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Auch abseits der Zivilisation ist der GL in vollem Umfang mobil.
Auch abseits der Zivilisation ist der GL in vollem Umfang mobil.

Schwergewicht will’s noch mal wissen: Mercedes GL: Wo er ist, ist oben

Von Axel F. Busse

Das Top-SUV von Mercedes geht in die nächste Generation. Die Testfahrt mit dem 5,12-Meter-Kreuzer offenbart reichlich Leistung und Komfort und die Frage: Kann man einem amerikanischen Pkw mit europäischen Erwartungen an ein gelungenes Auto überhaupt gerecht werden?

Drei Sitzreihen serienmäßig und viel Transportvolumen: Den GL gibt es von 258 bis 557 PS.
Drei Sitzreihen serienmäßig und viel Transportvolumen: Den GL gibt es von 258 bis 557 PS.(Foto: Axel F. Busse)

Wenn der Baureihen-Buchstabe der neuen A-Klasse für Angriff steht, wie es das Mercedes-Marketing gern vermitteln möchte, dann kann das Kürzel "GL" eigentlich nur mit "groß" und "luxuriös" übersetzt werden. Beides ist der neue Geländewagen, der in Tuscalusa/Alabama gebaut wird, ohne Zweifel. Und obwohl es eine gute Botschaft für die Kunden wäre, möchte Mercedes eine Eigenschaft nicht so an die große Glocke hängen: Er ist auch billiger als sein Vorgänger.

Wer in Deutschland 72.471 Euro für das Dieselmodell GL 350 BlueTec ausgibt, zahlt rund 3300 Euro weniger, als bei Bestellung vor dem Modellwechsel fällig gewesen wären. Und das bei gleichzeitig aufgewerteter Ausstattung. Zum Beispiel gibt es jetzt eine Luftfederung serienmäßig, dazu zahlreiche Assistenz-Systeme wie das vorausschauende Sicherheits-Konzept Pre-Safe, den Kollisionswarner und die Müdigkeitserkennung. Eine echte Weltneuheit ist zudem der Seitenwind-Assistent, der durch Querböen verursachte Abweichungen von der gewünschten Fahrtrichtung mit gezielten Bremseingriffen korrigiert. Kein anderer Mercedes-Pkw bietet dem Wind soviel Angriffsfläche, weshalb diese Nebenwirkung des ESP-Systems überaus sinnvoll erscheint.

Betuchte Amerikaner lieben ihn

Die Front des GL zeigt das gewohnte Marken-Antlitz, es strahlt die nötige Sportlichkeit und Dynamik aus, die einem solch stattlichen Gefährt gut zu Gesicht steht. Die Seitenfenster haben eine Chromeinfassung bekommen, der Rahmen der hinteren Seitenscheibe hat jetzt einen vorwitzigen Knick nach oben, der die Unterscheidung bei Vorbeifahrt erleichtert. Einen gelungenen Akzent am Heck zu erkennen, fällt schwer. Es droht der Beliebigkeit anheim zu fallen, denn weder die Rückleuchten, noch die zahlreichen Zierteile können Klappe oder Heckschürze ein unverwechselbares Gepräge geben.

Komfortables Ambiente und viele Assistenzsysteme entlasten den Fahrer auf langen Strecken.
Komfortables Ambiente und viele Assistenzsysteme entlasten den Fahrer auf langen Strecken.(Foto: Axel F. Busse)

Aus europäischer Sicht gibt es gute Gründe, auch einen runderneuerten GL als Dinosaurer anzusehen. Außer den mächtigen Karosserie-Dimensionen – der Siebensitzer ist 1,85 Meter hoch – sind auch noch annähernd 2,5 Tonnen Leergewicht zu stemmen. Aus dieser Masse ließen sich theoretisch zwei Kompaktwagen machen, obwohl Baureihen-Leiter Dr. Andreas Zygan nicht verschweigen möchte, dass "bis zu 90 Kilo" bei der Renovierung der GL-Klasse eingespart werden konnten. Aus US-Sicht ist der GL ein "Full-Size-SUV", das unter Wettbewerbern vom Kaliber eines Cadillac Escalade oder Lincoln Navigator keine herausgehobene Position einnimmt. Die betuchten Amerikaner, besonders wenn sie drei oder mehr Kinder haben, lieben den GL und machten ihn wiederholt zum Marktführer in seinem Segment.

Dank Sperrdifferenzial und Untersetzung krabbelt der Allradler fast überall hin.
Dank Sperrdifferenzial und Untersetzung krabbelt der Allradler fast überall hin.

In Deutschland ist der GL ein Sonderfall. An Größe einigermaßen ebenbürtig ist nur der Audi Q7, der ihm aber in Sachen Wirtschaftlichkeit arg zusetzt und außerdem in der Anschaffung günstiger ist. Gerade weil der GL so schwer ist, macht es Mercedes besonders stolz, den Verbrauch spürbar gesenkt zu haben. Nach EU-Normtest verbraucht zum Beispiel der GL 350 CDI nur 7,4 Liter je 100 Kilometer. In den weiten Ebenen Neumexikos ließ sich der Konsum zeitweise sogar auf 6,6 Liter drücken. Nur kauft in Amerika niemand einen Diesel-GL. Dort werden am liebsten V8-Ottomotoren gefahren, im Falle des GL 500 zeigte der Bordcomputer nach der Testfahrt 12,6 Liter. Das 435 PS starke Fahrzeug steht für 94.605 Euro in der Grundstückseinfahrt.

Geräuschgedämmt auf die linke Spur

Läuft der Diesel-GL erst einmal, ist er ein entspannter Kilometerfresser mit gesegnetem Appetit, doch kurzfristig Tempoüberschuss - etwa fürs Überholen - aufzubauen, ist ein zähes Geschäft. Einen Sechszylinder-Diesel, der mehr als 300 PS leistet, hat Mercedes im Gegensatz zu Audi oder BMW derzeit nicht, also müssen 258 Pferdestärken reichen. Eine kurze Denkpause, dann schaltet die 7G-tronic zurück und maximal 620 Newtonmeter schieben an. Erstklassig geräuschgedämpft geht es auf die linke Spur. Das gilt auch für den V8, doch der Fluch der leisen Fahrt droht auf unebener Piste: Sitzt irgendwo ein Bauteil nicht fest, wie zum Beispiel bei dieser Fahrt der Umlegehebel für die zweite Sitzreihe, dann stört ein Klappern die Reise-Ruhe, das sonst vielleicht in Wind- und Abrollgeräuschen untergegangen wäre.

In den USA macht der GL dem Hersteller Freude: Mit 30 Prozent Anteil ist er Marktführer.
In den USA macht der GL dem Hersteller Freude: Mit 30 Prozent Anteil ist er Marktführer.(Foto: Axel F. Busse)

Zwei ganz praktische Erwägungen können einen Kunden veranlassen, einen Mercedes GL anzuschaffen. Die eine: "Ich fahr oft abseits befestigter Straßen". Dafür ist der GL sehr gut geeignet. Allradantrieb hat er sowieso, ein "On&Offroad-Paket" mit Untersetzung, Sperrdifferenzial und sechs Fahrprogrammen verteuert das Auto zwar um 2261 Euro, macht aber auch schwierigstes Terrain zugänglich. Der Anteil der US-Kunden, die 45 Grad Steigfähigkeit oder 60 Zentimeter Wattiefe jemals benötigen, dürfte sich freilich im Promille-Bereich bewegen. Die andere Erwägung lautet: "Ich brauch viel Platz für Familie und Großeinkauf". Der Einkauf darf zwischen 680 und 2300 Liter Volumen beanspruchen, wenn man ihn über die 78 cm hohe Ladekante gelupft hat. Und was bleibt für die Familie?

Drei Sitzreihen in der Bestuhlung 2-3-2 sind zu belegen, die Kopfstützen der beiden hinteren sind versenkbar, damit der Fahrer, der sich optional auch auf Umgebungskameras verlassen kann, gut Sicht nach hinten hat. Wer sich die Platzverhältnisse genauer anschaut, stellt erneut fest, wie authentisch amerikanisch der GL zugeschnitten ist: Viel Blech umgibt eher durchschnittliche Raumverhältnisse für die Insassen. Zudem ist die zweite Sitzreihe recht niedrig montiert, mit der "Kino-Bestuhlung" wie andere Hersteller sie pflegen, würden die hinteren Insassen wesentlich besser in die Kommunikation an Bord eingebunden. In die dritte Reihe kann man sich auch als Erwachsener einigermaßen entspannt hinein lümmeln, sofern die Lehne des Vordermanns senkrecht gestellt ist. Aber will da dann wirklich jemand sitzen? Immerhin ist der Zustieg nach ganz hinten verrenkungsfrei möglich.

Wohl auch zukünftig werden zwei Drittel der GL-Kunden Amerikaner sein, Russen und Chinesen haben inzwischen ebenfalls Freude an dem schweren SUV entdeckt. Am Ende bleibt aus europäischer Sicht die Erkenntnis: Es ist nicht alles Gold, was glänzt am neuen GL - es ist auch viel Chrom dabei.

Quelle: n-tv.de

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