Mini bringt vierte ModellvarianteDes Landmanns neue Kleider

Der Countryman präsentiert sich länger, breiter, höher und schwerer. Aber Zweifler seien beruhigt: Es ist wirklich ein Mini, bei dem allerdings die Zahl Vier eine zentrale Rolle spielt.
Ist das überhaupt noch Mini? Das neue Modell der englischen Kultmarke wirft Fragen auf. Länger, breiter, höher, schwerer und natürlich teurer als die bisher bekannten drei Karosserievarianten präsentiert sich der Countryman ("Landmann") ab September dem deutschen Publikum. Erste Fahreindrücke besänftigen Zweifler: Es steckt mehr Mini drin, als sich messen lässt.
Für BMW, seit 1994 Besitzer der Marke Mini und verantwortlich für die Wiederbelebung des 60er-Jahre-Kleinwagens, ist die Übernahme eine Erfolgsgeschichte. In neun Jahren wurden mehr als 1,7 Millionen neue Minis als Limousine, Cabrios und Clubman verkauft. Nach Überzeugung der Marktforscher würden noch deutlich mehr Menschen sich für die Marke entscheiden, wenn denn mehr Alltagsnutzen in dem Kleinwagen stecken würde. Die Fahrfreude, den kultigen Status und die Wertbeständigkeit mussten die Kunden bisher mit weitgehendem Verzicht auf Transportkapazität bezahlen und auch das Reisen in der hinteren Passagierreihe war kein wirkliches Vergnügen.
Das soll sich mit dem Countryman ändern. Seine rustikale Erscheinung wird durch einen optionalen Allradantrieb legitimiert. Er bietet 13 Zentimeter mehr Radstand als das kleinere Schwestermodell und deshalb auch Passagieren jenseits von 1,80 Metern Körperlänge erstaunliche Bewegungsfreiheit auf den Rücksitzen. Diese Polster sind nicht nur in Fahrtrichtung verschiebbar, sondern haben auch noch eine Neigungsverstellung für die Lehne. Mehr Bodenfreiheit und eine höhere Sitzposition lassen das Auto aus Sicht der Entwickler zu einem "Crossover"-Fahrzeug werden, wobei sich die Marketing-Strategen die Zahl "4" als zentrale Imagebotschaft auserkoren haben. Das 4. Mini-Modell ist mehr als 4 Meter lang, hat vier Türen und bietet Vierrad-Antrieb mit vier Personen.
16 Zentimeter höher als der Normal-Mini
Vier Benzin- und drei Dieselvarianten stehen von Beginn an zur Verfügung. Die Leistungsbreite der Ottomotoren reicht von 98 (für den Einsteiger "One") bis zu 184 PS, die Selbstzünder sind mit 90 und 112 PS dabei. Die jeweils stärksten Modelle sind auch als Allradfahrzeuge erhältlich. Zwar nicht bestätigt, aber sehr wahrscheinlich wird später noch ein Topmodell der Kategorie "John Cooper Works" draufgesetzt, das analog zu den vorhandenen Modellen zwischen 210 und 220 PS haben dürfte. Für diese Testfahrt stand ein 184 PS starker Cooper S mit Allradantrieb zur Verfügung.
Die Karosserielänge von 4,11 Metern hievt den Countryman in die Liga der Kompaktklasse, 1,56 Meter Höhe (16 Zentimeter mehr als der Normal-Mini) machen ihn zu einer stattlichen Erscheinung, dessen Präsenz im Hamburger Stadtbild bei den Testfahrten mit Freundlichkeit, Neugier und wachem Interesse quittiert wurde. Dass der Wagen gegenüber dem Namensvetter auch bis zu 180 Kilogramm Mehrgewicht mit sich herum schleppt, sieht man nicht auf den ersten Blick, ist aber nicht zu vermeiden, will man den kostentreibenden Einsatz von Leichtbaumaterial wie Aluminium, Titan oder Kohlefaser bescheiden halten. Rund 70 Kilo dieser Speckrolle gehen auf das Konto des Allradantriebs.
Um den nutzwertorientierten Kunden soviel Mini-Kult wie möglich zu gönnen, wurde die Innenarchitektur kaum verändert. Das Cockpit wird bestimmt von dem gewaltigen Tachometer-Kessel, der noch eine Idee größer wirkt als bisher, weil die Anordnung der umgebenden Lüftungsdüsen verändert und die Einfassung hell gestaltet wurde. Innerhalb der Kreisskala, wo die Tachonadel wie ein Schwimmer am Außenrand des Gehäuses pendelt, sind zahlreiche Funktions- und Kontrollleuchten sowie ein Navi-Bildschirm der neuesten Generation untergebracht.
Im Bedarfsfall auch als Hecktriebler
Neu ist auch die "Center Rail" genannte Aluschiene zwischen den Sitzen, die bis in die hintere Reihe reicht und auch dort mit Ablageboxen oder Getränkehaltern bestückt werden kann. Eine echte Wahlmöglichkeit (die ohne Zusatzkosten realisierbar ist) haben die Kunden bei der Ausführung der Rückbank. Sie kann 3-sitzig oder mit zwei Einzelsitzen bestellt werden, in jedem Fall ist sie verschiebbar und sorgt bei Bedarf für rund 100 Liter mehr Kofferraumvolumen. Nach Norm beträgt der Rauminhalt 350 Liter, das ist ein Durchschnittswert in der Kompaktklasse. Beim Umlegen der teilbaren Rückbank entsteht ein 1.170 Liter großes Gepäckabteil. Ein pfiffiger doppelter Boden macht das Abteil noch variabler.
Ehrlicherweise hat BMW dem Countryman keine Geländeeigenschaften angedichtet, jedoch darf der Kunde davon ausgehen, dass er vor allem im Winter aus den Vorteilen des Allradantriebs einen Nutzen zieht. Die elektronische Verteilung des Drehmoments erfolgt nach Bedarf. So ist auch die 4x4-Version im Normalfall als Fronttriebler unterwegs, während sich auf Schnee, Schotter oder anderem fragwürdigen Untergrund bis zu 100 Prozent der Kraft auf die Hinterachse verteilen lassen.
Bei zurückhaltender Fahrt im Großstadt-Dschungel und bei temporeichen Autobahnpassagen blieb diese Eigenschaft zwar ungenutzt, was sich aber belegen ließ, war die sympathische Agilität und das temperamentvolle Ansprechen des neuen Viertürers. Die kernig-sportliche Klangkulisse, die man bei solchen Fahrten gerne hätte, blieb weitgehend den Passanten am Straßenrand vorbehalten, denn drinnen kommt bei geschlossenen Fenstern nicht viel an. Munteres Rühren im Sechsgang-Getriebe hält die Drehzahl auf einem Niveau, das für rasante Zwischenspurts immer genug Drehmoment bereit hält. Allerdings werden dann die nach EU-Norm ermittelten 6,7 Liter Durchschnittsverbrauch zu einer unerreichbaren Größe. Auf dieser Testfahrt waren es neun Liter je 100 Kilometer. Eine verbrauchsorientierte Fahrweise ist schon deshalb empfohlen, weil der Tank mit 47 Litern etwas kleiner ist als bei normalen Mini Cooper.
Nachfrage auch ohne Lockangebote
In der Vergangenheit ist es dem Hersteller stets gelungen, auch ohne plakative Lockangebot reichlich Nachfrage für die verschiedenen Minis zu erzeugen. Von dieser Linie wird BMW nicht abrücken, obwohl es sicher ohne Probleme möglich gewesen wäre, beim Einstiegspreis für den Countryman die psychologisch bedeutsame Schwelle von 20.000 Euro zu unterbieten. So kostet der günstigste Landmann nun 20.200 Euro, wofür der Mini One mit dem 98-PS-Benzinmotor zu bekommen ist. Das Allrad getriebene Cooper-Benzinmodell steht für 27.900 Euro in der Liste. Die Erfahrung lehrt, dass sich viele Kunden mit den Listenpreisen nicht begnügen. Sie packen so viel Sonderausstattung in ihre Kultmobile, dass nicht selten Preise über 30.000 Euro heraus kommen.