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Einen Fiat 500 haben die meisten anders in Erinnerung, aber hier geht es auch um Image-Transfer.
Einen Fiat 500 haben die meisten anders in Erinnerung, aber hier geht es auch um Image-Transfer.(Foto: Axel F. Busse)

Familienplanung à la Fiat: "500er" zum Raumschiff mutiert

Von Axel F. Busse

Sich bewährte Konzepte anderer zu Eigenen zu machen, ist in der Automobil-Industrie gängige Praxis. Aus erfolgreichen Einzelmodellen werden im Nu ganze Familien. So soll auch der Fiat 500 L funktionieren, der in Deutschland am 20. Oktober auf den Markt kommt. Mit dem knuffigen "Cinquecento" hat er aber nicht viel mehr als die Typenziffer gemein.

Die großen Fenster sorgen für eine gute Rundum-Sicht.
Die großen Fenster sorgen für eine gute Rundum-Sicht.(Foto: Axel F. Busse)

Die Urlaubsbilder in Schwarzweiß weckten Emotionen: Der Fiat 500, bei den Italienern nur als "Cinquecento" bekannt, ist auch 55 Jahre nach seiner Erstauflage noch immer ein Sympathieträger. Die Idee, den kultigen Kleinwagen in einer Neuauflage zu präsentieren, war von Erfolg gekrönt und rund 860.000 Autos wurden seit 2007 europaweit verkauft. Rund zehn Prozent davon gingen nach Deutschland. Nun wird ein weiterer Oldtimer bemüht, den Ur-Ahn einer Neukonstruktion zu geben. Der Fiat 600 Multipla von 1956 sei eigentlich der Stammvater aller Mini-Vans gewesen, sagt Martin Rada, Chef von Fiat in Deutschland.

Hierzulande wird der Markt für einen geräumigen Fünftürer im Kleinwagen-Format auf 200.000 Fahrzeuge jährlich taxiert, das sind sechs bis sieben Prozent des Gesamtmarktes. Der Fiat 500 L, bei dem der Zusatzbuchstabe wahlweise für "large", "long" oder "lässig" eingesetzt werden kann, soll in ein "Segment eintauchen, in dem wir bisher kein Angebot machen konnten", so Rada. Der Wagen gilt als "Multi Purpose Vehicle" (MPV), also als Fahrzeug mit vielseitiger Zweckbestimmung. Das sind für gewöhnlich mehr oder weniger langweilige Vernunftautos, weshalb dem 500 L von vornherein eine Turnübung aufgegeben ist: Er soll den Kunden einen Image-Spagat vermitteln, nämlich "cool" sein und trotzdem MPV fahren.

Schielen auf A-Klasse-Kunden

Vor allem zielt der neue Fiat auf die Konkurrenz von Opel Meriva, Citroen C3 Picasso, Kia Venga und Hyundai ix20. Und weil nicht nur junge Familien oder sportbegeisterte Singles, die eine große Ausrüstung transportieren müssen, als Käufer anvisiert sind, zählt Martin Rada auch ehemalige Kunden der Mercedes A-Klasse zu den möglichen Interessenten. "Dynamische Senioren" nennt er sie in dem Bewusstsein, dass das Durchschnittsalter der A-Klasse-Kunden zuletzt jenseits von 55 Jahren lag. Mit dem Erscheinen der neuen A-Klasse fänden diese Autofahrer beim Daimler kein adäquates Beförderungsmittel mehr.

Lust auf Last: Zur Not nimmt der 500 L auch eine Surfausrüstung auf.
Lust auf Last: Zur Not nimmt der 500 L auch eine Surfausrüstung auf.(Foto: Axel F. Busse)

Mit dem Modell Fiat 500 hat der Neue ungefähr so viele Gemeinsamkeiten wie der Countryman mit dem Ur-Mini. Aber bei der englischen Marke ging die Strategie auf, immer neue Karosserie-Varianten unter der Kult-Marke in den Markt zu drücken, und so einen Erfolg wünscht sich auch Fiat. Schon jetzt wird mit einem weiteren Ausbau der Modellfamilie gedroht, außer zusätzlichen Motoren wird für nächstes Jahr ein robust beplanktes "Trekking"-Modell sowie ein 7-Sitzer avisiert. Die Antriebspalette soll um eine Erdgas-Variante und ein Automatik-Getriebe bereichert werden.

Zunächst müssen sich die Kunden mit einer Auswahl aus drei Motoren zufrieden geben. Zum Start stehen ein 1,4 Liter großer Benziner und ein 1,3 Liter großer Diesel zur Verfügung. Anfang nächsten Jahres kommt dann noch der 0,9 Liter kleine Zweizylinder hinzu, der mittels Turboaufladung 105 PS freisetzt. Während die Ottomotoren mit einer Sechsgang-Handschaltung gekoppelt sind, hat der Dieselfahrer nur fünf Gänge zur Auswahl.

Start-Stopp fehlt bei Volumen-Modell

Der 4,14 Meter lange Fünftürer kann an der Front eine gewisse Verwandtschaft zum "Cinquecento" zwar nicht verleugnen, aber der Karosserie-Schnitt mit den großen Fenstern und dem hohen Dach (1,66 Meter) ordnet ihn klar in das Teilsegment der Mini-Vans ein. Mögen sollen ihn die Kunden wegen seiner großen Variabilität im Innenraum, wo serienmäßig auch die Lehne des Beifahrersitzes umgeklappt werden kann und so Platz für bis zu 2,40 Meter langes Transportgut geschaffen wird. 22 verschiedene Ablagefächer können mit Kleinkran befüllt werden, die Lehnen der Vordersitzen haben serienmäßig integrierte Klapptische für die Fondpassagiere. Leider bieten sie für die vorne Sitzenden wenig Seitenhalt.

Für Individualisten: Kontrastfarben im Cockpit stehen bei einigen Kunden hoch im Kurs.
Für Individualisten: Kontrastfarben im Cockpit stehen bei einigen Kunden hoch im Kurs.(Foto: Axel F. Busse)

Originell ist die geteilte A-Säule, die nicht nur gute Sicht beim Abbiegen schafft, sondern auch im Verein mit den anderen großen Fenstern ausgezeichnete Rundumsicht erlaubt. Wer es noch heller mag, greift auf die Ausstattungslinie "Lounge" zurück, wo ein 1,5 Meter großes Panoramadach für den Spitzenplatz in der markenübergreifenden Glasdach-Konkurrenz sorgt. Wer auch noch Luft hereinlassen will, ordert die bewegliche Variante und zahlt 1200 Euro extra. Aber auch ohne Durchblick nach oben herrscht ein üppiges Raumgefühl, das vor allem von dem reichlichen Platz über den Köpfen der Insassen bestimmt wird.

Die beweglichen Sitze der zweiten Reihe lassen zahlreichen Nutzungs-Varianten zu, zwischen ihnen und der Heckklappe sind 400 Liter Gepäckvolumen nutzbar, wenn man bis auf Fensterhöhe stapelt. Bis zu 1350 Liter können es werden, wenn die Sitze umgelegt werden. Im Zweifelsfalle kann auch auf den Beifahrer verzichtet und der Innenraum mit einer kompletten Surfausrüstung belegt werden. Nur sollte man kein Anfänger in dem Sport sein, denn deren Bretter passen dann doch nur aufs Dach.

Espresso gefällig?

Entstanden ist der Fiat 500 L auf der sogenannten B-Plattform, die zur Basis weiterer Fiat- und Chrysler-Modelle werden soll. Das Fahrwerk ist, wie erste Testkilometer ergaben, für eine bequeme Fahrt abgestimmt, wenngleich die hinteren Passagieren nicht den gleichen Federungskomfort wie die vorderen genießen. Bei Querfugen kann es unter der Rücksitzbank schon mal hörbar rumpeln. Wer den 1,4 Liter-Benziner ordert, sollte von den 127 Newtonmetern Drehmoment keine Wunderdinge erwarten. Von hohen Spritpreisen zu ökonomischer Gangart und frühem Hochschalten erzogen, kann der Fahrer bei langen Anstiegen leicht erleben, wie seinem Mini-Van die Puste ausgeht.

Das heißt, erneuter Gangwechsel, hochdrehen lassen, aber dann schnell wieder schalten, weil der Klang des Motors ab 3500 Touren eine angestrengte Farbe annimmt. Hohe Drehzahlen bedeuten aber automatisch, dass mit den auf dem Prüfstand ermittelten 6,2 Liter Durchschnittsverbrauch nicht auszukommen ist. Immerhin erfüllt er schon heute die Abgasnorm nach Euro 6. Obwohl diesem Motor der größte Verkaufsanteil in Deutschland zugeschrieben wird, ist er nicht mit einer Start-Stopp-Automatik zu haben. Die gibt es nur für den Zweizylinder und den Diesel.

Der Selbstzünder geht souveräner zu Werke, denn der braucht für sein deutlich höheres Drehmoment (200 Nm) erheblich weniger Kurbelwellen-Bewegung. Für die knurrige Akustik wird man mit munterer Tempoentwicklung entschädigt. Auch wenn der Motor in der Praxis ebenfalls sein Verbrauchsziel (4,2 Liter/100 km) verfehlen dürfte, stellt er eine interessante Alternative dar. Mit einem Einstiegspreis von 19.100 Euro liegt er aber auch 3200 Euro über der günstigsten Variante. Mit elf Außen- und drei Dachfarben, vielen Polster- und Innendekor-Varianten strickt Fiat die Masche eines Individualisierungs-Künstlers weiter, die einst der erste 500er begründete. Clou der zahlreichen Ausstattungs-Gimmicks dürfte aber ein Utensil sein, mit dem sich jeder Kunde als Hardcore-Azzuri-Fan outen kann: Eine Espresso-Maschine für den Betrieb im Auto.

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Quelle: n-tv.de

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