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Mehr Sport fürs Volk: VW hat dem Scirocco ein R verpasst und ihn somit zur Sportskanone geadelt.
Mehr Sport fürs Volk: VW hat dem Scirocco ein R verpasst und ihn somit zur Sportskanone geadelt.(Foto: Markus Mechnich)

Praxistest VW Scirocco R: Fliegen mit dem Wüstenwind

Markus Mechnich

Kompakte Sportler haben immer Konjunktur. Das dachte sich wohl Volkswagen schon bei der Neuauflage des Scirocco. Keine Frage, bei der flotten Optik musste auch was unter der Haube noch eine Schippe stecken. Dafür ist der R zuständig. Was kann der Wüstenwind in der Praxis?

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Ein kühler Freitagmorgen in Groß Dölln. Wir haben trotz der bereits gesunkenen Temperaturen ein ganz heißes Date an diesem Tag. Wir treffen uns mit dem VW Scirocco R zu einem Tanz auf dem Asphalt der neuen Rennstrecke auf dem ehemaligen russischen Militärflughafen. Schon die Fahrt zu dem rund 70 Kilometer nördlich von Berlin gelegenen Areal hat für leichte Adrenalinschübe gesorgt. Jede Ortsausfahrt wurde für einen kurzen Zwischensprint genutzt. Und die brandenburgischen Landstraßen boten auch schon die ein oder andere nette Kurve. Aber die Vernunft muss die Oberhand behalten. Kein unnötiges Risiko, wir haben noch Zeit mit dem Wüstenwind zu tanzen. Und vor allem Platz.

In Groß Dölln fahren wir zunächst auf die schier endlose Landebahn des Geländes. Noch heute starten hier Kleinflugzeuge und ab und an eine ältere Transportmaschine. Gebaut wurde die fast drei Kilometer lange Piste ursprünglich für russische MiGs. Zu seiner Zeit war der Stützpunkt der größte Militärflugplatz in Europa. In den späten achtziger Jahren wurden die beiden Landebahnen nochmals erweitert und sollten als Notlandebahn für die russische Raumfähre Buran dienen. Die ist nur einmal geflogen und das noch unbemannt. Bei unserem Scirocco wird das anders sein.

Ganz in weiß, aber ohne Blumenstrauß

Die R-Version des Scirocco unterscheidet sich von der normalen von vorne vor allem durch eine andere Frontschürze mit großen Lufteinlässen. Dadurch soll die sportliche Optik verstärkt werden, was auch gelingt. Die breite Schaufel unter den LED-Tagfahrlichtern (Serie) lässt das kompakte Coupé satt auf der Straße liegen. Dank dem Familiengesicht mit der weit nach unten gezogenen Motorhaube ergibt sich ein dynamisches Gesamtbild. Ganz in weiß, wie es unser Testwagen ist, macht er dabei eine besonders gute Figur. Sicher gibt es optisch aufregendere Sportwagen, aber für Freunde von Kompaktsportlern ist der Scirocco schon ein Hingucker. Am Heck sitzen zwei ovale Endrohre aus Edelstahl zwischen der Andeutung einer Art Diffusor. Als Abrisskante dient eine Spoilerlippe oberhalb der Heckscheibe. Dezent, sonst deutet hier wenig auf das giftige Wesen des stärksten Scirocco hin. Außer einem kleinen "R" auf der Kofferraumklappe. Das muss reichen.

Optisch bleibt der R dezent. Nur die größeren Lufteinlässe, eine zarte Abrisskante und das "R" am Heck und auf dem Bug zeugen vom Sportsgeist des Autos.
Optisch bleibt der R dezent. Nur die größeren Lufteinlässe, eine zarte Abrisskante und das "R" am Heck und auf dem Bug zeugen vom Sportsgeist des Autos.(Foto: Abdruck fuer Pressezwecke honora)

Im Innern wird es schon etwas sportiver. Ein griffiges Sportlenkrad mit abgeflachter Unterseite, Metallpedalerie und Sportsitze mit außerordentlich guter Seitenführung. Die Nadeln von Drehzahlmesser und Tacho sind in Blau getaucht und die Instrumente ebenfalls mit blauem Licht hinterlegt. Das wirkt technophil und irgendwie auch sportlich. Dennoch muss man es mögen. Technisch hat VW den R mit so einigen Fahrassistenzsystemen ausgestattet, um ihn für die Hobby-Schumis handhabbarer zu machen. Dazu gehört das adaptives Fahrwerk namens DCC, mittels dessen sich zwischen komfortabler Auslegung wie beim Golf und strammer Sportausrichtung wählen lässt. Ein eigens programmiertes ESP hält den Scirocco bei Bedarf in den Bahnen. Außerdem gibt es ein serienmäßiges Sperrdifferential XDS, das die Kraft auf der angetriebenen Vorderachse im Zaum hält.

Beschleunigung und Durchzug ok

So weit, so gut. Wollen wir sehen, was der Scirocco mit dem R so kann. Normalerweise kommt er aus der Sahara und ein bisschen warme Luft würde uns hier im herbstlich kühlen Brandenburg auch gut tun. Der Sprint von 0 auf 100 Stundenkilometern klappt in handgestoppten 5,9 Sekunden. Also etwas schneller, als auf dem Papier angegeben. Die Beschleunigung des Zwei-Liter-TSI ist durchaus beeindruckend. Die 350 Newtonmeter drücken ordentlich ins Kreuz und der gefühlte Vortrieb ist sogar noch etwas heftiger als der reale. Man kann sich gut vorstellen, dass ein Scirocco R beim Ampelrennen kaum Gegner zu fürchten braucht.

Sportiliches Lenkrad, Metall auf den Pedalen und Leder auf den Sitzen - Der Scirocco R bietet einen Mischung aus Komfort und Sportambiente im Innenraum.
Sportiliches Lenkrad, Metall auf den Pedalen und Leder auf den Sitzen - Der Scirocco R bietet einen Mischung aus Komfort und Sportambiente im Innenraum.(Foto: Abdruck fuer Pressezwecke honora)

Danach wollen wir den Durchzug testen. Wir fahren 80 und beschleunigen auf 120 km/h. 5,5 Sekunden versprechen die technischen Daten des R. Dank dem üppigen Drehmoment von 350 Newtonmeter, das ab 2500 Umdrehungen pro Minute zur Verfügung steht, erledigt der R auch den Zwischensprint in 5,6 Sekunden. Auch nicht schlecht. Der Scirocco R erfüllt seine Vorgaben tadellos. Nach den Pflichtübungen wollen wir mit es mit dem Wolfsburger noch ein bisschen fliegen lassen. Die sagenhafte Breite der Landebahn ruft förmlich nach ein paar Driftübungen. Hier stoßen wir aber schnell an die Grenzen, die uns die Elektronik setzt. Das ESP lässt sich zwar ausschalten, aber nicht so wirklich. Bei 60 Stundenkilometern springt das System wieder rein und verdirbt uns den Spaß. In Zusammenarbeit mit dem Sperrdifferential der Vorderachse, dem XDS, bremst es durchdrehende Räder ein. So lässt sich der Scirocco beim besten Willen nicht aus der Facon bringen.

Doppelkupplungsgetriebe blubbert sich durch Gänge

Na gut. VW handelt eben stets nach dem Motto: Sicherheit geht vor. Mehr als ein paar Meter bringen wir den Scirocco nicht zum Ausbrechen. Also ab auf den Rundkurs. Dort spielen die Assistenzsysteme allerdings ihre Stärken aus. Auch in engen Kurven bleibt der R stabil auf der Spur. Das künstliche Blubbern bei den Schaltvorgängen des Doppelkupplungsgetriebes erhöht den Spaßfaktor enorm. Der Scirocco lässt sich freilich auch mit Paddel am Lenkrad schalten. Doch die Präzision des optionalen DSG zu erreichen, ist ausgesprochen schwer. Dank der straffen Aufhängung können Einlenk- und Bremspunkte zielgenau angesteuert werden. Kurz gesagt: Es ist eine Freude mit dem Scirocco R seine Runden in dem kurvenreichen und bergigen Kurs des Driving Centers zu fahren.

Assistenzsysteme bremsen den R, sollte er mal ungewollte Wege gehen. Die Kraft wird aber dadurch auch zielgerichtet auf die Vorderachse verteilt.
Assistenzsysteme bremsen den R, sollte er mal ungewollte Wege gehen. Die Kraft wird aber dadurch auch zielgerichtet auf die Vorderachse verteilt.(Foto: Markus Mechnich)

Das Downsizing beim Motor macht sich nicht negativ bemerkbar. Der aufgeladene Direkteinspritzer mit zwei Liter Hubraum zeigt sich mit seinen 265 PS und 350 Newtonmetern ansprechend motorisiert. Vor allem dank des Drehmoments schiebt das 1344 Kilogramm schwere Auto behände aus den Ecken heraus und zieht auch in der Sporteinstellung die Gänge gierig bis zur Leistungsspitze, die bei 6000 Umdrehungen pro Minute liegt. Das Ansprechverhalten des Vierzylinders ist recht knackig und das immer wieder aus den beiden Endtöpfen röhrende, sonore "Blub, blub" zaubert schnell ein Lächeln ins Gesicht. Mit einem Druck bis zu 1,2 bar arbeitet der Turbolader. Trotz der recht hohen PS-Zahl für einen Fronttriebler gibt es keine Unruhe an der vorderen Achse. Hier verrichten ESP und das bereits erwähnte XDS wertvolle Dienste.

Reichliche Endorphine ausgeschüttet

Der Vortrieb des Zwei-Liter-Vierzylinders ist beachtlich. Dank Turboaufladung und Direkteinspritzung entfaltet er seine Kraft souverän über das Drehzahlband.
Der Vortrieb des Zwei-Liter-Vierzylinders ist beachtlich. Dank Turboaufladung und Direkteinspritzung entfaltet er seine Kraft souverän über das Drehzahlband.(Foto: Markus Mechnich)

Nach mindestens zehn Runden stellen wir den Scirocco R ab und steigen mit reichlich Endorphine im Blut aus. VW hat mit diesem Auto einen leistungsfähigen, aber auch soliden Kompaktsportler auf die Räder gestellt. Die Kraft des Motors wird stets in sinnvolle Bahnen gelenkt und dank der kurzen Abmessungen, nur 4,26 Meter misst der Volkssportwagen, ist er gut zu handeln. Wir haben reichlich Spaß mit dem R gehabt, das lässt sich als Fazit feststellen.

Der Verbrauch des Zwei-Liter-TFSI wird mit 8,1 Litern angegeben. Das war bei unseren Manövern natürlich nicht wirklich nachzuvollziehen, aber vor der Rückfahrt über Landstraße nach Berlin messen wir noch mal nach. Bei gezügelter Fahrweise genehmigt sich der R hier 8,9 Liter. Das ist ein vertretbarer Konsum, der nur leicht über dem Normverbrauch liegt. Bei freier Fahrt werden daraus natürlich deutlich über zehn Liter.

Der kann schon was: Die Runden mit VW Scirocco R auf der Rennstrecke haben echte Freude bereitet.
Der kann schon was: Die Runden mit VW Scirocco R auf der Rennstrecke haben echte Freude bereitet.(Foto: Markus Mechnich)

Als Fazit lässt sich sagen, dass der VW Scirocco R ein echtes Spaßmobil ist. Er überzeugt mit dem typischen VW-Tugenden, solider Verarbeitung und ordentlicher Materialauswahl. Doch auch die Technik des Zwei-Liter-Vierzylinders kann überzeugen, selbst an ihren Leistungsgrenzen auf der Rennstrecke. Vielleicht ist der R etwas überreguliert, aber dafür ist er auch für ungeübte Fahrer leicht handhabbar und zeigt keine böse Seite. In der Grundausstattung kostet der Scirocco 35.725 Euro. Das ist ein ordentlicher Preis für so viel Sportlichkeit. Unser Testwagen mit all den Nettigkeiten an Bord kam auf 43.069 Euro, was ebenfalls noch vertretbar ist. Daher fällt die Bilanz positiv aus. Dieser Wüstenwind ist kein laues Lüftchen und bietet schon was für sein Geld. Ein echter Volkssportler eben, wie man ihn von VW kennt und liebt.

 

Datenblatt

Volkswagen Scirocco R

Abmessungen LxBxH
4,26 / 1,81 / 1,40 m
Leergewicht
1344 kg
Sitzplätze
4
Ladevolumen
292 bis 755 l
Maximale Zuladung
563 kg
Motor
4-Zylinder Otto-Motor
1.984 ccm Hubraum
Direkteinspritzung mit Abgasturbolader
Getriebe
6-Gang-Doppelkupplungsgetriebe
Leistung
265 PS (195 kW) bei 6000 U/Min
Kraftstoffart
Super-Benzin
Höchstgeschwindigkeit
250 km/h
max. Drehmoment
350 Nm ab 2500 U/Min
Beschleunigung 0 - 100 km/h
6,0 sek
Testverbrauch auf 100 km
Normverbrauch
8,9 l
8,1 l
Grundpreis
Preis des Testwagens
35.725 Euro
43.069 Euro

 

Quelle: n-tv.de

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