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Kein Freund von eingefahrenen Wegen: Der Landrover Defender hat einen neuen Motor.
Kein Freund von eingefahrenen Wegen: Der Landrover Defender hat einen neuen Motor.(Foto: Axel F. Busse)

Unikum Land Rover Defender: Der wahre Liebhaber vergibt alles

Von Axel F. Busse

In der an Phänomenen nicht armen Auto-Welt ist er die Besonderheit unter den Ausnahmen: der Land Rover Defender. Er ist technisch veraltet, unbequem, laut und langsam. Und doch wird er von einer treuen Fangemeinde geliebt. Hier die Annäherung an ein Unikum.

Mit solchen Anstiegen ist der Defender nicht aus der Ruhe zu bringen.
Mit solchen Anstiegen ist der Defender nicht aus der Ruhe zu bringen.(Foto: Axel F. Busse)

Ein Hauch von Modernität hat das Allrad-Urgestein gestreift – und wenn auch nur auf gesetzlichen Druck hin. Den Land Rover Defender bringt neuerdings ein Motor zum Laufen, der die Euro-5-Norm erfüllt. Allerdings, und das versetzt die Fangemeinde in Schrecken, verlängert diese Modernisierung lediglich die Gnadenfrist, die dem seit 1948 kaum wesentlich veränderten Geländewagen bleibt. 2015 ist Schluss, es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass diese Order der Zulassungsbehörden noch einmal widerrufen wird.

Also schnell noch einen kaufen, sagt sich der eine oder andere, die Gemeinde erzeugt seit Jahren eine stabile Nachfrage. In den ersten vier Monaten dieses Jahres wurden 563 Exemplare abgesetzt, so viele Neuzulassungen registrierte das Kraftfahrtbundesamt. Dass es sich bei den Kunden ausnahmslos um Jäger oder Förster, Landwirte oder Expeditionsleiter handelt, ist nicht anzunehmen. Also müssen auch "ganz normale" Autofahrer ein Faible für dieses Fahrzeug haben, und das, obwohl es schwer fällt, die Liste seiner Stärken auf die gleiche Länge zu bringen, wie die seiner Schwächen.

"Was macht das schon?"

Ein Hoch auf die Schlichtheit: Auch die Fahrer von 1948 würden sich hier noch zurecht finden.
Ein Hoch auf die Schlichtheit: Auch die Fahrer von 1948 würden sich hier noch zurecht finden.(Foto: Axel F. Busse)

Eine Stärke ist gewiss, dass man schön hoch sitzt, das Verkehrsgeschehen prächtig überblicken kann, eine andere – und das ist der größte Gewinn – dass man nicht auf befestigte Straßen angewiesen ist. Wenn einen nicht zufällig eine Leitplanke daran hindert, kann man den Autobahnstau auf dem angrenzenden Feld umgehen. Theoretisch zumindest. Praktisch wird man wohl eher selten auf der Autobahn unterwegs sein, denn: wer will sich das antun?

Ist man nicht gerade 1,70 Meter oder kleiner, sucht man hinterm Lenkrad vergeblich nach einer entspannten Sitzposition. Die grobstolligen Reifen jaulen ab Tempo 80 zum Steinerweichen, es ist laut und die 145 km/h Höchstgeschwindigkeit verurteilt den Fahrer meist zu einem freudlosen Dasein auf der rechten Spur. "Who cares?" würde man im Land des Herstellers fragen, "was macht das schon?", schließlich geht es nicht in erster Linie um Mobilität, sondern es geht um Bekenntnis, um Statement und um ein bestimmtes Lebensgefühl.

Betagt, aber charaktervoll: Die Karosserie wurden in mehr als 60 Jahren kaum verändert.
Betagt, aber charaktervoll: Die Karosserie wurden in mehr als 60 Jahren kaum verändert.(Foto: Axel F. Busse)

Und das heißt anders sein. Und verzichten können. Zum Beispiel auf Airbags oder ESP, auf eine Außenspiegelverstellung vom Innenraum aus oder auf einen Automatikmodus für die (immerhin!) elektrisch beweglichen Fensterscheiben. Beifahrerinnen von Defender-Besitzern pflegen häufig einen naturbelassenen Kosmetikstil, weshalb die Abwesenheit eines Schminkspiegels in der Sonnenblende nicht weiter ins Gewicht fällt. Dass die vorderen Insassen neben Türen mit der gefühlten Wandstärke einer Müslipackung hocken, gehört ebenso zum Anderssein und hat historische Ursachen. Als der Defender konstruiert wurde, war das Wort "Seitenaufprallschutz" noch nicht erfunden.

Im Parkhaus droht der Dachschaden

Da die meisten Land-Rover-Besitzer Naturliebhaber sind, ist es leicht zu verschmerzen, dass für den Defender das Standardparkhaus Tabuzone ist. Die bis zu 2,13 Meter Fahrzeughöhe können beim gedankenlosen Ansteuern einer solchen Abstellfläche schnell zu einem demolierten Dach führen. Wie folkloristische Relikte aus den Kindertagen des Automobils muten der antiquierte Lichtschalter an der Lenksäule und die abdeckungslosen Inbusschrauben in der Passagierkabine an. Doch niemand soll behaupten, es gäbe keinen Komfort im Defender. Für 1690 Euro extra gibt es eine Klimaanlage, für 700 Euro ein CD-Radio mit vier(!) Lautsprechern, und für 180 Euro eine Ablagebox, die aussieht wie das mit Kunstleder bezogene Ergebnis eines Bastelnachmittags der Sperrholzgruppe.

Versteckter Fingernagel-Killer: Der Öffnungshebel der Hecktür hinterm Reserverad.
Versteckter Fingernagel-Killer: Der Öffnungshebel der Hecktür hinterm Reserverad.(Foto: Axel F. Busse)

Egal, auch die Mittelkonsole, deren Gefälle das der Eiger-Nordwand bei weitem übertrifft, kann einen nicht wirklich daran hindern, diesem Auto mit Respekt und Hingabe zu begegnen. Bei manchen wird die Liebe zwar hin und wieder einer Prüfung unterzogen (bevorzugt dann, wenn bei der Handhabung des hinteren Türgriffs wieder mal ein Fingernagel eingebüßt wurde), doch der wahre Liebhaber vergibt alles. Die Bewahrung des Ursprünglichen zählt mehr als oberflächlicher Luxus.

Der entfesselte Spaß auf der Brache in der Feldmark, in der Sandkuhle oder auf schlammigen Waldwegen entschädigt üppig für die kleinen und großen Unmöglichkeiten. Auch wer eben noch an der Ampel von allen anderen stehen gelassen wurde (122 PS sind nun mal nicht die Welt), regeneriert sein Ego, wenn der Landy die Kupplung klatschen lässt und sich unbeirrbar durch schwierigstes Geläuf wühlt. Ist das Manövrieren in der Altstadt mit der zähen Lenkung noch eine Zumutung für den Fahrer, hüpft sein Herz draußen so munter wie der "90er" über die Ackerfurche. Die Ziffer, das nur für jene, die mit den Interna der Kult-Karosse noch nicht so vertraut sind, gibt den Radstand in Zoll (oder Inch) an.

Vergnügungssteuer an der Tanke

Leider muss man auch einen Defender hin und wieder betanken. Zehn Liter soll er im Kombi-Verbrauch je 100 Kilometer schlucken, in diesem Praxistest waren es 11,5 Liter. Für ein kaum vier Meter langes und nicht gerade übermotorisiertes Automobil ist das ein ganz ordentlicher Durst. Aber immerhin wiegt der Defender leer schon fast 1900 Kilo und seine Windschlüpfrigkeit steht der einer Gefriertruhe in nichts nach. Glücklich ist, wem es gelingt, die Mehrkosten gegenüber einem langweiligen Kompakten als Vergnügungssteuer anzusehen.

Fazit: Stünde ein anderer Markenname auf der fast waagerecht montierten Motorhaube, das Auto wäre wohl ein krasser Ladenhüter. So aber ist er der Inbegriff von motorisierter Freiheit, eine Ikone des Automobilbaus. Er verströmt den Duft von Freiheit und Abenteuer, ist herrlich sympathisch in seiner Unbeholfenheit modernen Erwartungen von Ausstattung und Fahrkomfort gegenüber. Dass die Freude beim Hersteller ebenso groß ist wie bei den Käufern, darf vorausgesetzt werden. Schließlich hat der Defender schon vor Jahrzehnten seine Entwicklungskosten wieder eingespielt. Jetzt wird nur noch verdient.

DATENBLATTLand Rover Defender TD4 90 SW
Abmessungen3,89/ 1,79/ 2,12 m
Radstand2,63 m
Leergewicht (DIN)1887 kg
Sitzplätze4
Ladevolumenmax. 696 Liter
Motor/HubraumVier-Zylinder Turbodiesel mit 2198 ccm Hubraum
Getriebe6-Gang manuell
Bodenfreiheit314 mm
Böschungswinkel (v/h)49 / 47 Grad
Wattiefe500 mm
Leistung122 PS (90kW)
KraftstoffartDiesel
AntriebAllrad (Geländeuntersetzung zuschaltbar)
Höchstgeschwindigkeit145 km/h
max. Drehmoment360 Nm
Tankinhalt60 l
Beschleunigung 0-100 km/h15,8 s
Normverbrauch (kombiniert)10,0 l
Testverbrauch11,0 l
CO2-Emissionen
(Normverbrauch)
266 g/km
Grundpreis29.030 Euro
Preis des Testwagens35.500 Euro

Quelle: n-tv.de

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