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Lautlos durchs Wohngebiet: Bis zu 30 km legt der BMW i8 elektrisch zurück.
Lautlos durchs Wohngebiet: Bis zu 30 km legt der BMW i8 elektrisch zurück.(Foto: Busse/Textfabrik)

Der andere Elektrosportler: BMW i8 zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Von Axel F. Busse

Exoten müssen nicht aus Asien kommen, auch in Leipzig entsteht ein auf deutschen Straßen eher selten anzutreffendes Fahrzeug: Der BMW i8 ist technisch anspruchsvoll, aber kein Verkaufsschlager. Der n-tv.de-Praxistest untersucht, warum das so ist.

Wenn die Türen hochschwingen, recken Passanten die Hälse nach dem BMW i8.
Wenn die Türen hochschwingen, recken Passanten die Hälse nach dem BMW i8.(Foto: Busse/Textfabrik)

Nur ein gutes Viertel der knapp 400 Neuanmeldungen, die vergangenes Jahr beim Kraftfahrtbundesamt vom BMW i8 aktenkundig wurden, lautet auf private Halter. Bei der Chevrolet Corvette zum Beispiel sind es mehr als die Hälfte. Ist der Hybrid-Sportler in Form des BMW i8 den deutschen Sportwagenfans zu fortschrittlich? Das einzigartige technische Konzept, hinreißendes Design und das öko-konforme Versprechen, völlig abgasfrei unterwegs sein zu können, scheinen vielen offenbar keine ausreichenden Argumente für eine 130.000-Euro-Investition zu sein.

Dabei verdient es allen Respekt, dass BMW das 2009 vorgestellte Konzeptfahrzeug "Vision Efficient Dynamics" nur minimal verändert und innerhalb von kaum mehr als drei Jahren in Serie und auf die Straße gebracht hat. Die kostspielige Karbon-Bauweise, das technisch aufwändige Hybrid-System, schwingenartige Flügeltüren und der – gemessen am Leistungsvermögen – niedrige Verbrauch lassen selbst den sechsstelligen Preis wie ein Sonderangebot erscheinen. Dennoch erreichen konventionell angetriebene Sportwagen dieser Klasse ein Mehrfaches an Neuzulassungen.

Mit Schwung über den Schweller

Elegant, individuell und informativ: Das Cockpit des BMW i8.
Elegant, individuell und informativ: Das Cockpit des BMW i8.(Foto: Busse/Textfabrik)

Am Straßenrand drehen sich die Köpfe, wenn die Flügeltüren des i8 hochschwingen. Die breiten Schweller der Karbonzelle verlangen, dass man sich einen geänderten Bewegungsrhythmus zum Einsteigen aneignet als bei herkömmlichen Karosserien. Ist die Übung erlernt, kann man sehr elegant in die Sitzschalen gleiten. Was die Insassen wahrnehmen, dürfte dem nahe kommen, was Leonard Nemoy alias "Mr. Spock" am ersten Drehtag zu "Enterprise" am Set vorfand. Das Cockpit-Styling ist nicht weniger aufregend als die Außenhülle, elegante Schwünge und lichte Abdeckungen, das Design der Anzeigen ändert sich je nach Fahrmodus: Blau für Comfort, Rot für Sport, weiß für Verbrauchs- und Reichweitenanzeige.

Gut, dass es vertraute Elemente gibt wie den Getriebewählhebel und den Dreh-Drück-Steller für die iDrive-Bedienung. Das Navigationssystem markiert in grünen Linien den Radius, der mit der aktuellen Batterieladung erreicht werden kann. Die Sitzschalen sind äußerst bequem, gut zu justieren und seitenstabil genug, um den Insassen auch bei rasanter Fahrt ein sicheres Gefühl zu geben. Für ein Sportcoupé herrschen geradezu üppige Platzverhältnisse, was nicht zuletzt daher rührt, dass der Radstand des Wagens mit 2,80 Metern ungefähr so lang ist wie bei einem BMW x3. Der aber muss fünf Passagiere befördern können.

So sitzt der Synchron-Elektromotor auf der Vorderachse des BMW i8.
So sitzt der Synchron-Elektromotor auf der Vorderachse des BMW i8.(Foto: Busse/Textfabrik)

Dies sind die wichtigsten Elemente in der i8-Galaxis: E-Motor auf der Vorderachse, Dreizylinder-Benziner hinter der Passagierkabine, Lithium-Ionen-Akku zum rein elektrischen Fahren und Aufladen an der Steckdose. Nimmt man den mit Range Extender ausgestatteten BMW i3 zum Vergleich, ist die Anordnung der wichtigsten Bauteile praktisch identisch, nur die Fahrtrichtung ist unterschiedlich. Mit dem richtigen Anschluss sind 80 Prozent der Batterieladung binnen zwei Stunden wieder hergestellt.

Elektrisch bis 120 Stundenkilometer

Die Reichweite des gesamten Energievorrats – im Tank befinden sich mindestens 30, bei kostenpflichtiger Bestellung des größeren Behälters 42 Liter – gibt BMW mit maximal 600 Kilometern an. Das dürfte für die Fahrt zur nächstgelegenen Küste oder Bergregion reichen. Was nicht reicht, will man länger als zwei Tage bleiben, ist der Kofferraum. Das 154-Liter-Fach ist schmal und man muss die Taschen fast einen Meter hochhieven, um sie darin zu versenken. Da kann man sich allenfalls damit trösten, dass ein Audi R8 noch weniger Gepäckraum bietet.

Von zartem Pfeifen untermalt, rollt der i8 los, der Elektromotor schiebt mit 250 Newtonmetern ab der ersten Umdrehung an. BMW hat dem E-Motor ein Zweigang-Getriebe spendiert, damit vom Anfahren bis zur elektrisch möglichen Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h gleichmäßiger Zug sichergestellt werden kann. Hat der Fahrer keinen anderen Modus vorgewählt, schaltet sich der 231 PS starke Verbrenner bei 65 km/h automatisch zu. Seine Kraft verarbeitet eine Sechsgangautomatik. Der Wechsel zwischen elektrischem und kombiniertem Modus erfolgt fast unmerklich, lediglich bei starker Lastanforderung gibt der Dreizylinder seine akustische Visitenkarte ab. Und die ist trotz des geringen Hubraums mit fetten Lettern bedruckt. Da stört es nicht, dass künstlich nachgeholfen wurde, ein Sportwagen ohne Sound ist wie ein Tiger ohne Krallen.

Nur wenig unterscheidet sich der BMW i8 vom damaligen Konzeptauto.
Nur wenig unterscheidet sich der BMW i8 vom damaligen Konzeptauto.(Foto: Busse/Textfabrik)

Der kleine Motor im Heck brummelt grimmig, die Summe aus 320 konventionell und 250 elektrisch erzeugten Newtonmetern drückt die (mit Insassen) rund 1,6 Tonnen schwere Fuhre in die Spur. Die Lenkung reagiert mit BMW-konformer Präzision, das etwas hölzern wirkende Dämpfungsgeschehen ist der sportlichen Attitüde nicht abträglich. Dank ausgefeilter Aerodynamik (cw=0,26) machen sich Windgeräusche erst ab etwa 160 km/h wirklich bemerkbar.

Weiße Flecken auf der Lade-Landkarte

Nun wird im Sportwagensegment jedoch mit anderer Währung gezahlt, als zum Beispiel im Umfeld des braven i3. Sie heißt "Performance" und will ein optisch rassiger Zweisitzer dort mithalten, braucht es Biss und Ausdauer. Erschwerend kommt hinzu, dass BMW selbst den Wagen zum Ökosportler erklärt hat, Genuss ohne Reue also, ein dynamisches Ausnahmetalent mit grünem Anstrich. Eine elektrische Reichweite von 30 Kilometern und 362 PS Systemleistung sollten dafür genügen. Aber der Technologieträger hat eben auch systembedingte Eigenheiten, die wohl nicht alle Sportwagenfans überzeugen. Im Grunde braucht der i8 einen stets vollen Akku. Das Beschleunigungsvermögen von 4,4 Sekunden auf 100 km/h gleich ein paar Mal hintereinander zu testen, kostet enorm Strom. Ohne ist der i8 wie ein Weltklasseturner nach 100 Liegestütz: Er hat zwar noch Kraft, für eine Medaille reicht es aber nicht mehr.

Es ist nicht zuletzt die Infrakstruktur an Ladestationen in deutschen Landen, die das große Vergnügen am schadstofffreien Autofahren dämpft. Mit der richtigen Steckdose in der Nähe, könnte man bequem zum Sightseeing oder Shopping rollen, im Parkhaus den Stecker ziehen und mit gut gefülltem Akku die elektrische Fahrt fortsetzen. Das Navigationsgerät will helfen, denn Ladestationen sind dort hinterlegt. Nur hat die Landkarte noch zu viele weiße Flecken und universelle Anschlussmöglichkeiten gibt es für Elektrofahrzeuge auch noch nicht.

So wird denn trotz guter Vorsätze Superbenzin verfeuert, immerhin zweigt der Dreizylinder noch ein wenig Leistung ab, um den Akku während der Fahrt zu laden. Die 2,1 Liter pro 100 Kilometer aus dem Prospekt sind so im Nu ins Reich der Fabel entschwunden. Die 7,6 Liter, die der Bordcomputer am Ende der Testfahrt auswirft, sind dennoch ein respektables Ergebnis, denn unter den konventionell angetriebenen Coupés der 360-PS-Klasse dürfte man wohl keines finden, das bei gleichen Fahranforderungen auf diesen Wert gekommen wäre. Mit einem errechneten Stromverbrauch von 13,2 kWh je 100 Kilometer lag der Testwagen 1,3 Kilowattstunden über der Herstellerangabe und damit auf dem Niveau, was BMW für seinen i3 angibt.

Fazit: Der BMW i8 ist ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg, die Ansprüche sportlichen Fahrens mit denen der Umweltverträglichkeit zu versöhnen. Dass es das faszinierende Coupé nicht in allen Disziplinen mit den herkömmlich angetriebenen Vertretern seiner Leistungsklasse aufnimmt, ist kein Wunder: Die Konkurrenz hatte einige Jahrzehnte länger Zeit, ihre Produkte zu optimieren. Ein leuchtendes Vorbild für kommende Generationen hochdynamischer und hocheffizienter Sportwagen ist der i8 dennoch.

DATENBLATTBMW i8
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe)4,69 / 1,94 / 1,29 m
Radstand2,80 m
Leergewicht (DIN)1485 kg
Zuladung370 kg
Sitzplätze2
Ladevolumen154 Liter
Motor3-Zylinder-Turbo-Ottomotor mit 1499 ccm Hubraum
Getriebe6-Stufen-Automatikgetriebe
Systemleistung170 kW/ 231 PS bei 5800 U/min
KraftstoffartSuperbenzin
E-MaschineElektro-Synchronmotor
E-Nennleistung75 kW (102 PS)
Batterieart / -kapazitätLithium-Ionen / 5,2 kWh
Systemleistung266 kW / 362 PS
Tankinhalt42 Liter
AntriebAllradantrieb
Höchstgeschwindigkeit250 km/h
max. Drehmoment320 Nm bei 3700 U/min
Beschleunigung 0-100 km/h4,4 s
Normverbrauch (kombiniert NEFZ) je 100 km2,1 l
Testverbrauch5,3 l
CO2-Emissionen
(Normverbrauch)
49 g/km
AbgasnormEuro 6 / A+
Grundpreis130.000 Euro
Preis des Testwagens130.000 Euro

Quelle: n-tv.de

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