Auto
Die Wurzeln des Fastback-Designs liegen in den Stromlinien-Fahrzeugen der 30er Jahre.
Die Wurzeln des Fastback-Designs liegen in den Stromlinien-Fahrzeugen der 30er Jahre.

Edel abgerollt im Rolls Royce Wraith: Ein Gespenst mit 632 Pferden

Von Axel F. Busse

Auch so kann man Spannung aufbauen: Mehr als ein halbes Jahr hat sich Rolls Royce seit der Weltpremiere des neuen Modells Wraith in Genf Zeit gelassen, die Fachpresse zur Probefahrt zu bitten. Wie sich der Gegenwert eines Eigenheims auf alpinen Straßen bewegen lässt, erfahren Sie hier.

Elegant gibt sich der "schnelle Rücken" auch am Heck.
Elegant gibt sich der "schnelle Rücken" auch am Heck.

Der Zweitürer bereichert die Angebotspalette der Marke jetzt um eine zusätzliche Karosserieform. Im englischen Sprachraum wird sie "Fastback" genannt, wörtlich übersetzt "schneller Rücken". Die Wurzeln des Fastback-Designs liegen in den Stromlinien-Fahrzeugen der 30er Jahre. Der erste Wraith (zu Deutsch Gespenst) mit dem RR-Logo von 1938 war aber noch ein Viertürer, geblieben sind heute die hinten angeschlagenen Türen. Eine Schrägheck- oder Coupéversion ins Programm zu nehmen, schien unausweichlich, da es im Luxussegment offenkundig eine Menge Kunden für schnelle Rücken gibt. Die andere englische Edelschmiede für hoch motorisierte Fuhrwerke, Bentley, hat mit dem ähnlich gebauten Continental GT in zehn Jahren rund 26.000 Stück verkauft – eine gigantische Zahl für das High-End-Segment.

Ein Gespenst geht also um in Europa, Amerika und China. Doch es ist ein anderes, als Karl Marx es in seinem kommunistischen Manifest meinte. Dieses mystische Wesen wird nicht die proletarischen Massen bewegen, sondern nur Millionäre und Milliardäre. Dafür, dass die Exklusivität gewahrt bleibt, sorgt schon der Preis von 279.531 Euro in Deutschland. In China, wo man gerne zeigt, was man hat und sich leisten kann, wird er umgerechnet etwa doppelt so hoch sein – dank der an den Staat abzuführenden Luxussteuer.

Gebieter über ein ganzes Gestüt

Bei Volllast hebt sich die "Spirit of Ecstasy" (so heißt die im Volksmund Emily genannte Kühlerfigur offiziell) sanft in den Wind.
Bei Volllast hebt sich die "Spirit of Ecstasy" (so heißt die im Volksmund Emily genannte Kühlerfigur offiziell) sanft in den Wind.

Doch die Zahl der Besserverdienenden steigt weltweit und die Hersteller teurer Kaleschen passen sich dem Trend an. Seit der Vorstellung des letzten neuen Rolls-Royce, dem Ghost, sind erst rund vier Jahre vergangen. Vor der Übernahme der Firma durch BMW waren neue Modelle mit der geflügelten Dame auf dem Kühler seltener als Lachstatar an einer Würstchenbude. Und da "neu" in der Autobranche oft auch "mehr" bedeutet, bietet der Wraith so viel Leistung wie noch nie ein Rolls-Royce zuvor – über 632 Pferdestärken gebietet der Fahrer dieser Nobelkarosse.

Trotz der vielen Pferdchen hat Rolls Royce der Jagd nach Tempo-Trophäen schon lange entsagt. Eisern hält das Unternehmen daran fest, die Höchstgeschwindigkeit auf 250 km/h zu begrenzen, egal wie viel technisch möglich wäre. Stattdessen beeindruckt der Wraith durch enorme Dimensionen. Mit 5,27 Metern von Burg zum Heck ist er länger als gestreckte Oberklassen-Limousinen deutscher Premium-Marken. Ein Leergewicht von 2360 Kilogramm rückt ihn auf der Waage in die Nähe ausgewachsener SUV.

Der Radstand von 3,11 Metern sorgt dafür, dass Passagiere auf den rückwärtigen Einzelsesseln entspannt Platz nehmen können. Auch die Kopffreiheit ist für ein Fahrzeug dieser Bauart erfreulich üppig. Dass edle glänzende Hölzer, viel Chrom und handschuhweiches Leder den Innenraum schmücken, ist hingegen keine Überraschung. Weniger als allerhöchsten Komfort kann die Marke ihren Kunden schon aus Imagegründen nicht zumuten. Damit man in all dem Gepränge das Anschnallen nicht vergisst, wäre auch auf den Rücksitzen eine Belegungserkennung nebst Warnton wünschenswert.

Das Drehmoment ist Lkw-verdächtig

Der durch zwei Turbos beatmete 6,6-Liter-V12 agiert flüsterleise und entwickelt allein gegen Drehzahlende ein murmelndes Timbre.
Der durch zwei Turbos beatmete 6,6-Liter-V12 agiert flüsterleise und entwickelt allein gegen Drehzahlende ein murmelndes Timbre.

Als höhere Tochter der BMW-Konzernmutter kann Rolls-Royce auf die technischen Ressourcen der Münchner Entwickler vertrauen. Parallelen zeigen sich im Bedienkonzept der Bordelektronik, in der Verwandtschaft der Navigations-Grafiken, aber auch im "Made-in-Germany"-Stempel auf dem Zigarrenanzünder. Der seitens BMW auf sechs Liter Hubraum ausgelegte Zwölfzylinder wird im englischen Goodwood auf 6,6 Liter aufgebohrt, die Turbo-Aufladung verhilft ihm zu einem Lkw-verdächtigen Drehmoment von 800 Newtonmetern. Die ZF-Achtgang-Automatik hat damit kein Problem, sie schaltet ebenso komfortabel und geschmeidig wie in anderen Fabrikaten. Allerdings bietet Rolls-Royce die Besonderheit an, dass die elektronische Getriebesteuerung sich an Positionsdaten des Fahrzeugs und dem Fahrstil des Lenkers orientiert.

Die satellitenunterstützte Steuerung nutzt GPS-Daten, um zu erkennen, was auch der Fahrer sieht. Kurven, Steigungen oder Gefälle, Ortseinfahrten oder mehrspurige Fahrbahnen werden sozusagen vorausgeahnt, indem die exakte Fahrzeugposition zugrundegelegt und daraufhin der optimale Gang für den voraus liegenden Straßenabschnitt gewählt wird. Daraus resultiert ein Fahrerlebnis, das die Engländer gern "Waftability" nennen und das ein Gefühl der anstrengungsloser Leistungsentfaltung beschreiben soll.

Das Leergewicht entspricht mit 2,4 Tonnen dem des Ghost, was im Vergleich dank der Mehrleistung mehr Schub verspricht, zumindest auf der Geraden.
Das Leergewicht entspricht mit 2,4 Tonnen dem des Ghost, was im Vergleich dank der Mehrleistung mehr Schub verspricht, zumindest auf der Geraden.

Abhängig vom Straßenbelag ist lediglich das Abrollgeräusch der Reifen hörbar, wenn das Coupé mit Autobahntempo durch die Landschaft gleitet. Das geschieht äußerst lässig und beim kräftigen Tritt aufs Gas nimmt sich die Schaltbox einen Moment der Vergewisserung, ob diese Leistungsanforderung denn auch wirklich ernst gemeint ist. Sekundenbruchteile später ist ein dezentes Grummeln vom Heck her vernehmbar und es schiebt mit Macht nach vorn. In jedem Fall empfiehlt es sich, den Tacho im Auge zu behalten, denn aus der Geräuschentwicklung ist kein Rückschluss auf das Tempo zu ziehen.

Erhaben an die Tankstellen-Kasse

Der Wraith ist so leicht und unaufgeregt zu chauffieren, dass man Größe und Gewicht im Nu vergessen kann. Leistungsengpässe sind ausgeschlossen, da die optimale Durchzugskraft schon ab 1500 Umdrehungen verfügbar ist. Eher die Ausnahme, dass mehr als 50 Prozent der Motorkraft eingesetzt werden. Wie viel genau zeigt die "Power-Reserve"-Anzeige, die den Drehzahlmesser auf originelle Weise ersetzt. Enge Kurvenfolgen meistert der Luxusdampfer genauso souverän wie spontane Richtungswechsel, die Luftfederung kombiniert mit adaptiven Dämpfern ist Garant eines erhabenen Fahrgefühls. Mit der gleichen Erhabenheit geht der Fahrer an der Tankstelle zur Kasse, denn er weiß, dass ihm dort mit Wohlwollen begegnet wird. 14 Liter soll der Wraith nach EU-Norm im kombinierten Verbrauch konsumieren, auf unserer landstraßen-lastigen Ausfahrt waren es 15,6 Liter.

Wenige Tage bevor Henry Royce seinen 20. Geburtstag feierte, starb Karl Marx. Dessen Thesen dürften den Jungunternehmer kaum beeinflusst haben, denn mit seinem Partner Charles Rolls entschied er bald, das "beste Auto der Welt" zu bauen. Als Motto für sich und die Mitarbeiter gab er das "Streben nach Perfektion" ("strive for perfection") aus. Dass die Vollendung der Perfektion auch 2013 noch aussteht, ist irgendwie tröstlich und an einem winzigen Detail des Wraith zu erkennen. Die Taste, die den Kofferraumdeckel automatisch schließt, zeigt die Silhouette eines Rolls-Royce Phantom.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen