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Und dann fahren wir raus an den See.
Und dann fahren wir raus an den See.(Foto: jog)

Liaison mit einer Italienerin: Giulietta ist schwer zu bändigen

Von Johannes Graf

Beim Test des Alfa Romeo Giulietta TCT stellt sich zu Beginn die Frage, wer hier mit wem fährt. Ist die Kraft des Sportflitzers erst einmal unter Kontrolle gebracht, zeigen sich die Stärken der Italienerin: Fahrten damit machen einfach Spaß. Auch wenn dafür über den einen oder anderen Makel hinweggesehen werden muss.

Ist die Giulietta erst einmal in Fahrt, bekommen die anderen schnell das schmucke Hinterteil der Italienerin zu sehen.
Ist die Giulietta erst einmal in Fahrt, bekommen die anderen schnell das schmucke Hinterteil der Italienerin zu sehen.(Foto: jog)

Es sind Runden der Erniedrigung. Als kleinwagenerprobter Autofahrer ist es zwar kein großer Schritt, sich in einen nigelnagelneuen Alfa Romeo Giulietta zu setzen. Dahin zu kommen wieder auszusteigen dagegen schon. Anwohner in dem ruhigen Wohnviertel in Berlins Nordosten schieben argwöhnisch die Gardinen beiseite. Wer ist dieser ängstlich dreinblickende Mann, der nun schon zum vierten Mal in diesem kraftvollen Sportwagen um den Block schleicht? Warum stellt er sein Fahrzeug nicht einfach ab?

Die einfache Antwort: Er traut sich nicht. Ein Tippen aufs Gaspedal des wuchtigen Automatikmobils reicht aus, um die Kontrolle zu verlieren. Wer sonst mit 60 PS auskommen muss, ist mit 170 PS schnell überfordert. Gut, dass zum Test nicht der 1.8 TBi mit 235 PS bereit steht. Jawoll, so ist das, liebe Freunde der Automobile, hier schreibt ein untermotorisiertes Weichei.

Unter der Haube wirken kraftvolle 170 Pferde.
Unter der Haube wirken kraftvolle 170 Pferde.(Foto: jog)

Die schlotternden Knie sind aber gar nicht nötig, wie schnell klar wird. Der immerhin stolze 38.525 Euro teure Bolide ist eben auch nur ein Auto und so gelingt in einem verkehrsarmen Moment und mit ruckartigem Manöver das Einparken. Dabei zeigt sich der erste Wermutstropfen - es wird nicht der letzte sein - des italienischen Flitzers: Die Heckscheibe der Giulietta ist geradezu winzig. Ganz offenbar ist das Auto für Menschen gebaut, die stets nach vorne blicken und nie zurück.

Turiner bestehen Premiere

Doch erst einmal genug genörgelt. Denn es ist gut, dass die Autobauer aus Turin einen Parkassistenten in das Fahrzeug gebastelt haben. Je nach Nähe zum Objekt schwillt ein Piepston zu einem nervenzerreißenden Fiepen an, wenn der Fahrer blind nach hinten setzt. Das ist toll, das funktioniert, das sollte jedes Auto heute haben. Und so landet die Giulietta unbeschadet in der Parklücke.

Ansonsten gilt es zu abstrahieren: Wer einen Alfa Romeo Giulietta von diesem Kaliber kauft, steht auf sportliches Fahren. Und genau das bietet das Italo-Gefährt. Generell liegt es solide auf der Straße. Auch wenn es mal etwas schneller um die Kurve geht, hält der Testwagen die Spur. Der Kickdown zum Überholen auf der Landstraße ist etwas schwerfällig, die sich dann entfaltende Zugkraft macht aber einiges wett.

Im Inneren setzen die Italiener auf ausgeprägte Sportlichkeit.
Im Inneren setzen die Italiener auf ausgeprägte Sportlichkeit.

Auf der Autobahn zieht die Giulietta binnen kurzer Zeit auf Geschwindigkeiten um die 200 km/h - auch wenn es sich im Innenraum dann ähnlich anhört wie in einem Formel-1-Wagen. Aber wie gesagt: Es gibt eben Menschen, die darauf stehen. Der TCT ist übrigens das erste Modell der Italiener, das ein Doppelkupplungsgetriebe mitbringt. Alles in allem ist diese Premiere gelungen.

Beim Ökostopp vergeht viel Zeit

Etwas Übung erfordert der Umgang mit dem Schalthebel, mit dem der Fahrer die Automatik außer Kraft setzt und die Schaltpunkte selbst wählt. Mit Drücken oder Ziehen des Schalthebels gleitet die Giulietta dann durch die insgesamt sechs Gänge. Alternativ können Freizeit-Vettels diese Funktion auch per Schaltwippe am Lenkrad bedienen. Ökonomischer ist zwar die Automatik, wer sich hin und wieder aber auch Fahrspaß gönnen will, den wird die Tipp-Schaltung begeistern.

Reine Spielerei dagegen sind die drei Fahrmodi, die per Kippschalter neben der Schalteinheit in der Mittelkonsole ausgewählt werden können. Normal, Allwetter und Dynamisch sollen unterschiedliche Straßenlage und Schaltpunkte definieren. Doch Unterschiede kann da wohl nur der Experte bemerken. Einzig das späte Schalten und damit verbundene etwas peinliche Aufheulen des Motors im Sportmodus ist erkenn- wie verzichtbar. Übrigens: Die Wahlmöglichkeit gibt es nur in der Stadt. Bei höheren Geschwindigkeiten schaltet die Giulietta automatisch in den Normalmodus zurück.

Die Brembo-Bremsanlage gibt es für 380 Euro. Für die "Superclassic"-Felgen werden 600 Euro fällig.
Die Brembo-Bremsanlage gibt es für 380 Euro. Für die "Superclassic"-Felgen werden 600 Euro fällig.

Ein Pluspunkt des Alfa ist die Motorstopp-Funktion bei längerem Stillstand. Beim Warten an der Ampel schaltet sich das Auto automatisch ab, sobald der Fahrer von der Bremse geht, springt der Motor wieder an. Per Kippschalter in der Mittelkonsole können weniger umweltbewusste Fahrer diese Funktion deaktivieren. Aber auch für notorische CO2-Klimabilanzrechner ist die Verlockung dazu groß. Denn der Neustart ist etwas behäbig. Andere Hersteller, erfahren etwa schon beim Toyota Yaris, zeigen, dass es schneller geht.

Wie jetzt? Erstäh oder zweitäh?

Im Innenraum spiegelt sich der Charakter der Giulietta wider: Sie ist und bleibt eben eine Sportliche. Dabei ist vieles von dem, was es da zu sehen gibt, Geschmackssache. Über dem Handschuhfach etwa ist eine bläulich-verchromte, gebürstete Blende zu finden. Auch die Einstiegsleiste glänzt silbern. Ansonsten ist für den stolzen Preis ein bisschen viel Plastik-Look im Cockpit zu finden.

Zudem birgt die Innenausstattung auch ein paar praktische Nachteile. Die ausklappbare Armlehne in der Mitte ist zwar gemütlich beim Fahren. Um die Handbremse anziehen zu können, muss sie jedoch erst umständlich wieder hochgestellt werden. Wer während der Fahrt die Neigung der Lehne anpassen möchte, bekommt ebenfalls Schwierigkeiten. Ist der Gurt angelegt, ist auch das Drehrad verdeckt. Vieles wirkt da nicht bis zum Ende durchdacht.

Wem bei diesen kleineren Mängeln das Lachen vergeht, sollte sich ein wenig mit der Sprachsteuerung des Autos beschäftigen. Die ist, ebenso wie die Ausgabe der sonst einwandfrei funktionierenden Navigation, nämlich mitunter unfreiwillig komisch. Eine etwas blecherne Stimme bietet nach der Aktivierung mehrere Menüpunkte an und schließt mit der Option: "Sie können auch jederzeit Hilfe sagen." Bei der Komplexität des Systems ist man geneigt, den Rat zu befolgen. Und wenn zugleich das Navigationsgerät knarzt "Verlassen Sie den Kreisverkehr an der zweitähn Ausfaahrt", dann erst recht.

Fazit: Sportfreunde finden im Alfa Romeo Giulietta ein wirklich gelungenes Mobil, um Gas zu geben und dabei gut auszusehen. Im Test verbrauchte das Modell bei etwa gleichen Anteilen von Stadt- und Autobahnfahrten im Schnitt 7,3 Liter Diesel – für einen Boliden dieser Kraft ein erwartbares, aber nicht eben überragendes  Ergebnis.

DATENBLATTAlfa Romeo Giulietta 2.0 JTDM 16V TCT
Abmessungen4,35/ 1,79/ 1,46 m
Radstand2,63 m
Leergewicht (DIN)1380 kg
Sitzplätze5
Ladevolumen350 l / 1045 l
EmissionsklasseEU 5
Motor/HubraumVier-Zylinder Common-Rail-Direkteinspritzer mit 1956 ccm Hubraum
Getriebe6-Gang Automatik mit Doppelkupplungsgetriebe
Leistung170 PS (125kW)
KraftstoffartDiesel
AntriebFrontantrieb
Höchstgeschwindigkeit218 km/h
max. Drehmoment250 Nm bei 2500 U/min
Tankinhalt60 l
Beschleunigung 0-100 km/h7,7 s
Normverbrauch (außerorts/innerorts/kombiniert)4,3/6,7/5,2
Testverbrauch7,3 l
CO2-Emissionen
(Normverbrauch)
121 g/km
Grundpreis28.900 Euro
Preis des Testwagens38.525 Euro

Quelle: n-tv.de

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