Auto
Das Design des neuen Grand Scénic ist nicht mehr so polarisierend wie beim Vorgänger.
Das Design des neuen Grand Scénic ist nicht mehr so polarisierend wie beim Vorgänger.(Foto: Renault)

Renaults neuer Kompaktvan: Grand Scénic unter Turbo-Dampf

Axel F. Busse

In einer Neuauflage ist der Renault Grand Scénic seit diesem Jahr unterwegs. Inzwischen ist fast vergessen, dass die französische Firma einst Vorreiter bei der Entwicklung von Kompaktvans war. Heute ist das Angebot in diesem Segment so unübersichtlich, dass es lohnt, im Praxistest einen eingehenderen Blick auf die aktuellste Motorvariante TCe 130 zu werfen, die jetzt auch der Euro5-Norm entspricht.

Mit gewagtem Design hat man im Nachbarland Frankreich so seine Erfahrungen. Die beiden großen Konzerne Renault und PSA haben sich da in den letzten Jahrzehnten nichts geschenkt, bisweilen haben sie den Geschmack Resteuropas auch überfordert und die ästhetischen Werte über die der Massenkompatibilität gestellt. An tatsächlichen und gefühlten Kanten ist der neue Grand Scénic nicht mehr so reich. Sein vorbildliches Platzangebot steckt in einer rundlichen Hülle, an der scharf geschnittene Scheinwerfergläser und wie ein Glassegel in die C-Säule hoch gezogene Heckleuchten zu den auffälligsten Merkmalen gehören.

Einer 4,56 Meter langen Karosse (plus sieben Zentimeter) steht eine Fahrzeughöhe von 1,67 Metern gegenüber, die den Van recht robust und massig wirken lässt. Dass der Wagen tatsächlich keinen Speck angesetzt hat, zeigt ein Blick auf das Leergewicht, das mit knapp mehr als 1500 Kilogramm für den Siebensitzer noch recht moderat zu nennen ist. Weiterhin im Angebot sind die 1,6 Liter großen Vierzylinder, während der 1,4-Liter-Turbomotor TCe 130 eine Reaktion auf den allgemein Downsizing-Trend darstellt.

Lang übersetzte 6-Gang-Schaltbox

Er leistet mit 130 PS 20 Pferdestärken mehr als die hubraumstärkeren Sauger und gibt schon bei 2250 Umdrehungen 190 Newtonmeter Drehmoment ab. Das ist fast soviel, wie der Zweiliter-16V-Motor im gleichen Auto mobilisiert. Als Energiebündel erleben die Insassen den TCe 130 freilich nicht. Der Motor soll angemessene Kraftentfaltung mit wirtschaftlichem Spritkonsum verbinden. Um dies vor allem im Langstreckenbetrieb spürbar zu gewährleisten, wurde das Übersetzungsverhältnis des manuellen Sechsganggetriebes gegenüber den mit 1,6-Liter-Motor ausgestatteten Varianten im vierten und fünften Gang verlängert.

Französische Ästhetik im Innenraum und ein virtueller Analog-Drehzahlmesser.
Französische Ästhetik im Innenraum und ein virtueller Analog-Drehzahlmesser.(Foto: Renault)

Das hat zur Folge, dass man für einen kurzen Zwischenspurt auf der Landstraße, zum Beispiel, um an einem Lkw vorbei zu ziehen, häufiger schalten muss. In höheren Drehzahlregionen klingt der kleine Vierzylinder nicht mehr so souverän und entspannt, wie man es gerne hätte. Der überarbeitete Grand Scénic ist weiterhin mit einer jetzt steifer ausgelegten Verbundlenker-Hinterachse ausgerüstet, die aber die französische Tradition des sanften Einfederns und Abrollens fortsetzt. Auf grobe Unebenheiten oder zügige Fahrt auf Kleinsteinpflaster reagiert das Fahrwerk manchmal beleidigt und die kurzen Stöße werden dröhnend in die Passagierkabine übersetzt.

Weder das Spurtvermögen (12 Sekunden von Null auf hundert), noch die Höchstgeschwindigkeit (185 km/h laut Hersteller) sind dazu geeignet, Preise zu gewinnen. Vielmehr untermauern sie den Anspruch, ein vielseitiges Reise- und Familienmobil zur Verfügung zu stellen, in dem man praktisch und flexibel die unterschiedlichsten Transportaufgaben lösen kann. Seine Bestwerte hat der Grand Scénic auf anderen Gebieten. Zum Beispiel kann die Ladefläche bis auf 2,76 Meter gestreckt werden, das ist nur ein Zentimeter weniger als der Radstand des Fahrzeugs.

Ladefreudig und vielseitig

Die drei zusammenfalt-, verschieb- und verstellbaren Einzelsitze im Fond bieten genug Komfort für längere Trips. Mehr als zwei Kubikmeter maximales Ladevolumen haben sonst nur ausgewiesene Lieferwagen. Faltsitze im Heck mit variablen Kopfstützen, auf denen Erwachsene bis 1,75 Meter Körpergröße zumindest auf Kurzstrecken sehr bequem sitzen können, sind auch eher selten. 700 Euro extra kostet übrigens die Erweiterung auf sieben Plätze. Das Überangebot aus Seitenfächern, Ablagen, Klappen, Taschen und Schubläden ist einerseits lobenswert, andererseits birgt es schon wieder die Gefahr, dass Kleinteile dort überwintern, weil man meint, man habe sie bereits am Urlaubsort vergessen. Groß gewachsene Nutzer würden es zu schätzen wissen, wenn die Heckklappe einen größeren Öffnungswinkel hätte.

Bis zu sieben Sitze werden in der knapp 4,60 Meter langen Karosse untergebracht.
Bis zu sieben Sitze werden in der knapp 4,60 Meter langen Karosse untergebracht.(Foto: Renault)

Vorn herrscht ein fast opulentes Raumgefühl und das Cockpit wird bestimmt durch den flachen Ausschnitt im Armaturenbrett, der den zentralen Info-Monitor sowie den Bildschirm des Navigationssystems aufnimmt. In der Luxe-Ausstattung ist serienmäßig ein Tom-Tom-Gerät an Bord, dessen Aufpreis für die anderen Ausstattungslinien nur 490 Euro beträgt. Auf dem durchgängig ebenen Kabinenboden kann die Mittelkonsole zwischen den Vordersitzen mit ihrem üppigen Stauraum in Fahrtrichtung verschoben werden.

Ähnlich wie etwa beim Renault Megane haben die Gestalter der Instrumentierung eine Design-Pirouette gedreht, die schon fast skurril anmutet. Im Zentrum des Breitband-Bildschirms, auf dem zum Beispiel der Füllstand des Tanks als farbige Säule und das Tempo als graue Ziffer angezeigt wird, steht die digitale Simulation eines analogen Drehzahlmessers. Auf einer Rundskala bewegt sich ein virtueller gelber Zeiger hin und her, nur, dass es sich eben um ein elektronisch erzeugtes Bild und nicht um eine wellengetriebene Anzeige handelt, wie sie in der automobilen Gründerzeit üblich war.

Verbrauchsziel in der Praxis verfehlt

Zu den Kompromissen, die einerseits Renault-Traditionen wahren, aber auch den Erwartungen neu gewonnener Kunden Rechnung tragen müssen, gehört die Bedienkonsole für Radio und Sprachsteuerung an der Lenksäule. Eine gewisse Gewöhnungszeit ist unumgänglich, denn die Symbole auf den Schaltern sind durch den Lenkradkranz verdeckt. Auf der verschiebbaren Mittelkonsole sitzt die zentrale Medien- und Navigationssteuerung. Die von iDrive (BMW) oder MMI (Audi) inspirierte Mechanik reagiert auf die Bewegung eines Dreh- und Druckschalters. Warum es bei soviel modernem Bedienungskomfort noch keinen automatischen Antipp-Blinker gibt, leuchtet nicht recht ein.

Bei groben Unebenheiten werden die Stöße manchmal dröhnend in die Passagierkabine übersetzt.
Bei groben Unebenheiten werden die Stöße manchmal dröhnend in die Passagierkabine übersetzt.(Foto: Renault)

Dies wirkt um so befremdlicher, als dass Renault seinem Grand Scénic von Hause aus eine Menge Ausstattung mitgibt: CD-Radio, Klimaanlage, elektrische Parkbremse sowie sechs Airbags sind immer dabei, ab Modell TCe 130 aufwärts gibt es Einparkhilfe, 17-Zoll-Alus und Tempomat dazu. Wer 18-Zoll-Felgen kleidsamer findet, dem wird ein erträglicher Aufschlag von 250 Euro abverlangt.

Für 25.400 Euro ist bereits die als Vollausstattung anzusehende Luxe-Variante des TCe 130 zu bekommen. Darin sind zum Beispiel auch die Lederausstattung, die Klimaautomatik, ein schlüsselloses Zugangssystem und beheizbare Vordersitze enthalten. Das bedeutet viel Auto fürs Geld. Nicht ganz so kostenbewusst zeigte sich der Testwagen an der Tankstelle: Statt des Normverbrauchs von 7,1 Litern je 100 Kilometer verlangte er trotz hohen Autobahnanteils mit zurückhaltender Fahrweise zwei Liter mehr.

Fazit: Wenn es darum geht, individuelle und praktische Familien- und Vielzweckautos zu bauen, marschieren die Franzosen immer noch an der Spitze des Fortschritts. Der Grand Scénic TCe 130 erwies sich im Praxistest zwar noch nicht als das Sparmobil, das er sein möchte, aber das hohe Ausstattungs- und Bequemlichkeitsniveau versöhnen den Kritiker wieder.

Quelle: n-tv.de