Auto
Mit bis zu 85 km/h wühlt sich der Nissan Nismo RSnow über die Piste.
Mit bis zu 85 km/h wühlt sich der Nissan Nismo RSnow über die Piste.(Foto: Busse/Textfabrik)

Juke wird zum Snowmobil: Nissan baut den Pistenschreck

Von Axel F. Busse

Rutschige Straßen und vereiste Pisten haben Autohersteller schon zu den eigenwilligsten technischen Gegenmaßnahmen veranlasst. Neuerdings beteiligt sich auch Nissan daran: Mit einem Juke als Schneemobil.

Der Begriff "Hybrid" wird in der Autoindustrie gewöhnlich für die Kombination eines Verbrennungs- mit einem Elektromotor gebraucht. Dabei steht das griechischstämmige Wort laut Definition lediglich für etwas Gebündeltes, Gekreuztes oder Vermischtes. So gesehen ist der Nissan Juke RSnow auch ein Hybrid. Zwar sieht einen halben Meter über dem Boden wirklich alles so aus wie bei dem 218 PS starken Kompaktsportler der Serienproduktion, aber statt der üblichen Leichtmetallräder sieht man unten trigonale Raupenketten.

Ein klirrend kalter Vormittag im Januar 2016 im kleinen Ort Samedan, gelegen im schweizerischen Kanton Engadin: Laut rasselnd und eingehüllt in eine Wolke aufgewühlten Schnees zieht ein merkwürdiges Vehikel seine Bahn unweit der Nationalstraße 29. Die Karosserieform sieht vertraut aus, doch der Wagen scheint irgendwie über die Piste zu schweben. Der Nissan Juke Nisma RSnow ist das Ergebnis einer spleenigen Idee, internationaler Zusammenarbeit und solider Mechanikerkompetenz – der Star beim Winterfahrttraining der Schweizer Nissan-Vertretung.

Volle 45 Zentimeter Bodenfreiheit garantieren mit dem Nissan Juke Niama RSnow ein flottes Fotkommen im Schnee.
Volle 45 Zentimeter Bodenfreiheit garantieren mit dem Nissan Juke Niama RSnow ein flottes Fotkommen im Schnee.(Foto: Busse/Textfabrik)

Bis der automobile Sonderling in die Bündner Alpen kommt, ist das Projekt von beispielhafter Völkerverständigung: Englische Nissan-Ingenieure, die US-amerikanische Firma Track Truck, schwedisches Testpersonal und deutsche Mitarbeiter des japanischen Herstellers sind an der Umsetzung des Vorhabens beteiligt. Demnächst kommt noch die slowakische Nissan-Dependance hinzu, denn dort soll ein zweiter Juke Snow entstehen.

Raupenketten made in USA

Bodenfreiheit ist die wichtigste Voraussetzung für gelungene Offroad-Ausritte, das weiß jeder Geländewagenfahrer. Beim Juke-Schneemobil ist davon mehr als reichlich vorhanden. Satte 45 Zentimeter über der Piste schwebt die Crossover-Karosse der nächstgelegenen Schneekanone entgegen. Der Fahrersitz befindet sich dementsprechend fast in Hüfthöhe, so dass das Einsteigen eine gewisse Anstrengung erfordert. Drinnen deutet nichts auf den ungewöhnlichen Antrieb des Fünftürers hin. Der sportlich durchgestylte Innenraum hat seine Schalensitze behalten, ebenso Cockpit, Pedalerie und den Hebel für das Automatikgetriebe.

Die Ketteneinheit für den Nissan Juke RSnow ist als Serienprodukt bei einem amerikanischen Hersteller bestellbar.
Die Ketteneinheit für den Nissan Juke RSnow ist als Serienprodukt bei einem amerikanischen Hersteller bestellbar.(Foto: Busse/Textfabrik)

"Eigentlich mussten wir nur die Alufelgen abnehmen", redet John Jackson den technischen Aufwand klein, der für den Umbau nötig war. Der 44-jährige Brite ist bei einer Motorsportfirma in der Nähe von Silverstone beschäftigt, die für Nissan Europa die Umrüstung des Show- und Snow-Cars erledigte. Außer dem Einbau von zusätzlichen Distanzelementen waren nur Modifikationen an Federn und Dämpfern sowie Änderungen an Stoßfängern und Seitenschwellern des Serienfahrzeugs notwendig, bis die Ketten ausreichend Platz in den Radkästen hatten. Zusätzlich musste eine Neuprogrammierung der elektronischen Allradsteuerung vorgenommen werden, die nun bei einer permanenten Kraftverteilung von 50:50 zwischen den Achsen verriegelt ist.

Die Raupenketten bestehen aus einem ca. 40 Zentimeter breiten Gliederband, das von sieben Rollenpaaren auf den Boden gedrückt wird. Dadurch entsteht unter jedem Radkasten eine Aufstandsfläche von rund 2800 Quadratzentimetern, während sich beim Antrieb über herkömmliche Reifen der Bodenkontakt pro Rad nur auf die Größe einer Handfläche beschränkt. Folglich verteilt sich das Gewicht des Fahrzeugs auf einen viel größeren Bereich und erzeugt unvergleichlich mehr Traktion. Selbst in 50 Zentimeter tiefem Pulverschnee ist der Juke Nismo RSnow nicht aufzuhalten.

Blick wie vom Anhänger

n-tv.de-Autor Axel F. Busse hat sichtlich Spaß am Steuer des Nissan Juke RSnow.
n-tv.de-Autor Axel F. Busse hat sichtlich Spaß am Steuer des Nissan Juke RSnow.(Foto: Daniel Martinek)

Nachdem John Jackson und seine Kollegen für umgerechnet mehr als 8000 Euro den Satz Kettenantriebe bei dem in Michigan beheimateten Unternehmen Truck Track besogt hatten, begann in Northamptonshire der Umbau. "Die Ketteneinheit ist ein Standardbauteil, das praktisch jeder Autobastler dort bestellen kann", sagt Jackson. Etwa 370 Kilogramm wiegen die Raupen zusammen, die Montage dauerte rund 40 Stunden. Anschließend ging es zum Testeinsatz ins schwedische Arjeplog am Polarkreis. In Samedan wurde das Ergebnis jetzt erstmals öffentlich vorgeführt. "Anschließend gehen wir damit in die Slowakei", erzählt der englische Ingenieur, "die Nissan-Kollegen dort sind so begeistert von unserem Auto, dass sie sich einen eigenen Schnee-Juke anschaffen wollen". Rund 38.000 Euro hat der Umbau insgesamt gekostet.

Der Nismo RSnow fährt sich fast wie ein normales Auto. Den Getriebehebel auf "D" stellen und Gas geben reicht, um die Fuhre in Gang zu bringen. Der Blick durch die Windschutzscheibe dürfte dem entsprechen, was man sieht, wenn man in einem Auto sitzt, das auf einem Anhänger hinterher gezogen wird. Auf festgefahrener Schneedecke rattert es schon bei 15 Stundenkilometern so gehörig, als ob man über ein Waschbrett fahren würde. Nur beim Rangieren muss man sich darauf einstellen, dass der kalkulierte Platz nicht ausreicht. Der Wendekreis des RSnow dürfte bei etwa 50 Metern liegen, schuld daran ist der extrem reduzierte Lenkeinschlag. Der kompakte Crossover-Renner, der sonst in sieben Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h sprintet, kennt als Snowmobil fast keine Hindernisse. Nur bei der Agilität muss man Abstriche machen, denn die Höchstgeschwindigkeit ist auf 85 km/h beschränkt.

Wer jetzt Lust bekommen hat, sich einen Juke Nismo RSnow "von der Stange" zu kaufen, wird enttäuscht: An eine Serienfertigung des Schneemobils sei aktuell nicht gedacht, heißt es aus Japan. Doch für Fragen interessierter Bastler sei man stets offen, lässt die japanische Marke anlässlich des Wintertrainings durchblicken.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen