Auto
Ein Cadillac Fleetwood parkt unter einer grünen Weide.
Ein Cadillac Fleetwood parkt unter einer grünen Weide.

Eine mobile Bildergeschichte: "Auto - Allein zu Haus"

Von Holger Preiss

In deutschen Städten ist es kaum zu erkennen. Doch bereits in den Reihenhaussiedlungen der Speckgürtel wird es deutlich: Autos und Häuser bilden eine Einheit. Noch augenfälliger ist es in den USA, wo kein TÜV ein Autoleben beendet und wo eigene Architektur wild wuchern darf. Der Fotoband "Auto - Allein zu Haus" fängt diese teilweise bizarre Korrespondenz ein.

Wer sein Auto liebt ...
Wer sein Auto liebt ...

Da steht schon mal ein verbeulter Pontiac GTO vor einem bis an die Radmuttern gepflegten Chevrolet Camaro aus den 1970er Jahren. Da parken zwei Jeep CL wie Zwillinge hintereinander, die scheinbar nach der Geburt getrennt wurden. Ein Lowrider-Cadillac spreizt sich zwischen zwei Palmen oder ein heißer Käfer posiert vor einer kühlen Kachelwand, während ein mattgrauer Cadillac vor einem Spukschloss zu schlafen scheint; eine Stretchlimousine nimmt den Platz von zwei Häusern ein. Es sind Autogeschichten, die Tim Maxeiner in seinem Bildband "Auto – Allein zu Haus" erzählt. Geschichten, die sich manchmal ändern. Nämlich immer dann, wenn die Autos vor anderen Hintergründen auftauchen. Wie zum Beispiel der gestreckte Mercedes/8, der einmal vor einem schlichten grauen Wohnhaus und dann noch einmal vor einem blauen Flachbau zu sehen ist, der mindestens so viel Fenster hat wie der Benz. Auch der eben erwähnte Pontiac GTO taucht immer wieder auf. "Wie ein streunender Hund", bemerkt Maxeiner und fragt: "Wem gehört der bloß?"

Eine Frage, die sich auch dem Betrachter des Buches stellt, wenn er sieht, wie Auto und Haus langsam die Farbe tauschen. Wenn die uralte Mercedes S-Klasse vor einer Villa am Hang zum Understatement wird. Oder wenn sich Rost und blätternder Lack wie ein Kunstwerk über die Karosserie ziehen. Im Bild festgehalten werden die Autos zu mobilen Kunstwerken, vor einer Kulisse des momentanen Besitzes. Denn in den USA ist man eher seinem Auto als der Immobilie treu. Die Mobilität zeichnet den US-amerikanischen Lebensstil aus. Nur wer in der Lage ist, sich zu bewegen, kann den Traum vom American Way of Life leben. Haus, Auto und Benutzer bilden eine Verbindung auf Zeit. Immobilien gehen hier von Hand zu Hand. Ewig ist im Land der unbegrenzten Möglichkeiten nur die Parkplatzsuche.

Auf der Suche nach Geschichten

Manchmal wechseln Auto und Haus einfach die Farbe.
Manchmal wechseln Auto und Haus einfach die Farbe.

Es gibt die These, dass unsere Häuser das darstellen, was wir sind, und unsere Autos das, was wir gerne wären. Da mag etwas dran sein, belegen lässt es sich wohl nicht. Zu viele Gründe spielen sowohl beim Hausbau als auch beim Kauf eines Autos eine Rolle. Aber dennoch: Autos und Häuser korrespondieren miteinander. Sie geben ein Bild ab, das eine Geschichte erzählt. Eine erdachte oder vielleicht sogar eine uns bekannte.

Diesen Gedanken hatte auch der Fotograf Tim Maxeiner. Allerdings kam der ihm nicht in hiesigen Gefilden, sondern in den Vereinigten Staaten. Nach einer Zeit als Lift-Operator in den Rocky Mountains trug es ihn weiter nach Los Angeles, wo er im Hafenviertel San Pedro sesshaft wurde. Bis heute hat sich die 1909 Los Angeles zugeschlagene Stadt ihren eigenständigen Stolz bewahrt. Als Maxeiner dort ankam, machte er es wie immer: er erkundete sie zu Fuß.

Keine Beulen, würdevolle Narben

Bei seinen Rundgängen fiel ihm nicht nur die architektonische Vielfalt auf, sondern auch die vor den Häusern geparkten Autos. Dabei ist Maxeiner kein Autonarr. Er sagt von sich selbst, dass er sich für den Preis, die Technik oder die Leistungsparameter noch nie interessiert hat. Vielmehr ist er daran interessiert, herauszufinden, was man mit einem solchen fahrbaren Untersatz erleben kann. Und natürlich interessiert ihn, was diese Autos wohl schon erlebt haben. Insofern wundert es nicht, dass er die Autos liebt, die vom Leben gezeichnet sind. Für ihn haben sie somit auch keine Beulen, sondern tragen würdevoll ihre Narben. Präsentieren stolz den vom Wind abgeschliffenen Lack und die von der Hitze spröden Dichtungen.

Irgendwann erkannte Maxeiner auf seinen Fußmärschen, dass die Autos mit den Häusern, vor denen sie standen, auf ganz eigene Art eine Einheit bildeten. Dabei war es auch egal, ob das Fahrzeug tatsächlich zu dem Haus gehörten oder nicht. Allein das Verhältnis der Paarung ließ eine Geschichte erahnen. Maxeiner wähnte in der Ähnlichkeit von Haus und Auto eine Harmonie, wie man sie oft Herr und Hund nachsagt. Um diese Idee manifest zu machen, fing er an, diese Verbindungen zu fotografieren. Nach eigenen Aussagen erst unbewusst, später gezielt.

Kein Bild ist gestellt

"Auto - Allein zu Haus" ist im Delius-Klasing-Verlag erschienen.
"Auto - Allein zu Haus" ist im Delius-Klasing-Verlag erschienen.

Auf diesem Weg ist ein Buch entstanden, das Geschichten in Bildern erzählt. Geschichten, die der Betrachter selbst erdenken kann. Dabei kann er sich von den dezent gehaltenen Bildunterzeilen des Fotografen durchaus inspirieren lassen, muss es aber nicht. Letztlich ist es so, wie Maxeiner sagt: "Autos und Häuser behalten bei aller Betrachtung ihre Geheimnisse für sich." Nichts an den Bildern ist gestellt. Maxeiner fotografiert die Autos dort, wo sie gerade geparkt haben. Manchmal hat er stundenlang nach einem Motiv gesucht, manchmal sind sie ihm einfach zugeflogen.

Wer den Bildband betrachtet, wird noch etwas feststellen. Je öfter er ihn durchblättert, desto vertrauter wird ihm die Gegend, in der die Fotos entstanden sind. Man verbindet sich mit den Schritten des Fotografen, teilt seine Déjà-vus.  Die sich dabei auftuenden Fragen bleiben unbeantwortet und sind somit der Fantasie des Betrachters überlassen. Auf der einen Seite ist das schade, auf der anderen Seite ist das gut so, denn dadurch wird der Bildband auch beim hundertsten Betrachten nicht langweilig.

Erschienen ist der Bildband "Auto – allein zu Haus" im Delius-Klasing-Verlag; er kostet 22,90 Euro.

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Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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