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Im vergangenen Jahr wurde die F 650 GS als Zweizylinder neu aufgelegt.
Im vergangenen Jahr wurde die F 650 GS als Zweizylinder neu aufgelegt.

Alpentour mit der BMW F 650 GS: Last Exit Grimsel

Christof Johann und Günther Uttendorfer

Ein freier Tag und die Alpen vor der Tür - was will man mehr? Ein stärkeres Motorrad als die BMW F 650 GS vielleicht? Braucht es nicht, meinen jedenfalls Christof Johann und Günther Uttendorfer.

Soviel Glück muss der Mensch haben: Überraschend lässt der Job ein paar freie Tage, dazu beste Wetteraussichten und in der Garage ein knackfrisches Test-Motorrad. Da kann es nur eines geben: Zum letzten mal in dieser Saison ab in die Alpen! Pässe fressen! Und ganz en passant eine der wenigen noch offenen Fragen der Menschheit klären: Wie viel beziehungsweise wenig Motorrad braucht der Mensch eigentlich, um auf zwei Rädern glücklich zu sein?

Der September bietet die letzte Gelegenheit für eine schöne Alpen-Tour in der Schweiz.
Der September bietet die letzte Gelegenheit für eine schöne Alpen-Tour in der Schweiz.

Langt eventuell eine BMW F 650 GS, die kleinste Reise-Enduro im Programm der Bayern? Kann die Kleine tatsächlich den Fahrspaß der großen Schwestern bieten? Eines sei allerdings gleich vorweg geschickt: Nach der Neuvorstellung im vergangenen Jahr hat sie mit ihrer einzylindrigen Vorgängerin gleichen Namens nichts mehr gemein. Die neue 650er hat jetzt zwei Zylinder, 800 Kubikzentimeter Hubraum und 71 statt 50 PS. Und das ganze zum gleichen moderaten Preis von 7800 €, das gibt schon mal die ersten Pluspunkte.

Bodenwellen sauber weggeschluckt

Aber was zählt ist aufm Platz und deshalb steht jetzt der erste Pass an: Der Klausen. Vor allem die Westrampe mit Zufahrt über den Urnen Boden stellt das Fahrwerk vor erhebliche Herausforderungen: Mieser Asphalt mit heftigen Verwerfungen, teilweise sogar Kopfsteinpflaster, tun alles, einen sauberen Strich zu versauen. An der kleinen GS beißen sich die Bodenwellen allerdings meist die Zähne aus, denn das Fahrwerk ist überaus harmonisch abgestimmt. Wer hinten Federvorspannung und Dämpfung richtig eingestellt hat, kann sich weder über mangelnden Komfort noch über Unhandlichkeit beklagen. Blitzsauber zirkelt die kleine GS durch weite wie enge Bögen, ganz egal, wie mies der Fahrbahnbelag auch sein mag.

Gegen 710 Euro Aufpreis gibt es für die kleine BMW-Enduro auch ABS.
Gegen 710 Euro Aufpreis gibt es für die kleine BMW-Enduro auch ABS.

Die westliche Abfahrt des Klausen ist eher unspektakulär. Genügend Muse also sich auf das freuen, was jetzt ansteht: Das Pässe-Bermuda-Dreieck von Grimsel, Susten und Co. Sollte die GS irgendwelche Schwächen haben: Hier werden sie gnadenlos aufgedeckt. Und schon geht es los. Über Altdorf und Wassen sind wir kaum eine halbe Stunde später am Fuß des Susten. Gewaltig ragt die Rampe über uns auf, hier stehen Spitzkehren an. Von der BMW werden jetzt besonders gute Getriebeabstufung und sauberes Ansprechverhalten gefordert. Ein Kapitel, das sie bis auf ein etwas zu giftiges Ansprechen auf Gasbewegungen ordentlich meistert. In der Regel sind der zweite oder gar dritte Gang die perfekte Wahl, um jede noch so verzwickte Kehre rund und harmonisch zu meistern. Und wen das Ansprechverhalten nervt, der kann leicht die Fußbremse betätigen und somit jedes Geruckel aus dem Antriebsstrang nehmen.

Zweizylinder macht Freude

Es ist bereits später Nachmittag als wir den grimmigen Grimsel in Angriff nehmen. Die 71 PS der GS erweisen sich auch an diesem Anstieg als völlig ausreichend. Solo bewegt schiebt sie aus tiefen Drehzahlen kräftig an und schmettert auch oben noch fröhlich weiter. Ein Klasse-Antrieb dieser Zweizylinder und dank Zusatz-Pleuel auch noch vibrationsarm. Wir beschließen hier oben zu übernachten und sind Ende September die einzigen Gäste des Hotels "Alpen-Rösli" – sehr empfehlenswert!

Die Alpen im Blick wächst auf der Fähre bereits der Kurvenhunger.
Die Alpen im Blick wächst auf der Fähre bereits der Kurvenhunger.

Auf der Abfahrt am nächsten Morgen sind vor allem die Bremsen gefragt. Zum einen, weil die Strecke an Steilheit kaum zu überbieten ist, zum anderen, weil der feuchte Asphalt perfekte Dosierung verlangt. Es zeigt sich, dass die Einzel-Scheibe im Vorderrad zwar ausreichend wirksam ist, allerdings eine kräftige Hand verlangt. Das wiederum erschwert die Dosierung. Zum Glück ist ABS an Bord (710.-- € Aufpreis), sodass die Sicherheit auf alle Fälle gewährleistet ist.

4,2 Liter Verbrauch

Vor dem Aufstieg zum Nufenen ist Tanken angesagt. Und Grinsen: 4,2 Liter Durchschnittsverbrauch sind wirklich aller Ehren wert.

Mehr Motorrad braucht es nicht. Die BMW F 650 GS bietet mit ihrem ordentlichen Fahrwerk und dem kräftigen Zweizylinder viel Fahrspaß.
Mehr Motorrad braucht es nicht. Die BMW F 650 GS bietet mit ihrem ordentlichen Fahrwerk und dem kräftigen Zweizylinder viel Fahrspaß.

Was jetzt folgt ist Pässe-Räubern vom Feinsten. Der häufig unterschätzte Nufenen bietet eine spektakuläre West-Rampe mit tollen weiten Bögen. Es folgt die legendäre alte Gotthard-Passstraße von Airolo aus (Achtung! Die Abzweigung von der neuen Piste nicht verpassen!), die sich in engsten gepflasterten Bögen nach oben windet und auf der man für die gerade mal 199 kg der fahrfertigen GS dankbar ist. Geradezu spielerisch wuselt sie durch das Kurven-Geflecht. Dann links ab über den Furka, dessen gewaltige Rampe einem beim ersten Anblick den Atem raubt. Eine Pause oben mit Blick auf den Rhone-Gletscher ist Pflicht. Doch wir müssen nach Hause, also noch einmal über den Grimsel Richtung Norden und dann stehen die letzten Überraschungen der Tour an:  Ab Meiringen geht es über den Brünig weiter zum weitgehend unbekannten Glaubenbüelen-Pass. Die Panorama-Strecke hinauf ist noch einmal ein absolutes Highlight. Nirgends ist die Schweiz mehr Heidiland als hier. Fast schon kitschig, aber eben auch wunderschön.

Fazit: Die Schweizer Alpen im Herbst sind eine dringende Empfehlung an alle Kurven-Süchtigen. Und die BMW F 650 GS ebenfalls. Mehr Motorrad braucht jedenfalls kein Mensch. Ihr klasse Motor, das ordentliche Fahrwerk sowie die niedrigen Unterhaltskosten machen sie zu einem überzeugenden Allrounder für jeden Tag und jeden Zweck.

Quelle: n-tv.de

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