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Der Boxster verlangt auf dem Eis viel Gefühl und schnelle Reaktionen.
Der Boxster verlangt auf dem Eis viel Gefühl und schnelle Reaktionen.(Foto: Porsche)

Wintersport mit 1600 Spikes: Porsche "on the rocks"

Von Axel F. Busse

Rauno Aaltonen, Hannu Mikkola, Ari Vatanen, Marcus Grönholm – warum kommen so viele Weltklasse-Rallyefahrer aus Finnland? Diesem Phänomen spüren noch bis Ende März 775 Porsche-Kunden nach, die jenseits des Polarkreises die hohe Schule der Kfz-Beherrschung lernen.

Reichlich Platz zum Driften: Das Pasajärvi-See ist rund 7 km lang.
Reichlich Platz zum Driften: Das Pasajärvi-See ist rund 7 km lang.(Foto: Porsche)

Winter-Trainings und Fahrseminare bieten auch andere Hersteller wie Audi, BMW oder Mercedes an, nur Porsche hat sich den derzeit nördlichsten Schauplatz für seine "Driving Experience" ausgesucht. Ivalo, rund 300 Kilometer nördlich des Polarkreises in der Nähe des berühmten Inari-Sees gelegen, ist Schauplatz der nach verschiedenen Inhalten und Schwierigkeitsgraden sortierten Veranstaltungen. Auch etwas südlicher, in Rovaniemi, sind Porsche-Fahrer am Start. Mehr als 550 Teilnehmer versuchen sich dort im perfekten Drift. Die große Mehrheit der Piloten – der Älteste geht auf die 80 - sind Kunde des Zuffenhausener Sportwagenbauers, der Rest hat sich die nicht ganz billige Teilnahmegebühr zusammen gespart, um sich ein paar Tage 911er oder Boxster "on the rocks" zu gönnen. Denn Eis, das gibt es hier auch außerhalb des Cocktailglases reichlich.

"So ein gutes Eis hatten wir in den letzten zehn Jahren nicht mehr", schwärmt Vasant Mäkinen. Er muss es wissen, denn sein Job ist es seit mehr als 20 Jahren, für den perfekten Untergrund der Drift-Seminare zu sorgen. Seit fünf Jahren arbeitet er für Porsche. "Derzeit ist das Eis etwa 60 Zentimeter stark", sagt er, "schön kompakt und in einem Stück durchgefroren". Das passiert, wenn der Frost ohne gleichzeitigen Niederschlag Einzug hält im Norden Finnlands. Wenn es zwischendurch schneit, gefriert das Wasser des Pasasjärvi-Sees nicht so gleichmäßig und dicht.

Echte Rennstrecken nachgebaut

Der Veranstalter hegt zwar keine Zweifel am Urteilsvermögen seines Eis-Experten, aber um allen Eventualitäten vorzubeugen, ist auch eine TÜV-Expertise angefertigt worden. Da wurde gebohrt, gesichtet, Probe gezogen und geprüft. Urteil: "Alles paletti". Zeitweise sind während der Übungen rund 30 Sportwagen gleichzeitig auf dem See unterwegs. Und Mäkinens fünf Tonnen schwerer Traktor, der immer wieder die Fahrspuren vom Eismehl frei räumt und Schneewehen beseitigt, wenn mal der Wind etwas schärfer über die rund sieben Kilometer lange Freifläche pfeift.

Der Porsche-Wintersport ist durchprofessionalisiert bis in den letzten Winkel. Wenn Vasant Mäkinen um vier Uhr morgens seinen Traktor besteigt, mit Schneepflug und Fräse die Rechts-Links-Kombinationen, Hundekurven und Spitzkehren präpariert, folgt er nicht seiner Phantasie, sondern einem präzisen, auf GPS-Daten basierenden Plan. Hinter den zwischen 1,5 und drei Kilometer langen Einzelkursen steckt das Know-How von Hermann Tilke, dem international anerkannten Rennstreckenplaner und Bauingenieur. Orientiert an den Rundkursen in Istanbul, Valencia oder dem Nürburgring hat er deren Streckenführung im Maßstab 1:5 nachgebildet.

Dieses Jahr ist es in der ersten Februarhälfte in Ivalo relativ mild. Zwischen minus 15 und -20 Grad Celsius zeigt das Quecksilber, minus 30 sind auch ab und an mal drin. Die Aufenthalte im Freien werden deshalb auf ein Minimum beschränkt. Wenn die Teilnehmer aus der beheizten Garage in der Nähe des Sees mit den "Elfern", Boxster- oder Panamera-Modellen aufs Eis rollen, läuft die Kommunikation mit den Instruktoren fast ausschließlich über Walkie-Talkie. Einer von Ihnen ist Stef Vancampenhoudt. Der 43-jährige Belgier ist ein Globetrotter der Fahrkunst. Er kam über Volkswagen und Audi zu Porsche. In Brasilien, China und dem Mittleren Osten hat er schon das feine Wechselspiel mit den Pedalen gelehrt, jetzt fräsen seine Schüler mit bis zu fünf Millimeter langen Spikes immer neue Kreise in das Eis. Natürlich juckt es ihm auch gelegentlich in den Füßen.

Den Profis nacheifern

Instruktor Stef Vancampenhoudt beim Fahrerbriefing.
Instruktor Stef Vancampenhoudt beim Fahrerbriefing.(Foto: Porsche)

Wenn er sich ans Steuer setzt und im Kurvendrift meterhohe Schneefontänen aufwirbelt, starren die Kursteilnehmer ehrfürchtig auf das Geschehen. Setzt der Profi anschließend seinen Carrera Turbo mal in eine Schneewehe, freut sich mancher diebisch. Doch es bleibt der leise Verdacht, es könne Absicht dahinter stecken, damit die Amateure ihre eigenen Fähigkeiten nicht als gar so beschränkt empfinden.

"Gas, Gas, Gas, Gas, Gas, Gas", rattert Vancampenhoudt maschinengewehrartig in sein Walkie-Talkie. Das anthrazitfarbene 911er Cabrio rutscht schon so quer über die Piste, dass es Wischer an der Seitenscheibe bräuchte. Und jetzt noch Gas geben? Natürlich! Der intelligente Allradantrieb des Turbos soll mehr Motorkraft an die Vorderachse leiten, damit diese beiden Räder das Auto wieder gerade ziehen. Darum geht es im Kern: Antriebskonzepte verstehen und anwenden. Und Spaß haben.

Für beides bieten die Modelle des Zuffenhausener Herstellers beste Voraussetzungen, denn der obligatorische Umstieg auf ein anderes Fahrzeug nach jedem Übungsteil bringt eine neue Herausforderung für den Lenkenden. Dabei sind unterschiedliche Motorleistungen oder Bereifungen noch die geringste Hürde. Der heckgetriebene 911 Carrera ist anders zu fahren als der Allrad-Turbo, der Mittelmotor-Boxster reagiert mit seinem Hinterradantrieb sensibler als der 4x4-Panamera, dessen Motorgewicht auf der Vorderachse lastet und der wiederum ein anderes Handling erfordert. Erfahrungen, wie sich 120 oder 400 Spikes pro Rad auswirken, fallen praktisch als Kollateralnutzen mit ab.

Am liebsten ohne elektronische Helfer

Im Norden Lapplands wird es schon kurz nach Mittag wieder dunkel.
Im Norden Lapplands wird es schon kurz nach Mittag wieder dunkel.(Foto: Axel F. Busse)

Als wenn das noch nicht genug der Differenzierungmöglichkeiten sind, gibt es ja bei jedem Modell noch Stabilitäts- und Traktionskontrolle. Wer sie deaktiviert, tut dies nicht aus Leichtsinn, sondern aus Erlebnishunger. In der Sicherheit eines abgesperrten Parcours sollte zur Förderung des Fahrspaß' dringend auf die elektronischen Eingriffe verzichtet werden. Mit der im Normalfall nicht nur einzelne Räder gebremst, sondern auch die Motorkräfte durch Minderung der Benzinzufuhr abgeschnürt werden.

Da hatten es die alten Kämpen des Rallyesports zu ihrer Zeit vergleichsweise einfach. Außer dem Prinzip "Motor vorn, Antrieb hinten" gab es lange gar nichts. Um die Kurven kam man schnell und zuverlässig mit dem "Scandinavian Flick": Ein fein dosiertes Wechselspiel aus Lenk- und Gaspedalbewegungen stellt den rechtwinklig über den Scheitelpunkt gleitenden Wagen schon vor dem Kurvenausgang wieder gerade, so dass mit vollem Schub die nächste Kehre anvisiert werden kann. Zu den Geheimnissen des Rallyesports gehört auch der sagenumwobene "Aufschrieb". Kryptische Kommandos und Zeichen, nach denen der Co-Pilot dem Fahrer die Strecke vorliest. Was das für die Praxis bedeutet, können die Teilnehmer mit dem selbst gefertigten "Gebetbuch" ausprobieren.

Wenn die Porsche-Events mit den Namen "Camp 4" oder "Ice Force" die hohe Schule des Autofahrens vermitteln, dann ist "Ice Force S" die Matura. Insgeheim träumen alle ambitionierten Porsche- Fahrer von dieser exklusiven Zusammenkunft, die man nicht per Katalog buchen kann. Dazu wird man vom Hersteller eingeladen – oder auch nicht.

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Quelle: n-tv.de

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