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So stellen sich die Designer von Ugura Sahin das Rolls-Royce Phantom I Aerodynamic Coupé im 21. Jahrhundert vor.
So stellen sich die Designer von Ugura Sahin das Rolls-Royce Phantom I Aerodynamic Coupé im 21. Jahrhundert vor.

Rückkehr des Aerodynamic Coupé: Schönster Rolls aller Zeiten?

Von Holger Preiss

Im Jahr 1935 wurde in Belgien einer der außergewöhnlichsten und vielleicht schönsten Rolls-Royce aller Zeiten geschaffen. Die Studie der Firma Jonckheere schaffte es aber nie in die Produktion, verdankt ihr Überleben sogar einer Reihe von Zufällen. Jetzt soll das Phantom I Aerodynamic Coupé wieder auferstehen.

Das Original von Jonckheere steht heute im Peters Museum in Kalifornien.
Das Original von Jonckheere steht heute im Peters Museum in Kalifornien.

Hört man den Namen Jonckheere, fällt einem im ersten Moment nichts ein. Mit etwas Recherche stößt man auf einen großen belgischen Hersteller, der Spezialkarosserien für Busse und Autos baut. Doch in den 1930er Jahren machte sich die Firma mit einer anderen Spezialkarosserie einen Namen. 1935 schaft man bei Jonckheere die Grundlage für das Rolls-Royce Phantom I Aerodynamic Coupé. In den Wirren des Zweiten Weltkrieges verschwinden aber sämtliche Unterlagen und Fertigungsskizzen für dieses Einzelstück, das heute im Peterson Museum in Kalifornien steht.

Jetzt haben sich die Belgier an diese prachtvolle schwarze Bestie erinnert und suchen nach jemandem, der den Rolls-Royce im Stil des 21. Jahrhunderts zu neuem Leben erweckt. Die Wahl fällt auf die niederländischen Designer von Ugur Sahin. Deren letzte Konzeptstudie, eine Corvette mit dem Namen USD Z03, schaffte es später als "Anadi" sogar in die Produktion.

Ein breites rotes Lichtband ziert das Heck.
Ein breites rotes Lichtband ziert das Heck.

Beim Aerodynamic Coupé ist es für die Holländer wichtig, einen respektvollen Umgang mit dem Original zu finden. Es gibt nur wenige Autos, die so dramatisch gezeichnet sind wie das Jonckheere Coupé. Seine imposante Länge, die bedrohlichen Kurven und der Oversize-Grill lassen die meisten anderen Vorkriegswagen vergleichsweise langweilig aussehen. In der Art-Deco-Bewegung der 1930er Jahre geboren, zeichnet sich das Modell vor allem durch seine mathematisch-geometrischen Formen aus, die zu dieser Zeit extrem beliebt ist. Die kreisförmigen Türen bringen dem Coupé den Spitznamen "Rundtür Rolls" ein.

Von der Freakshow ins Museum

Die LED-Leuchten sind dem automobilen Zeitgeist von heute angepasst.
Die LED-Leuchten sind dem automobilen Zeitgeist von heute angepasst.

Aber eigentlich beginnt die Geschichte des Wagens viel früher. 1907 will der Raja von Nanpara ein neuen Rolls-Royce bestellen. Bei seiner Ankunft in England ist er mit dem angebotenen Coupé aber nicht zufrieden, so dass der Wagen nie fertiggestellt wird. Zehn Jahre später verschifft man das Chassis nach Belgien. Von dort gelangt es in die Werkstätten von Henri und Joseph Jonckheere. Begeistert von der Grundlage bauen die Belgier eine extravagante Einrichtung und entwickeln die außergewöhnliche Hülle. Im Zweiten Weltkrieg werden die Jonckheere-Werke weitgehend zerstört und der Wunderwagen wird fast verschrottet, wenn ihn nicht Max Obie, ein Sammler von Oldtimern, gerettet hätte.

Er restaurierte den Wagen, gibt ihm einen schrillen metallisch-goldenen Anstrich und lässt ihn auf Messen ausstellen, wo Besucher sich für einen Dollar auf den Sitzen, die sich in Betten verwandeln lassen, räkeln können. Nach diesen Freakshow-Tagen wandert der Wagen für lange Zeit in eine Garage, wo er fast in Vergessenheit gerät. Erst in den 1980er Jahren wird er wieder entdeckt und mit der Behauptung, er sei "für den Prince of Wales" gebaut worden, für 1,5 Millionen Dollar an einen Japaner versteigert, der das Fahrzeug 20 Jahre in seinem Besitz hatt.

Die Aerodynamik scheint der Rolls-Royce von einem Düsen-Jet übernommen zu haben.
Die Aerodynamik scheint der Rolls-Royce von einem Düsen-Jet übernommen zu haben.

Im Jahr 2000 gelangt der Jonckheere-Rolls-Royce, in all seine Einzelteile zerlegt, in die Vereinigten Staaten und wird von einem Händler in Kalifornien an das Peterson Museum verkauft. Dort setzt man ihn in mühevoller Kleinarbeit wieder zusammen und feierte seine Premiere beim Pebble Beach Concours im Jahre 2005.

So schön wie das Original

Im Jahr 2012 versucht Ugura Sahin nun in seinem Remake des Rolls-Royce Phantom I Aerodynamic Coupé, die Originallinien und Proportionen zu erhalten. Dennoch wollen die Holländer der Studie den Hauch des 21. Jahrhunderts geben. So bleiben die Kotflügelschwünge vorn extrem langgezogen. Die Hinterräder sind wie beim Original abgedeckt und dem steil aufragenden Kühlergrill folgt eine lange Motorhaube, eine extrem flach ansteigende Windschutzscheibe und das weit abfallendes Heck, das für die Namensgebung verantwortlich ist. Selbst die runden Türen des Oldtimers haben die Holländer nicht angetastet. Auf die überdimensionierte Finne, die vom Dach über den Rücken verläuft, hat man allerdings verzichtet.

Mutig zeigen sich die Designer von Ugura Sahin bei der Beleuchtung. Runde LED-Hauptscheinwerfer sorgen für eine entsprechende Ausleuchtung der Straße. Die Tagfahrlichtleisten zeichnen die Konturen der weit ausgestellten Kotflügel nach, während die Ausläufer des Kühlergrills als Aluminiumschlangen über die Motorhaube bis ins Heck reichen und dort in ein breites Lichtband münden.

Bis Dato gibt es das Jonckheere Rolls-Royce Aerodynamic Coupé II nur virtuell. Ugura Sahin hat aber bereits vermeldet, dass Gespräche mit potenziellen Investoren geführt werden. Sollten die erfolgreich sein, wird wie schon vom Original  zuerst einmal ein Unikat gebaut.

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Quelle: n-tv.de

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