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Der Klassenprimus aus Wolfsburg geht bereits in der siebten Generation ins Rennen.
Der Klassenprimus aus Wolfsburg geht bereits in der siebten Generation ins Rennen.(Foto: Holger Preiss)

Das Haar in der Suppe: Ein Golf ist ein Golf ist ein Golf

Von Holger Preiss

Der Klassenprimus macht sich auf, seine Nummer Sieben auf die Straßen dieser Welt zu entlassen. Seit mehr als 30 Jahren ist der Golf omnipräsent: Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Nach so langer Zeit sollte es doch endlich gelingen, dem alten Streber eins auszuwischen.

Beim Golf-Design setzt VW auf Evolution statt Revolution.
Beim Golf-Design setzt VW auf Evolution statt Revolution.(Foto: Holger Preiss)

Es ist schon erstaunlich. Seit 38 Jahren verkauft sich der Golf wie geschnitten Brot. Insgesamt 29 Millionen Stück des Kompaktwagens sind in dieser Zeit verkauft worden. Aber nicht nur das. Dank seiner Verkäufe hat er die nach ihm benannte Golf-Klasse begründet und Florian Illies setzte ihm mit seinem Buch "Generation Golf" ein weiteres Denkmal. Inzwischen rollt die siebte Generation des "Klassenprimus" an den Start. Und wie das mit Klassenbesten so ist, wünscht man sich, diesem elenden Streber eins auszuwischen. Irgendwann muss es doch möglich sein, die Ikone von ihrem Thron zu stoßen. Schließlich schläft die Konkurrenz nicht und kann auch Autos bauen.

"Die spinnen, die Wolfsburger"

Unter dieser Maßgabe ist auch der Autor des Textes zur Fahrpräsentation des neuen Golf VII gefahren. Er wollte das Haar in der Suppe finden. Blöd nur, dass man in Wolfsburg ein Heer von potenten Ingenieuren hat, die sich in allen Bereichen Gedanken machen. Fangen wir mit den für den potentiellen Kunden unauffälligen Dingen an. Der neue Golf ist 100 Kilogramm leichter. Damit hat er das Niveau seines Urgroßvaters, also das des Golf IV. Nicht spektakulär? Doch, denn der Neue hat so viel Technik an Bord, wie kein anderer Golf zuvor: elektronische Parkbremse mit Auto-Hold-Funktion, Quer-Differenzialsperre XDS, die Reifenkontrollanzeige Plus (RKA), Rekuperationsmodus, Start-Stopp-System und ein variabler Ladeboden, Tagfahrlicht und Klimaanlage. Und das bereits in der Grundausstattung Trendline, die mit einem Basispreis von 16.875 Euro zu Buche schlägt. Das ist nicht mehr als der Preis, den Volkswagen für den Vorgänger aufrief.

Auch bei der Nomenklatur der Ausstattungslinien ändert sich nichts. Trendline, Comfortline und Highline. Wer bei der höchsten Ausstattungsvariante zuschlägt, bekommt auch Adaptive Cruise Control, Lane Assist, Front Assist, Verkehrszeichenerkennung, Müdigkeitserkennung, City-Notbremsfunktion, Multikollisionsbremse, Proaktiven Insassenschutz und Park Assist 2.0. Aber wie gesagt: Das alles erst in der höchsten Ausstattungsvariante. Wer sich die einzelnen Komponenten in die Grundausstattung schmieden lassen will, der muss tief in die Tasche greifen. An dieser Stelle kann sich auch ein Vergleich lohnen, denn das, was VW hier als Features anbietet, haben einige Konkurrenten schon.

Wer will, wird massiert

Im Golf arbeiten unter anderem zwei neu entwickelte Motoren.
Im Golf arbeiten unter anderem zwei neu entwickelte Motoren.(Foto: Holger Preiss)

In der Highline-Ausstattung gefallen vor allem die ergonomisch geformten Sitze. Die erweisen sich bereits auf der ersten Fahrt als eine wahre Wohltat. Sehr gute Oberschenkelauflage, fester Rücken und extrem guter Seitenhalt. Wer will, kann sich für – Achtung! - 160 Euro eine Massagefunktion basteln lassen, die den Fahrer in unterschiedlichen Höhen rund um die Lendenwirbel sanft knetet. Allein hier kommt einem der Gedanke, den Obelix schon in Bezug auf die Römer hatte: "Die spinnen, die Wolfsburger!"

Nein, tun sie natürlich nicht. Die Kalkulation ist mit Bedacht auf Masse gemacht. Im letzten Jahr verkaufte VW 700.000 Fahrzeuge. Diese Zahl ist auch als magische Grenze gesetzt. Weniger sollten und dürften es nicht sein, sonst könnte das Gefüge ins Rutschen kommen. Aber die Wahrscheinlichkeit ist denkbar gering. Der Golf startet am 10. November in ganz Europa. Ganz Europa? Nein, ausgenommen sind vorerst die Länder, in denen das Lenkrad auf der rechten Seite sitzt. Aber schon im Januar wird auch da der Golf in den Showrooms stehen.

Wenn der Sport-Modus zum "Spaß"-Modus wird

Doch zurück zum Fahrzeug. Wir waren auf der Suche nach dem Haar in der Suppe. Mit der Markteinführung des neuen Golfs stehen auch zwei neu entwickelte Motoren zur Verfügung. Der 1,4-Liter TSI mit 140 PS und ein 2,0-Liter TDI mit 150 PS. Bei den neuen Triebwerken hat man sich vom herkömmlichen Graugusverfahren verabschiedet und setzt jetzt auf das – und darauf sind die Wolfsburger stolz – eigens entwickelte Aluminium-Druckguss-Verfahren. Allein diese Technik macht die Motoren 16 Kilogramm leichter. Wie bei den Großen – und auch das ist neu – gibt es bei dem Benziner jetzt eine Zylinderabschaltung bei geringer Last. Das heißt, die Zylinder zwei und drei werden zwischen 1500 und 4000 Umdrehungen stillgelegt, wenn das Drehmoment unter 85 Newtonmeter fällt. Das spart nach Werksangaben bis zu 0,5 Liter Benzin auf 100 Kilometer. Wer es sportlich mag, der hat, dank eines optimierten Turbolader, ab 1500 Umdrehungen bereits satte 250 Nm Drehmoment zur Verfügung. Das hört sich erst mal ganz dufte an, aber wie macht sich das Maschinchen im Zusammenspiel mit den anderen Komponenten des Fahrzeuges?

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Unglaublich! Noch nie war ein Serienmotor von der Performance so nahe an einem GTI dran. Bei einem Kickdown dreht der Motor enorm hoch, wirkt aber keine Sekunde angestrengt. Noch dazu, wenn er in der Ausstattungslinie Highline mit einem 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe und einem Fahr-Modi-Schalter verbändelt ist, der neben Comfort, Normal, Eco und Individuell auch einen Sport-Modus bietet. Im Zusammenspiel mit dem neuen Fahrwerk und hilfreicher Elektronik entwickelt sich der mutmaßliche Biedermann jetzt zum Kurvenjäger. Die Lenkung wird enger und arbeitet punktgenau. Das Fahrwerk strafft sich und lässt kaum noch Neigungswinkel zu. Unterschiedliche Belastungen der Räder werden Dank XDS elektronisch ausgeglichen, was dazu führt, dass es auch bei extremer Kurvenhatz kein Unter- oder Übersteuern mehr gibt. Man hat das Gefühl, als würde jeder Fahrfehler einfach weggebügelt. In 8,4 Sekunden ist die 100 km/h-Marke geknackt und erst bei 212 km/h hört der Volkssportler auf zu rennen. Insofern verdient der Sport-Modus definitiv den Spitzennamen "Spaß"-Modus.

Schwerfuß hat seinen Preis

Ach so, eine kaum wahrnehmbare Schaltwippe am Lenkrad gibt es für passionierte Vettel natürlich auch noch. Allerdings hat der Schwerfuß auf dem Gaspedal seinen Preis: 9,1 Liter genehmigte sich der Golf in den Serpentinen Berg auf und Berg ab. Ha, da ist er also, der erste echte Kritikpunkt. Aber nehmen Sie Usain Bolt mal das Essen weg. Da läuft selbst der schnellste Mann der Welt die 100 Meter nicht mehr unter 10 Sekunden. Im normalen Lauf sind es beim Golf auf der ersten Testfahrt in bergigem Geläuf nur noch knapp 6,0 Liter.

Auf digitalen Firlefanz wird im Golf verzichtet.
Auf digitalen Firlefanz wird im Golf verzichtet.(Foto: Holger Preiss)

Na gut, am Benziner gibt es also auch nicht wirklich was zu meckern. Versuchen wir es mal mit dem Diesel. Dank eines neuen Thermomanagements erreicht der Motor schneller seine Betriebstemperatur, was neben einer Spritersparnis den duften Nebeneffekt hat, dass sich im Wageninneren im Winter schneller Wohlbehagen einstellt. Außerdem gibt es einen Saugrohr integrierten Ladeluftkühler und eine motornahe Abgasreinigung. Das wiederum sorgt dafür, dass der TDI die Abgasnorm EU 6 bereits jetzt erfüllt. Ansonsten unterscheidet sich der Selbstzünder kaum vom Benzin-Bruder. Mit seinen 150 PS treibt er die Fuhre in 8,6 Sekunden auf 100 km/h. Im Sportmodus wirkt er nicht ganz so agil. Dieses Gefühl ist aber subjektiv und dem Umstand geschuldet, dass der TDI per se etwas schwerer ist und die Fahrwerksabstimmung deshalb auch im "Spaß"-Modus etwas kommoder zur Sache geht. Denn insgesamt sind die Parameter aller Ehren wert. Zwischen 1750 und 3000 Umdrehungen werden 320 Nm auf die Achse gewuchtet. Die Beschleunigung endet erst bei 216 km/h. Und, im Unterschied zum Benziner zieht der Diesel bei sportlicher Fahrt lediglich 6,2 Liter aus dem 50 Liter fassenden Tank.

Die kleinen Dinge machen ihn groß

Im Inneren geht es, wie man es von Volkswagen kennt, extrem aufgeräumt zu. Die klar strukturierten Rundinstrumente, die auch weiterhin auf digitalen Firlefanz verzichten, sind in jedem Moment gut ablesbar und alle Funktionsschalter befinden sich ergonomisch am richtigen Platz. Auch die um das Multifunktionslenkrad, das in der Ausstattung Highline mit feinstem Nappa umspannt ist. Die fein aufgeschäumte Plastik ist hochwertig, angenehm weich und vermittelt ein wahres Streichelambiente.

Der Kofferraum fasst maximal 1270 Liter und wartet mit einer Golf-Premiere auf.
Der Kofferraum fasst maximal 1270 Liter und wartet mit einer Golf-Premiere auf.(Foto: Holger Preiss)

Der Clou sind aber die kleinen Dinge, die man auf den ersten Blick kaum wahrnimmt. Die Rückenlehne lässt sich beim neuen Golf jetzt so umlegen, dass sich erstmals in der Geschichte des kompakten VW eine plane Ladefläche vor dem Einladenden auftut und sich das ohnehin um 30 Liter auf 380 Liter gewachsene Kofferraumvolumen auf 1270 Liter erhöht. Wer sich seit jeher beim Beladen seines Fahrzeuges die Frage stellte: "Wohin mit der Hutablage?", dem kann beim neuen Golf auch geholfen werden. Die verschwindet ganz unaufwendig unter dem doppelten Ladeboden, der sich übrigens in zwei Höhen verstellen lässt. Ablageflächen gibt es übrigens auch satt: Brillenfach im Dachhimmel, die Fächer in den Türverkleidungen fassen locker 1,5-Liter-Flaschen und dank der elektrischen Handbremse fällt der Schalter weg und auch in der Mittelkonsole lassen sich Kaffeebecher abstellen und Kleinigkeiten verstauen.

Auf zum letzten Gefecht

Gut, versuchen wir einen letzten Angriff auf den Primus inter Pares: Das Design. Wieder nur Evolution statt Revolution! Ja, genau. Doch die ist konsequent. Der Modulare Querbaukasten macht einiges möglich. Der Radstand verlängert sich, sodass der Wagen sich streckt. Damit wird der neue Golf flacher, länger und breiter. Das gibt den Designern die Möglichkeit, die Motorhaube höher als die Kotflügel zu machen, was die Haube optisch verlängert. Sämtliche Sicken ziehen sich bis in die Scheinwerfer, werden dort von Chromleisten und LED-Leuchten erneut aufgegriffen. Selbst der Tankdeckel löst sich vom langweiligen Rund und schwebt in der Form der Linien. Letztlich wirkt die Nummer Sieben dynamischer als alle seine Vorgänger und auch die elend breite C-Säule kann daran nichts ändern.

Es scheint, als hätte VW mit dem Golf Sieben mal wieder gewonnen. Es gibt kein Haar in der Suppe. Während andere Hersteller davon reden, in Zukunft das "Weltauto" bauen zu wollen, haben die Niedersachsen es schon. Der Golf wird in über 150 Ländern verkauft und muss dabei weder seine Form noch seine Art ändern. Und so wird es wohl auch in Zukunft bleiben: Der Einstieg in einen VW Golf ist immer ein wenig so, als würde man nach Hause kommen.

Und was bringt die nahe Zukunft? Zu den neuen TDI und TSI kommen 2013 ein GTI und ein GDI. Auch eine Gas-Version wird es geben. Noch im kommenden Jahr will VW auch einen Elektro-Golf ins Rennen schicken. Die Reichweite soll 150 Kilometer betragen. Nicht spektakulär! Aber interessant ist der Preis. Wie aus internen Kreisen verlautete, könnte der Elektriker für unter 30.000 Euro an den Kunden abgegeben werden. Das wäre die Kampfansage an alle Hersteller von Elektroautos. Denn die kompakten Stromer sind bis dato nicht unter 36.000 Euro zu haben.

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Quelle: n-tv.de

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