Oben ohne mit der 4. Karosserieform: Der Golf unter den Cabrios
Der Sommer geht, die Cabrio-Saison bleibt. Wenn stürmische Brisen als Vorboten des Herbstes übers Land pfeifen, holt der leidenschaftliche Cabrio-Fan eher die Lederkappe heraus, als das Dach zu schließen. Erfahrungen mit dem offenen Golf, den es ab 23.625 Euro gibt.
"Das Beste zum Schluss" könnte das Motto der Varianten-Strategie beim VW Golf sein. Schon geistern Computerretuschen und Studienbilder von der 7. Golf-Generation durch die Gazetten, da bringt der Hersteller noch die vierte Karosserieform des aktuellen Golfs auf den Markt. Nach Limousine, Hochdachversion ("Plus"), Kombi und acht Jahren Pause endlich wieder ein Golf fürs Offenfahren. Was Kunden und Fachpresse gleichermaßen schätzen ist der Verzicht auf den Überrollbügel, der den Vorgängern ein despektierlichen "Henkelmann"-Kosenamen einbrachte.
Der Freiluft-Golf ist in sechs verschiedenen Motor-/Getriebe-Kombinationen erhältlich, wovon vier Otto- und zwei Dieselmotoren haben. Für den 1,6-Liter-Diesel steht nur ein Fünfgang-Schaltgetriebe zur Wahl, bei dem Testwagen handelte es sich um einen 1,4-Liter-TSI-Motor, der mittels Twincharger eine Leistung von 160 PS erreicht.
Länger als die Golf-Limousine
Da Volkswagen mit dem Modell Eos bereits ein Klappdach-Cabrio im Sortiment hat, war es bei der Konzeption des Golfs keine Frage, dass er wieder eine Stoffhaube bekommt. Mit dem elegant geschnittenen Segeltuch wirkt das Auto sehr flach und gestreckt. Dieser Eindruck rührt von den rund 13 Zentimetern mehr Fahrzeuglänge her, die das Cabrio mitbringt, die Höhe ist nahezu identisch mit der des Ausgangsmodells. Gleichzeitig mit dem Überrollbügel entfiel auch die B-Säule, so dass die seitliche Fensterfläche nur von einem schmalen Steg unterbrochen wird, wo die beiden Scheiben sich an einer Gummilippe treffen.
Alle vier Seitenscheiben sind voll beweglich, lassen sich also bei geschlossenem wie offenem Dach einzeln auf- und abwärts bewegen. Das ist aus zwei Gründen von Bedeutung: Erstens sorgen sie – letztlich in Verbindung mit dem Windschott – für weitestgehenden Schutz gegen Zugluft. Zweitens widerlegen sie die Behauptung einiger Hersteller, es sei problematisch, bei Offenfahrt die Stabilität der hinteren Scheiben zu gewährleisten und verwehren die Möglichkeit, sie bei geöffnetem Dach hochzufahren. Dass diese Scheiben ohne die obere Führung locker sitzen, war beim Golf nicht zu bemerken. Wegen der guten Abschottung brauchte das Windschott (es kostet leider 315 Euro Aufpreis) während mehrerer hundert offener Testkilometer nicht zum Einsatz zu kommen.
Freier Blick in die Mechanik
Für Konstruktion und Bedienbarkeit der elektromechanischen Stoffmütze muss es Lob, aber auch etwas Kritik geben. Das Dach öffnet und schließt enorm schnell: Um die Sonne herein zu lassen, wurden 10,8 Sekunden gemessen, um Regen auszusperren 12,6. Beides ist bei langsamer Fahrt möglich. Das Dach sitzt gut, auch auf holperigem Grund knirschte oder knackte nichts. Logisch wäre es, zum Öffnen den zentralen Hebel vor der Mittelablage nach hinten zu ziehen und zum Schließen nach vorn zu drücken – leider ist es umgekehrt. Wer das Auto nicht nur zum Testen, sondern ständig fährt, wird sich daran nicht stören. Eher schon an dem Verzicht auf eine zusätzliche Abdeckung des Bewegungsgestänges. Es bleibt beim Open-Air-Betrieb sichtbar. Es dürften Kostengründe gewesen sein, die dazu geführt haben, denn es wären außer der Abdeckung natürlich ein Zugmechanismus und weitere Elektromotoren nötig gewesen.
Die Größe des Kofferraums bleibt von der Nutzung der Dachfunktion unbeeinflusst, weil der Verdeckkasten als flache Mulde direkt hinter den Sitzen ausgebildet ist. 250 Liter Volumen sind nicht wirklich viel, da sie aber jederzeit nutzbar sind, kann man sich auf die mögliche Koffer- und Taschenzahl gut einrichten. Für den Notfall steht eine Durchladeöffnung zur Verfügung. Zum Schließen des Kofferraumdeckels ist ein etwas höherer Kraftaufwand nötig, denn die Hebelwirkung ist wegen der kurzen Klappe gering.
Turbo schafft Temperament
Obwohl ein viersitziger Zweitürer immer recht große Zustiegsöffnungen braucht, sind die Türen angenehm leicht und man gleitet sehr bequem in eine relativ hohe Sitzposition. Der bekannt übersichtliche und funktionsgerechte Innenraum des Golfs bedarf keiner detaillierten Beschreibung. Objektiv gesehen hat das Platzangebot Wohlfühlniveau, jedoch schaffen bei geschlossenem Verdeck der schwarze Dachhimmel und der schwarze Scheibenrahmen eine kellerartig finstere Atmosphäre. Bauartbedingt sind auch Abstriche bei der Rundumsicht unvermeidlich, denn dort, wo bei anderen Autos die C-Säule ist, wird hier ein breiter Keil aus Segeltuch gespannt. Auf den hinteren Plätzen geht es erwartungsgemäß etwas beengter zu, positiv ist zu vermerken, dass auch die hinteren Kopfstützen einen großen Einstellspielraum haben.
Der 1390 ccm große Vierzylinder, dem ein Kompressor und ein Turbolader Temperament einblasen, ist ein unauffälliger und wirkungsvoller Begleiter. Zwar wird von VW nur in den 400 beziehungsweise 600 Euro teureren "Blue-Motion"-Versionen eine Start-Stopp-Automatik angeboten, doch auch ohne diese Spritspartechnologie kam beim Ampelstopp hier und da der Verdacht auf, der Motor könnte sich angeschaltet haben. So leise und kultiviert läuft der kleine Motor, der zum Spurten immerhin 240 Newtonmeter Drehmoment mobilisieren kann.
Das reicht für 216 km/h Höchstgeschwindigkeit, sagt der Hersteller, überprüft wurde das in diesem Praxistest nicht. Dass auch bis 160 km/h frisurschonend offen gefahren werden kann, ist belegt, ebenso die Tatsache, dass darüber bei geschlossenem Verdeck die Windgeräusche schnell einen nervenden Charakter bekommen. Die Motorkraft ist für ein 1503 Kg schweres Auto in jeder Situation ausreichend, für den Zwischenspurt von 80 bis 120 km/h wurden 11,2 Sekunden gemessen.
Lenkung von spielerischer Leichtigkeit
Das Siebengang-DSG-Getriebe hat zu recht viel Lob erhalten, es ist für eine kräftige Beschleunigung fast ohne Zugkraftunterbrechung verantwortlich. Wünschenswert wäre eine Sperre zwischen Normal- und Sportmodus. Nach dem Ausparken zum Beispiel oder wenn es nach dem Rangieren in die dauerhafte Vorwärtsfahrt geht, kann der Wählhebel schnell mal in die Sportmodus rutschen, was man erst dann so richtig bemerkt, wenn der Motor lange in unerwünscht hohen Drehzahlen verharrt. Spielerisch leicht, aber ohne Defizite bei Direktheit und Präzision, ist die elektromechanische Lenkung eingestellt. Anstelle der selbstständigen Einparkfunktion wie bei anderen VW-Modellen gibt es für 270 Euro Aufpreis eine Rückfahrkamera.
Im Praxistest erwies sich der kleine Benzinmotor als nicht ganz so genügsam, wie erwartet. Nach EU-Norm mit 6,3 Liter in kombinierten Verbrauch gemessen, waren im Praxistest 7,1 Liter fällig. Für ein unkompliziertes Fahrvergnügen mit dem durch permanentes Offenfahren eklatant verschlechterten cw-Wert ist das aber vertretbar. Der etwas straffe Federungskomfort ist tadellos und passt zum Charakter des Fahrzeugs, nur bei Kopfsteinpflaster werden die Schläge zuweilen an der Vorderachse hörbar.
Fazit
Warum ist der VW Golf ein Bestseller? Weil er vorbildliche Verarbeitung mit Vielseitigkeit, Wertstabilität mit Wirtschaftlichkeit verbindet. Das alles gilt uneingeschränkt auch für die Cabrioversion. Man wird sie nicht unbedingt als Familienkutsche für den vierwöchigen Urlaub einsetzen wollen, aber zu den meisten anderen Gelegenheiten wird sie ihren Besitzern Freude machen.
| DATENBLATT | VW Golf Cabriolet 1.6 TSI |
| Abmessungen L / B / H | 4,34/ 1,78/ 1,47 m |
| Radstand | 2,58 m |
| Leergewicht (DIN) | 1503 kg |
| Sitzplätze | 4 |
| Kofferraumvolumen (bei geöffnetem/geschlossenen Dach) | 250 / 250 l |
| max. Zuladung | 512 kg |
| Motor | 4-Zylinder-Reihenmotor mit 1390 ccm Hubraum / Twincharger |
| Getriebe | 7-Gang Doppelkupplungsgetriebe |
| Leistung | 160 PS (118 kW) bei 5800 U/min |
| Kraftstoffart | Super |
| Antrieb | Frontantrieb |
| Höchstgeschwindigkeit | 216 km/h |
| max. Drehmoment | 240 Nm bei 1500 – 4500 U/min |
| Tankinhalt | 55 l |
| Beschleunigung 0-100 km/h | 8,4 Sek |
| Normverbrauch (außerorts/ innerorts/ Durchschnitt) | 7,8 l / 5,4 l / 6,3 l |
| Testverbrauch | 7,1 l |
| CO2-Emissionen (Normverbrauch) | 148 g/km |
| Grundpreis | 27.875 Euro |
| Preis des Testwagens | 38.875 Euro |
Quelle: n-tv.de

