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Enorme Offroad-Fähigkeiten erweitern den Aktionsradius des Range Rover Cabrios.
Enorme Offroad-Fähigkeiten erweitern den Aktionsradius des Range Rover Cabrios.(Foto: Busse/Textfabrik)

Der Charme des Weglassens: Evoque Cabrio öffnet neue Horizonte

Von Axel F. Busse

Hoch sitzen, sicher im Gelände fahren und gleichzeitig die Offenheit eines Faltverdecks genießen. Range Rover zeigt mit der Serienfertigung der dritten Karosserievariante des Evoques nicht nur Mut, sondern stemmt sich auch gegen einen weltweiten Trend.

In knapp 20 Sekunden ist das Faltdach hinter den Rücksitzen verschwunden.
In knapp 20 Sekunden ist das Faltdach hinter den Rücksitzen verschwunden.(Foto: Busse/Textfabrik)

Dass der Range Rover Evoque ein Erfolg ist, kann niemand bestreiten. Ausgehend von der ursprünglichen Verkaufserwartung für den kompakten Geländegänger hat sich der weltweite Absatz inzwischen verzehnfacht. Jüngst wurde die Zahl von einer halben Million Exemplaren geknackt. Bei einem angenommenen Durchschnittspreis von mehr als 50.000 Euro je Fahrzeug dürfte die Baureihe dem Hersteller etwa so viel Geld in die Kasse gespült haben, wie die Jaguar-Land-Rover-Gruppe vergangenes Jahr als Gewinn ausgewiesen hat: 2,7 Milliarden Euro. Auch dieses Jahr ist der Evoque in Deutschland das mit Abstand beliebteste Modell der Marken Land Rover und Range Rover, mehr als 1200 Neuzulassungen in den ersten beiden Monaten stehen zu Buche.

Sogar noch mehr Kunden auf dem Globus, nämlich etwa 1500, haben bereits ein Evoque Cabrio bestellt, ohne jeweils das Lenkrad auch nur in den Händen gehalten zu haben. Die Zahl von etwa 6000 Autos pro Jahr, die Vertriebsexperten als Schwelle für ein kaufmännisch lohnendes Projekt ermittelt haben, scheint also in greifbarer Nähe. Andererseits gibt es Erfahrungen, die Skepsis nähren, ob der Markt einen Zwitter aus Sonnenanbeter und Offroad-Wühlmaus akzeptieren wird.

Zwei Diesel und ein Benziner

Neben dem Faltdach bietet der Range Rover Evoque auch echte Geländetauglichkeit.
Neben dem Faltdach bietet der Range Rover Evoque auch echte Geländetauglichkeit.(Foto: Busse/Textfabrik)

Seit Jahren befindet sich der weltweite Absatz von Cabrios im Sinkflug. Open-Air-Fahrvergnügen ist inzwischen so wenig gefragt, dass eine Reihe von Herstellern ihr Angebot an Cabrios ausgedünnt oder ganz eingestellt haben. Der Nissan Murano, der als CrossCabrio-SUV ebenfalls mit Faltverdeck angeboten wurde, brachte es in den USA in vier Verkaufsjahren nur auf etwas mehr als 6300 Exemplare. Der klägliche Erfolg führte 2015 zur Einstellung. Audi zeigte auf der Los Angeles Autoshow 2007 ein dem Modell Q5 verwandtes Cross-Cabriolet, zu dessen Serienproduktion sich die Ingolstädter bisher aber nicht entschließen konnten. Und ob die jüngst in Genf gezeigte VW-Studie T-Cross Breeze Realität wird, steht dahin. Doch bei Range Rover fehlt es offenkundig nicht an Zuversicht, ein neues Teilsegment auf dem immer noch boomenden SUV-Markt zu eröffnen.

Die Schwestermarken Land Rover und Range Rover sind in 170 Märkten vertreten und auf allen Kontinenten soll das Evoque Cabrio angeboten werden. Um die Entscheidung zur Serienproduktion zu fördern, sind einige nationale Verkaufsorganisationen Abnahme-Verpflichtungen gegenüber der Zentrale eingegangen. Es wird damit gerechnet, dass in den USA sowie Großbritannien und Deutschland die Nachfrage am größten ist. Im Vereinigten Königreich, bekanntlich kein Ort überdurchschnittlicher Sonneneinstrahlung, werden im Verhältnis zum gesamten Pkw-Absatz noch immer die meisten Cabrios zugelassen.

Cabrio-Vergnüge soll es mit dem Evoque zu jeder Jahreszeit geben.
Cabrio-Vergnüge soll es mit dem Evoque zu jeder Jahreszeit geben.(Foto: Busse/Textfabrik)

In Deutschland hat ein neu in den Verkehr kommender Evoque in neun von zehn Fällen einen Dieselmotor. Beim Cabrio wird es der neue Zweiliter-Selbstzünder sein, der wahlweise 150 oder 180 PS leistet und 380 bzw. 430 Newtonmeter Drehmoment zur Verfügung stellt. Der Leistungsunterschied schlägt sich in einer Preisdifferenz von 2900 Euro nieder. Der 240 PS starke Benziner schöpft ebenfalls aus zwei Litern Hubraum und kann bis zu 340 Newtonmeter Drehmoment mobilisieren. Er dürfte jedoch eher Kunden in Übersee oder China ansprechen.

Gleichbleibend großer Kofferraum

Was den offenen Evoque so besonders macht, ist ein deutsches Produkt. Das fünflagige Stoffdach stammt von dem Zulieferer Webasto. Selbstbewusst lässt Range Rover mitteilen, dass es sich um das flächenmäßig größte Stoff-Faltdach handele, das derzeit auf dem Pkw-Markt zu haben sei. Es wird von vier Elektromotoren bewegt, was zum Öffnen 18 Sekunden, zum Schließen 21 Sekunden braucht. Leider arbeiten Dach und der dafür zuständige Schalter nicht nach der gleichen Logik: Zum Öffnen muss man drücken, während zum Schließen der Schalter in die Richtung gezogen werden muss, in die sich das Segeltuch gefaltet hat. Der Kofferraum von 251 Liter, der auf Wunsch auch eine Durchladeinrichtung zum Beispiel für Skier bietet, verändert sich zwischen offenem und geschlossenem Zustand nicht.

Gedrungen wie sein Bruder mit Blechdach zeigt sich auch das Cabrio des Evoque.
Gedrungen wie sein Bruder mit Blechdach zeigt sich auch das Cabrio des Evoque.(Foto: Busse/Textfabrik)

Rund 70 Kilogramm an Zusatzgewicht bringt das Cabriodach mit. Um rund 200 Kilo übertrifft das Cabrio das Gewicht des dreitürigen Evoques. Die Ursache sind zusätzliche Versteifungen zwischen den Achsen, damit der Freiluft-Range die gleiche Verwindungsfestigkeit aufweisen kann, wie die anderen Modelle der Marke. Wie gut das gelungen ist, kann man bei dem Versuch sehen, das Dach bei einem schräg abgestellten Fahrzeug zu bewegen. Während andernorts die Mechanik schon bei minimaler Schräglage auf einer Bordsteinkante den Dienst verweigern kann, leistet sich das Evoque-Dach auch in extremen Fahrsituationen keine Schwachheiten. Bis zu einem Tempo von fast 50 km/h kann die Wetterhaube in beide Richtungen bewegt werden.

Hinterachse in Wartestellung

Grundsätzlich wird das Evoque Cabriolet mit einem neunstufigen Automatikgetriebe ausgeliefert, bei der Art des Allradantriebs ist jedoch eine Auswahl möglich. Das Standard-System treibt zu jeder Zeit alle vier Rädern an, für 1000 Euro extra gibt es die "Active Driveline", die Antriebskraft nur bei aufkommendem Schlupf an die Hinterräder transportiert. Vorteil: Mit nur einer angetriebenen Achse verbraucht das Fahrzeug weniger. Ob der Spareffekt die Kosten aufwiegt, hängt wesentlich von der Jahres-Kilometerleistung ab – und davon, wie oft man die Sonne hereinlässt. Ein offenes Dach erhöht zwar das Fahrvergnügen ungemein, aber leider auch den Luftwiderstand des Autos.

Rund 400 offen gefahrene Testkilometer ließen deshalb den offiziellen Spritkonsum von 5,7 Litern je 100 Kilometer in weite Ferne rücken. Aerodynamik-Experten gehen davon aus, dass eine geöffnete Falthaube den cW-Wert eines Fahrzeugs um 20 Prozent oder mehr verschlechtern kann. Da außerdem die Schaltcharakteristik des Neungang-Getriebes noch Potenzial zur frühzeitigen Minderung der Drehzahlen erkennen lässt, war es kein Wunder, dass der Testverbrauch jenseits von neun Litern lag.

Vorbildlich ist hingegen die Abschottung des Innenraums gegen Zugluft. Außentemperaturen zwischen fünf und zehn Grad Celsius taten dem Open-Air-Vergnügen keinen Abbruch, zumal Sitz- und Lenkradheizungen etwaigen Unterkühlungen nachhaltig entgegenwirken können. Zu den neuen Ausstattungsfeatures gehört das Infotainment-System InControl Touch Pro, das erstmals in einem Land Rover zum Einsatz kommt. Es vereint hochauflösende Touchscreen-Bedienung mit Online-Zugriffsmöglichkeiten und soundstarkem Musikerlebnis. Das All-Terrain-Progress-System (+275 Euro) ermöglicht die Bewältigung schwierigen Geländes, ohne dass Fahrer oder Fahrerin Gas oder Bremse berühren müssen.

Mit Preisen ab 51.200 Euro bringt der Hersteller die Exklusivität seines neuesten Produkts wirksam zum Ausdruck. Dafür erhält man das Evoque Cabriolet mit 150-PS-Diesel. In der höherwertigen Ausstattungslinie HSE Dynamic kostet das Fahrzeug mit 180-PS-Diesel 60.300 Euro. Es ist zu erwarten, dass die Kunden ähnlich wie bei den geschlossenen Varianten, mit Sonderausstattungen nicht knausern werden, so dass Preise über 70.000 Euro keine Seltenheit bleiben dürften.

Quelle: n-tv.de

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