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Im Zyklopenauge des Tucker Torpedo versteckt sich das, was heute als adaptives Kurvenlicht verkauft wird.
Im Zyklopenauge des Tucker Torpedo versteckt sich das, was heute als adaptives Kurvenlicht verkauft wird.(Foto: RM Auctions)

Vor 65 Jahren verkannt: "Torpedo" ging nach hinten los

Von Holger Preiss

Der US-Autobauer Preston Tucker war ein genialer Erfinder. Doch wie das so ist mit Visionen: Sie finden nicht immer den Zuspruch, den sie verdienen. Der 1948 ersonnene Torpedo wartetet mit Features auf, wie sie heute Standard sind. Damals erregte der Wagen allerdings den Unmut der etablierten Hersteller. Auf einer Auktion kommt in Kürze eines der Modelle unter den Hammer.

Lediglich 51 TuckerTorpedo wurden hergestellt.
Lediglich 51 TuckerTorpedo wurden hergestellt.(Foto: RM Auctions)

Am 9. März wird in den USA ein Auto versteigert, das vor 65 Jahren die Autoindustrie hätte von Grund auf revolutionieren können. Der Autonarr Preston Thomas Tucker hatte mit seinem Tucker '48 Sedan "Torpedo" ein Fahrzeug entworfen, das weit über den damaligen Sicherheitsstandard von Serienfahrzeugen hinausging. Offensiv warb er noch vor dem Marktstart mit dem Slogan "Auto der Zukunft" ("Car of Tomorrow"). Und tatsächlich: Während die großen Drei (Big Three), Ford, Chrysler und General Motors, lediglich Fahrzeuge im Rahmen der damaligen Norm verkauften, wollte Tucker sein Fahrzeug sicherer machen. Ihm reichte es nicht, dass sich eine Blechhülle um die Insassen spannte, die bei Unfällen kaum Schutz bot.

Die frühe Vision

Deswegen baute Tucker in seinen Torpedo erstmals Sicherheitsgurte ein. Er versah das Fahrzeug mit einer Windschutzscheibe aus splitterfreiem Glas, die bei einem Aufprall nicht in den Innenraum fiel, sondern nach außen kippte. Und weil sich die Insassen bei Auffahrunfällen häufig an den harten und scharfen Kanten der Armatur verletzten, ließ er sie einfach weg. Lediglich eine Art gepolsterter Rahmen säumte die einst scharfen Kanten unter der Windschutzscheibe und unter den Seitenfenstern. Auch hier sollten die Verletzungsmöglichkeiten weitgehend minimiert werden. Selbst an ein adaptives Kurvenlicht hatte der "Car Guy", der bereits mit elf Jahren das Autofahren lernte, gedacht. Ein Scheinwerfer in der Mitte des Kühlergrills, das sogenannte Zyklopenauge, folgte den Lenkbewegungen des Fahrers. In seinen ersten Entwürfen hatte Tucker in seinem Torpedo sogar Scheibenbremsen vorgesehen und eine Einzelradaufhängung. Die Big Three setzten zu dieser Zeit lediglich auf eine Starrachsen und Blattfedern.

Befeuert wurde der Torpedo von einem Boxermotor, der 168 PS leistete.
Befeuert wurde der Torpedo von einem Boxermotor, der 168 PS leistete.(Foto: RM Auctions)

Auch beim Antrieb ließ sich Tucker nicht lumpen. Nach einigen Fehlversuchen mit einem zu schweren 9,7-Liter-Boxermotor verbaute er schließlich einen 168 PS starken 5,5-Liter V6 im Heck des Torpedo. Das Triebwerk stammte ursprünglich aus einem Hubschrauber. Verfeinert wurde das durch eine hydraulische Ventilsteuerung und eine Benzineinspritzung. Das dürfte auch für den bis heute beachtlichen cw-Wert von 0,27 gesorgt haben. In eine entsprechende Form hatte Tucker das Auto von dem damals renommierten Designer Alex Tremulis gießen lassen. In lediglich sechs Tagen entwarf er die bis heute extrem schnittig wirkende Karosse des Torpedo. Auch der Preis, den Tucker für den Wagen aufrief, war eine Kampfansage: lediglich 2450 Dollar kostete "Das Auto der Zukunft".

Die Angst der Big Three

Bleibt die Frage, warum sich der Wagen nicht durchsetzte und neben dem Prototyp lediglich 50 Fahrzeuge in dem ehemaligen Flugzeugmotorenwerk in Cicero, Illinois gebaut wurden? Ein Grund dürfte wohl gewesen sein, dass die etablierte Konkurrenz mit verleumderischen Kampagnen den Siegeszug des Tucker Torpedo bereits im Ansatz zu ersticken suchten. Zu gefährlich erschienen ihnen die Innovationen, und so behaupteten sie, dass ein Auto, das Sicherheitsgurte nötig habe, wohl kaum sicher sein könne.

Auch derTucker Carioca blieb nur ein Traum.
Auch derTucker Carioca blieb nur ein Traum.

Doch noch etwas anderes erwies sich als problematisch. So gut Tucker als Ingenieur war, so lausig war er als Geschäftsmann. Innerhalb eines Jahres geriet die Firma in finanzielle Turbulenzen. Die Folge war, dass er die Zulieferer nicht mehr bezahlen konnte und die Bauteile ausblieben. Erschwerend kam hinzu, dass Tucker der Steuerhinterziehung angeklagt wurde. Beachtliche 30 Millionen Dollar sollte er am Fiskus vorbeigeschummelt haben. Nach zähen Verhandlungen und einem spektakulären Prozess wurde Tucker freigesprochen. Doch der Produktionsstopp und die ausbleibenden Einnahmen hatten das Projekt Torpedo restlos zunichte gemacht. Tief enttäuscht zog Tucker nach Brasilien, wo er mit wenig Geld eine neue Idee verwirklichen wollte. Diesmal sollte es ein Sportwagen werden. Doch noch bevor der Tucker Carioca gebaut werden konnte, verstarb der geniale Erfinder 1956 an den Folgen eine Lungenentzündung.

Auch Regisseur George Lucas ("Krieg der Sterne"), dem bis 2005 ein Torpedo gehörte, erkannte die Tragweite  der Geschichte. Unter der Regie von Francis Ford Coppola ("Der Pate", "Apocalypse Now", "Bram Stokers Dracula") hob er das Leben und den Traum von Preston Thomas Tucker 1988 auf die Leinwand. Die Hauptrolle in "Tucker – Ein Mann und sein Traumauto" spielte Jeff Bridges. Ein Kracher wurde der Film nicht. Von den 25 Millionen Dollar Produktionskosten wurden hier knapp 19 Millionen eingespielt. Dennoch wurde dem Urvater des schnittigen Sicherheitsautos damit ein Denkmal gesetzt. Und die Tatsache, dass es von den insgesamt 51 Exemplaren, und hier zählt auch der Prototyp "Tin Goose" (Blechgans) dazu, noch 47 Exemplare existieren, spricht für sich.

Wenn jetzt der Tucker Torpedo, der einst George Lucas gehörte, versteigert wird, rechnen die Auktionäre mit einem Erlös von bis zu zwei Millionen US-Dollar.

Quelle: n-tv.de

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