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In nur 16 Sekunden verschwindet das Faltverdeck hinter den Sitzen.
In nur 16 Sekunden verschwindet das Faltverdeck hinter den Sitzen.(Foto: n-tv.de/Busse)

Jaguar XKR Cabrio: Lord Luxus macht sich frei

von Axel F. Busse

Dass ein Jaguar XKR ein Sportwagen ist, steht außer Zweifel. Erst jüngst qualifizierte sich einer für den exklusiven "300-km/h-Club". Unter den Dauerkartenbesitzern für Nordschleifen-Runden dürften dennoch wenige Jaguar-Besitzer sein, denn die Fahrt mit der großen Katze ist anders. Wie genau, klärt dieser Praxistest.

Wie schwierig es ist, schöne Autos zu zeichnen, belegen eindrucksvoll Online-Hitlisten wie "Die hässlichsten Autos der Welt" (diese Suchanfrage bei Google bringt übrigens 130.000 Treffer). Einer, der es nachweislich kann, ist der Schotte Ian Callum. Auf seine Entwürfe gehen Coupé und Cabrio des Jaguar XKR zurück, dessen bis heute nur wenig veränderte Urform 1996 auf dem Genfer Salon vorgestellt wurde. Nach Versionen mit 4- und 4,2-Liter-Motoren wird aktuell mit fünf Litern Hubraum gefahren. Dem V8 des Testwagens macht zusätzlich ein Kompressor Druck, so dass 510 PS zur Verfügung stehen.

Auch mit geschlossener Haube macht das Cabrio eine gute Figur.
Auch mit geschlossener Haube macht das Cabrio eine gute Figur.(Foto: n-tv.de/Busse)

Für die im Überfluss eingeschenkte Leistung sieht das Cabrio vergleichsweise zahm aus. Nur eingefleischte Markenfans erkennen auf Anhieb, dass die grüne Verdeckfarbe exklusiv den Portfolio- und "R"-Modellen vorbehalten ist. Die ebenso schlanke wie elegante 4,80 Meter lange Karosserie ist heute Verwalter des Andenkens an den legendären E-Type. Die lange Motorhaube hat ihre Scharniere an der Front des Wagens, öffnet also nach vorn. Obendrauf sind längliche Kiemen zu sehen, wo eingeprägte Schriftzüge "Supercharged" den Kompressor-Motor zu erkennen geben. Der voluminöse Achtzylinder sitzt zu seinem größeren Teil hinter der Vorderachse, was einer ausgeglichenen Gewichtsverteilung zugute kommt. Zwar ist das Cabrio wenige Millimeter höher als das Coupé, der geschmeidigen Anmutung tut dies keinen Abbruch.

Zweisitzer mit Zusatzmulden

Offiziell gelten beide Karosserieformen als 2+2-Sitzer, jedoch kann man als Erwachsener allenfalls bei geöffnetem Verdeck die hinteren Sitze erreichen, geschweige denn dort eine Haltung einnehmen, die als "sitzen" zu bezeichnen ist. Vielleicht sollte der Hersteller bei einer Neuauflage des Modells einen ehrlichen Zweisitzer kreieren und durch Vorrücken des Verdeckkastens den gewonnen Platz dem Kofferraum zuschlagen. So bleiben immerhin 200 Liter, was die obligaten Golfbags schluckt und im Vergleich zu manchem Klappdach-Coupé sogar fürstlich zu nennen ist.

Die 20-Zoll-Felgen sind zwar kostspielig, aber dafür ungeheuer kleidsam.
Die 20-Zoll-Felgen sind zwar kostspielig, aber dafür ungeheuer kleidsam.(Foto: n-tv.de/Busse)

Der englische Edelmann hat's gern kommod, und deshalb ist es gute Sitte bei Jaguar, die Polster ausschließlich mit fein genarbtem Leder beziehen zu lassen. Sieben Farben stehen dafür zur Auswahl. Die Interpretation des Begriffs "Sportsitze" weicht insofern vom Gängigen ab, als es eher Sessel sind. Die sind nicht nur elektrisch in jeder erdenklichen Weise verstellbar, sondern bieten auch bewegliche Wangen, die auf schmalhüftige Insassen angepasst werden können. Mit dem festen Griff, mit dem zum Beispiel Sportschalen anderer Hersteller ihre Benutzer in schnellen Kurven aufrecht halten, hat das dennoch nichts zu tun. Bei der Entscheidung zwischen bequem und bissig werden die Konstrukteure der Katzenmarke immer die Bequemlichkeit wählen.

Gehobener Komfort all-inklusive

Nach dem Druck auf den Starterknopf saust die Drehzahlnadel kurz bis auf 2000 Touren hinauf, was zur sprichwörtlich vornehmen Zurückhaltung seiner Lordschaft nicht so recht passen will. In jedem anderen Betriebszustand ist nämlich eine äußerst dezente Stimmlage angesagt, lediglich im Leerlauf geben die vier Auspuff-Endrohre mit sanftem Blubbern ihr akustisches Versprechen für einen energischen Antritt ab. Den Knopf zum Öffnen des Daches sucht man auf der Mittelkonsole vergebens, er ist wie etwa bei einem Schiebedach im Scheibenrahmen oberhalb des Innenspiegels angebracht. Bis zum Tempo eines gut trainierten Joggers macht sich der Innenraum auch während der Fahrt frei, die Bewegung der Seitenscheiben ausgenommen verschwindet das Faltdach in nur 16 Sekunden.

Feines Leder, edles Holz und gehobener Komfort: So definiert Jaguar stilvolles Offenfahren.
Feines Leder, edles Holz und gehobener Komfort: So definiert Jaguar stilvolles Offenfahren.(Foto: n-tv.de/Busse)

Die Scheibenfunktion gibt leider Anlass zu leichter Kritik, denn die dreieckigen hinteren Fenster bleiben bei geöffnetem Dach stets versenkt. Sie manuell hochfahren zu können, würde nicht nur das letzte Einfallstor für Zugluft zwischen Windschott und Türscheiben schließen, sondern auch das elegante Styling des Fahrzeugs für die Offenfahrt konservieren. Generell sind die Insassen aber gut gegen Fahrtwind geschützt, das Open-Air-Vergnügen bleibt auch jenseits von 120 km/h uneingeschränkt erhalten.

Alles an Bord

Dankenswerterweise hat sich Jaguar nicht die Praxis vor allem deutscher Nobel-Marken zu eigen gemacht, zur Komplettierung eines teuren Autos auch noch hohe Extra-Preise für gewisse Annehmlichkeiten zu verlangen. Angefangen bei Bi-Xenon- und Abbiegelicht, über Einparkhilfe und Regensensor bis zu Zwei-Zonen-Klimaautomatik und DVD-Navigationssystem mit 7-Zoll-Touchscreen ist alles an Bord, was das Gleiten in einem Traumwagen so erstrebenswert macht. Elektrisch einstellbare Lenksäule, Memory-Funktion der Sitze, 6-fach-CD-Wechsler und ein automatisch abblendbarer Innenspiegel gehören ebenso zur Grundausstattung. Ab Werk werden am XKR 19-Zoll-Leichmetallfelgen montiert, die 20-Zöller des Testwagens kosten 3040 Euro Aufpreis. Das Audio-Interfacekabel, anderswo gern mit dreistelligen Beträgen in Rechnung gestellt, liegt natürlich aufpreisfrei in der Ablagebox zwischen den Sitzen.

Mit zwei zusätzlichen Auspuff-Endrohren geben sich die "R"-Versionen des XK zu erkennen.
Mit zwei zusätzlichen Auspuff-Endrohren geben sich die "R"-Versionen des XK zu erkennen.(Foto: n-tv.de/Busse)

Wünschenswert wäre, dass die nächste Software-Renovierung auch die Grafikfunktionen des Hauptmonitors erfasst. Nach jedem Restart werden dort die Einstellmöglichkeiten von Klima- oder Audiosystemen angeboten statt des Navigationsbildes, mit dem man die Fahrt zum Ziel fortsetzen möchte. Über die Unzulänglichkeiten der Kartengrafik ist schon im Zusammenhang mit anderen Jaguar-Testfahrten berichtet worden, so dass dies an dieser Stelle entfällt.

Speed-Pack für Tempo-Fanatiker

Das höchst entspannte Cruisen hat dort seine Grenzen, wo ein kräftiger Tritt aufs Gaspedal den V8 aus dem Dämmerschlaf des City-Tempos weckt. Überraschend spontan prescht das mit 1,8 Tonnen nicht eben leichte Cabrio davon, während der Motor mit der Gewalt von bis zu 625 Newtonmetern an der Kurbelwelle zerrt. Die Sechsgangautomatik gibt den Schubbefehl verzögerungsfrei an die Hinterräder weiter. Der minimale Weg der Schaltpaddel intensiviert noch den Eindruck des ungestümen Sprinters, dessen Klangbild sich aber nie ins Krawallige steigert. Das elektronische Sperrdifferenzial an der Hinterachse dosiert unmerklich den Kraftfluss, Traktionsprobleme Fehlanzeige. Wer meint, mit 250 km/h Höchstgeschwindigkeit nicht auszukommen, kann für dieses Fahrzeug noch ein so genanntes Speed-Paket bestellen. Bis zu einer Zielmarke von 280 km/h wird dann jeder zusätzliche Stundenkilometer mit 230 Euro berechnet, so dass als Paketpreis die Summe von 6900 Euro herauskommt.

Wer den Tempo-Rausch noch steigern will, kann ein zusätzliches Speed-Pack bestellen.
Wer den Tempo-Rausch noch steigern will, kann ein zusätzliches Speed-Pack bestellen.(Foto: n-tv.de/Busse)

Die elektronische Dämpferregulierung ist konsequent auf Komfort getrimmt, so dass der Wunsch nach hektischer Kurvenräuberei gar nicht erst aufkommt. Zügig, aber nie ohne die Gelassenheit britischen Landadels umkurvt der XKR die ihm auferlegten Kehren. Ein Mindestmaß an Ausgeglichenheit erwartet das Fahrwerk auch von dem Belag auf dem es unterwegs ist – kurze, harte Schläge wurden von der Vorderachse dieses Testwagens mit hörbarem Missfallen quittiert.

Ein Fünfliter-Kraftwerk wirklich sparsam zu fahren, ist eine fast unlösbare Aufgabe. Umso erfreulicher, dass trotz hohen Kurzstreckenanteils und gelegentlicher Ausflüge in die Welt des sportlichen Fahrens der Normverbrauch nur um gut fünf Prozent überschritten wurde. Nach gut 600 Kilometern Testbetrieb schloss der Bordcomputer das Logbuch bei 12,9 Litern.

Die Lüftungsschlitze weisen auf die Kompressor-Aufladung des Motors hin.
Die Lüftungsschlitze weisen auf die Kompressor-Aufladung des Motors hin.(Foto: n-tv.de/Busse)

Fazit: Obwohl es jedermann (und -frau) zu gönnen wäre, ein XKR-Cabrio in den Sonnenuntergang zu chauffieren, sorgt leider die Preisliste für natürliche Auslese. Wenigstens 90.900 Euro sind vonnöten, dafür ist die Version mit 385 PS (und der oben genannten komfortablen Grundausstattung) zu haben. Eleganz und Sinnlichkeit sind Attribute, die sich der XKR auf jedem Kilometer verdient, vermögende Bleifuß-Akrobaten werden mit ihm wohl nicht glücklich. Die Kultur des Könnens, nicht des Müssens, ist hier zur automobilen Reife gelangt.

 

DATENBLATTJaguar XKR Cabrio
Abmessungen L / B / H4,79/1,89/1,33 m
Radstand2,75 m
Leergewicht (DIN)1800 kg
Sitzplätze2
Kofferraumvolumen (vorn / hinter den Sitzen)200/313 l
max. Zuladung385 kg
MotorV8-Zylinder-Otto-Motor mit 5000 ccm Hubraum
Getriebe6-Gang automatisch
Leistung510 PS (375 kW) bei 6000 U/min
KraftstoffartSuper
AntriebHeckantrieb
Höchstgeschwindigkeit250 km/h (abgeregelt)
max. Drehmoment625 Nm bei 2500- 5500 U/min
Tankinhalt70,6 l
Beschleunigung 0-100 km/h4,8 s
Normverbrauch (außerorts/ innerorts/ Durchschnitt)18,9/8,61/12,3 l
Testverbrauch12,9 l
CO2-Emissionen
(Normverbrauch)
292 g/km
Grundpreis114.100 Euro
Preis des Testwagens125.750 Euro
Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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