Der Dacia Sandero gehört zu den Gewinnern der Abwrackprämie.
(Foto: Textfabrik/Busse)
Montag, 20. Juli 2009
Praxistest Dacia Sandero 1.2 16 V: Lehrstunde in Rumänisch
Axel F. Busse
Man kann es drehen und wenden, wie man will: Der Dacia Sandero ist ein Verkaufshit. Und er ist lehrreich. Er lehrt uns Bescheidenheit, Verzicht und die Kenntnis, was wirklich nötig ist zum Autofahren. Praxistest mit einem Krisengewinnler.Noch vor einem Jahr wurde die seit 1999 im Besitz von Renault befindliche rumänische Marke eher belächelt. Heute steht Renault auf dem deutsche Markt gut da – dank Dacia. Solide Fahrzeuge mit dem Mut zur Schlichtheit passen offenbar in die Zeit. Natürlich gehört auch der Sandero zu den Gewinnern der Abwrackprämie. Fast 30.000 mal wurde er im ersten Halbjahr 2009 in Deutschland neu zugelassen, das ist deutlich mehr, als zum Beispiel der Toyota Yaris schaffte oder fast genau so viel wie die Renault-Modelle Clio und Twingo zusammen erzielten. Die Herstellererwartungen hat das Auto weit übertroffen, ursprünglich waren nur 8000 Einheiten für den deutschen Markt vorgesehen.
Der Blick in den Innenraum ist ernüchternd: Es dominiert graues Hartplastik.
(Foto: Textfabrik/Busse)
Für diesen Praxistest über 14 Tage stand das Modell 1.2 16 V mit 75 PS zur Verfügung. Es waren angenehme zwei Wochen, frei von Missfallenskundgebungen gegenüber PS-Protzereien, frei vom Technologie-Overkill variabler Turbinengeometrie und radargesteuerter Abstandsregelanlagen. Dafür voller Bereitschaft anderer, das späte Einfädeln auf die Geradeausspur zu tolerieren. Und der Anflug von Mitleid im Gesicht des Nebenmannes an der Ampel? Das war sicher nur Einbildung.
Ordentlicher Kofferraum
Dass ein Motor auch mit zwei Ventilen je Zylinder sauber läuft und zügiges Fortkommen gewährleistet, wurde bereits mit den 1,4 und 1,6-Liter-Motoren des Sandero bewiesen. Das Marketing-Trommelfeuer verschiedener Hersteller nach dem Motto "schneller, höher, weiter", hat vielleicht seinen Teil dazu beigetragen, dass nun auch ein 16-Ventiler angeboten wird. Vier Türen und eine Ladeklappe mit 320 Litern Kofferraum, sind es aber, was wirklich Punkte bringt. Sie lassen sich durch Umlegen der Rückbank auf 1200 Liter erhöhen, eine teilbare Lehne gibt es nur in der teuersten Ausstattungslinie. Darin ist auch ein längsverstellbares Lenkrad enthalten, was es für viele Kleinwagen gar nicht gibt. Auf der Rückbank sitzt man als Erwachsener recht kommod.
In flotten Kurven fehlt der Seitenhalt.
(Foto: Textfabrik/Busse)
Auf nur 4,02 Metern hat der Sandero einen Radstand im Golf-Format. Versprühte das Design des ersten Dacia auf bundesdeutschen Straßen, dem Logan, noch den Charme des real existierenden Sozialismus, taucht der Sandero unauffällig ins Meer diverser Kleinwagen ab, seien sie nun aus Frankreich, Italien, Japan oder Korea. Ebenso wenig wie andere Pkw ist der Sandero eine Einladung zum Alkoholgenuss, aber der Blick in den Innenraum ist in jedem Falle ernüchternd: Graues Hartplastik allenthalben, Sitze mit Bezügen, die eher an Jugendherbergs-Matrazen erinnern als an Polster, die mehr als 100 Kilometer am Stück Bequemlichkeit bieten sollen.
Da wundert es nicht, dass man in einer flotten Kurve den Seitenhalt sucht, aber nicht findet, zumindest hat der Fahrer was zum Festhalten vor sich. Die Instrumente sind gut ablesbar, einen Bordcomputer gibt es natürlich nicht. Wer dennoch Wert auf eine Verbrauchsmessung in der Praxis nicht verzichten möchte, kommt bei normaler Fahrweise auf etwa 6,8 Liter. Also, Bleifuß in der Garage lassen, und man erreicht vielleicht auch den werksseitig versprochenen Verbrauch von 5,9 Litern im Alltagsbetrieb. Zugegeben, es gibt Autos mit vergleichbaren Motoren, die weniger verbrauchen – aber die kosten auch deutlich mehr. Auf eine Renault-Mitgift hätte Dacia lieber verzichten sollen: Die Hupe in einem Knopf am linken Lenkstockhebel zu verstecken. Die Taste fürs Signalhorn gehört in den Pralltopf des Lenkrades.
ESP auch gegen Aufpreis nicht verfügbar
Für 300 Euro extra bietet Dacia ein Elektropaket an, das motorisierte Fensterheber vorne sowie eine Zentralverriegelung mit Funkfernbedienung enthält. Das ist eine sinnvolle Investition. Eine elektronische Wegfahrsperre ist serienmäßig an Bord. Will man die Außenspiegel einstellen, erinnert man sich am besten an die gute alte Zeit, in der die Scheiben heruntergekurbelt werden mussten und im schlimmsten Falle der Regen in den Innenraum peitschte. Diese Gefahr ist im Sandero gebannt, denn es gibt von innen verstellbare Spiegel – manuell versteht sich. Welch ein Fortschritt. Der Federungskomfort ist zwar nicht preisverdächtig, doch kommt das Fahrwerk auch mit grobem Pflaster ordentlich zurecht.
Weitere 280 Euro werden fällig, will man die serienmäßigen Front-Airbags durch Seiten-Airbags ergänzen. Auch dieser Aufpreis sieht nicht nach Geldschneiderei aus. Was sich Dacia jedoch als Minuspunkt ankreiden lassen muss, ist die Tatsache, dass es für kein Geld der Welt die elektronische Schleuderbremse ESP gibt. Mag sein, dass sie unter den Einsatzbedingungen des Sandero in 99 Prozent der Fälle unnötig ist, doch wer sie haben möchte, sollte sie bekommen können. In der höchsten Ausstattungstufe kostet der Sandero 9300 Euro – ein Preis, zu dem andere Hersteller ESP frei Haus liefern.
Fazit: Zwar ist eine asketische Lebensweise von Vorteil, wenn man Freude am Fahren mit Dacia sucht, doch braucht sich niemand voller Demut auf der rechten Spur zwischen Lastzügen zu verstecken. Außer durch Prestige oder Technikverliebtheit lässt sich Nachfrage eben auch durch den Preis erzeugen, und das ist völlig legitim. Ab 7500 Euro ein zugegebenermaßen schlichtes, aber auch solides und vorzeigbares Auto zu bekommen, ist doch aller Ehren wert, oder?