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Während der Fahrt verlängert sich das "IAA - Concept Intelligent Aerodynamic Automobil" um 40 Zentimeter.
Während der Fahrt verlängert sich das "IAA - Concept Intelligent Aerodynamic Automobil" um 40 Zentimeter.(Foto: Mercedes)
Dienstag, 15. September 2015

"Intelligent Aerodynamic Automobil": Mercedes fährt den Transformer vor

Von Holger Preiss, Frankfurt am Main

Dass auf der IAA Autos vorgestellt werden, die in Zukunft auf den Straßen rollen, verwundert nicht. Aber ein Auto, das sich in Zukunft transformiert und seinen Fahrer bis ins Detail kennt, schon. Mercedes stellt auf de IAA eine Studie vor, die fasziniert und gleichsam beängstigt.

Die Digitalisierung der Welt wird immer größer. Während andere Hersteller noch das rollende Smartphone ausrufen, stellt Mercedes am Vorabend der IAA ganz ins Zeichen der totalen Vernetzung. Um deren Zusammenspiel und somit auch die Globalisierung der Welt zu verdeutlichen, lassen die Stuttgarter ein Showcar auf die Bühne rollen, das alles in sich vereint: das Thema "Industrie 4.0", also die Digitalisierung der Wertschöpfung, die Vernetzung des Fahrers mit seinem Fahrzeug, bis hin zu einzelnen Komponenten, die die Aerodynamik verbesser oder für die emissionsfreie Fahrt über weite Strecken sorgen.

Vorteil der Digitalisierung

Teile des Interieurs wird man bald in Fahrzeugen von Mercedes finden.
Teile des Interieurs wird man bald in Fahrzeugen von Mercedes finden.(Foto: Holger Preiss)

Dabei heißt das Auto der Zukunft nicht mehr F015 wie noch vor einem Jahr, sondern "IAA - Concept Intelligent Aerodynamic Automobil". In ihm vereint sich die vollständige Car-to-X-Kommunikation mit der Außenwelt. Das heißt, der Wagen besitzt eine komplett digitalisierte Headunit mit Echtzeit-Grafiken. Hinzu kommt eine neue touch-basierte Bedienoberfläche, die ein weiterer Schritt hin zum vollautonomen Fahren ist. Wer sich hier an einschlägige Science-Fiction-Filme aus Hollywood erinnert fühlt, sollte die Worte von Mercedes-Chef Dieter Zetsche auf die Goldwaage legen, der verspricht, dass "Teile des Interieur-Designs bald in einer Mercedes-Business-Limousine zu finden sein werden". Auch das, so Zetsche, sei ein Vorteil der Digitalisierung.

"Noch nie haben wir ein Auto so schnell entwickelt wie dieses." In rund einer Million CPU-Stunden – also der Zeit, in der ein laufendes Programm seit dem letzten Start tatsächlich Kommandos an den Prozessor eines Computers gesendet hat – wurden 300 Prototyp-Varianten durchgerechnet. Eine Form der Entwicklung, wie sie seit einiger Zeit von Mercedes bereits zur Entwicklung der Formel-1-Boliden genutzt wird. Mit Blick auf das Showcar bedeutet das, dass eigentlich zwei Fahrzeuge parallel entwickelt wurden. "Eins", so Zetsche, "betont die Optik, das andere die Aerodynamik".

Transformer für Aerodynamik

(Foto: Holger Preiss)

Herausgekommen ist ein "Transformer", der beide Komponenten je nach Fahrsituation in sich vereint: Im Stand und bei niedrigen Geschwindigkeiten kommt das Design voll zu Geltung. Ab etwa 80 km/h wechselt die Außenhaut des Showcars automatisch in den Aerodynamik-Modus. Die Frontflaps schieben sich nach außen, die Lamellen unter dem vorderen Stoßfänger nach hinten, die Felgen werden flächig und das Heck verlängert sich um etwa 40 Zentimeter. Außerdem werden die für Verwirbelungen sorgenden Außenspiegel durch Kameras ersetzt. Das Ergebnis: Der zuvor gemessene cw-Wert von 0,25 verbessert sich auf 0,19. Ein bis dato unerreichter Wert für ein viertüriges Coupé.

Natürlich ist das alles noch Zukunftsmusik und einige Details müssen auf absehbare Zeit mit Sicherheit wieder von der Liste gestrichen werden. Aber dennoch scheinen diese Planspiele nicht so fern, wie sie auf den ersten Blick scheinen. In den 1970er-Jahren waren Computerdarstellungen mit etwa 1000 Elementen eine große Sache. Ein Jahrzehnt später waren es 25 Mal so viele. Heute sind es 80 Millionen. Das heißt, dass Autos heute bereits in einer so frühen Phase als digitale Prototypen beschrieben sind, wie es vor Jahren noch undenkbar schien. Das wiederum bedeutet, dass zum Beispiel die passive Sicherheit schneller und effizienter verbessert werden kann als je zuvor.

Der IAA ist ein digitales Produkt.
Der IAA ist ein digitales Produkt.(Foto: Holger Preiss)

Bei der schon erwähnten Entwicklung der Formel-1-Fahrzeuge ist man heute schon so weit, dass neue Teile für den Motor oder eben Feature zur Verbesserung der Aerodynamik aus dem Computer direkt an die Fahrzeuge und somit auf die Rennstrecke kommen. Hier wird also bereits ohne Prototypen gearbeitet. Und betrachtet man die Erfolge, die Mercedes augenblicklich in der Königsklasse feiert, scheint es zu funktionieren. Betrachtet man jetzt die Aerodynmaik-Werte der Serienmodelle, scheint sich das auch ohne Weiteres übertragen zu lassen.

Ein Auto, das dich kennt

Aber die Digitalisierung soll nach den Vorstellungen von Zetsche noch andere Vorzüge für die Menschen haben. Fahrzeuge sollen nicht nur per Smartphone autonom an vorbestimmte Plätze fahren, sie sollen unaufgefordert, je nach Eintrag im persönlichen Terminkalender, vor Ort erscheinen, um den Besitzer in Empfang zu nehmen. Die Gedankenspiele gehen aber noch weiter. Das Auto der Zukunft wird den Arbeitsweg, den Musikgeschmack und den Fahrstil des Fahrers kennen.

Der Autositz könnte die Vitaldaten des Fahrers checken und so unterwegs, dank seiner Massagefunktion, zum Therapeuten werden. Zusätzlich könnten je nach Blutdruck und Puls neben der Musik auch das Licht, die Temperatur und die Beduftung verändert werden, um die Stimmung der Passagiere positiv zu beeinflussen.

An diesem Punkt wird die Vorstellung allerdings fast unbehaglich. Denn hier werden Daten von einem digitalen System verarbeitet, die man im besten Fall seinem Partner anvertrauen möchte und manchmal nicht mal dem. Natürlich verspricht Mercedes, dass solche Daten absolut sicher sind. Aber Zetsche räumt auch ein, "dass mit entsprechend hohem Aufwand und krimineller Energie" auch Fort Knox zu knacken ist. Deshalb soll ein Mercedes mit diesen Fähigkeiten natürlich noch sicherer sein als der US-Stützpunkt der US-Armee in Kentucky. Das Ansinnen soll hier auch gar nicht in Zweifel gezogen werden, die Machbarkeit schon. Über dieses Thema dürften in Zukunft noch heiße Diskussionen geführt werden.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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