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Mit dem Ford Ecosport soll im Bereich der kleinen SUV gewildert werden.
Mit dem Ford Ecosport soll im Bereich der kleinen SUV gewildert werden.

Trotz Werksschließung 15 neue Modelle: Ford will beim Abbau boomen

Von Holger Preiss

Überkapazitäten machen der Autoindustrie in Europa zu schaffen. Um dieser Unbill Herr zu werden, macht Ford wohl den härtesten Schnitt. Gleich drei Werke stehen zur Disposition. Dennoch will der US-Autobauer im Spargang an seiner Modelloffensive festhalten. Ganze 15 neue Fahrzeuge stehen auf dem Plan.

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Das Autogeschäft ist eigenwillig. Während es auf dem US-amerikanischen Markt boomt, sehen die Autobauer in Europa ihre Felle wegschwimmen. Wer also in Übersee oder im Reich der Mitte nicht gut aufgestellt ist, der schlägt im Augenblick ein Rad. Oder doch nicht? Der US-Autobauer Ford hat trotz der Absatzprobleme im dritten Quartal besser abgeschnitten als erwartet. Mit einem Gewinn von 1,6 Milliarden Dollar (1,24 Milliarden Euro) hat Ford nach Aussagen von Chef Alan Mulally das beste dritte Quartal seiner Geschichte erzielt. Grund sind "Rekordergebnisse" in Nordamerika und das "solide" Abschneiden der Ford-Bank Ford Credit.

Anders sieht es in Europa aus. Hier machte Ford von Juni bis September 468 Millionen Dollar Verlust. Grund sind "strukturelle Probleme" wie die schwache Nachfrage. Sie haben die Kosteneinsparungen und Währungsvorteile zunichtegemacht. Dabei spielt Deutschland noch eine Ausnahmerolle. Hier liegt der Marktanteil konstant bei 7 Prozent. Insgesamt verzeichnet Ford nach Aussage von Marketingchef Wolfgang Booms 1,8 Prozent weniger Zulassungen als im Vorjahr.

Der Start des heiß ersehnten Modeo wird sich weiter verzögern.
Der Start des heiß ersehnten Modeo wird sich weiter verzögern.

Was bei dem US-amerikanischen Autobauer in Europa an den Kräften zehrt, ist der Umstand, dass 2007 noch rund 18 Millionen Fahrzeuge verkauft wurden. Derzeit liegt der Absatz bei rund 14 Millionen Autos. Hinzu kommt ein zunehmend härterer Wettbewerb. Um der Überkapazitäten Herr zu werden, hat Ford bereits die Schließung zweier Werke in Großbritannien und eines Werkes in Belgien angekündigt. 6200 Stellen werden gestrichen, das sind 13 Prozent der gesamten Belegschaft in Europa.

Mondeo-Einführung verzögert sich

Doch diese Politik hat auch Folgen für die geplante Modelloffensive. Mit insgesamt 15 neuen Fahrzeugen will Ford an den Start gehen. Doch wie schon 2009 werden heiß ersehnte Modelle den europäischen Markt erst wesentlich später erreichen als vorgesehen. War es damals der neue Focus, dessen Markteinführung sich erheblich verzögerte, ist es diesmal das Volumenmodell Mondeo, das zeitlich auf dem Prüfstand steht.

Die im belgischen Genk gefertigte neue athletische Limousine mit ihren coupéhaften Linien wird voraussichtlich erst Ende 2014 zu den Händlern rollen. Darunter soll dann auch ein Drei-Liter–Ecoboost-Motor als Spitzenmotorisierung sein. Geplant war die Einführung für Mitte 2013. Aber nicht nur der Mondeo wird in Genk hergestellt. Auch S-Max und Galaxy, die auf der Mondeo-Plattform stehen, laufen hier vom Band. Wie sich die Produktion in Zukunft verlagern wird, ist derzeit nicht einzuschätzen und  kann nach Aussagen von Booms erst nach Abschluss des Konsultationsprozesses mit den Arbeitnehmern in Genk verbindlich gemacht werden.

Ein Stück vom SUV-Kuchen

Der geliftete Kuga wird Anfang 2013 zu den Händlern rollen.
Der geliftete Kuga wird Anfang 2013 zu den Händlern rollen.

Für die nicht in Großbritannien und Belgien gebauten Fahrzeuge hält Ford an seiner Strategie und den entsprechenden Einführungsterminen fest, besonders im Segment der immer beliebter werdenden SUV. Das aus gutem Grund. Prognosen besagen, dass allein auf dem europäischen Markt die Absatzzahlen für die beliebten Kraxler in den kommenden fünf Jahren um mehr als ein Drittel steigen werden. In Zahlen heißt das, dass Ford in den kommenden sechs Jahren etwa eine Million SUV in Europa verkaufen will. Das entspräche etwa zehn Prozent des Gesamtabsatzes in Europa.

Erster im Reigen der SUV-Palette ist der überarbeitete und mit einer erweiterten Motorenpalette ausgestattete Kuga, der Anfang 2013 auf den Markt kommt. Unterhalb des Kuga angesiedelt, soll der rund vier Meter lange Ford Ecosport, der auf der Basis des Fiesta ruht, sich gegen Opel Mokka, Skoda Yeti, Nissan Juke, Mini Countryman oder Mitsubishi ASX bewähren. Die Kunden sollen vor allem damit gewonnen werden, dass der Ecosport als vollwertiges SUV, aber mit kompakten Ausmaßen antritt. Ursprünglich wurde der kleine Bergsteiger für Schwellenländer in Asien und Südamerika entwickelt und wird in Brasilien produziert.

Ab 2015 könnte der Mustang auch deutsche Straßen erobern.
Ab 2015 könnte der Mustang auch deutsche Straßen erobern.

Für den europäischen Markt soll er mit entsprechenden Features ausgestattet werden, die auch die Kundschaft im Abendland ansprechen. Eine Verlagerung der Produktion in hiesige Gefilde plant Ford nicht. Das Fahrzeug wird ausschließlich importiert werden. Keine überraschende Strategie, denn Opel macht es mit dem Mokka, der in Südkorea gebaut wird, nicht anders. Mit einer Markteinführung rechnet Booms in den nächsten 18 Monaten.

Als Gegenspieler am anderen Ende der SUV-Skala soll der in den USA bereits erfolgreiche Ford Edge ab 2014 auch in Europa etabliert werden. Damit beweist Ford Mut, denn im Premiumsegment der SUV tummelt sich inzwischen einiges. Zum Angstgegner soll Edge vor allem für Mercedes GL, VW Touareg oder BMW X5 werden. Aber auch Kia und Hyundai haben ihre Claims hier bereits abgesteckt.

Ford emotionalisiert

Die grüne Emotionalität wird mit dem Ford Focus Electric angesprochen.
Die grüne Emotionalität wird mit dem Ford Focus Electric angesprochen.

Beim Ford Mustang kochen die Emotionen hoch. Das hat auch Ford erkannt und will das Muscle Car endlich wieder auf dem europäischen Markt etablieren. Bisher war der Mustang hierzulande nur als Privatimport erhältlich. Der Zeitpunkt der Markteinführung und weitere Details sind noch nicht bekannt, realistisch erscheint aber das Jahr 2015. Als Antriebsversionen wird über einen Vierzylinder-Turbo und einen V6 spekuliert. Genaues weiß man aber noch nicht. Also gilt auch für den Mustang: Vorfreude ist die schönste Freude.

Apropos Emotionen: Vollkommen emissionsfrei können Ford-Kunden bereits ab Mitte 2013 mit dem neuen Ford Focus Elecric fahren. Der erste Stromer der US-Amerikaner soll es auf eine Reichweite von 160 Kilometer bringen. Allerdings hat der Elektriker, der übrigens in Saarlouis gebaut wird, seinen Preis. Etwa 40.000 Euro werden für den fällig, der sein grünes Gewissen auf diesem Weg befrieden möchte.

Damit Ford seinem "grünen" Anspruch gerecht wird, hat man vor wenigen Tagen rund 22.000 Quadratmeter Dachfläche auf einem Gebäude des Zentralen Europäischen Ersatzteillagers in Köln mit einer Photovoltaik-Anlage ausstatten lassen. Die erwartete Jahresproduktion an Strom beträgt 1100 Megawattstunden. Laut Rechnung ist das genug, um 450 Ford Focus Electric mit einer Jahresfahrleistung von rund 15.000 Kilometern mit Strom zu versorgen.

Preisverdächtig

Große Hoffnungen setzt Ford auch in den Anfang November auf den Markt rollenden Mini-Van B-Max. Highlight dürfte hier der 1,0-Liter-Dreizylinder-Benzindirekteinspritzer sein, der bereits im Focus und Fiesta verbaut und selbst in den Mondeo Einzug halten soll und im Juni als "International Engine of the Year 2012" ausgezeichnet wurde. Und tatsächlich handelt es sich hier um ein erstaunlich ruhig laufendes, durchzugsstarkes Motörchen mit immerhin 100 PS. Im Drittelmix gibt Ford den Verbrauch mit 4,9 Litern auf 100 Kilometer an. Noch vor Marktstart sind allein für den deutschen Markt 5000 B-Max-Bestellungen eingegangen. Im kommenden Jahr rechnet Ford mit einem Absatz von 20.000 Einheiten.

Und auch im Segment der Nutzfahrzeuge heimst Ford mit dem neuen Transit Custom einen Preis ein. Eine Fachjury wählte die "Custom"-Familie zum "International Van of the Year 2013". Ford schlägt hier einen komplett neuen Weg im Ein-Tonnen-Segment ein. Während sich der acht- oder neunsitzige Ford Tourneo Custom als luxuriöses Fahrzeug für die komfortable Beförderung von Fahrgästen empfiehlt, sollen mit dem Transit die Handwerker gelockt werden.

Sollten sich die Modelle in erwartetem Maße am europäischen Markt etablieren, dürfte Ford mit Hilfe seiner rigiden Sparmaßnahmen gut durch die nächste Krise fahren. Und blickt man auf die Geschichte des US-amerikanischen Autobauers zurück, scheint die Firmenstrategie nur die konsequente Fortsetzung dessen, was mit Henry Ford begann. Auch heute gilt: Um auf dem Markt zu überleben, muss die Markteinführung neuer Modelle beschleunigt werden und das, was bei Henry das Fließband war, mündet heute in der Produktstrategie "One Ford". Das heißt nichts anderes, als Abbau von Überkapazitäten, Verlagerung der  Produktion in Schwellenländer und damit eine Optimierung der Kostenstrukturen. Doch wehe, wenn diese Strategie irgendwann auf Deutschland überschwappt.

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Quelle: n-tv.de

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