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Beim Autofahren kommt der Wind fast immer von vorn: ADAC-Präsident Peter Meyer.
Beim Autofahren kommt der Wind fast immer von vorn: ADAC-Präsident Peter Meyer.(Foto: picture alliance / dpa)

Ein "Garant für Aufklärung"?: ADAC-Präsident lehnt Rücktritt ab

Der Ruf nach Konsequenzen an der Vereinsspitze wird lauter: Im Skandal beim größten deutschen Automobilclub weist ADAC-Chef Meyer Rücktrittsforderungen ausdrücklich zurück. In München will sich die Staatsanwaltschaft den Fall nun genauer ansehen.

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Die Schummelaffäre rund um den "Gelben Engel" erschüttert Deutschlands größten Verein bis in die Grundfesten: Nach dem Eingeständnis von ADAC-Kommunikationschef Michael Ramstetter, bei der Wahl des beliebtesten Automodells an den Abstimmungsergebnissen gedreht zu haben, weist ADAC-Präsident Peter Meyer Rücktrittsforderungen zurück.

Der "Bild"-Zeitung antwortete Meyer auf die Frage, ob er daran schon gedacht habe: "Nein. Wenn der Wind von vorne kommt, muss man das auch mal aushalten können. In diesem Fall bin ich auch der Garant für die Aufklärung in der Sache." Der ADAC-Präsident warnte davor, die Glaubwürdigkeit des gesamten Autoclubs infrage zu stellen.

Weitere personelle Konsequenzen soll es zunächst nicht geben, bekräftigte Meyer laut Vorabbericht der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Ausdrücklich stärkte er dem ADAC-Geschäftsführer Karl Obermair den Rücken: "Wir haben volles Vertrauen in die Arbeit von Dr. Obermair, der mit der umfassenden Aufklärung der Angelegenheit beauftragt ist. Er ist Aufklärer und nicht Verursacher." Der ADAC dürfe nicht unter einen Generalverdacht gestellt werden, sagte Meyer.

Zugleich schloss er aus, dass bei den einflussreichen ADAC-Tests wie etwa zur Qualität von Raststätten oder zur Sicherheit von Kindersitzen ebenfalls geschummelt worden sein könnte. "Unsere Technik- und Verbraucherschutztests werden nach festgelegten, stets nachprüfbaren Kriterien durchgeführt. Teilweise sind Zertifizierungsunternehmen an diesen Tests beteiligt; insofern ist eine Manipulation dort ausgeschlossen", erklärte Meyer. Nach Angaben der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" gibt es jedoch trotz allem Hinweise darauf, dass es mindestens in einem Fall auch bei der Bewertung von Fahrzeugmodellen zu Unregelmäßigkeiten gekommen sein soll.

Eng könnte es für Ramstetter allerdings spätestens dann werden, wenn sich der Skandal tatsächlich auf juristischer Ebene fortsetzen sollte. Nach Informationen der "Bild"-Zeitung prüft die Staatsanwaltschaft München I derzeit noch, ob Ermittlungen aufgenommen werden. "Betrug scheidet ja offenbar aus. Bleiben noch Bestechung oder Vorteilsnahme als mögliche Ermittlungstatbestände", ließ sich Behördensprecher Thomas Steinkraus-Koch zitieren. Wie lange die Prüfung dauern wird, ließ die Staatsanwaltschaft offen.

"Der ADAC muss sich neu aufstellen"

Der Verband der deutschen Automobilindustrie (VDA) verlangt unterdessen umfassende Aufklärung. "Das ist dringend nötig, denn nur so kann die Glaubwürdigkeit des Verfahrens wiederhergestellt werden", sagte ein VDA-Sprecher der "Welt".

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt fordert die ADAC-Führung auf, das verlorene Vertrauen von Mitgliedern und Öffentlichkeit zurückzugewinnen. Der "Bild"-Zeitung sagte Dobrindt: "Es muss radikal aufgeklärt werden. Alle Vorgänge der Vergangenheit müssen offengelegt werden." Der ADAC solle sich künftig auf seine Kernkompetenz besinnen. "Der ADAC muss sich wieder mehr auf seinen ursprünglichen Auftrag konzentrieren, den Service der Mitglieder und die Interessenvertretung der deutschen Autofahrer: Mehr um den einzelnen Autofahrer kümmern, weniger Show und Glitzer - der ADAC ist doch nicht Hollywood!"

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Die Vorsitzende des Rechts- und Verbraucherausschusses des Bundestages, Renate Künast (Grüne), forderte andere Organisationen auf, ihre Eigenkontrollen offenzulegen. Künast sagte der "Saarbrücker Zeitung", alle Verbraucherorganisationen müssten jetzt erklären, "nach welchen Kriterien sie ihre Tests oder Umfragen durchführen - und wie sie sich in ihrem Management selbst kontrollieren". Zugleich riet Künast dazu, "einen Beirat oder einen Kontrolleur von außen" einzusetzen, der die Verfahren von Tests oder Umfragen ergänzend prüft.

Zuvor hatte ADAC-Geschäftsführer Obermair bereits versprochen, dass der Automobilclub "alle Vorwürfe aufarbeiten" werde. Ziel sei es, die verloren gegangene Glaubwürdigkeit wieder herzustellen. Der ADAC-Mann im Zentrum des Skandals, Ramstetter, musste bereits seinen Hut nehmen. Den Worten Obermairs zufolge soll es darüber hinaus auch Veränderungen innerhalb der Vereinsstruktur geben. Sie sollen sicherstellen, dass sich die Manipulation nicht wiederholt. Wichtig sei "mehr Transparenz", hieß es. Andere Zahlen des ADAC sind laut Obermair korrekt.

Eine Entschuldigung für 19 Millionen

"Dieser Vorgang tut uns leid, er trifft den ADAC ins Mark, weil wir als eine der vertrauenswürdigsten und seriösesten Organisationen galten, dieser Ruf ist jetzt angeschlagen", erklärte Obermair. "Wir werden das lückenlos nach innen und nach außen aufarbeiten." Auch wolle man externe Prüfer dazu holen. Obermair bat die rund 19 Millionen ADAC-Mitglieder um Entschuldigung. "Wir sind jetzt in der Bringschuld, die Reputation wieder herzustellen." Dazu gehöre auch, dass man eine Studie zur Pkw-Maut erneut bei einem Meinungsforschungsinstitut in Auftrag gegeben habe.

Branchenkenner bezweifeln, dass der ADAC mit solchen Ankündigungen rasch zur Tagesordnung übergehen kann. "Das Vertrauen in den ADAC ist von Grund auf zerrüttet", erklärte Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer bei n-tv. "Der ADAC muss sich neu aufstellen." Der Verein müsse endlich Transparenz in allen Bereichen herstellen, in denen er aktiv ist – "auch bei anderen Tests, auch bei der Pannenstatistik; auch bei Tests, bei denen Qualitätsurteile für Produkte verteilt werden".

Geschäftsführer Obermair hatte vor einigen Tagen die Manipulationsvorwürfe bei der Autowahl noch als Unterstellungen zurückgewiesen. Der Betrug soll unentdeckt geblieben sein, weil - so zitiert die "Süddeutsche Zeitung" den Geschäftsführer - nur Ramstetter Zugang zu allen Abstimmungsauszählungen gehabt habe.

VW mottet "Gelben Engel" ein

Der in München ansässige Automobilclub musste schließlich einräumen, dass die Wahl des Lieblingsautos der Deutschen durch die Leser seines Mitgliedermagazins "ADAC Motorwelt" manipuliert worden ist. Demnach stimmten viel weniger für das mit dem "Gelben Engel" ausgezeichnete Auto als angegeben. Die Rangfolge der beliebtesten Autos sei aber nicht verändert werden.

Die Affäre schlägt bei den ADAC-Partnern aus der Wirtschaft hohe Wellen: Die Manipulationen an den Abstimmungszahlen sollen sich nach Angaben Obermairs über mehrere Jahre hingezogen haben. Zuletzt hatte Volkswagen mit dem Golf die Wahl zum Lieblingsauto der Deutschen gewonnen. Ein Sprecher des Wolfsburger Konzerns kündigte vor dem Hintergrund des Skandals an, VW werde "nicht mit dem Gelben Engel für den VW-Golf werben". Zugleich forderte er von dem Club eine "lückenlose Aufklärung" der Vorgänge.

Denkbar schlecht ist die Stimmung auch bei den ADAC-Mitarbeitern. "Es ist ein emotionaler Mix aus Empörung, Wut, Fassungslosigkeit", beschrieb Obermair die aktuelle Atmosphäre hinter den Kulissen. Kritik äußerte er an Beschäftigten, die interne Informationen an die Medien weitergegeben hätten statt sich an den Geschäftsführer als Vorgesetzten Ramstetters zu wenden. Der ADAC ist mit rund 19 Millionen Mitgliedern größter Autoclub in Europa und der größte Verein in Deutschland.

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Quelle: n-tv.de

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