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Der Countryman ist der erste Mini, der auch mit Allradantrieb angeboten wird.
Der Countryman ist der erste Mini, der auch mit Allradantrieb angeboten wird.(Foto: n-tv.de/Busse)

Mini Cooper S Countryman All 4: Die gewachsene Ikone

von Axel F. Busse

Käfer, 911er, Ente – die Zahl der automobilen Ikonen ist überschaubar. Der Mini zählt zweifellos dazu, auch wenn er heute nur noch der Namensgeber einer Modellvielfalt ist, die sich zur Großfamilie mausert. Das stattlichste Mitglied, der Countryman, zeigt im Praxistest, was noch Mini an ihm ist.

Wo hört klein auf, wo fängt "Maxi" an? Das liegt wohl im Auge des Betrachters. Tatsache ist, dass zwischen der Außenlänge des Minis der 60er Jahre und dem Countryman von heute satte 106 Zentimeter liegen. Um so viel ist der Viertürer länger als sein Urahn, von der um 22 Zentimeter weiter aufragenden Dachhöhe ganz zu schweigen. Das Wachstum der Ikone ist also durchaus doppeldeutig zu verstehen. Doch mit dem Maßband ist das Phänomen Mini nicht zu beschreiben. Das Gesamtkunstwerk wird von einer wiedererkennbaren Front, den Proportionen, kurzen Überhängen und originellem Innen-Design bestimmt.

Spaßfaktor: Mit der präzisen Lenkung ist jede Kurve ein neuer Grund zur Freude.
Spaßfaktor: Mit der präzisen Lenkung ist jede Kurve ein neuer Grund zur Freude.(Foto: n-tv.de/Busse)

Der Countryman ist der erste Mini, den es auch mit Allradantrieb gibt. Er wird dadurch kein Geländewagen, trägt aber dem Bedürfnis vieler Kunden nach Traktions- und Sicherheitsreserven Rechnung. Gegenwärtig macht der Countryman etwa ein Viertel des Gesamtvolumens aus, hat sich also bei demnächst fünf angebotenen Karosserievarianten stabil etabliert. Etwa jeder dritte "Landmann" wird mit dem Allradantrieb ausgeliefert. Das ist aus zweierlei Gründen bemerkenswert: Zum einen liegt dieser Anteil deutlich über dem Niveau anderer Hersteller, die in einer Baureihe ebenfalls Zwei- und Vierradantrieb anbieten, zum anderen sind ja überhaupt nur drei von neun Countryman-Varianten.mit 4x4-Antrieb erhältlich.

Schon 37 Varianten auf dem Markt

Nicht, dass so ein Riesenbaby zur Bewahrung der westlichen Zivilisation unbedingt nötig wäre, doch seine Existenz entspringt einer einleuchtenden Diversifizierungs-Strategie und der festen Absicht, den Markenkult auf möglichst viele Modelle auszudehnen. Ein Mini-Coupé hat bekanntlich gerade eine respektable Vorstellung beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring hingelegt, ein Mini-Roadster wurde auch schon als Studie auf Messen gesichtet. Aktuell können die Kunden zwischen 37 Varianten des Minis wählen. Die Wahl zwischen Kult und Vielseitigkeit bleibt den Kunden auch für die Bestuhlung des Countryman. Zwei Einzelsitze hinten werden die Benutzer sicher zu schätzen wissen, mit der verschiebbaren durchgehenden Bank hinten ist dieser Mini allen anderen kompakten Fünfsitzern ebenbürtig.

Ein 184-PS-Turbomotor sorgt für genügend Schub, um lästige Verfolger abzuschütteln.
Ein 184-PS-Turbomotor sorgt für genügend Schub, um lästige Verfolger abzuschütteln.(Foto: n-tv.de/Busse)

Angetrieben wird der Testwagen mit dem bekannten 1,6 Liter großen Turbomotor, der 184 PS leistet. Diese Cooper S-Variante und der Cooper D sind die einzigen, die es mit der "ALL4"-Technik gibt. Obwohl größere Karosse und Allradantrieb ein Mehrgewicht von 240 Kilogramm gegenüber dem zweitürigen Cooper S bedeuten, ist der Countryman ein agiles Auto. Dank der besseren Traktion liegt er im Normsprint 0 bis 100 km/h gegenüber dem Cooper S nur 0,8 Sekunden zurück. Gegenüber den frontgetriebenen Varianten des Countryman zahlt der Kunde für "ALL4" einen Aufpreis zwischen 1500 bzw. 1600 Euro.

Der Basispreis des Testwagens liegt bei 27.900 Euro, doch wer Mini kauft, will sich normaler Weise nicht mit einem Auto von der Stange begnügen. Weitaus häufiger als die Kunden anderer Kleinwagen bestellen Mini-Interessenten kostspielige Sonderausstattungen. Und beim Hersteller weiß man, dass die Kunden schmerzverträglich sind. Handyvorbereitung und USB-Schnittstelle werden zum Beispiel mal eben mit 310 Euro berechnet. Mit Navigationssystem, Park-Abstandsradar, Beifahrersitz-Höhenverstellung, Xenon-Licht, Nebelscheinwerfern, Klimaautomatik. Lederlenkrad und anderen Nettigkeiten kam der Testwagen auf einen Anschaffungspreis von 36.440 Euro. Das ist alles andere als "Mini".

Kleinteiligkeit auf der Konsole

Mehr Dekorelement als Tachometer ist das gewaltige Instrument, das auch den Navi-Bildschirm beherbergt.
Mehr Dekorelement als Tachometer ist das gewaltige Instrument, das auch den Navi-Bildschirm beherbergt.(Foto: n-tv.de/Busse)

Aber in Wahrheit bewegen wir uns mit diesem Möchtegern-Mini ja auch im Kompaktsegment. Es bedarf keiner großen Anstrengung, für einen Golf eben viel Geld auszugeben. Der ist dann aber immer noch ein Golf. Und wer nach Kleinteiligkeit sucht, wird im unkonventionell gestalteten Innenraum auch schnell fündig. Da ist unter dem tellergroßen Kombiinstrument mit Tachoskala und Navi-Bildschirm eine Bedienfläche angebracht, die etwa 17 x 22 Zentimeter misst. Es ist den Konstrukteuren doch tatsächlich gelungen, auf diesem Tableau 33 Knöpfe, Schalter und Regler unterzubringen. Die sitzen nicht nur unpraktisch tief, sondern sind zuweilen auch noch fummelig und nicht mit dem ersten Hinlangen zuverlässig zu handhaben. Ein bisschen weniger Verspieltheit hätte da gut getan. Das Lenkrad hat eine Längsverstellung, die jedoch nur wenige Zentimeter beträgt und deshalb ihrem Zweck nicht vollends gerecht wird. Über die Platzierung der Außenspiegel sollte bei der Modellüberarbeitung auch nochmal nachgedacht werden, denn auch wer eine hohe Sitzposition bevorzugt, kann rechts nicht die volle Spiegelfläche einsehen, der untere Teil wird von der Türkante verdeckt.

Zwischen den gut ausgeformten Polstern und bei der viersitzigen Ausgabe bis nach hinten reichend ist das so genannte Center-Rail angebracht, wo eine verschiebbare Box alle Kleinteile aufnimmt, die sonst gern irgendwo im Auto herumliegen: Wohnungsschlüssel, Handy, Sonnenbrille. Auch die Getränkehalter befinden sich auf der Schiene. Zu den Mini-Eigenartigen gehören die Bügel-Handbremse und die Fensterheber, die nicht in den Türverkleidungen, sondern in der bereits erwähnten Sammelsurium-Konsole untergebracht sind. Bestellt man statt vier Sitzen die Rückbank-Ausführung, lassen sich durch deren Verschiebbarkeit statt 350 Liter Minimal-Kofferraum sogar 450 Liter generieren. Davon unbeeinflusst bleibt die Ladekante, die man sich etwas niedriger wünschte.

Das "Go-Kart-Gefühl" bewahrt

Typisch Mini: Der Scheinwerferausschnitt in der Motorhaube gehört zu den Eigenheiten der Karosserie.
Typisch Mini: Der Scheinwerferausschnitt in der Motorhaube gehört zu den Eigenheiten der Karosserie.(Foto: n-tv.de/Busse)

Die kleineren Störfaktoren sind freilich nichts, womit man lange hadern müsste. So ein Mini bietet ein zuverlässiges Rezept gegen den kleinen Verdruss und das heißt Fahrspaß. Viele reden davon, er bringt ihn. Denn obwohl die etwas untersetzte Statur des jüngsten Landmannes längere Federwege und damit auch eine stärkere Seitenneigung als die vorherigen Modelle mit sich bringt, bleibt das unvergleichliche "Go-Kart-Gefühl" erhalten, dass wesentlichen Anteil am stabilen Erfolg des Mini hat. Die 240 Newtonmeter des Turbomotors sind eine gute Voraussetzung für energische Spurts, die präzise Lenkung vermittelt eine guten Kontakt zum Geschehen. Und weil im Zweifelsfalle die Hinterachse mithilft, ist selbst bei Annäherung an den Grenzbereich die Neigung zum Untersteuern überschaubar.

Die elektronische Verteilung der Antriebskraft, die über eine Lamellenkupplung erfolgt, kann nötigenfalls bis zu 100 Prozent des Antriebsmoment an eine Achse leiten. Und wirklich sinnvoll, so ist die Steuerung programmiert, ist Allradantrieb nur im unteren Drittel der Temposkala. Geht es flott geradeaus, genau gesagt ab 140 km/h, wird zur Minimierung von Reibung und Rollwiderstand die Hinterachse entkoppelt. Im vorliegenden Fall hat dies jedoch wenig dazu beitragen, den Verbrauch zu minimieren. Trotz des im City-Verkehr permanent aktiven Start-Stopp-Systems standen am Ende der Testphase 8,1 Liter Durchschnittsverbrauch zu Buche. Nach EU-Norm waren dagegen 6,7 gemessen worden. Wegen der Antriebstechnik an der Hinterachse fehlen dem Tank des Countryman gegenüber dem Cooper S etwa drei Liter Volumen.

Die Proportionen stimmen: Trotz mächtig gewachsener Abmessungen ist der Mini auf Anhieb zu erkennen.
Die Proportionen stimmen: Trotz mächtig gewachsener Abmessungen ist der Mini auf Anhieb zu erkennen.(Foto: n-tv.de/Busse)

Fazit: Der Countryman ist ein gewagter, aber gelungener Versuch, den Kult der Marke in ein neues Segment zu hieven. Trotz der erheblich größeren Ausmaße wirkt das Auto stimmig und authentisch. Seine Besonderheit: Der erste Mini in den man hinten einsteigen kann, ohne vorher einen Termin bei Physiotherapeuten vereinbart zu haben. Ein Kompakt-SUV ist der Allradler deshalb nicht geworden, aber eine ernst zu nehmende Antwort auf die anhaltende Nachfrage solcher Fahrzeuge. Für den Mutterkonzern BMW ist der Kult um die Marke bares Geld wert. Nur wenigen Pkw gelingt es, aus Tradition und Moderne so unverblümt Kapital zu schlagen.

DATENBLATTMini Cooper S Countryman All 4
Abmessungen L / B / H4,11/1,79/1,56 m
Radstand2,60 m
Leergewicht (DIN)1455 kg
Sitzplätze4
Ladevolumen normal/Rückbank umgeklappt350/1170l
max. Zuladung460 kg
MotorVierzylinder Otto-Motor mit Abgasturbolader, 1598 ccm Hubraum
Getriebe6-Gang manuell
Leistung184 PS (135 kW) bei 5500 U/min
KraftstoffartSuper
AntriebAllradantrieb
Höchstgeschwindigkeit210 km/h
max. Drehmoment240 Nm bei 1600 U/min
Tankinhalt47 Liter
Beschleunigung 0-100 km/h7,9 sek
Normverbrauch (außerorts / innerorts / Durchschnitt)8,2/ 5,8 / 6,7 l
Testverbrauch8,1 l
CO2-Emissionen
(Normverbrauch)
157 g/km
Grundpreis27.900 Euro
Preis des Testwagens36.440 Euro

Quelle: n-tv.de

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