Auto

Vorstellung: Mercedes CLSOptische Aussage, technisch fundiert

12.10.2010, 07:55 Uhr
imageMarkus Mechnich

Mercedes hat mit dem CLS einen Imageträger neu aufgelegt. Und zwar so neu, dass er mit dem Vorgänger nur noch wenig gemein hat. In Stuttgart ist man es gewöhnt, dass der CLS ein kontroverses Modell ist. Der Vorgänger durfte letztendlich aber als gelungen bezeichnet werden. Lässt sich das auch über den Neuen sagen?

Wenn in der Autobranche von Stil-Ikonen die Rede ist, dann schalten Journalisten für gewöhnlich ab. Meist ist klar: Jetzt kommt das Marketing an die Reihe und das bringt in der Regel wenig Neues für die Berichterstattung. Beim CLS von Mercedes verhält es sich etwas anders. Und das ist bedingt durch das Vorgängermodell, das ebenso faszinierend wie eigen war. Man konnte ihn gut oder schlecht finden, keinesfalls aber langweilig oder dröge. Jeder hat eine Meinung dazu, unerheblich, ob sie gut oder schlecht ausfällt.

Der CLS, der 2003 erstmals der Öffentlichkeit gezeigt wurde, war immer ein Statement. Allein schon deshalb konnte das Modell 170.000 Kunden gewinnen. Immerhin ein Drittel davon waren Neukunden für die Marke mit dem Stern und die entschieden sich mehrheitlich aufgrund des Designs für das Auto. Das macht aus diesem Modell tatsächlich einen Imageträger. Wenn ein Auto ein Drittel Neukunden anzieht, dann ist es von enormer Wichtigkeit für die Marke. Fast unerheblich, dass es sich bei den Stückzahlen eher um ein Nischenfahrzeug handelt.

Mehr Konkurrenz erhöht den Druck

Die Schwaben nehmen für sich in Anspruch, nichts weniger als das Segment der viersitzigen Sportcoupés mit der Premiere des ersten CLS "erfunden" zu haben, wie Daimler-Vorstand Dieter Zetsche betont. Diese Aussage dürfte unter Autohistorikern zu erhitzten Diskussionen führen. Wie dem auch sei, das Segment ist in den vergangenen Jahren deutlich enger geworden. Nach Aston Martin, Jaguar und Maserati, die vielleicht preislich noch ein Klasse höher spielen, gibt es mittlerweile auch einige Konkurrenz aus dem eigenen Land. Porsche hat seinen Panamera im Rennen, BMW zeigte in Paris ein neues 6er-Coupé als seriennahe Studie und Audi schickt noch im November den neuen A7 zu den Händlern. Qual der Wahl also für die gut betuchte und wählerische Kundschaft.

Die Schwaben haben sich mit dem neuen CLS jedenfalls wieder etwas getraut. Kein zartes Facelift, keine Evolution - ein komplett neues Auto steht da und zeigt sich so völlig anders als sein Vorgänger. Von dem ist im Wesentlichen nur die coupéhafte Dachlinie geblieben. Verschwunden ist die geschwungene Grundform, die weichen Linien oder der Bogen, der das Fahrzeug von der vorderen bis zur hinteren Stoßstange überspannte. In der Fahrzeugfront hat der neue Mercedes-Stil Einzug gehalten.

Viel Technik hinterm Lenkrad

Ein wuchtiger, senkrecht stehender Kühlergrill mit großem Stern, wie man ihn vom SLS kennt, markiert die Spitze des Autos. Dem folgen eine recht schräg stehende Windschutzscheibe und relativ kleine Seitenscheiben. Am Heck zeigt der neue CLS noch die meisten Erinnerungen an seinen Ahnen, wenn ein Bogen die Abrisskante markiert und die Dachlinie nahtlos in die Kofferraumklappe überfließt. Seitlich zeigt sich eine Dynamiklinie, die an den ausgestellten hinteren Kotflügeln abgebrochen wird. Keine Frage, auch die Neuauflage polarisiert mit ihrem Design.

Im Innenraum zeigen die Schwaben, was so alles derzeit in ihrer Technikkiste zu finden ist. Als Beispiele sollen an dieser Stelle nur der aktive Spurhalteassistent und das ebenfalls Assistenzsystem für die Überwachung des Toten Winkels (im Paket für 893 Euro), sowie der gänzlich neue aktive Parkassistent dienen. Das eine oder andere Hightech-Accessoire, das man mittlerweile von anderen deutschen Premiummarken kennt, wird dann doch, trotz der Ansammlung an Hightech, vermisst. Ehrliche Wünsche bleiben jedoch nicht offen.

Solide Platzverhältnisse

Mit edlen Materialien geizt Mercedes beim Interieur nicht. Das Holzimitat gibt es serienmäßig, während sich Leder auf der Liste der aufpreispflichtigen Dinge wiederfindet. Das Design des Innenraums und der Bedienelemente ist eine Mischung aus Elementen der S- und E-Klasse. Die Gesamtanmutung ist jedoch der Oberklasse weitaus näher als der E-Klasse, die aber die Plattform für das Fahrzeug stellt.

Platz gibt es vorne in einem sehr ordentlichen Umfang, während es im Fond immer noch geräumig zugeht. Mercedes hat es durch eine relativ tiefe Sitzposition geschafft, jeglichen Kontakt der Köpfe großgewachsener Menschen mit dem Fahrzeughimmel zu vermeiden. Für ein Sportcoupé ist das Raumangebot recht üppig. Das gilt auch für den Kofferraum, der sich mit 520 Litern ausgesprochen geräumig zeigt. Andererseits sollte das bei einer Fahrzeuglänge von fast fünf Metern (4,94 Meter) auch möglich sein.

Neuer Vierzylinder-Diesel

Zum Start gibt es für den CLS zwei Sechszylinder-Motorisierungen, eine als Diesel und eine als Otto-Motor. Der Diesel stemmt mit seinen drei Litern Hubraum beachtliche 620 Newtonmeter auf die Kurbelwelle und leistet 265 PS. Beim Benziner sind es aus 3,5 Liter Hubraum 370 Newtonmeter und 306 PS. Spitzenmodell wird der 4,7 Liter große CLS 500 werden, der 408 PS und 600 Newtonmeter protzt. Für Sparfüchse kommt noch der in der S-Klasse bereits erprobte 250 CDI auch im neuen CLS zum Einsatz. Die Eckdaten - 500 Newtonmeter und 204 PS bei 5,1 Litern Normverbrauch - versprechen "Genuss ohne Reue", wie es Daimler-Vorstand Zetsche formuliert. Der stärkste und der sparsamste CLS werden aber erst im kommenden Frühjahr verfügbar sein.

Wir sind bei unserer ersten Ausfahrt den Sechszylinder-Benziner gefahren. Nach den ersten Kurven ließ sich bereits feststellen, dass diesem Motor im unteren Drehzahlbereich etwas Kraft fehlt. Das Siebengang-Automatikgetriebe muss schon in den Sportmodus bestellt werden und ordentlich schalten, damit sich der CLS flott bewegen lässt. Wird er mittels Drehzahlen bei Laune gehalten, dann bringt er aber durchaus seine Leistung und schiebt das 1735 Kilogramm schwere Auto zügig nach vorne.

Flexible Luftfederung

Die optionale Luftfederung ist ein schönes Stück Technik, das aber sicherlich kein Muss ist. Im Comfort-Modus bügelt sie alle Unebenheiten ordentlich weg, wirkt aber beim Anbremsen von Kurven ganz leicht stotterig. Im Sportmodus ist sie, für Mercedes-Verhältnisse, recht straff ausgelegt und führt die Karosse souverän. Ein nettes Gimmick ist die Möglichkeit, das Auto über die Hydropneumatik der Luftfederung einige Zentimeter anzuheben. Das bringt etwas Sicherheit auf schwierigem Geläuft. Ab einer Geschwindigkeit von 140 Kilometern je Stunde wird die Karosserie automatisch um 15 Millimeter angehoben.

Einen sehr guten Eindruck hinterlässt die elektromechanische Direktlenkung, die im CLS ihre Premiere feiert. Damit scheinen die Tage der (stets typisch für Mercedes) schwammigen Lenkung passé. Ohne zu sensibel zu werden, überträgt sie die Manöver des Fahrers zielgenau auf die Räder. Durch die Elektronik entstehen vielfältige Möglichkeiten der Abstimmung, weshalb die Schwaben diese Technik auf lange Sicht wohl in alle Modelle übertragen werden.

Preise ab rund 60.000 Euro

Auf der Kostenseite hat sich Mercedes stark am Wettbewerb orientiert und positioniert sich preislich, wie gewohnt, leicht darüber. Der kleine Diesel durchbricht mit 59.857 Euro knapp die Schallmauer von 60.000 nach unten. Unser Testwagen mit dem Sechszylinder-Otto-Motor kostet mindestens 63.427 Euro und sein Dieselbruder mit gleich vielen Zylindern kommt mit 64.617 Euro 1190 Euro teurer. Preise für den CLS 500 sind noch nicht bekannt. Wer seinen CLS mit den zahlreich vorhandenen Finessen ausstattet, die die Liste der Sonderausstattungen so aufweist, der dürfte sich schnell auch Richtung der 80.000 Euro vorarbeiten.

Design ist am Ende ja immer Geschmackssache und so wird sich auch dieser CLS maßgeblich über Gefallen oder Nicht-Gefallen verkaufen. Wie auch immer man das Aussehen des Neuen finden mag, Mercedes ist es erneut gelungen, ein Statement in Sachen Design abzugeben und gleichzeitig einen Ausblick auf die Optik seiner künftigen Autos zu geben. So gesehen erfüllt das Modell seine Aufgabe in der Produktpalette. Ob er die Verkaufszahlen des Vorgängers erreichen kann, werden letztlich natürlich die Kunden entscheiden. Das Potenzial dazu hat er jedenfalls, technisch wie optisch.

So ist das eben mit gewagten Aussagen. Sie bringen immer ein gewisses Risiko mit sich. Kunden werden sich dafür oder dagegen entscheiden. Wie sich Zustimmung oder Ablehnung verteilen, lässt sich vorher immer schwer bestimmen. Dennoch, das zeigt die Autohistorie, lohnt sich der Mut. Denn so werden auf lange Sicht unsterbliche Modelle geschaffen. Und in der Regel verkaufen sich die auch gut.