Auto
Auf der Autobahn hält der Laster auch auf der Überholspur bis 180 km/h locker mit.
Auf der Autobahn hält der Laster auch auf der Überholspur bis 180 km/h locker mit.(Foto: Textfabrik/Busse)

Ford Ranger Wildtrak: Auf wilden Fährten

Axel F. Busse

Mit dem knorrigen Pick-up Ranger versucht Ford den Import amerikanischer Vorlieben nach Deutschland. Was mit Fast Food glänzend geklappt hat, muss mit Automobilen aber nicht unbedingt funktionieren. Eindrücke aus der Praxis vom Sondermodell Wildtrak.

Lifestyle-Laster: Ein Bügel über der Ladefläche, Leichtmetallfelgen und Trittbretter machen den Ranger boulevardtauglich.
Lifestyle-Laster: Ein Bügel über der Ladefläche, Leichtmetallfelgen und Trittbretter machen den Ranger boulevardtauglich.(Foto: Textfabrik/Busse)

Die Vorstellung klingt bizarr: Ein von Schlamm verkrusteter Kleinlaster rollt vor die Empfangshalle des Luxushotels. Es entsteigen geschniegelte Insassen in feierlicher Garderobe und mit den Worten "Sorry, es war leider keine Zeit mehr zum Wagenwaschen" drücken einer dem Pagen die Autoschlüssel in die Hand.

So stellen sich professionelle Werber gelebten Individualismus vor. Ein Auto für alle Anforderungen und eines, das nicht jeder hat. Offene Kleinlaster wie der Ford Ranger, so genannte Pick-ups, spielen hierzulande noch immer eine Nebenrolle, wenn es um das einzige Gebrauchsauto im Haushalt geht. Nach dem Erscheinungsbild scheint ihre Zweckbestimmung doch eher der Transport von Zaunlatten und Gartenplatten. Aber den Herstellern wäre es natürlich lieber, wenn auch freizeitaktive Singles ihre Quads oder Tauchausrüstungen damit in der Gegend herum fahren würden.

Mit einem Marktanteil um die 0,3 Prozent an den Gesamtzulassungen in Deutschland, erfüllen sie alle Anforderungen an ein klassisches Nischenprodukt. Doch es gibt sie. Mazda BT 50, Toyota Hilux oder Mitsubishi L 200 sind in anderen Teilen der Welt Massenprodukte. Die Nähe zu Mazdas BT 50 dokumentiert sich in erster Linie darin, dass dieser scheinbar uramerikanische Ranger in Thailand gefertigt wird, dort, wo Mazda auch seinen offenen Laster bauen lässt. In Deutschland wurden in diesem Jahr vom Ford Ranger bereits 834 Exemplare zugelassen, während es der BT 50 auf immerhin 503 brachte. Beim L 200 war es gerade 85.

Das meistverkaufte Auto Amerikas

Das sind überschaubare Zahlen, aber Ford gehört weltweit zu den Herstellern mit der größten Erfahrung auf dem Pick-up-Sektor. Das Modell F 150 ist nicht nur in seinem Segment unangefochtener Marktführer, sondern auch seit 28 Jahren ununterbrochen das meistverkaufte Auto in den USA. Dort werden normale Pkw und so genannte "Light trucks" wie zum Beispiel Geländewagen in einer Kategorie zusammen gefasst und der F 150 fährt bei den Verkäufen immer vorneweg. Technische Gemeinsamkeiten zwischen Ranger und F 150 gibt es jedoch nicht.

Die drei Zusatzinstrumente auf der Mittelkonsole geben bei Geländefahrt hilfreiche Informationen.
Die drei Zusatzinstrumente auf der Mittelkonsole geben bei Geländefahrt hilfreiche Informationen.(Foto: Textfabrik/Busse)

So ein Ranger, zumal wenn es sich um die besonders ausgestattete Version Wildtrak handelt, beeindruckt erst einmal durch seine physische Präsenz. Er ist 5,17 Meter lang und 1,76 Meter hoch. Die offene Ladefläche ist wegen der Doppelkabine nur 1,53 Meter lang, dafür verträgt sie aber ein Gewicht von 1,1 Tonnen. Das ist etwa so viel, wie ein Ford Ka wiegt.

Wichtigster Unterschied zu den US-Pick-ups, die meist mit V8- oder V6-Benzinmotoren unterwegs sind, ist, dass der Ranger von einem Vierzylinder-Diesel angetrieben wird. Zur Wahl stehen zwei Hubraum- und Leistungsstufen. Der Motor der Wildtrak-Version hat drei Liter Hubraum und leistet 156 PS. Das klingt nicht besonders reichlich, vor allem, wenn man sich das Leergewicht des Wagens von mehr als 1900 Kilogramm vergegenwärtigt.

Um so erstaunlicher ist das Fahrerlebnis, hat man sich erst einmal in der hohen Kabine häuslich eingerichtet. Zur Serienausstattung des Wildtrack gehören Trittbretter, die das Erklimmen der Sitzplätze erleichtern. Im hinteren Teil der Doppelkabine geht es nicht ganz so geräumig zu wie vorn, jedoch herrscht dank der geraden Seitenwände und der hohen Decke ein zufrieden stellendes Raumgefühl. Dass man hier mit Allradtechnik nach alten Schrot und Korn unterwegs ist, merkt man spätestens an den beiden Schalthebeln. Der eine dirigiert das Fünfganggetriebe, der andere die Auswahl zwischen Heckantrieb, normalem Allrad-Modus und der Geländeuntersetzung. Längst überholt und deshalb am besten als nostalgische Verklärung vergangener Autozeiten zu werten sind die Handbremse mit Rastergestänge unter dem Lenkrad sowie die ausziehbare Antenne am oberen Ende der A-Säule.

Große Freiheit und nervöses Heck

Wer nicht gerade den Wintervorrat an Kaminholz aus dem nassen Herbstwald holen will, kommt mit Heckantrieb ganz gut zurecht. Dabei entbehrt es nicht eines gewissen Charmes, dass eine wenig belastete Hinterachse Probleme zeigt, die maximal 380 Newtonmeter Drehmoment adäquat an die Straße weiterzugeben. Eine leichte Versuchung, mit dem Heck zu wedeln ist unverkenn- aber auch leicht kontrollierbar. Gutmütigkeit zeichnet den Ranger aus, Übersichtlichkeit und er vermittelt dem Fahrer das Gefühl, jederzeit Herr des Geschehens zu sein.

Das verriegelbare Ladeflächenrollo ist gegen 1785 Euro Aufpreis erhältlich.
Das verriegelbare Ladeflächenrollo ist gegen 1785 Euro Aufpreis erhältlich.(Foto: Textfabrik/Busse)

Gut möglich, dass mancher schon beim zweiten oder dritten Mal den Wunsch verspürt, den Sitz hinterm Lenkrad mit einem breitkrempigen Hut auf dem Kopf zu erklimmen. Der "Sattel" ist ein bequemes Möbel, das mit dem eingestickten Schriftzug "Wildtrak" den Cowboy an seine wahre Bestimmung erinnert: Eingefahrene Wege zu verlassen und den Herausforderungen der Wildnis zu trotzen. Der Ranger tut dies mit 20,5 cm Bodenfreiheit, einem Böschungswinkel von 34 Grad und einer Wattiefe von 75 Zentimetern.

Welchen Aktionsradius das in der Praxis bedeutet, hat natürlich keiner der selbst ernannten Asphaltcowboys so richtig im Gefühl, weshalb der Ranger mit ganz besonderen Fahrhilfen glänzt. Mittig auf der zentralen Konsole sind drei Zusatzinstrumente platziert, die präzise über den Neigungswinkel des Fahrzeugs nach Längs- und Querachse Auskunft geben und obendrein die eingeschlagene Himmelsrichtung anzeigen. So wühlt sich das Auto durchs Unterholz, nur kurze Kuppen können den Ranger wegen seines langen Radstandes in Verlegenheit bringen. Klimaanlage, Sitzheizung und Radio-CD-Wechsler entsprechen zwar nicht der klassischen Abenteurer-Ausrüstung, sind aber ebenfalls serienmäßig an Bord.

Gelassenheit bei hohem Tempo

Der Federungskomfort ist eher von der rustikalen Sorte, das zeigt sich schon nach kurzer Strecke auf dem ausgefahrenen Waldweg. Trapper reiten zwar nicht auf Blattfedern, doch auch nur ungern um Hindernisse herum. Auf der Überholspur offenbarte der Testwagen Fähigkeiten, die kein Porsche hat: Die Tachonadel schlägt bei Vollgas tatsächlich am Ende der Skala an, in diesem speziellen Falle standen (per GPS gemessene) 183 km/h zu Buche.

Die Klappe der Ladefläche ist praktisch und belastbar, hat aber den Nachteil fehlender Abschließbarkeit.
Die Klappe der Ladefläche ist praktisch und belastbar, hat aber den Nachteil fehlender Abschließbarkeit.(Foto: Textfabrik/Busse)

Auch bei diesem für einen Laster mörderischen Tempo verhielt sich der Ranger erstaunlich gelassen. Klar, Windgeräusche en masse, aber nicht einmal 4000 Umdrehungen an der Kurbelwelle, das macht einen robusten Dreiliter-Diesel doch noch nicht mürbe. Bei 120 km/h schwimmt der Ranger entspannt im Reiseverkehr mit, hat die Reserven, so manche voll beladene Ferien-Familienkutsche rechts liegen zu lassen und begnügt sich bei alledem noch mit weniger als zehn Litern Verbrauch. Auch das gehörte zu den Überraschungen dieser Testfahrt: Trotz hohen Leergewichts und reichlich Kurzstreckenanteil konsumierte der Testwagen mit 9,7 Litern nur einen halben Liter mehr als nach EU-Norm vorgesehen.

Für einen Einstiegspreis von 23.800 Euro muss man sich mit einer Einzelkabine und einem 143 PS starken 2,5 Liter-Motor begnügen. Wer den stärkeren Motor sowie Alufelgen, Edelstahl-Einstiegsleisten, Seitenairbags, Nebelscheinwerfer und Dachreling braucht, zahlt für das Wildtrack-Modell mit Doppelkabine 36.592,50 Euro.

Fazit: Wer einmal den Ranger (oder einen anderen Pick-up) längere Zeit fahren konnte, kriegt eine Ahnung von dem, wie Amerikaner ticken. Das Auto ist weder schön noch sonderlich zeitgemäß, jedoch ungeheuer praktisch und es hat Charme. Es macht einfach Spaß, mit dem Ranger auf wilde Fährten ("wild track") zu gehen. Die Kosten sind überschaubar, der Nutzen groß und die Umwelteinstufung mit Euro 4 in der Norm.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen