten Vierzylinder-Motor und ein darunter platziertes Getriebe zugedacht. Dieses Prinzip und die in den äußersten Ecken der Karosserie angeordneten Räder ermöglichen es, auf minimaler Grundfläche ein Maximum an Innenraum zu realisieren. Eine Idee, die heute noch den Bau von Kleinstwagen prägt.

Minis in Belgien auf einem Parkplatz in den 70er Jahren.
Minis in Belgien auf einem Parkplatz in den 70er Jahren.

Mit einem Preis von 496 englischen Pfund, ein für damalige Zeiten verschwindend geringer Betrag, verkauft sich der Classic Mini wie geschnitten Brot. Unter seiner Haube arbeitet ein Vierzylinder mit 34 PS, der seine Kraft aus 848 Kubikzentimetern schöpft, phantastisch. Und weil der Kofferraum mit seinen 195 Litern geradezu niedlich ist, wird 1960 ein Mini Van aufgelegt, dem ein rundum verglaster Mini Kombi folgt.  1961 bringt BMC dann den Mini Pick-up und den ersten Mini Cooper auf den Markt. Sportwagenkonstrukteur John Cooper, ein Freund von Alec Issigonis, lässt im Auftrag von BMC eine Kleinserie von 1000 Mini Cooper entwickeln, die einen erweiterten Hubraum von 1,0 Litern und sportliche 55 PS verpasst bekommen. Im September 1961 rollt der erste Cooper los – die Fachpresse zeigt sich begeistert. Die Kundschaft will allerdings noch mehr Leistung. Und so fährt nur wenig später der Cooper S mit 1071 Kubikzentimetern und 70 PS über die Straßen.

Auf den Mini-Spuren

Allerdings neigt der Wagen zu Rost und zur Undichtigkeit jeder Art. Hinzu kommt, dass die Technik extrem verschleißfreudig ist. Nichtsdestotrotz treffen die Briten mit dem Wagen einen Zeitgeist und der Verkauf ist so erfolgreich, dass die Produktion in Oxford nicht mehr ausreichten. Hinzu kommen die hohen Steuern bei der Einfuhr der Fahrzeuge in andere Länder. Und so entstehen über 30 Jahre in ganz Europa neue Fabriken. Im slowenischen Novo Mesto, im italienischen Milan, in Marsa auf Malta, im portugiesischen Vendas Novas, in Pamplona in Spanien oder im irischen Dublin. Wer all diese Orte mit dem Auto bereisen wollte, müsste 10.000 Kilometer abspulen.

In Seneffe war man stolz auf den Mini.
In Seneffe war man stolz auf den Mini.

Und tatsächlich: Anlässlich des 100 jährigen Jubiläums des Werkes in Oxford hat sich die Mini-Mannschaft in Deutschland auf gemacht, die einzelnen Produktionsstätten zu besuchen. Mit fünf Mini startet man in München, um Stück für Stück die Geschichte des kleinen Briten aufzurollen.  Und so geht es bei lausigem Wetter von Paris  nach Seneffe. Eben jenen Ort, an dem ab 1965 der Mini in Belgien produziert wird. Am Anfang sind es lediglich zwölf Autos, die am Tag von einer Gesamtbelegschaft von 200 Mann für den Markt in Belgien, Frankreich und Holland gefertigt werden. Mit der Abwertung des britischen Pfund im Jahr 1967 wird die Produktion in Seneffe forciert. Jetzt laufen 60 Fahrzeuge pro Tag vom Band. Neben dem Mini wird auch der MG 1100, der MGB und MGB GT gebaut. Der Anschluss an Wasser- und Schienenwege macht den Standort für die Briten so interessant. Im Jahr 1970 wird in Seneffe auch, und nur da, der legendäre Mini 1000 Sporty produziert. Den Höhepunkt erreicht die Produktion mit über 3000 Mitarbeitern 1977. Es rollten 54.000 Minis von den belgischen Bändern – eine für damalige Verhältnisse enorme Zahl.

Bananenschalen in den Türen

Tausende Fahrzeuge stehen in der Hochzeit auf dem Parkplatz hinter den Hallen von Seneffe.
Tausende Fahrzeuge stehen in der Hochzeit auf dem Parkplatz hinter den Hallen von Seneffe.

Als es im Jahr 1978 mit der ökonomischen Situation des Mutterhauses, das sich inzwichen British Leyland Motor Corporation nennt, bergab geht, bekommt das auch Seneffe zu spüren. Die Produktion wird gekürzt, und in nur zwei Jahren verlieren die Briten mehr als zwei Millionen Pfund an dem belgischen Standort. Am 28. Januar 1981 wird die Fabrik geschlossen und 2200 Arbeiter verlieren ihren Job. Es wird berichtet, dass die Arbeiter aus Frust über die Situation die Produktion der letzten 778 Minis massiv boykottierten. So sollen sie, um ihrem Unmut Luft zu machen, Bananen- und Orangenschalen hinter den Türverkleidungen "vergessen" haben. Anderen Berichten zufolge werden die Autos auf dem Lieferparkplatz einfach nach dem Zufallsprinzip abgestellt. Das macht es für die Abholer unmöglich, die einzelnen Autos den entsprechenden Kunden zuzuordnen. Doch keine dieser Aktionen kann das Ende der 17-jährigen Produktionsgeschichte in Seneffe aufhalten.

Auf dem Weg nach Seneffe wird man ziemlich durchgeschüttelt.
Auf dem Weg nach Seneffe wird man ziemlich durchgeschüttelt.

Auch wenn man sich heute mit dem Wagen in die Stadt quält, erinnert nichts mehr an den einstigen autobauerischen Ruhm in Belgien. Allein die Autobahn ist so schlecht, dass man bei der tiefe der Schlaglöcher befürchten muss, dass einem irgendwann das Chassis in die Bandscheiben fährt. Hinzu kommen, das trostlose Wetter mit Schneeregen und die ewige Ebene des Königreichs. Umso enthusiastischer ist der Empfang in Seneffe. Der belgische Mini-Club ist mit seinen schönsten und kuriosesten Fahrzeugen angereist. Und vor der ehemaligen Produktionshalle, in der heute wer weiß was gefertigt wird gibt es Pommes und Waffeln. Die Temperaturen sind eisig, die Stimmung ist es nicht und so wärmt man sich mit den kultigen Kleinwagen von einst, deren stolzer Geschichte und einem Kaffee.

26 Gulden pro Mini verdient

Glückliche Produktionstage in Seneffe.
Glückliche Produktionstage in Seneffe.

Doch die Reise ist damit noch nicht beendet. Bevor nämlich die ruhmreichen 17 Jahre in Seneffe begannen, ließen die Briten kaum 300 Kilometer weiter nordöstlich produzieren. Im holländischen Amersfoort startet nämlich bereits 1959 die Mini-Produktion in Europa. Allerdings dauerte sie hier nur sieben Jahre. Ein Grund soll gewesen sein, dass die Einfuhrzölle so hoch waren, dass die Niederländer im letzten Jahr gerade mal 26 Gulden pro produzierten Fahrzeug verdient haben. Noch heute stehen in Amersfoort die Fabrikhallen von Millers Automobilclub Factories. In den 50er Jahren standen sie noch außerhalb der Stadt, umgeben von Wiesen und ein paar Bauernhöfen. Bis heute ist die Stadt um die ehemaligen Produktionshallen herum gewachsen. Augenscheinlich hat Amersfoord die Aufgabe des Standortes also besser verkraftet als Seneffe. Zur Ehrenrettung sei aber angemerkt, dass dort auch nie so viele Autos gebaut wurden. Im Spitzenjahr 1964 waren es gerade mal 1031.

Doch auch im Mutterland des Mini lief in den Jahren nicht alles glatt. Vor allem finanziell kam die Britisch Leyland Motor Corporation immer wieder in Schieflage. 1974 war es so schlimm, dass das Unternehmen verstaatlicht wurde. Auf Geheiß der britischen Premierministerin Margaret Thatcher sollte es in den 80er Jahre wieder privatisiert werden. Das gelang mit dem Verkauf an British Aerospace.

Der Glücksgriff BMW

Als sich BMW in den 90er Jahren nach einem Partner in Niedrigpreis-Segment umsieht, bei dem es sich lohnt, ihn in den Premium-Bereich zu ziehen, stoßen sie auf die Rover Group. 1994 wird der Kauf perfekt gemacht. Allerdings geht Rover 2000 an ein Konsortium namens "Phönix", das die Pkw-Produktion bis zur finalen Pleite 2005 aufrecht erhält. Die Filetstücke von Rover, Land Rover und Mini gehen 2000 an Ford und BMW.

Bis zum Auslaufen des Classic Mini im Jahr 2000 nach 41 Produktionsjahren sind die technischen Neuerungen eher marginal. Als das meistverkaufte britische Auto erreicht er eine Gesamtauflage von fast 5,4 Millionen Einheiten weltweit. Die Wiederbelebung der Kleinwagen-Marke, die Aufnahme klassischer Design-Elemente und typischer Innenraumgestaltung mit deutlich mehr Platz für Insassen und Gepäck, schaffen schnell die Basis für ein neues Kultfahrzeug. Heute sieht man ihn an jeder Ecke.

Die erste Generation des Mini, Mini Cooper und Cooper S und des Mini Cabrio tritt noch mit zugekauften Motoren unter anderem von Toyota an. Die zweite Generation ab 2006 erhält Benzinmotoren, deren Basis von der PSA-Gruppe stammt. Die Dieselmotoren sind allerdings echte BMW-Triebwerke. Heute ist die  Palette der Mini-Modelle aus Oxford auf sechs angewachsen: Hatchback (Steilheck), Cabrio, Clubman, Clubvan, Roadster und Coupé. Lediglich der Countryman kommt von Magna Graz in Österreich. Und so bitter die Werkschließungen quer durch Europa in den letzten 50 Jahren sind, die Erfolgsgeschichte des Mini wird doch weitergeschrieben. Wie lange, hängt natürlich von den Kunden ab. Aber die lieben den knuffigen Briten im Augenblick noch heiß und innig.

Quelle: n-tv.de

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