Auto
Trotz der abfallenden Dachlinie herrscht in der Juke-Box hinten ausreichende Kopffreiheit.
Trotz der abfallenden Dachlinie herrscht in der Juke-Box hinten ausreichende Kopffreiheit.(Foto: Axel F. Busse)

Von allem ein bisschen – geht das?: Die rollende Juke-Box

von Axel F. Busse

Wer sich im Straßenverkehr gern verstecken möchte, sollte besser ein anderes Auto wählen: Der Nissan Juke sieht so ungewöhnlich aus, weil er alles sein will – vor allem aber "Crossover". Ein Bericht aus der Praxis:

Ein bisschen Coupé, ein bisschen praktischer Fünftürer, ein bisschen Kompakt-SUV und ein Hauch Sportwagen – wer so viele Erwartungen erfüllen will, kommt mit konventionellen Formen nicht zurande. Der Nissan Juke ist deshalb äußerst unkonventionell geraten und festigt aus Sicht des Herstellers "seinen Ruf als Vorreiter bei der Entwicklung innovativer Fahrzeugkonzepte".

Für diesen Test stand die 110 PS starke Dieselversion zur Verfügung, die von einem 1,5 Liter großen Vierzylinder über die Vorderräder angetrieben wird. Alternativ dazu können die Kunden zwischen einem 117-PS-Benziner und der 190 PS starken Topversion wählen. Im vergangenen und in diesem Jahr wurde etwa jeder fünfte Juke mit Dieselmotor ausgeliefert. Einen klaren Aufwärtstrend zeigt der Anteil der Allrad-Verkäufe: Waren es 2011 in Deutschland noch knapp sieben Prozent der Neuzulassungen, liegt der aktuelle Wert bereits über zehn Prozent.

Hochbeinige Konstruktion

Muskulös wie Popeye: Die prägnanten Radhäuser machen den Juke zu einer auffälligen Erscheinung.
Muskulös wie Popeye: Die prägnanten Radhäuser machen den Juke zu einer auffälligen Erscheinung.(Foto: Axel F. Busse)

Ein paar Details von der Aufsehen erregenden Studie "Qazana" – gezeigt 2009 auf dem Genfer Salon – konnten die Designer mit in die Serienfertigung des Juke retten. Die bumerangartigen Heckleuchten zum Beispiel, die muskulös ausgeformten Radhäuser, die erhöhte Bodenfreiheit sowie die längs auf den Kotflügeln liegenden Gläser des Tagfahrlichts. Der Verzicht auf eine B-Säule nebst gegenläufig öffnender Türen schafften es leider nicht in die Serie. Um die Illusion eines Coupés wenigstens optisch zu erhalten, wurden die Klappengriffe der hinteren Türen senkrecht neben die Scheibe gelegt. Das ist für ein als vollwertiger Fünfsitzer ausgelegtes Auto nicht immer praktisch.

Die hochbeinige Konstruktion (180 mm Bodenfreiheit) führt zu einer angenehm hohen Sitzposition. Die Freude darüber währt nur nicht lange, denn bei der Suche nach dem optimalen Abstand zu den Pedalen muss man leider feststellen, dass es an einer Längsverstellung für die Lenksäule fehlt. Dieser Mangel sollte eigentlich echten Kleinwagen vorbehalten bleiben und nicht bis ins B-Segment hinein reichen. Bei der Sicht nach vorn geben die Gläser auf den Oberseiten der Kotflügel noch hilfreiche Orientierungspunkte, nach hinten oder auch zur Seite ist es mit der Übersichtlichkeit nicht weit her, was dem coupé-artigen Aufbau geschuldet ist. Lob verdient deshalb die Entscheidung der Nissan-Verantwortlichen, der Ausstattungslinie Tekna gleich eine Rückfahrkamera zu spendieren.

Beitrag zur Heiterkeit

Die Cockpitgestaltung ist originell, aber nicht immer zweckmäßig.
Die Cockpitgestaltung ist originell, aber nicht immer zweckmäßig.(Foto: Axel F. Busse)

Ihr Bild erscheint im Monitor des ebenfalls serienmäßigen Navigations- und Entertainments-Systems. Die Touchscreen-Bedienung ist einfach und praxisgerecht, die Qualität der Grafik kommt jedoch über die von mobilen Geräten nicht hinaus. Was vermutlich als die Fortsetzung des originell-dynamischen Stylings in den Innenraum gedacht war, erfüllt die Anforderungen von Praxisnähe nicht immer. Zum Beispiel sind die Schalter für die elektrischen Außenspiegel und das ESP unhandlich und außerhalb des normalen Zugriffsbereichs angebracht. Das gilt auch für den versteckten USB-Anschluss. Weitgehend frei von selbsterklärender Logik ist das "Dynamik Control System" oberhalb des Schalthebels. Ein animierter Balken im Display soll ökonomische Fahrweise visualisieren, eine Start-Stopp-Automatik oder eine Schaltempfehlung wären aber sinnvoller gewesen. Ein Beitrag zur Heiterkeit ist die "G-Force"-Anzeige, die Längs- und Querbeschleunigung wie bei einem "richtigen" Sportwagen darstellen kann.

Licht und Schatten auch bei der Nutzung des Gepäckfachs: Beim Umlegen der hinterebn Sitze entsteht eine ebene Ladefläche, auf der ein Volumen von bis zu 830 Litern unters Dach gestapelt werden kann. Die Koffer oder Kisten muss man jedoch erst über die Ladekante in 80 Zentimetern Höhe lupfen. Das ist fast so viel wie bei einem Laster vom Typ VW Amarok und eindeutig zu hoch für ein Crossover-Mobil, dass sich von der vielseitigen und praktischen Seite zeigen will. Sind die hinteren Sitze durch Passagiere belegt, freuen die sich über ausreichend Beinfreiheit (sofern die vorne Sitzenden die Verstellschiene nicht bis zum Anschlag ausnutzen). Auch die Kopffreiheit ist kommod, obwohl das stark nach hinten abfallende Dach dies nicht vermuten ließe.

Umfangreiche Serienausstattung

Pluspunkte sammelt der Juke durch eine umfangreiche Ausstattung. Als Benziner für unter 20.000 Euro bringt er serienmäßig sechs Airbags und ESP, ein Navigations- und Multimediasystem inklusive Aux- und USB-Schnittstelle, Bluetooth-Freisprecheinrichtung, Rückfahrkamera, schlüsselloses Zugangs- und Startsystem, Klimaautomatik, Licht- und Regensensor mit.

Nissan bietet den Juke mit zwei Motor- und drei Ausstattungsvarianten an.
Nissan bietet den Juke mit zwei Motor- und drei Ausstattungsvarianten an.(Foto: Axel F. Busse)

Für die Freunde einer rustikalen Diesel-Akustik bietet das 1,5-Liter-Aggregat reichlich Anlass zur Zufriedenheit. Der Vierzylinder gönnt sich beim Kaltstart (per Drucktaste) bis zu fünf Sekunden Bedenk- und Vorwärmzeit, um dann für längere Zeit kein Blatt mehr vor den Mund zu nehmen. Da das Leergewicht mit 1320 Kg auf Klassenniveau liegt und der Motor durch 240 Newtonmeter Drehmoment mit ordentlich Durchzugskraft ausgestattet ist, kann die rollende Juke-Box mit temperamentvoller Gangart punkten. Zwar soll laut Datenblatt das maximale Drehmoment schon bei 1750 Umdrehungen bereit stehen, ein deutlich Zuwachs an Schub konnte in der Praxis jedoch erst ab etwa 2200 Touren erlebt werden. Dann nimmt auch die Geräuschbelastung spürbar zu.

In höheren Geschwindigkeitsbereich machen sich primär die von den angenehm großen Außenspiegel erzeugten Windgeräusche bemerkbar. Der sechste Gang ist so lang übersetzt, dass die Drehzahl bei flotter Überlandfahrt erfreulich gering bleibt. Mit der laut Hersteller vorgesehenen Höchstgeschwindigkeit von 175 km/h hatte der Testwagen keine Probleme.

Wohl aber damit, in einem ausgewogenen Mix aus City- und Autobahntouren die Nähe zum EU-Verbrauchsmittel zu finden. Statt der knapp fünf Liter auf dem Prüfstand standen am Ende dieses Tests 6,5 Liter je 100 Kilometer zu Buche – bei permanenter Nutzung des "Eco"-Modus im Dynamic Control System.

Fazit: Würde man einem Kleinwagen eine Überdosis Anabolika verabreichen, käme vermutlich so etwas wie der Nissan Juke heraus. Die Freude am Unkonventionellen ist unabdingbare Voraussetzung, um an diesem muskelbepackten Leichtmatrosen à la Popeye Gefallen zu finden. Das Auto ist einfach zu beherrschen, leidlich praktisch und weiß mit einer prall gefüllten Ausstattungsliste Bedenken zu zerstreuen. Bei den Kunden, so viel zeigen die Zulassungszahlen, wächst die Neigung zum "anders" sein.

DATENBLATTNissan Juke 1.5 dCi
Abmessungen4,14/ 1,77/ 1,57 m
Radstand2,53 m
Leergewicht (DIN)1320 kg
Sitzplätze5
Ladevolumen251 l / 830 Liter
EmissionsklasseEU 5
Motor/Hubraum4-Zylinder Turbo-Dieselmotor mit 1461 ccm Hubraum
Getriebe6-Gang-Handschaltgetriebe
Leistung110 PS (81 kW) bei 4000 U/min
KraftstoffartDiesel
AntriebFrontantrieb
Höchstgeschwindigkeit175 km/h
max. Drehmoment240 Nm bei 1750 U/min
Tankinhalt46 l
Beschleunigung 0-100 km/h11,2 s
Normverbrauch (außerorts/innerorts/kombiniert)5,9 l  /4,3 l / 4,9 l
Testverbrauch6,5 l
CO2-Emissionen
(Normverbrauch)
129 g/km
Grundpreis21.640,00 Euro
Preis des Testwagens22.120,00 Euro

Quelle: n-tv.de

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