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Der Mercedes SL ist nicht nur eine Legende. Er bietet auch alle Spielarten, die das Fahren zum Spaß machen.
Der Mercedes SL ist nicht nur eine Legende. Er bietet auch alle Spielarten, die das Fahren zum Spaß machen.(Foto: Holger Preiss)

Träumen geht auch ohne V12: Mercedes SL - Kunst der Sonnenanbetung

Von Holger Preiss

Wenn es um Traumwagen geht, mag die Palette jedes Einzelnen groß sein, aber ein Mercedes-AMG SL 65 dürfte bei vielen dazugehören. Für den puren Fahrspaß allerdings muss es kein V12 sein. Manchmal reicht bereits die Hälfte aus.

Mercedes hat für 2016 das Jahr der "Traumwagen" ausgerufen. Zweifelsohne gehört ein Mercedes SL dazu. Wer aber in einem der edelsten Roadster die Sonne anbeten will, der muss schon etwas Geld auf der hohen Kante haben. Der preiswerteste Einstieg beginnt bei etwas mehr als 99.000 Euro. Das ist viel Geld? Nein, richtig zahlen müssen Sie für einen AMG SL 65. Mehr als 200.000 Euro werden für den legendären 12-Zylinder fällig. Aus seinen sechs Litern schöpft das Kraftwerk 630 PS und sagenhafte 1000 Newtonmeter Drehmoment. Das ist gigantisch, das ist schön, das ist ein Traum und wird für viele auch einer bleiben. Deshalb lassen wird den 12-Ender ganz geschmeidig an uns vorbeiziehen und werfen einen Blick auf die Fahrzeuge, die sich darunter einsortieren und nach dem Facelift nicht nur optisch so viel zu bieten haben, wie der ganz Große.

Das SL-Ranking

Mit optischen Verfeinerungen schickt Mercedes den neuen SL auf die Reise.
Mit optischen Verfeinerungen schickt Mercedes den neuen SL auf die Reise.(Foto: Daniel Maurer)

Unter dem V12 stehen nämlich noch zwei V8-Motoren und ein V6-Triebwerk zur Wahl, die ein Leistungsband von 367 bis 585 PS abdecken. Wenn man die Fahrzeuge von ihrer Fahrdynamik vergleicht und ein Ranking aufstellt, dann landet der SL 500 in den Augen des Autors auf Platz drei, der AMG  SL 63 belegt Rang zwei und als Sieger geht der SL 400 hervor. Tatsächlich ist es so, dass das "kleinste" Triebwerk auf der Landstraße den größten Fahrspaß bereitet. Das hat seine Gründe: Der V6 spielt sicher vom Sound nicht in der ersten Liga mit. Während der AMG SL 63 sein Sportlied im tiefen Bass singt und im Sport-Plus-Modus, durch die Drosselklappen gesteuert, wahre Kanonenschüsse abfeuert, bleibt der SL 500 eher im Bariton, spratzt weniger vor sich hin, lebt aber seine Sportlichkeit ebenfalls tonal lautstark aus.

Der V6 gibt sich hier eher als Tenor und singt sein Lied etwas höher. In Anbetracht der Tatsache, dass inzwischen aber auch die Formel-1-Wagen von Sechszylindern befeuert werden, ist der Klang schon wieder vertraut und damit unweigerlich sehr sportlich. Zwar donnern aus den Auspuffrohren hier keine Kanonenschläge, aber die Pistolenschüsse bei den Gangwechseln tun ebenfalls ihre Wirkung. Nun ist der Hauptvorzug bei einem sportlichen Auto natürlich nicht sein Klang, sondern der Umstand, wie es sich fährt. Und hier liegt der Hauptgrund, warum der SL 400 im n-tv.de-Ranking auf Platz eins landet. Im Gegensatz zu seinen beiden bulligen Brüdern gib sich der V6 nämlich recht leichtfüßig. Mit 1735 Kilogramm ist er 60 Kilogramm leichter als der SL 500 und wiegt 110 Kilogramm weniger als der AMG SL 63.

400 für die Kurvenhatz

Auch geschlossen macht der Mercedes SL eine gute Figur.
Auch geschlossen macht der Mercedes SL eine gute Figur.(Foto: Andreas Linlahr)

Das mag nicht viel sein, denkt der Leser und hat natürlich recht. Da das Gewicht aber ob der größeren Triebwerke auf der Vorderachse ruht, macht sich das vor allem beim schnellen Kurvenlauf bemerkbar. Hier schiebt und drückt es vor allem beim SL 500, der zudem im Sport-Plus-Modus extrem sensibel auf Befehle reagiert, die ihm über das Gaspedal gegeben werden. Die 700 Newtonmeter schlagen schon sehr ruppig auf die Hinterachse. Das ist auch der Moment, in dem sich der Pilot nicht mehr sicher ist, wer hier mit wem spielt, er mit dem Boliden oder der Bolide mit ihm. Natürlich bleibt auch ein SL 500 in der Spur. Nicht zuletzt wegen der elektronischen Differenzialsperre, die dafür sorgt, dass beide Antriebsräder immer genug Grip haben. Hinzu kommt, dass die Neungangautomatik bei schnellen Gasstößen und ebenso schnellen Bremsmanövern etwas nervös hoch und runter schaltet.

Die sportlichste Variante ist der AMG SL 63. Die größte Vielseitigkeit bietet aber der SL 400.
Die sportlichste Variante ist der AMG SL 63. Die größte Vielseitigkeit bietet aber der SL 400.(Foto: Daniel Maurer)

Auch der V6 ist nicht ganz frei von diesen Schaltwirren, bleibt aber insgesamt verhaltener. Wer hier die Ideallösung sucht, muss auf den AMG SL 63 zurückgreifen. Er kennt diese Problematik überhaupt nicht. Dank seiner 7-Gang-Speed-Shift-Schaltung gibt es hier kein Vertun. Wenn der V8 am Gas hängt, dann hängt er am Gas und lässt nicht mehr locker. Hinzu kommt, dass die Schaltvorgänge auch unter Last mit einer barbarischen Geschwindigkeit durchgeführt werden. Das Ganze wird untermalt von den unverkennbaren Donnerschlägen aus den Endrohren, wenn die Drosselklappen sich öffnen und schließen. 585 Pferde lässt das 5,5-Liter-Kraftwerk freien Lauf, während 900 Newtonmeter an die Antriebsräder am Heck übertragen werden. Auch dank seiner 285er-Michelin-Sportwalzen am Heck und seines Sportfahrwerks kann sich der AMG besser am Asphalt festkrallen als die Serienbrüder. Aber bei aller Kraft ist ihm eben auch sein Gewicht bei der Kurvenhatz anzumerken.

Den Asphalt verbrennen oder einfach cruisen

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Klar, mit den beiden V8-Triebwerken kann man den Asphalt brennen lassen. In der Längsbeschleunigung bietet der SL 500 so viel Schlupf, dass bei einem Kickdown an der Ampel der Kavalierstart mit Bravour gelingt. Auch den AMG kann man richtig qualmen lassen, was mit dem SL 400 und seinen immer noch wuchtigen 500 Newtonmeter Drehmoment beim besten Willen nicht funktioniert. Dafür kann man bei ihm das Heck tänzeln lassen, dass es eine Lust ist. Er verlangt letztlich die wenigste Arbeit vom Piloten, reagiert gutmütig auf alle Befehle und gibt klare Rückmeldungen über seine Eigenbewegung und natürlich über die Lenkung, die exzellent abgestimmt ist. Wer also einen der drei SL-Brüder wirklich unbeschwert um die Ecke schmeißen will, der kann das abseits einer Rennstrecke mit dem SL 400 am besten. Auch bei den reinen Parametern muss sich der "Kleine" nicht verstecken und wirkt gegen die großen Brüder in keiner Sekunde untermotorisiert. In 4,9 Sekunden fliegt er auf Landstraßentempo. Der SL 500 schafft es in 4,3 Sekunden und der AMG schießt in lockeren 4,1 Sekunden an der 100-km/h-Marke vorbei. In der Endgeschwindigkeit heißt es für alle drei: elektronisch abgeregelte 250 km/h.

Die Endrohrverblenungen und die komplett roten Rückleuchten sind beim SL neu.
Die Endrohrverblenungen und die komplett roten Rückleuchten sind beim SL neu.(Foto: Holger Preiss)

Letztlich ist es aber so, dass man einen Roadster nicht zwingend zum Rasen, sondern eher zum offenen Cruisen benutzt. Und das funktioniert natürlich mit allen drei Varianten ausgezeichnet. Das Harttop öffnet und schließt aus dem Stand bis zu einer Geschwindigkeit von 40 km/h. Aus den Nackendüsen bläst bei Bedarf ein warmer Wind und legt sich wie ein Luftschal um den Hals, während auf Wunsch die Lederpolster Rücken und Gesäß beheizen oder kühlen. Um den Genuss des sanften Gleitens perfekt zu machen, kann sich der Käufer anstelle des normalen Stahlfahrwerkes für das Active-Body-Control-Fahrwerk entscheiden. Neben den Fahrmodi Comfort, Sport, Sport Plus und Individual gibt es jetzt auch "Curve". Mit dieser Einstellung wird die Kurvenneigung des SL um maximal 2,65 Grad in einem Geschwindigkeitsbereich von 15 bis 180 km/h deutlich eingedämmt. Kurz, die Querbeschleunigug wird für die Insassen deutlich reduziert. Natürlich beherrschen alle SL auch die Spielarten des teilautonomen Fahrens. Das heißt der aktive Kollisionswarner verhindert einen Auffahrunfall, der Abstandswarner schafft im Zusammenspiel mit dem Spurhalteassistenten die Sicherheit, dass sich auch bei kleinen Unaufmerksamkeiten des Fahrers der Wagen zum Beispiel in der Kurve nicht verabschiedet.

Und optisch? Hat sich natürlich auch einiges getan. Nein, der SL ist kein neues Auto, aber das Facelift hat der Legende gut getan. Durch den "Diamant"-Kühlergrill, der sich nach unten stark verbreitert, und die größeren Lufteinlässe wirkt er jetzt bissiger als sein Vorgänger. Auch am Heck sorgen die komplett roten Heckleuchten und die breiten trapezförmigen Diffusorblenden für ein schlüssiges sportliches Bild, das aber nie den Hauch von Tradition vermissen lässt. Schließlich ist und bleibt der SL ein direkter Nachfahre des 300 SL, der vor 60 Jahren als Rennsportwagen die Autowelt begeisterte. All das hat in der Summe natürlich seinen Preis. Der SL 400 kostet 99.097 Euro. Für den SL 500 werden 122.897 Euro fällig, der AMG SL 63 muss mit 161.691 Euro bezahlt werden und der königliche 12-Ender, der AMG SL 65, kostet satte 239.933 Euro. Egal wie sich der Käufer entscheidet, er hat mit Sicherheit einen echten Traumwagen erworben.

Quelle: n-tv.de

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