Genf und die deutschen AutobauerAbwischen – und weiter!
In Genf zeigt sich: Die deutsche Automobilindustrie hat auch nach dem Trauermonat Februar keinen Grund zur Mutlosigkeit. Eine Bestandsaufnahme.
Das war schon eine Horrorzahl, die das Kraftfahrt-Bundesamt pünktlich zum Auftakt des Genfer Automobilsalons verbreitete: Der Automarkt in Deutschland ist im Februar um 29,8 Prozent eingebrochen. Fast 30 Prozent! Das sind Vorwende-Werte! Gut, ein Rückgang war nach dem Auslaufen der Abwrackprämie erwartet worden, aber so stark?
Gemach. So schlimm sieht es nicht aus. So hat der Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Kraftfahrzeughandwerks, Robert Rademacher, die Zahl bereits im Vorfeld relativiert und erwartet nach der "Sonderkonjunktur" 2009 eine Rückkehr zur Normalität. So geht der Verband für das laufende Jahr von 2,7 Millionen Neuzulassungen aus, rund zehn Prozent weniger als in Normaljahren. Und eine Schwankungsbreite von zehn Prozent liege, so Rademacher, durchaus im Rahmen des Üblichen. Weiteren Optimismus verbreitet der Verband der Automobilindustrie (VDA) mit Blick auf die Produktion in Deutschland. So wurde der Bau von Automobilen hierzulande bereits im 4.Quartal 2009 um 15 Prozent hochgefahren. Und im Februar 2010 lief es noch besser: Mit 443 200 Stück wurden fast 50 Prozent mehr Autos in Deutschland gebaut, als im Vorjahr – dem Höhepunkt der Krise.
Mit anderen Worten: Da geht doch wieder was. Die Frage ist nur, wer vom beginnenden Aufschwung am ehesten profitieren kann? Genf zeigt es. Hier eine Einschätzung der Chancen:
BMW: Ohne Miese durch die Krise und jetzt trotzdem stark aufgestellt. Mit 5,9 Litern Durchschnittsverbrauch je 100 km liegen die Bayern in Europa mittlerweile auf dem Niveau von Kompaktwagen-Flotten. Mit dem 5er kommt das wichtigste Auto des Konzerns taufrisch auf den Markt. Voll-Hybrid, Mild-Hybrid, Elektroantrieb – alles schon in (Klein-) Serie auf der Straße. Und mit dem Offroad-Mini "Countryman" kommt jetzt noch ein Spaß-SUV auf den Markt. Das dicke Ende kommt dann, wenn die seit 2007 laufenden Sparmaßnahmen Lücken in der Produktpalette zeitigen.
Audi: Endlich aufgewacht. Mit dem A1 bringen die Ingolstädter das richtige Auto – nur leider viel zu spät. Während BMW mit dem 1er den Markt abgegrast hat, musste sich Audi erst vom Misserfolg des A 2 erholen. Jetzt aber: Der sportlichste Premium-Kompakte soll er sein, bringt moderne Motoren nach dem Downsizing-Prinzip und ein in dieser Klasse einmaliges Doppelkupplungs-Getriebe mit sieben Gängen. Ansonsten fehlt es noch überall: Kein Hybrid, kein Elektrofahrzeug auf der Straße und Brennstoffzelle nicht in Sicht. Luft nach oben.
Mercedes: Dieter Zetsche spricht vom "besten Momentum" aller Premium-Hersteller, hat am Stand aber nur das E-Klasse Cabrio zu bieten. Michael Schumacher und Nico Rosberg müssen die Lücke füllen. Aber dann der Hammer: Mercedes stellt den E 300 Bluetec Hybrid vor, den ersten Diesel-Hybriden der Welt. Erwartete 4,1 Liter Durchschnittsverbrauch und 200 Newtonmeter Extra-Drehmoment versprechen beste Gleiteigenschaften. Und wenn bald noch der in der Studie F 800 Style gezeigte Plug-In-Hybrid kommt, wird in Zukunft vielleicht auch das neue Versprechen wahr: "Das Beste oder gar nichts"
Volkswagen: Hat die prickelndsten Neuheiten am Start. Neuer Touareg, neuer Sharan, beide ebenfalls kräftig im Verbrauch gedrückt. Der Familien-Van soll als TDI mit 140 PS gerade mal 5,3 Liter im Schnitt verbrauchen. Chapeau. Dazu mit dem Amarok den einzigen deutschen Pickup – breiter aufgestellter ist keiner. Nur die schon bei Audi gesehenen Defizite trüben auch das Bild bei VW: Hybrid? E-Mobil? Brennstoffzelle? Ja, irgendwann, demnächst…
Ford: Hat mit dem neuen Focus das volumenstärkste neue Modell in Genf am Start. Ansonsten hatten die Kölner mit US-Mutter Schonzeit: Haben sich am tapfersten aller US-Hersteller in der Krise geschlagen und ihre Europa-Autos ordentlich weiter entwickelt. Neben Focus mit Fiesta, C-Max und S-Max frische Modellpalette mit tollen Fahrwerken und dank Eco-Boost vielleicht auch bald mit sparsamen Motoren. Aber zum nachhaltigen Erfolg sind ab sofort größere Klimmzüge nötig. Schonzeit vorbei.
Opel: Kämpft. Weder der neue Meriva noch der 2011 in Produktion gehende Stromer Ampera bestimmen die Schlagzeilen, sondern der andauernde Poker um Staatsknete – so kann man nicht arbeiten! In all dem Chaos sind schon die tollen Autos Insignia und Astra untergegangen, beziehungsweise schwer beschädigt worden. Und deshalb gibt es an dieser Stelle auch keine Prognose. Erst muss die politische Diskussion beendet werden, dann haben auch die Autos wieder eine Chance – verdient!
Porsche: Kann nur noch beten. Die neuen amerikanischen Verbrauchs-Vorgaben sind definitiv nicht zu schaffen. Das gilt auch für den neuen Cayenne, der zwar erheblich sparsamer geworden ist, den US-Vorgaben auch mit Hybrid nicht genügen kann. Warum Porsche aber niemals sterben darf zeigt in Genf die Studie 918 Spyder: Klein, offen, schnell (Nordschleife in unter 07:30 Minuten) und dank Plug-In-Hybrid ein Ausstoß von nur 70 Gramm Kohlendioxid pro 100 km. Wenn das kein Grund ist zu beten!