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Opels neuer Sonnenanbeter soll ein weiteres Mosaiksteinchen auf dem Weg zurück in die Erfolgsspur sein.
Opels neuer Sonnenanbeter soll ein weiteres Mosaiksteinchen auf dem Weg zurück in die Erfolgsspur sein.

Aufstieg in höhere Sphären: Opel Cascada ist ein Versprechen

Von Axel F. Busse

So etwas wie das neue Modell Cascada hat es noch nicht gegeben – sagt Hersteller Opel. Mittelklasse-Qualitäten zum Preis eines Kompakt-Cabrios aus dem Premium-Bereich. Erste Fahreindrücke vom neuen Rüsselsheimer Hoffnungsträger.

Bei der Größe geht der Cascada eindeutig in Richtung Audi A5.
Bei der Größe geht der Cascada eindeutig in Richtung Audi A5.

Obwohl Opel zuletzt eine Reihe sehr ordentlicher Autos vorgestellt hat, ist bei den Absatzzahlen die Wende zum Besseren noch nicht abzulesen. Deshalb legt das Management große Hoffnungen in das neue Cabrio, das im April in Deutschland zu den Händlern kommt. Mit dem Cascada ist ein besonderes Aufstiegsversprechen verbunden: Wer früher das Opel-Cabrio aus der Kompaktklasse fuhr, soll künftig in der Mittelklasse Fuß fassen.

Begründet wird diese Verheißung mit dem Zollstock. Der offene Zweitürer ist fast 4,70 Meter lang und folglich 23 Zentimeter länger, als der mit einem Vario-Dach versehene Astra Twin Top es einst war. In dieser Größe, so Vertriebschef Matthias Seidl, sei der Cascada "nicht dort, wo sich unzählige Wettbewerber über die Füße fahren", sondern fülle eine Lücke. Die hat man sich bei Opel selbst ausgedacht: Ein Mittelklasse-Cabriolet, das nicht mehr kostet als die Faltdach-Kompakten wie Audi A3 oder 1er BMW, andererseits aber so groß ist, wie ein offener A5 oder Volvo C 70.

Speziell gedämmtes Verdeck

Der Cascada macht offen eine gute Figur.
Der Cascada macht offen eine gute Figur.

Soweit die Theorie aus Sicht des Opel-Marketings. In der Praxis kostet der Cascada 25.945 Euro. Dafür gibt es einen 1,4-Liter-Turbobenziner mit 120 PS sowie ein Audiosystem, Klimaanlage und Einparkhilfe auf der Ausstattungsseite. Allerdings wiegt dieses Fahrzeug knapp mehr als 1700 Kilogramm, was nicht gerade dem aktuellen Schlankheitsidieal entspricht. Das Problem: Cabrios sind in der Regel schwerer als ihre geschlosenen Pendants, da sie sich die Karosseriesteifigkeit, die sonst ein festes Dach gewährleistet, anderswo herholen müssen. Der Cascada hat zum Beispiel kreuzförmig montierte Stahlträger im Unterbau. Damit gehöre es, so Chefingenieur Andreas Haefele, zu den steifsten Cabrios seiner Klasse. Was der Kunde davon hat? Wenn man über holpriges Pflaster fährt, knirscht und knarzt nichts – daran erkennt man steife Karosserien.

Das elektrische Faltverdeck gibt es in zwei Versionen. Das Basismodell kann man für 290 Euro aufrüsten oder gleich die höhere Ausstattungslinie "Inovation" nehmen. Dann ist der Verdeck Bezug mit einer zusätzlichen Fleeceschicht gedämmt und soll etwa 30 Prozent weniger Schall in den Innenraum lassen. Beide Stoffmützen öffnen und schließen ist weniger als 20 Sekunden und können unterwegs bei einem Tempo von bis zu 50 km/h elektrisch bewegt werden. Damit die Silhouette in geöffneten Zustand so elegant bleibt wie im geschlossenen, verschwindet der Wetterschutz bündig hinter den Rücksitzen. Allerdings mit dem Effekt, dass der Kofferraum gehörig schmilzt. Der Verdeckkasten beansprucht rund 100 Liter Volumen, so dass noch 280 übrigbleiben. Immerhin gibt es eine Durchladeeinrichtung, so dass im Zweifel das legendäre Billy-Regal nicht bei Ikea zurückbleiben muss. Von außen ist die Klappe mit einer in die Rückleuchten ragenden Chromspange sehr schick gestaltet, die Luke hat aber nur eine lichte Öffnung von 35 Zentimetern und eine Ladekante von 75 Zentimetern.

Nobel geht es im Innenraum zu. Aber alles hat seinen Preis.
Nobel geht es im Innenraum zu. Aber alles hat seinen Preis.

Aus Sicht des Herstellers macht die Ladekapazität den Cascada "voll alltagstauglich" und zum "Ganzjahresauto". Letzteres erscheint plausibel, denn es gibt als Sonderausstattung eine Extraheizung fürs Lenkrad und auch für den Fußraum hinten, für die Ledersitze sowieso. Nur mehr Platz kann man leider nicht für den hinteren Fußraum bestellen, was durchaus wünschenswert wäre. Unerfüllbar ist bis auf weiteres auch der Wunsch nach einer hellen freundlichen Atmosphäre unter dem straff gespannten Segeltuch, denn Dachhimmel und Verkleidungen, Armaturenträger und Scheibenrahmen sind lediglich in schwarzer Farbe zu haben. Das schafft, sofern man bei Kälte oder Regen unterwegs ist, schon ein arg finsteres Kinogefühl.

Weitere neue Benziner geplant

Star im Ensemble der Motoren soll der komplett neu entwickelte 1,6-Liter-Turbobenziner sein, mit dem auch die ersten Testkilometer unter die Räder genommen wurden. Als Direkteinspritzer ist er verbrennungstechnisch auf dem neuesten Stand, leistet 170 PS und kann im Oberboost-Modus bis zu 280 Newtonmeter Drehmoment freisetzen. In Verbindung mit dem Sechsgang-Handgetriebe ist eine Start-Stopp-Automatik integriert, die Opel für die Freunde eines automatischen Gangwechsels leider noch nicht anbieten kann. Die erste Ausgabe des mit dem Kürzel "SIDI" versehenen Aggregats soll nicht mehr als 6,3 Liter je 100 Kilometer nach EU-Normbedingungen verbrauchen. Auf den gewundenen Bergstraßen der Cote d'Azur kann man aber ohne Anstrengung auf zweistellige Werte kommen. Weitere Varianten des Motors sind in Vorbereitung, die das Leistungsspektrum bis mindestens 200 PS ausdehnen werden.

Laufkultur und Temperament ließen bei der Probefahrt nichts zu wünschen übrig. Ab Werk ist der Cascada an der Vorderachse mit der sogenannten "HiPer-Strut"-Radaufhängung ausgerüstet, die Dämpfungs- und Lenkfunktion voneinander trennt und somit ein von Antriebseinflüssen weitestgehend befreites Handling garantiert. In einer schnellen Abfolge von Kehren ist der Wagen nicht aus der Ruhe zu bringen, bietet ausgewogenen Komfort und komfortables Abrollen. Man sollte nur beim Abbiegen oder in engen Kurven die Drehzahl nicht zu sehr fallen lassen, sonst bekommt man die Abwesenheit von Durchzugskraft unmittelbar zu spüren.

Der neue Antrieb soll das Cabrio auf maximal 222 km/h beschleunigen. Noch schneller ist nur der Bi-Turbo-Diesel mit 195 PS, dessen V-max mit 230 km/h angegeben ist. Während der gegenwärtige Top-Benziner mindestens 28.245 Euro kostet, müssen für den großen Diesel 32.555 Euro bezahlt werden. Die Mission, nicht teurer zu sein als die kleineren Cabrios der Premiumhersteller, ist damit als erfüllt anzusehen. Eine Eigenschaft dieser Konkurrenten sollte sich Opel aber besser nicht zu eigen machen: das hemmungslose Hinlangen bei der Sonderausstattung. Das Windschott, bei viersitzigen Cabrios unverzichtbare Voraussetzung für zugluftfreies Open-Air-Vergnügen, wird nur für 290 Euro verkauft, eine elektrische Sitzverstellung ist auch bei der gehobenen Ausstattungslinie nicht inklusive. Der optisch sehr ansprechende Cascada kann also trotz günstigen Einstiegspreises schnell zum teuren Spaß werden.

Quelle: n-tv.de

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