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Die BMW F 800 R will als Roadster alles in sich vereinen und wird damit zu einem Ü-Ei.
Die BMW F 800 R will als Roadster alles in sich vereinen und wird damit zu einem Ü-Ei.(Foto: Holger Preiss)
Freitag, 29. September 2017

Ü-Ei für Einsteiger: BMW F 800 R - Alleskönnerin mit Bums

Von Holger Preiss

Dass Motorradfahren etwas Archaisches hat, ist unbestritten. Deswegen muss es aber nicht eindimensional sein. Mit der BMW F 800 R kann sich der Fahrer jedenfalls im Rahmen einer Dreifaltigkeit bewegen, zahlt aber auch einen entsprechend hohen Preis.

Gepäckbrücke, Koffer, selbst der rote Ring am Felgenkranz müssen bei der BMW F 800 R extra bezahlt werden.
Gepäckbrücke, Koffer, selbst der rote Ring am Felgenkranz müssen bei der BMW F 800 R extra bezahlt werden.(Foto: Holger Preiss)

Es gibt Sportler, Tourer und Cruiser. Aber die Einzelparameter zählen kaum, wenn Universalität gefragt ist. Wer also abseits der monothematischen Felder auf ein Motorrad steigen will, der sucht in der Regel das Überraschungsei. Und da müssen bekanntermaßen mindestens drei Dinge auf einmal drin sein. Ein solches Ü-Ei ist die BMW F 800 R. Im Jahr 2014 komplett überarbeitet, erhielt sie zwei Jahre später erneut ein Facelift und eine kleine Leistungsspritze. Herausgekommen ist ein Bike, das vom kurzen Ausritt zum Bäcker über den entspannten Lauf über die Landstraße bis hin zum giftigen Sportangriff für alles taugt. Noch dazu, weil sie auch in einer auf 48 PS gedrosselten Variante angeboten wird und so für Fahreinsteiger mit der Führerscheinklasse A2 geeignet ist.

Kein Werk des Teufels

Für viele sind ja diese Universalbikes ein Werk des Teufels, die den puren Fahrspaß - in welche Richtung er auch immer gehen möge - verhindern. Bereits beim Starten der F 800 R wird bemängelt, dass sie nicht emotional genug alles rausrotzen würde. Ja, die für Motorräder geforderte EU-4-Norm hat viel vom einstigen Sound geschluckt. Doch dass da gar nichts mehr wäre, ist schlicht gelogen. Wer den Startknopf der Bayerin drückt, darf sich über ein tief aus dem Genitalbereich aufsteigendes Grollen freuen, das dann in launiges Brabbeln übergeht. Das hat nichts mit dem dumpfen Hämmern einer Harley zu tun und ist auch nicht mit dem Kettensägenmassaker der Übersportler zu vergleichen. Um auf sich aufmerksam zu machen und dem Fahrer ein wohliges Gefühl zu verschaffen, reicht es aber allemal. Und wer es ganz hart haben will, der kann für die F 800 R auch einen Akrapovic-Sportschalldämpfer ordern.

Die Schaltzentrale der BMW F 800 R lässt sich extrem gut bedienen.
Die Schaltzentrale der BMW F 800 R lässt sich extrem gut bedienen.

Letztlich wird aber die Amplitude der Wallungen nach Ansicht des Autors nicht über den Klang, sondern über den Fahrmodischalter und den jeweiligen Streckenverlauf geregelt. In Serie bietet BMW für die F 800 R zwei Fahrprogramme: Road und Rain. Das erste dürfte klar sein, beim zweiten wird einfach Druck vom Kessel genommen. Die 90 PS, die der Reihenzweizylinder bereitstellt, werden reduziert und auch die 86 Newtonmeter maximales Drehmoment nicht mehr in Gänze auf die Kette geworfen. Fein dosiert lässt sich die knapp 200 Kilogramm schwere BMW so problemlos auch durch nasse Kehren führen. Klar, der versierte Fahrer wird sich mit den zwei Fahrprogrammen nicht zufrieden geben und zusätzlich das Dynamic-Programm ordern. In Kombination mit den elektronisch verstellbaren Dämpfern, deren Bandbreite von Normal über Comfort bis Sport reicht, sollte dann auch alles abgedeckt sein.

Vom Roadster zum Sportster

Packt man Dynamik und Sport zusammen, hat man ein Motorrad, das ohne Mühe vom Roadster zum Sportster wird. Über das E-Gas-System lässt sich der Vortrieb spontan erhöhen. Da gibt es keinen Verzug und der Zeiger des analogen Drehzahlmessers schießt Richtung 9000 und damit kurz vor den roten Bereich des Begrenzers. Doch bevor der eingreift, klickt der linke Fuß den nächsten Gang ein und das Spiel geht von vorne los. Es dauert keine vier Sekunden und der Tester in Blackstorm Metallic knallt an der 100-km/h-Marke vorbei. Wie lange es dauert, bis auch die 200 fällt, kann an dieser Stelle nicht gesagt werden. Der Blick ging von der Uhr weg hin zur Straße.

Am Vorderrad der BMW F 800 R beißen die Zangen in zwei 320er Scheiben.
Am Vorderrad der BMW F 800 R beißen die Zangen in zwei 320er Scheiben.(Foto: Holger Preiss)

Ist letztlich auch unwichtig, denn eigentlich bewegt man sich abseits der Rennstrecke mit dieser Marke ohnehin jenseits von Gut und Böse. Insofern ist etwas anderes viel wichtiger, nämlich der Umstand, dass die F 800 R als Nakedbike recht souverän mit dem Tempo umgeht. Bis 200 gibt es keine spürbare Unruhe im Bike, was das Sicherheitsgefühl enorm erhöht. Dass man das Tempo über lange Strecken geht, darf allerdings bezweifelt werden, weil der Parallel-Twin bei hohen Drehzahlen doch etwas in Vibrationen gerät. Für die sanfte Entschleunigung des Geschosses sorgt die Motorbremse bei der Gasrücknahme. Wer es schneller braucht, lässt vier Zangen in die zwei 320er Scheiben am Vorderrad beißen und bemüht den Einkolbenschwimmsattel, der sich an der Hinterhand in eine 265er Scheibe krallt. Das Ganze ist ABS-unterstützt und lässt sich gut dosieren.

Auch mit dem Popo zu lenken

Dennoch sollte man Vorsicht walten lassen. Wer die Hinterradbremse richtig eintritt oder vorne zu vehement am Bremsgriff zieht, muss mit einer sehr spontanen Verzögerung fertig werden. Bei der taucht die Upside-Down-Gabel weit ein und nutzt den ihr zur Verfügung stehenden Federweg von 125 Millimetern auch wirklich restlos aus. Insgesamt ist die BMW bei einem Nachlauf von 100 Millimetern aber nicht wirklich bösartig in ihren Reaktionen. Erfreut sogar durch ein neutrales Einlenkverhalten, das sich aber über Gesäß und Schenkel gut unterstützen lässt. In Summe ergibt das eine Leichtigkeit im Handling, die sich vor allem bei Kurvenfahrten und im Stadtverkehr bezahlt macht. Als Alleskönner zeigten sich hier auch die Michelin-Pilot-Road-4-Reifen, die den Fahrer mit ausgezeichnetem Grip bei trockener und nasser Fahrbahn unterstützten.

Der Parallel-Twin leistet 90 PS und wirft 86 Newtonmeter auf die Kette der BMW F 800 R.
Der Parallel-Twin leistet 90 PS und wirft 86 Newtonmeter auf die Kette der BMW F 800 R.(Foto: Holger Preiss)

Aber nur die sportliche Seite zu betonen, würde der Universalität der Bayerin nicht gerecht werden. Wie schon erwähnt, taugt sie auch für flotte und vor allem lange Überlandfahrten. Die Sitzhöhe von 790 Millimetern ist fast universell. Der Knieschluss und der Anstellwinkel sind für Fahrer bis 1,80 Meter etwas passiv, aber sehr komfortabel. Optional kann auch auf eine 770 Millimeter hohe Sitzbank oder eine 820 Millimeter hohe "Komfortsitzbank" zugegriffen werden. Insgesamt ist die Haltung des Fahrers entspannt aufrecht ohne unsportlich zu wirken, was auch die Langstrecke zur problemlosen Spaßfahrt werden lässt. Für die und für den Transport bietet BMW eine Gepäckbrücke und Seitenkoffer, die lediglich auf die Vorrüstungen aufgesteckt werden müssen und ebenso leicht zu entfernen sind. Ergonomisch machen sich die Tourenkoffer richtig gut und sind auch während der Fahrt nicht spürbar. Nur beim Aufstieg muss das rechte Bein logischerweise etwas höher geschwungen werden.

Wer Komfort will, bekommt ihn auch

An dieser Stelle würde der Autor auch den echten Zweirad-Puristen widersprechen, die bezweifeln, dass es eine Dämpferabstimmung jenseits von Sport braucht. Die sind wahrscheinlich auch noch nicht über Brandenburger Landstraßen geheizt, mit Schlaglöchern so tief, dass sich eine Kranichfamilie locker darin verstecken kann. Und genau dann, wenn solche Krater in Gabel und Hinterarmschwinge schlagen, macht sich das Komfort-Programm bezahlt. In Kombination mit der Road-Einstellung können so auch mal 200 Kilometer am Stück abgespult werden.

Rundum informiert das Display der BMW F 800 R, aber es ist nicht wirklich gut ablesbar.
Rundum informiert das Display der BMW F 800 R, aber es ist nicht wirklich gut ablesbar.(Foto: Holger Preiss)

Während der Tour wird der Fahrer übrigens durch die Rundinstrumente über Tempo und Drehzahl auf dem Laufenden gehalten, das Digitaldisplay sorgt für die Infos zu Fahrwerkseinstellung und Fahrprogrammen. Allerdings sind gerade diese Angaben etwas murkelig geraten, was die Lesbarkeit deutlich erschwert. So ist zum Beispiel kaum zu erkennen, ob die Heizgriffe mit Stufe eins oder zwei befeuert werden. Ja, es gibt für die F 800 R Heizgriffe. Nur was für Weicheier? Mag sein, der Autor hat die Handwärmer am frühen Morgen jedenfalls genossen und fühlte sich eher gut als schlecht dabei.

Unterm Strich steht der Preis

Sollten noch Wünsche offen sein, kann man sich die mit den Sonderausstattungen erfüllen. Ein Teil davon fand schon lobende Worte, anderer blieb bis dato unerwähnt. Dazu gehört zum Beispiel das Dynamik-Paket. Darin enthalten sind weiße LED-Blinkleuchten, ein LED-Rücklicht, eine Motorverkleidung und die mit Gummizügen befestigte Soziusabdeckung. Alles in allem sind das 315 Euro extra. Das Safety-Paket mit den oben erwähnten Fahrmodi, automatischer Stabilitätskontrolle, der Dämpferverstellung ESA und einer Reifendruckkontrolle kostet zusätzlich 745 Euro. Und auch den erwähnten Bordcomputer, Heizgriffe, Gepäckbrücke, Hauptständer und Kofferhalter gibt es nur im Paket für weitere 530 Euro. Am Ende landet man bei einem Preis von 10.640 Euro. Verglichen mit der italienischen oder japanischen Konkurrenz ist das eine ordentliche Stange Geld. Andererseits hat die BMW F 800 R so auf jede Frage eine Antwort und wird gewissermaßen zur eierlegenden Wollmilchsau.

Fazit: Für einen Einsteiger ist die BMW F 800 R mit all ihren Tugenden ein recht teures Bike. Anderseits ist sie ein wirklich universelles Motorrad. Hinzu kommt, dass die optional erhältlichen Sicherheitsfeatures auch nicht so versierte Fahrer an entscheidenden Stellen unterstützen können. Wer also mindestens 9050 Euro investiert, hat nichts verkehrt gemacht und zudem in die Zukunft investiert. Denn, die BMW zeigt sich auch gebraucht als sehr wertstabil.

DATENBLATTBMW F 800 R
Abmessungen (Länge)2,14 m
Radstand1,53 m
Sitzhöhe790 mm
Trockengewicht (DIN)197 kg
Gewicht fahrbereit202 kg
Zul. Gesamtgewicht405 kg
Federweg Vorn/hinten125 / 125 mm
Lenkkopfwinkel64°
Nachlauf100 mm
MotorWassergekühlter Zweizylinder- Viertakter-Reihenmotor mit 798 Kubikzentimeter Hubraum
Getriebe6-Gang manuell
Systemleistung66 kW / 90 PS
KraftstoffartBenzin
Beschleunigung 0- 100 km/h3,9 s
Höchstgeschwindigkeit218 km/h
Tankvolumen15 Liter
max. Drehmoment86 Nm / bei 5800 U/min
Normverbrauch (120 km/h)4,8 Liter
Testverbrauch4,2 Liter
AbgasreinigungEU4
Grundpreis  9050 Euro
Preis des Testmotorrads10.640 Euro

Quelle: n-tv.de

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