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Vielleicht sieht man es dem Golf R Cabriolet hier nicht an, aber unter seiner Haube ruht ein wildes Tier.
Vielleicht sieht man es dem Golf R Cabriolet hier nicht an, aber unter seiner Haube ruht ein wildes Tier.

Offene Wucht aus Wolfsburg: Stärkstes Golf Cabrio aller Zeiten

Von Holger Preiss

Irgendwie hinkt das Golf Cabrio seiner Zeit immer hinterher. Oder doch nicht? Mit dem Golf R Cabriolet präsentieren die Wolfsburger jetzt den stärksten offenen Volkswagen aller Zeiten: 265 PS lassen den Sonnenanbeter in nur 6,4 Sekunden auf Tempo 100 sprinten.

Mit dem R wurde das Golf Cabrio geadelt.
Mit dem R wurde das Golf Cabrio geadelt.(Foto: Holger Preiss)

Es gibt ihn erst in der dritten Generation und genau genommen ist er auch schon wieder alt, denn rein numerisch hat ihn die Zeit überholt. Der Golf VI wurde von der Nummer Sieben abgelöst. Und dennoch, als Cabrio gibt es den Golf in der Geschichte nur dreimal: In der Version des Einser, des Dreier und jetzt des Sechsers. Und irgendwie ist damit der Übergang in das Segment der Cabrios auch so etwas wie der Ritterschlag für die eigentlich abgelaufene Nummer. Den Adelstitel hat dem neuen Sonnenanbeter mit dem traditionsreichen Namen Golf aber die R GmbH verliehen - ebenjener Autoveredler, der seit gut einem Jahrzehnt für den Volkswagenkonzern die Fahrzeuge schärft und auch die Rennsportaktivitäten der Wolfsburger betreut.

Stärkstes Golf Cabrio aller Zeiten

Allein das sollte reichen, um zu ahnen, dass das neue Golf Cabrio mit dem Zusatz R weder alt noch von der Stange ist. Die Veredler haben aus dem Zwei-Liter-Triebwerk 265 PS herausgekitzelt und ab 2500 Umdrehungen werden konstant satte 350 Newtonmeter auf die Vorderachse gewuchtet. Das reicht aus, um bei einem Kickdown für eine Zehntelsekunde die Traktion zu verlieren und in dem Moment, wenn die Räder wieder Grip haben, wie von der Tarantel gestochen davonzuschießen. Nicht mehr als 6,4 Sekunden benötigt der R-Golf für den Sprint auf Tempo 100. Bis 250 km/h rennt der offenen Kompakte mit den Sportgenen, dann wird abgeregelt. Den Verbrauch gibt VW im Drittelmix mit 8,2 Liter Super an. Der dürfte sich aber bei den Leistungsparametern deutlich in die Höhe schrauben lassen.

Aus den zwei Endrohren kommt ein erstaunlicher Sound.
Aus den zwei Endrohren kommt ein erstaunlicher Sound.(Foto: Holger Preiss)

Dank der adaptiven Fahrwerksregelung DCC schmiegt sich der Spaß-Sportler sauber in die Kehren und zeigt auch bei hohen Geschwindigkeiten keine Anzeichen von Kontrollverlust, da das System die Dämpfung des Fahrwerks permanent an Straße und Situation anpasst. Neben dem Standardmodus kann der Fahrer je nach Wunsch manuell eine "Sport"- oder "Comfort"-Einstellung der Dämpfer wählen. Um das R-Cabrio sicher in die Kurven einzubremsen, wurden die innenbelüfteten Scheibenbremsen  auf 17 Zoll vergrößert, die vorn einen Durchmesser von 345 Millimeter und hinten 310 Millimeter haben. Um zu beweisen, wes Geistes Kind die sind, wurden die Bremssättel schwarz lackiert und ebenfalls mit dem "R"-Logo versehen.

Jugend voran

Die Idee für das neue Golf Cabrio ist im Übrigen eine sehr jugendliche. Einmal im Jahr lässt VW seine Azubis am Wörthersee los, damit die zeigen, was sie auf dem Kasten haben. Und wie das so ist mit jungen Menschen, schossen auch die weit über das Ziel hinaus. Sie bewaffneten das Cabrio mit einem ordentlichen Motor und stellten es dann auch noch auf 19-Zoll-Felgen. Als VW-Entwicklungschef Ulrich Hackenberg das Geschoss sah, schlug er die Hände vors Gesicht und bemängelte bei den enormen Rädern das Zittern bei schneller Fahrt. Die Antwort war also: zu unsicher, ergo: unmöglich.

Trotz zweier Sitze auf der Rückbank wird das Golf R Cabrio kein Familienauto.
Trotz zweier Sitze auf der Rückbank wird das Golf R Cabrio kein Familienauto.(Foto: Holger Preiss)

Andererseits gefiel Hackenberg die Optik so gut, dass er letztlich beschloss, seine Entwickler an das Projekt zu setzen. Jetzt hieß die Devise: Baut mir ein Cabrio, das auch auf 19-Zoll-Felgen stehen und vor allem vibrationsfrei fahren kann. Letztlich brachten die Ingenieure die sechste Ausgabe des Golf mit Stoffdach und auf wuchtigen Schluffen stehend zu Hackenberg. Der begutachtete die Chose und befand sie für gut. Aber nicht, ohne darauf hinzuweisen, dass auch dieser offene Golf ein familientaugliches Auto werden muss.

Nun ist Familientauglichkeit ein dehnbarer Begriff. Der eine meint, dass es reicht, wenn die Kinder - maximal zwei - von A nach B gebracht werden können, um dort etwaigen Freizeitaktivitäten nachzugehen. Für die taugt auch das Golf R Cabrio und die zwei Sitze der Rückbank. Für die, die mit der ganzen Familie in den Urlaub fahren wollen, die das eine oder andere zuladen, ist der R-Golf denkbar ungeeignet. Mit 250 Litern Kofferraumvolumen dürfte es hier nämlich knapp werden und da hilft es auch nicht, dass sich die Rückbank komplett umlegen lässt und dadurch eine Gepäckdurchreiche mit einer Breite von 526 Millimetern in der Höhe und 381 Millimetern in der Breite entsteht.

Purer Sound und Offenheit

Dank des Stoffverdecks wirkt die Silhouette enorm schlank.
Dank des Stoffverdecks wirkt die Silhouette enorm schlank.

Unbestritten ist aber der Spaßfaktor dieses Autos. Mal von Geschwindigkeit und Kraft abgesehen, treten aus den doppelten Endrohren nicht nur 190 Gramm/Kilometer CO2 aus, sondern bei entsprechender Pedaldynamik auch ein brachialer Sound. Und der ist echt. Da wuschelt kein Soundaktuator rum, sondern da wird das wiedergegeben, was unter der Motorhaube vorbereitet wird. Das reicht vom urigen Röhren beim Heraufschalten des serienmäßigen 6-Gang-Doppelkupplungsgetriebes bis zum heiseren Husten, wenn sich beim Entschleunigen die Gänge wieder nach unten bewegen.

Spaß bereitet natürlich auch das Stoffverdeck, das in lediglich 9 Sekunden und flüsterleise bis zu einer Geschwindigkeit von 30 km/h elektrohydraulisch im Heck verschwindet und einen Hauch von Freiheit vermittelt, der sich, wie gesagt, je nach Fahrweise zu einem Sturm entwickeln kann. Die Entscheidung für das Stoffverdeck, die nicht von vornherein feststand, hat aber auch optische Vorteile. Die Silhouette wirkt gestreckter. Der gesamte Körper des Golf scheint geduckt, was natürlich auch dem Umstand geschuldet ist, dass die R GmbH die Karosserie 25 Millimeter in Richtung Asphalt bewegt, die Seitenschweller verbreitert, die Endrohre verchromt, die Lufteinlässe des Frontstoßfängers und den Kühlergrill schwarz glänzend eingefärbt hat. Hinzu kommen die serienmäßigen 18-Zoll-Felgen mit 225er Schluffen, die dank der Azubis optional jetzt auch noch eine Nummer größer ausfallen können und dann mit 235er Pneus bespannt sind. Am Heck prangt eine ausgeprägte Spoilerlippe in Wagenfarbe und auch die Front wurde mit dem "R"-Logo bewährt.

Exklusivität hat ihren Preis
Die Optik im Innenraum wirkt vertraut.
Die Optik im Innenraum wirkt vertraut.(Foto: Holger Preiss)

Im Innenraum hat die R GmbH sich beim Cabrio der Exklusivität verschrieben. Die Insassen dürfen sich auf feinen Lederpolstern strecken, deren Optik durch Steppnähte verfeinert wurde und der Pilot greift in ein ebenso bespanntes Dreispeichen-Multifunktionslenkrad in Sportoptik. Eine Klimaautomatik sorgt für angenehm warme Winde, wenn es denn doch mal kein Cabrio-Wetter gibt, während die Radioanlage mit 4 x 20 Watt für einen ordentlichen Klang sorgt.

Für die Sicherheit an Bord zeichnen Verstärkungen in den Türen sowie serienmäßige Front- und Kopf-Thorax-Airbags verantwortlich. Die entfalten sich neben Fahrer und Beifahrer über die gesamte Innenhöhe des Cabrios. Während das Golf III Cabrio aus Sicherheitsgründen noch mit einem statischen Überrollbügel ausgestattet war, der immer ein wenig wie der Henkel eines Einkaufskorbes aussah, ist der Überschlagschutz jetzt gänzlich verschwunden. Erst in Gefahrensituationen schnellt der in 0,25 Sekunden im Bereich der Fondkopfstützen nach oben.

Bei allem Jubel sollten wir nicht vergessen, über den Preis für den offenen Spaß zu sprechen. Ganze 43.325 Euro rufen die Wolfsburger für das Golf R Cabriolet auf. Der Preis hat es in sich. Das weiß auch Entwicklungschef Hackenberg, blickt aber optimistisch mit den Worten in die Zukunft: "Ich bin mir sicher, dass es einige Fans gibt, die ganz genau dieses Fahrzeug haben möchten." Abwegig ist das angesichts des oben Beschriebenen sicher nicht.

Quelle: n-tv.de

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