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Trotz 2,4 Tonnen Leergewichts fuhr sich der Testwagen erstaunlich sensibel und temperamentvoll.
Trotz 2,4 Tonnen Leergewichts fuhr sich der Testwagen erstaunlich sensibel und temperamentvoll.(Foto: Textfabrik/Busse)

Praxistest Porsche Cayenne Diesel: Gewichtige Argumente

von Axel F. Busse

"Niemals" werde man einen Dieselmotor ins Programm nehmen, tönte es lange aus Zuffenhausen, doch noch bevor die Ära Wiedeking zu Ende ging, musste auch der einstige Porsche-Lenker einsehen: Vernunft geht vor Dogma. Wie der Dreiliter-Ölbrenner im Praxistest lief, lesen Sie hier.

Nach der Einführung des Modells Boxster 1996 war es vermutlich die beste Unternehmens-Entscheidung, den Geländewagen Cayenne mit einem Dieselmotor auszustatten. Während die Konkurrenten von Audi, BMW, Mercedes und Volkswagen in den Jahren 2008 und 2009 bei ihren schweren SUV Absatzrückgänge von bis zu 50 Prozent hinnehmen mussten, konnte Porsche dank der Einführung des Diesels die Zahl der Neuzulassungen in Deutschland annähernd halten. 2010 waren von 5266 registrierten Neuanmeldungen hierzulande mehr als die Hälfte Dieselfahrzeuge, genau 2914 Exemplare.

Dank des Diesels konnte sich der Cayenne unter den großen SUV in Deutschland am besten behaupten.
Dank des Diesels konnte sich der Cayenne unter den großen SUV in Deutschland am besten behaupten.(Foto: Textfabrik/Busse)

Bekannter Maßen ist der Sechszylinder ein Konzernmotor aus der Audi-Entwicklung. Aktuell hat er 240 PS und bringt stattliche 550 Newtonmeter Drehmoment an die Kurbelwelle. Der permanente Allradantrieb ist mit einem selbstsperrenden Mitteldifferenzial ausgestattet. Die achtstufige Getriebeautomatik verband Porsche als erster Anbieter mit einer Start-Stopp-Funktion, was auf der Verbrauchsseite imagefördernde Zehntel einspart. Eine Neuerung, die bereits bei den PDK-Getrieben (Porsche-Doppelkupplungsgetriebe) von 911er und Cayman Einzug hielt, den Modellwechsel beim Cayenne aber nicht mehr erfasste, ist die Verwendung von Schaltpaddeln am Lenkrad. Die Tiptronic S kann manuell mit Tasten geschaltet werden, die links wie rechts in beide Richtungen – also zum Hoch- und zum Runterschalten – beweglich sind. Die Funktionalität dieser Tasten reicht aber an die schlichte Bedienlogik der Paddel nicht heran.

Sumo-Ringer beim Hürdenlauf

Seitdem Porsche das SUV-Segment bedient, ist das Modell Cayenne als Sportwagen mit Geländefähigkeiten positioniert. Gemächlichkeit gehört nicht zu den Eigenschaften, die Kunden mit dem Fahrzeug assoziieren sollen. Umso überraschender ist es daher, dass sich der Diesel beim ersten Anlassen am Morgen eine ausgiebige Denkpause gönnt. Wenn der Schlüssel mit einer Drehung nach rechts den Anschlag erreicht vergehen schon mal drei bis vier irritierende Sekunden, bis das Treibwerk sich meldet. Ungewöhnlich, dass bei einer modernen Maschine solch ein Vorglühprozess notwendig ist, den sich andere Dieselaggregate längst nicht mehr leisten.

An den größeren Rückleuchten ist die aktuelle Generation vom Vorgänger gut zu unterscheiden.
An den größeren Rückleuchten ist die aktuelle Generation vom Vorgänger gut zu unterscheiden.(Foto: Textfabrik/Busse)

Dann aber schnurrt ein aufgeweckter Sechszylinder selbst in der Warmlaufphase erstaunlich sanft vor sich hin, gierig danach sein Temperament zu zeigen und zu untermauern, dass hoher Fahrkomfort und Wirtschaftlichkeit auch in der Zwei-Tonnen-Plus-Klasse durchaus vereinbar sind. Genau wiegt der Cayenne Diesel 2100 Kilogramm, das sind 70 Kg mehr als der Einstiegsbenziner. Dank umfangreicher Sonderausstattung brachte es der Testwagen sogar auf ein Gewicht von mehr als 2400 Kilogramm. Wofür den Porsche-Entwicklern folglich höchster Respekt gebührt, ist die Tatsache, dass dieses Gewicht in keiner Fahrsituation spürbar wird.

Egal, ob beim Manövrieren in engen Innenstadt-Gassen, bei raschen Überholmanövern während der Landstraßenfahrt oder beim Spurwechsel auf der Autobahn, stets reagiert der wuchtige Geländekombi so unmittel- und beherrschbar wie eine Mittelklasse-Limousine. Nur, dass die im Regelfall 500 oder 600 Kilogramm weniger wiegt. Eine wesentliche Ursache für den munteren Auftritt des schweren Allraders ist das spontan abrufbare hohe Drehmoment, das sogar 50 Newtonmeter über dem des 400 PS starken Cayenne S liegt. Der Benziner kann es erst weit jenseits von 3000 Touren mobilisieren, wogegen der Diesel schon ab 2000 Umdrehungen vollen Schub garantiert. Das erstaunliche Temperament, das die Insassen erleben, ist unter diesen Bedingungen nur mit einem Sumo-Ringer beim Hürdenlauf zu vergleichen.

Angenehm niedrige Geräuschkulisse

Der Vergleich mit kleineren und leichteren Fahrzeugkategorien drängt sich auch bei der Frage der Geräuschentwicklung auf. Der Cayenne ist fast zwei Meter breit und rund 1,70 Meter hoch, die Stirnfläche folglich der einer Schrankwand nicht unähnlich. Dennoch herrschte im Innenraum des Testwagens selbst bei Tempo 200 ein angenehm niedriges Geräuschniveau, weder Wind noch Motorsound erreichten Störpotenzial. Das kann manche Limousine nicht so gut, an diesem Cayenne war meist das Abrollgeräusch der Winterreifen die auffälligste akustische Begleiterscheinung. Selbst jenseits von 200 km/h benahm sich der Cayenne Diesel auffallend ruhig.

Für die Fahrgäste der zweiten Reihe herrscht reichlich Beinfreiheit.
Für die Fahrgäste der zweiten Reihe herrscht reichlich Beinfreiheit.(Foto: Textfabrik/Busse)

Mit einem Basispreis von nahezu 60.000 Euro sind die wirklichen Annehmlichkeiten leider noch nicht bezahlt. Im Testwagen waren Sonderausstattungen im Wert von ca. 35.000 Euro verbaut, wovon einige sehr sinnvolle und lohnenswerte hier genannt werden sollen. Gut angelegtes Geld sind zum Beispiel 476 Euro für eine beheizbare Frontscheibe. Die haarfeinen, in senkrechten Wellen verlaufende Heizfäden sind praktisch unsichtbar, vermeiden jedoch den lästigen Versuch, der vereisten Frontscheibe manuell zum Durchblick verhelfen zu wollen. Mit dem Eiskratzer über die ausladende Motorhaube langen wollen ist etwa so aussichtsreich wie der Versuch, im Stand einen Basketballkorb zu berühren.

Die Standardsitze im Cayenne sind durchaus nicht übel, die 18-fach verstellbaren Sportsitze allerdings sind vorbildlich bequem und seitenstabil. Sie sorgen für die kompakte Sitzposition, wie sie für einen Sportwagen angemessen ist. Für 1892 Euro extra werden sie montiert und sie dienen dem Wohlbefinden an Bord zweifellos mehr als der ungefähr gleich teure Dachhimmel aus Alcantara.

Zu den serienmäßigen Besonderheiten der aktuellen Cayenne-Generation gehört das Multifunktionsdisplay, das als Rundinstrument in die Hauptanzeigetafel integriert ist. Dort lassen sich nicht nur Fahr- und Verbrauchsdaten, Reifendruck oder Radiosender anzeigen, sondern auch eine Ausschnittskarte der laufenden Navigation. Das hat den Vorteil, dass der Fahrer auch dann nicht auf die visuelle Routenführung verzichten muss, wenn zum Beispiel der Beifahrer in einer Mediadatei nach hörenswerten Musiktiteln fahndet.

High-Tech-Kommandozentrale

Während andere Hersteller auf Vereinfachung und Reduzierung der Bedienelemente setzten, hat Porsche die rampenartig gestaltete Mittelkonsole zur high-tech-strotzenden Kommando-Zentrale hochgerüstet. Es ist durchaus verständlich, solch eine Ansammlung an Knöpfen, Tasten und Reglern, die durch Ausstattung mit Geländeuntersetzung und Sperrdifferenzialen noch vergrößert wird, für überladen anzusehen. Doch Manifest technischer Kompetenz und als Vorbild auch des nächsten 911er-Innenraums ist die mit geschmackvollen Zierelementen aufgewertete Konsole durchaus tauglich.

Mit 550 Newtonmetern hat der Diesel nach dem Turbo das zweitstärkste Drehmoment.
Mit 550 Newtonmetern hat der Diesel nach dem Turbo das zweitstärkste Drehmoment.(Foto: Textfabrik/Busse)

In den großzügig geschnittenen Innenraum sitzt man auch hinten ausgesprochen bequem. Die in Längsrichtung verschiebbaren Einzelsitze außen machen den mindestens 670 Leiter großen Gepäckraum zusätzlich variabel. Das maximal mögliche Ladevolumen von 1780 Litern wird bei Verwendung der Sportsitzanlage etwas eingeschränkt (auf 1705 Liter), doch das sollte für die meisten Transportbedürfnisse reichen. Die Zuladung ist mit 760 Kilogramm bemessen. Die in Kreisen von Cayenne-Kunden nicht selten Verwendeten Pferde- oder Bootsanhänger können bis zu einem Gewicht von 3,5 Tonnen (gebremst) mitgenommen werden. Was der Cayenne, also auch die Dieselvariante, im Gelände kann, wird nur selten genutzt. Mit einer Mindest-Bodenfreiheit von 21,5 Zentimetern ragt er in Wald und Feld aus dem Gröbsten raus, kann aber im so genannten Sondergeländeniveau bis zu einer Bodenfreiheit von 27,3 Zentimetern angehoben werden.

In der Umweltwertung braucht sich der Diesel nicht zu verstecken. Natürlich ist er Euro-5-tauglich und der CO2-Wert liegt nur zwei Gramm über dem, der für Porsches Öko-Feigenblatt, den Cayenne Hybrid, gemessen wurde. Dass die EU-Testnorm nur bedingt als Praxismaßstab taugt, ist bekannt. 7,4 Liter je 100 km/h sind ein Schaufensterwert mit Bedeutung für den Flottenverbrauch, aber nicht für den Kunden. Bei dieser mit fast 2000 Kilometern recht ausgedehnten Testfahrt rannen im Schnitt 8,6 Liter an den Glühkerzen vorbei. Ein respektabler Wert, der aber wohl mehr durch das Gewicht der Sonderausstattungen als durch Zurückhaltung mit dem Gasfuß erzielt wurde.

Fazit: Alles, was der Cayenne kann, lässt sich auch mit anderen Autos erledigen – keine Frage. In der Summe seiner Eigenschaften ist er jedoch ein faszinierend sportliches und vielseitiges Fahrzeug, das sich dank Dieselmotor endlich auch aus der Ecke des notorischen Klima-Schädlings befreien kann. Die Faszination lässt sich Porsche fürstlich bezahlen, teils mit absurden Effekten. Einen Pkw, der selbst für mehr als 95.000 Euro keinen selbst abblendenden Innenspiegel mitliefert, muss man auf dem Markt erst einmal finden.

DatenblattPorsche Cayenne Diesel
Abmessungen LxBxH4,85/ 1,94/ 1,71 m
Leergewicht (DIN)2100 kg
Sitzplätze5
Ladevolumen
normal / Rückbank umgeklappt
670 l / 1780 l
Maximale Zuladung760 kg
MotorV6-Zylinder Diesel-Motor
mit 2967 Kubikzentimeter Hubraum
Getriebe8-Gang Doppelkupplungsgetriebe
Leistung240 PS (176 kW)
KraftstoffartDiesel 
AntriebAllrad permanent
Höchstgeschwindigkeit218 km/h
max. Drehmoment550 Nm
Beschleunigung 0 - 100 km/h7,8 sek
Normverbrauch (Mittel/Innerorts/Außerorts)
Testverbrauch
8,7  l / 6,6 l /7,4 l
8,6 l
CO2-Emissionen
(Normverbrauch)
195 g/km
Grundpreis
Preis des Testwagens
59.596 Euro
95.307,90 Euro
Bilderserie
Video

Quelle: n-tv.de

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