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Reizt die Sinne und ist rollender Überfluss: der SLS AMG Roadster.
Reizt die Sinne und ist rollender Überfluss: der SLS AMG Roadster.(Foto: Axel F. Busse)

Heißer Renner aus Stuttgart: SLS AMG: Im Reich der PS-Träume

Von Axel F. Busse

"Bei 250 km/h abgeregelt" galt lange als Ausweis der automobilen Spitzenklasse. Beim SLS AMG Roadster greift der elektronische Riegel bei 317. Ja, 317. Mit Praxistest ist dieser Ausflug ins Reich der PS-Träume deshalb nur unvollkommen zu beschreiben.

Wäre der SLS AMG Roadster von Mercedes-Benz ein Pennäler und kein Auto, man würde ihn wohl vorlaut nennen. Schon der sanfte Druck auf die Starttaste lässt ihn kurz fauchen, es folgt ein grimmiges Blubbern, das jeder Motorjacht im Hafen zur Ehre gereichen würde. Dezent geht nicht, aber verstecken will sich auch niemand, dessen Autofahrerkarriere mit der Anschaffung dieses High-Tech-Spielzeugs gekrönt wird. Und offenkundig sitzen die Betuchten nicht nur in Kalifornien, den Emiraten oder China. Mehr als 500 Mal wurden Coupé und Roadster im ersten Halbjahr in Deutschland neu zugelassen. Knapp 40 Prozent davon waren private Anmeldungen.

Ob mit oder ohne Stoffmütze, der SLS macht eine gute Figur.
Ob mit oder ohne Stoffmütze, der SLS macht eine gute Figur.(Foto: Axel F. Busse)

Einem Fahrzeug, das derart die Sinne reizt (nicht nur Augen und Ohren, sondern dank exklusiver Softleder-Ausstattung auch die Nase), nähert man sich am besten mit nüchterner Sachlichkeit. Riesiger V8-Motor (tatsächlich eher 6,2 Liter statt der 6,3, wie es am seitlichen Lüftungsgitter versprochen wird), Leistung praktisch ohne Ende (571 PS) und ein Drehmoment, mit dem sich drei Mittelklasse-Autos auf einmal zügig beschleunigen ließen (650 Newtonmeter). Geht noch mehr? Ja, in der GT-Version bietet AMG sogar 591 PS an.

Keine Sehnsucht nach Flügeltüren

Braucht man mehr? Sicher nicht. Der SLS AMG Roadster ist rollender Überfluss. Besonders dann, wenn er ausgestattet ist wie das Testfahrzeug. Das kommt natürlich nicht als Konfektions-, sondern als Designer-Anzug daher. Carbon-Dekor für den Innenraum gefällig? Bitte sehr, kein Problem (plus 8849 Euro). Kein Vertrauen in Stahlbremsen? Die Keramik-Verbundzangen sind für 11.424 Euro nachzurüsten. Eine B&O-Soundanlage ist für 7080,50 Euro an Bord. Und das hellbraune Naturleder wird sogar schon für 4424,50 Euro über Polster und Abdeckungen gespannt. Da SLS-Kunden naturgemäß nicht knauserig sind, wenn es um Sonderausstattungen geht, bekommen sie Leichtmetallfelgen ab Werk, die am Testwagen montierten (vorn 19, hinten 20 Zoll) kosten allerdings 1130 Euro extra.

Ist der Schwager Tankstellen-Pächter? Umso besser, dann bleibt das Geld ja in der Familie. Knapp mehr als 13 Liter wurden im EU-Normtest als Durchschnittsverbrauch ermittelt, doch das ist ein theoretischer Wert. Tatsächlich muss äußerste Zurückhaltung üben, wer unter 15 bleiben will und der Testverbrauch kam nur zustande, weil auf Versuche, die Abregelungsgrenze auszutesten, konsequent verzichtet wurde. Doch auch dies ist richtig: In der Riege der wenigen Supersportwagen, die dieser Preis- und Leistungsklasse zuzurechnen sind, ist ein Mittel von 13,8 Litern schon als äußerst wirtschaftlich anzusehen.

Die Preise für den AMG-Roadster starten bei 195.160 Euro.
Die Preise für den AMG-Roadster starten bei 195.160 Euro.(Foto: Axel F. Busse)

Mag sein, dass das Coupé mit seinen Flügeltüren beim Ein- und Aussteigen die spektakulärere Show bietet, aber der Roadster ist das vielseitigere Fahrzeug, wenn's ums Flanieren geht. Die stramm gespannte Stoffmütze macht schon verriegelt eine enorm gute Figur. Wenn man den Bedienbügel unter der Lederklappe freigelegt und sich in weniger als zwölf Sekunden das Tuch hinter den Kopfstützen zusammengefaltet hat, ist der Roadster eine schlicht hinreißende Erscheinung. Die Insassen stören die kraftvolle Designlinie nicht, denn sie verschwinden sowieso bis zum Kinn hinter den Türen. Ein ästhetischer Fauxpas sind da schon eher die Vierregelungsstifte in den Türverkleidungen, die nicht recht zum High-Tech-Auftritt passen wollen. Aber die Amerikaner stehen auf dieses Relikt historischer Schließtechnik und in Übersee sitzen nun mal die meisten AMG-Kunden.

Heißer Renner – auch im Kofferraum

Die aufrichtige Suche nach weniger gelungenen Details erzielt aber nur bescheidene Ergebnisse. Der rechte Außenspiegel wird in den meisten Sitzpositionen zur Hälfte von der A-Säule verdeckt. Schmaler kann man sie aber nicht machen, denn der Scheibenrahmen muss so stabil sein, dass er im Falle eines Überschlags die Karosserie trägt. Die Ziffern der Hauptinstrumente sind nicht besonders gut ablesbar, die Skalierung ist grob und ein wenig mehr Kontrast würde gut tun. Um die Gefahr zu umgehen, permanent über der erlaubten Höchstgeschwindigkeit zu fahren, sollte man den Digitaltacho im Mittendisplay mitlaufen lassen.

Zu bemängeln gibt es nur wenige Details.
Zu bemängeln gibt es nur wenige Details.(Foto: Axel F. Busse)

Das gläserne Windschott zwischen den Kopfstützen etwas höher zu machen, hätte zweierlei Nutzen: Weniger Zugluft zwischen den Insassen und der Rand der Scheibe würde nicht ständig das Bild im Rückspiegel teilen. Nicht, dass die nachfolgenden Fahrzeuge irgendwie wichtig wären, aber die Glasfläche verzerrt das Bild im Spiegel ein wenig. Und schließlich: Wer Kaviar und Austern fürs Champagnerfrühstück eingekauft hat, tut gut daran, die kostbare Fracht im Fußraum des Beifahrers nach Hause zu kutschieren. Der Kofferraumboden kann sich leicht auf 40 Grad oder mehr erwärmen, dafür sorgen das an der Hinterachse platzierte Getriebe und die Auspuffschalldämpfer gleichermaßen.

Mit 173 Litern Volumen ist der Gepäckraum nicht kleiner als beim Coupé. Zwei Bordtrolleys müssen nur 69 Zentimeter hochgehoben werden und zwei oder drei kleine Knautschtaschen passen sogar auch noch mit rein. Das reicht zwar nicht für die Urlaubsreise, aber so rechnen auch nur Kunden, deren Auto für alle Einsätze taugen muss. Der SLS-Besitzer schickt entweder das Hauspersonal mit dem Feriengepäck im GL-Mercedes voraus oder die nötige Freizeitgarderobe wird in den Boutiquen am Zielort gekauft. "Wer einen SLS fährt, hat zumeist noch eine Reihe von anderen Fahrzeugen in der Garage. Drei oder mehr sind es in Europa", weiß Tobias Moers, Bereichsleiter Gesamtfahrzeug.

Wie vom Donner gerührt

In Deutschland sind die Mittelgebirge das Terrain, wo sich am meisten Spaß mit dem SLS haben lässt. Gewundene Landstraßen und ab und zu ein Tunnel – da kommt Freude auf. Man braucht nicht einmal in den Sport- oder Sport-plus-Modus zu wechseln, um die spontane Reaktion auf Gaszufuhr und die sensible Anpassung der Fahrstufen durch das Doppelkupplungsgetriebe zu spüren. Zwar ist die Gewichtsverteilung ein paar Prozent zugunsten der Hinterachse verschoben, doch beim plötzlichen Einlenken können die vordere Last und die breiten Walzen nicht ganz ohne Effekt bleiben. In dem 37 Zentimeter kleinen Lederlenkrad sind die wirkenden Kräfte und Widerstände förmlich mit Händen zu greifen. Der gewaltige Schub aus der Kurve heraus bleibt aber jederzeit beherrschbar, man darf nur nicht zu zaghaft lenken. Tunnel sind ein Erlebnis für sich. Das Gaspedal wird zum Lautstärkeregler, das sonore Bollern des Achtzylinders schlagartig zum Donnergrollen, als sei man ins Zentrum eines schweren Gewitters geraten.

Eine schöne Spielerei wird von der auf der Mittelkonsole gelegenen AMG-Taste aktiviert: Sie hat nichts mit härteren Dämpfern oder geänderter Motorkennlinie zu tun, sondern visualisiert Leistungs- und Fahrdynamikdaten. Wie viel PS werden gerade mobilisiert, welches Drehmoment wird an die Hinterachse gewuchtet? Auch Quer- und Längsbeschleunigung ("G-Force") sind darstellbar. Das ist zwar rasend interessant, aber man sollte die Verfolgung der Daten lieber dem Beifahrer überlassen.

Bilderserie

Fazit: Auch wenn die europäische Umweltgesetzgebung eifrig daran arbeitet, solchen PS-Preziosen den Garaus zu machen: Es wird sie noch eine Weile geben. So lange zumindest, wie es in anderen Regionen der Welt partiellen Wohlstand und laxe Abgasvorschriften gibt. Und das ist auch gut so, denn der SLS Roadster bietet ein unvergleichliches Fahrerlebnis, das wohl nur der empfinden kann, der ihn nicht täglich zur Verfügung hat. Normalverdiener können sich gewiss sinnvollere Dinge vorstellen, eine Viertelmillion Euro auf den Kopf zu hauen. Aber als weltgewandter und preisbewusster Jet-Setter könnte man ja auch in den USA einkaufen gehen: Dort kostet das Auto in vergleichbarer Ausstattung nach aktuellem Dollarkurs "nur" 181.350 Euro.

DATENBLATTMercedes SLS AMG Roadster
Abmessungen4,64/ 1,94 / 1,26 m
Radstand2,68 m
Leergewicht (DIN)1735 kg
Sitzplätze2
Ladevolumen (offen/geschlossen)173 / 173 l
Maximale Zuladung220 kg
Motor/HubraumV8-Zylinder Ottomotor mit 6208 ccm
Getriebe7-stufige S tronic mit dynamischer Gangwahl
Leistung571 PS (420 kW) bei 6800 U/min
KraftstoffartSuperbenzin
AntriebHeckantrieb
Höchstgeschwindigkeit317 km/h
max. Drehmoment650 Nm bei 4750 U/min
Tankinhalt85 l
Beschleunigung 0-100 km/h3,8 s
Normverbrauch (außerorts/innerorts/kombiniert)19,9 / 9,3 / 13,2 l
Testverbrauch13,8 l
EnergieeffizienzklasseG
CO2-Emissionen
(Normverbrauch)
308 g/km
Grundpreis195.160 Euro
Preis des Testwagens243.688,20 Euro


Quelle: n-tv.de

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