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Auf widrigen Pfaden sollte man mit einem frontgetriebenen Jeep Renegade vorsichtig sein.
Auf widrigen Pfaden sollte man mit einem frontgetriebenen Jeep Renegade vorsichtig sein.(Foto: Holger Preiss)

Ein echter Italowestern: Jeep Renegade – Abenteuer mit Abtrünnigem

Von Holger Preiss

Jeep ist die Marke, die das Abenteuer verspricht, die Marke mit der man den Traum von Freiheit leben kann. Das jedenfalls verspricht der Mythos. Wie es sich in der Realität mit einem der jüngsten Sprosse von Jeep, dem Renegade, verhält, erkundet der n-tv.de-Praxistest.

"To New Adventures" - erfüllt der Renegade sein Motto?
"To New Adventures" - erfüllt der Renegade sein Motto?(Foto: Holger Preiss)

Um den Startknopf des Jeep Renegade steht: To New Adventures. Für die einen dürfte dieser Spruch nur das "Easter Egg" sein, was Chefdesigner Klaus Busse eben an dieser Stelle versteckt hat, für die anderen ist es der gewollte Hinweis, dass es sich bei dem "Abtrünnigen" um ein Auto handelt, mit dem eigentlich alles geht. Und das, weil er in direkter Linie zum Ur-Jeep, dem Willys, steht. Oder vielleicht besser zu dessen jüngeren Nachfahren, dem Wrangler.

Tatsächlich orientiert sich der Renegade ganz klar an den Vorgaben, die der Urgroßvater und der große Bruder gemacht haben. Die kantige Form, die kullerrunden Scheinwerfer, der genau sieben Lamellen führende Kühlergrill oder die weit geöffneten Radhäuser in denen Räder, bemäntelt mit grobstolligen Pneus, die das Gefühl vermitteln, als sei die Sahara die Kiesgrube um die Ecke, der Mount Everest der schneebedeckte Hügel hinterm Haus und die Furt hinter den Niagarafällen eine Pfütze auf dem Asphalt.

Ein paar mehr Pferde auf die Koppel

Von hinten wirkt der Jeep Renegade auf eine charmante Art verspielt.
Von hinten wirkt der Jeep Renegade auf eine charmante Art verspielt.(Foto: Holger Preiss)

Hört sich gut an? Fühlt sich auch gut an. Dennoch müssen ein paar Dinge relativiert werden, denn es kommt auch beim Jeep Renegade stark darauf an, in welcher Form er vorfährt. Zum Praxistest bei n-tv.de erschien er als 1.4 MultiAir Limited. Technisch gesehen heißt das, dass hier ein 1400 Kilogramm schwerer Offroader an den Start geht, der von einem 1,4 Liter großen Benziner vorangetrieben wird, der 140 PS leistet und ein maximales Drehmoment von 230 Newtonmeter an die Vorderräder schickt.

Das ist im Stadtverkehr durchaus akzeptabel,  auf der Langstrecke stößt man hier aber bald an seine Grenzen. Denn weder auf schnellen Pisten ist die Motorisierung ausreichend, um den Jeep ordentlich auf Touren zu bringen, noch hat er an Steigungen den nötigen Biss, um ohne häufiges Rühren am Ganghebel über die Kuppe zu schießen. Zugegeben, die Schaltarbeit im Renegade ist keine Strafarbeit. Die Wege durch die Gassen sind ausgesprochen leicht zu bewältigen und werden durch die Mechanik angenehm nachgezogen. Trotzdem wünscht man sich an jedem Berg und vor allem auf der Autobahn mehr Kraft oder einfach den gleichen Motor mit den 170 PS. Der hat dann auch noch ein Automatikgetriebe mit neun Gängen.

Leise, aber nicht schnell

Ledersitze gibt es für 990 Euro extra.
Ledersitze gibt es für 990 Euro extra.(Foto: Holger Preiss)

In der Endgeschwindigkeit unterscheiden sich die Triebwerke laut Datenblatt nur marginal. Ganze 4 km/h trennen die Maschinen angeblich. Real sieht es bei dem kleinen Aggregat folgendermaßen aus: Angegeben werden in der Spitze 181 km/h. Real geht es bis 160 km/h recht flott, danach fehlt dem Renegade einfach die Puste. Mit drei Insassen und Reisegepäck bringt er es mit sehr viel Anlauf auf 180 km/h. Aber Spaß ist was anderes, denn spontane Überholmanöver sind eigentlich schon ab 140 km/h ausgeschlossen. Was der Jeep so letztlich macht: Er entschleunigt seinen Fahrer.

Und das kann er richtig gut, denn er verrichtet seine Arbeit unglaublich leise. In keiner Sekunde wird das Triebwerk laut. Selbst wenn er unter Volllast gestellt wird, bleibt er fast tonlos. Aber nicht nur das, auch Rollgeräusche haben die Italiener bei ihrer Interpretation eines Jeeps konsequent aus dem Innenraum verbannt. Das ist für ein Fahrzeug dieser Couleur nicht nur beachtlich, sondern auch sehr angenehm. Im Zusammenspiel mit den straffen Sportsitzen fängt hier dann doch der Reisespaß an.

Was den Blick erfreut und trübt

Beim Blick auf die Seitenwangen an den jeweiligen Einstiegsseiten trübt er sich dann allerdings etwas. In der Limited Edition sind die Polster nämlich für zusätzlich 990 Euro mit Leder bezogen und Leder ist ein Naturprodukt. Das heißt, die Beanspruchung ist ihm je nach Nutzung deutlich anzusehen. Das muss man wohl in Kauf nehmen, denn die wohlgeformten Sitze sehen mit dem Nappabezug wirklich schick aus. So wie das gesamte Interieur in dieser Ausstattungslinie zum Verweilen einlädt. Da ist das ebenfalls mit Rinderhaut bespannte Lenkrad, durch dessen Kranz der Blick auf zwei Rundinstrumente fällt, die mit einer Art Lynette gerahmt sind und zwischen denen eine große Vollfarb-Matrix liegt, die über Navigationsschwerpunkte ebenso informiert wie über den Reifendruck, Benzinverbrauch oder die hilfreichen Assistenten. Dass das Volant ausgesprochen gut in der Hand liegt soll hier nicht verschwiegen werden, und dass die wenigen Knöpfe sich gut erreichen lassen und auch von der Größe ausgezeichnet zu einem Jeep passen auch nicht. Dass die Sitzheizung nur zwei Stufen hat, ist hingegen weniger erquicklich.

Mit 351 Liter Stauraum wird der Jeep Renegade nicht zum Lademeister.
Mit 351 Liter Stauraum wird der Jeep Renegade nicht zum Lademeister.(Foto: Holger Preiss)

Was wiederum sehr erfreut, ist die ausgezeichnete Straßen- und Kurvenlage des Renegade. Selbst wenn er bei schnellen Schaltvorgängen etwas übermütig in die Kehre geschickt wird, macht er keine Anstalten, sich den vorgegebenen oder im schlimmsten Fall hastig korrigierten Lenkbewegungen zu widersetzen. Fast gutmütig folgt er den Befehlen seines Piloten und das ist für ein SUV nicht alltäglich. Was hingegen seinem Naturell, aber nicht seinen Fähigkeiten entspricht, ist der Wald- oder Schneelauf. Wenn der kleinste Jeep nur mit Frontantrieb ausgerüstet ist, sollte man ihn auf der Straße lassen, maximal in leichtes Geläuf führen, andernfalls stößt er schnell an seine Grenzen.

Nicht immer ein Schnäppchen

Die hat er übrigens auch auf freier Strecke. Seine klassisch schöne Kastenform sorgt nämlich dafür, dass er auf Seitenwind etwas allergisch reagiert. Ähnliches könnte auch passieren, wenn der Fahrer den im Datenblatt angegebenen Verbrauch mit den realen Ergebnissen vergleicht. Während auf dem Papier 6,0 Liter angegeben sind, stehen real 8,9 Liter auf der Uhr. Das muss jetzt niemandem die Tränen in die Augen treiben, ist aber schon ein deutlicher Unterschied. Was einen angesichts dieses Umstandes dann doch das Wasser in die Augen schießen lässt, ist die Tatsache, dass der Tank des Renegade lediglich 48 Liter fasst. Wer fest entschlossen ist längere Wege zurückzulegen, der muss damit leben, häufiger an der Zapfsäule zu stehen, als ihm lieb ist.

Und da wir gerade mehr oder weniger direkt beim Geld sind, werfen wir einen Blick auf den Preis, den es für einen echten Renegade zu entrichten gilt. Angeboten wird der kleine Jeep bereits ab 17.900 Euro. Das hört sich verlockend an, gilt aber nur für eine Grundausstattung mit schlichten 110 PS. Da aber, wie bereits erwähnt, die 140 Pferde an einigen Stellen schon etwas müde wirken, muss finanziell ordentlich draufgesattelt werden. Der Renegade Limited steigt beispielsweise bei 24.300 Euro ein. Hier sind die kleinen Verwöhnereien, wie ein adaptiver Spurhalteassistent, Parkpiepser am Heck, Sitzheizung vorne, 7 Zoll großes Farbdisplay und schlüsselloser Zugang schon enthalten. Kommen aber die Feinheiten wie Ledersitze, digitaler Radioempfang, Bi-Xenon-Licht und Rückfahrkamera hinzu, ist man schnell bei über 30.000 Euro.

Bereits im kleinsten Preis offeriert der Renegade aber ein ausreichendes Platzangebot in der zweiten Reihe und auch der 350 Liter fassende Kofferraum muss nicht extra bezahlt werden. Mit dem Fassungsvermögen ist der Renegade kein Lademeister und eine Reisetasche von normalen Ausmaßen passt auf den Zipfel genau der Länge nach in den Stauraum. Um Kleinigkeiten zu verbergen, hat Jeep einen doppelten Ladeboden geschaffen, der auch noch einiges aufnehmen kann. Mit etwas Geschick kann also auch der Winterurlaub in Angriff genommen werden. Für Ski, Stöcke etc. sollte man allerdings entweder auf die Ausleihstationen vor Ort zurückgreifen oder einen Dachgepäckträger installieren. Wie dem auch sei: Auf die eine oder andere Art und Weise ist tatsächlich jede Fahrt mit dem Jeep Renegade ein Abenteuer.

Fazit: Der Jeep Renegade ist wie ein Italowestern. Man weiß ganz genau, dass er nicht in Nevada oder Texas spielt, sondern irgendwo in der Po-Ebene, aber letztlich ist das egal, denn er vermittelt genau das Gefühl von Wildnis und Freiheit, das der Mitteleuropäer häufig sucht. Um das aber wirklich erfahren zu können, sollte man sich für zwei Dinge entscheiden: eine Motorisierung jenseits der 140 PS und Allradantrieb. Dann kann man mit dem Renegade echten Spaß haben und auch auf der Langstrecke flott unterwegs sein. Allerdings muss man sich diese Freude mit über 30.000 Euro in dieser Klasse recht teuer erkaufen.

DATENBLATTJeep Renegade 1.4 MultiAir
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe)4,26/ 1,80/ 1,67 m
Radstand2,46 m
Leergewicht (DIN)1395 kg
Sitzplätze5
Ladevolumen351 / 1297 Liter
MotorVierzylinder mit 1368 ccm Hubraum
Getriebe6-Gang Handschaltung
Leistung103 kW/140 PS
KraftstoffartBenzin
AntriebFrontantrieb
Höchstgeschwindigkeit181 km/h
Tankvolumen48 Liter
max. Drehmoment230 Nm
Beschleunigung 0-100 km/h9,3 Sekunden
Normverbrauch (kombiniert)6,0 l
Testverbrauch8,9 l
EffizienzklasseEU6
Grundpreis24.300 Euro
Preis des Testwagens30.240 Euro

Quelle: n-tv.de

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