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Das neue Cabriodach zeichnet exakt die Silhouette des Coupés nach.
Das neue Cabriodach zeichnet exakt die Silhouette des Coupés nach.(Foto: Axel F. Busse)

Das "r" für Frischluft-Fanatiker: Lustgewinn im Porsche 911

Von Axel F. Busse

Seit Frühjahr ist das Cabrio der neuen 911er-Generation auf dem Markt. Porsche will mit jedem Modellwechsel ein besseres Auto vorstellen. Doch gelingt dies auch dem Autobauer? Unser Praxistest gibt die Antwort.

Wie bitte? "Flächenspriegel"? Was soll denn das sein? Nein, da ist kein "r" zu viel und man kann in dem Ding auch nicht sein Konterfei betrachten. Ursprünglich kommt der Begriff aus dem Transportwesen. Spriegel sind traditionell bogenförmig und halten auf Lkw oder Anhängern die Plane in Form, von der die Ladung abgedeckt wird. Bei Cabrios halten Spriegel die Segeltuchhaube gespannt, wenn das Dach geschlossen ist.

Die schräge Metteilkonsole wird demnächst auch im Cayman verwirklicht.
Die schräge Metteilkonsole wird demnächst auch im Cayman verwirklicht.(Foto: Axel F. Busse)

Beim 911er-Cabrio hat Porsche die Spriegel neu erfunden, weil man mit einer Eigenschaft der Spannvorrichtung nie so ganz glücklich war. Die bogenförmigen Träger zeichneten sich unter der Dachhaut ab und die Silhouette der offenen Version wich dadurch immer ein wenig von der des Coupés ab. Das verhindern nun die drei Flächenspriegel. Sie sind aus Magnesium, greifen bündig aneinander und sehen daher aus, als sei das Coupédach mit einer Stoffbahn beklebt. Ist es aber nicht.

Es ist in erster Linie ein ästhetischer Gewinn, weniger ein praktischer, denn das Dach lässt sich noch immer bei einer Fahrt bis zu 50 km/h öffnen und schließen. Der Vorgang dauert je nach Tagesform zwischen 12 und 14 Sekunden und lässt sich auch von der anderen Straßenseite aus mit dem Funkschlüssel erledigen. Angetrieben von einem unauslöschlichen Perfektionsdrang haben die Porsche-Ingenieure das neue Dach und noch einige weitere technische Schmankerln entwickelt, obgleich sie wissen, dass auch ein zehn Jahre alter 911er immer noch ein faszinierendes Auto ist.

Elektrisch und gratis: das Windschott

Letzteres vor allem, wenn man das Dach öffnen, Licht, Luft und Leidenschaft genießen kann. Und obwohl die Zuffenhausener Sportwagenschmiede nicht dafür bekannt ist, die Produkte ihrer Entwickler-Intelligenz zu verschenken, gibt es ein wichtiges Bauteil ab Werk gratis dazu: das Windschott. Ein über die ganze Rücksitzbreite reichender Bügel zieht auf Knopfdruck ein Netz in die Höhe, das gefühlte 95 Prozent der von hinten einfallenden Zugluft absorbiert. Ein frappierender Effekt, der die Lust am Offenfahren auch bei 160 km/h noch nicht schwinden lässt.

Wie groß die Sorge der Porsche-Leute um die Frisuren der Beifahrerinnen ist, illustriert noch ein anderes Detail. Die hinteren Seitenscheiben, jede für sich kaum größer als eine Männerhand, sind auch bei geöffnetem Dach voll beweglich. Sie schließen das letzte Einfallstor für den Fahrtwind. Dieser Bewegungsmechanismus wird bei anderen Herstellern gern weggelassen.

Spaßmesser: Die Kräfte der Längs- und Querbeschleunigung werden aufgezeichnet.
Spaßmesser: Die Kräfte der Längs- und Querbeschleunigung werden aufgezeichnet.(Foto: Axel F. Busse)

Wer einmal ein geschlossenes 911er-Cabrio rückwärts einparken musste, begreift, warum man jede Gelegenheit zum Öffnen des Daches nutzen sollte: Man sieht einfach besser. Die Heckscheibe ist kleiner als beim Coupé und schräg über die Schulter sieht man so gut wie gar nichts von der Parklücke. Eingedenk dieser Tatsache gibt es für die Cabriolets der Baureihe den akustischen Parkassistenten serienmäßig, eine Rückfahrkamera als Option wäre aber wünschenswert. Das gilt auch für die Sitzbelegungserkennung am Beifahrersitz.

70 Kilogramm Mehrgewicht

Auch wenn die Fahrfreude um so vieles größer ist als bei einem geschlossenen Auto, haben alle Cabrios gegenüber ihrem Pendant mit festem Dach einen technisch bedingten Mangel: Es fehlt Ihnen an Steifigkeit. Um Karosserieverwindungen zu minimieren, müssen deshalb Versteifungsbauteile im unteren Teil des Aufbaus untergebracht werden. Diese Tatsache können auch pfiffige Porscheleute nicht wegkonstruieren, weshalb das Cabrio 70 Kilogramm mehr wiegt als das Coupé. Soll man wegen der 0,2 Sekunden, die das bei Spurt von Null auf Hundert kostet, in Tränen ausbrechen? Kaum, schließlich senkt der zusätzliche Stahl auch den Schwerpunkt weiter ab, so dass das Kurvenräubern mit dem ohnehin sensationellen Fahrwerk noch mehr Spaß macht.

Unverwechselbar: Obwohl länger als bisher, blieb der 911er, was er ist.
Unverwechselbar: Obwohl länger als bisher, blieb der 911er, was er ist.(Foto: Axel F. Busse)

Sensationell wäre es auch, würde ein neuer Porsche einmal nicht wegen seiner überragenden Lenkpräzision, seiner minimalen Lastwechselreaktionen, seiner Spurtreue oder seines ebenso agilen wie neutralen Handlings gelobt. Das entsprechende Vokabular ("…wie ein Brett", … wie auf Schienen") soll wegen unübersehbarer Abnutzungserscheinungen an dieser Stelle geschont werden. Auch ohne das aktive Fahrwerkregelsystem inklusive Wankstabilisierung PDCC vermittelte das Test-Cabrio uneingeschränkten Fahrgenuss.

Die heiser-herbe Heckmotor-Akustik wurde beim Testwagen durch die 2606 Euro teure Sportabgasanlage verstärkt und wer sie sich bestellt, legt das Geld gut an. Ebenfalls nicht billig (+2023 Euro) ist das Sport Chrono Paket, bringt aber außer der Launch Control noch visuelle Kurzweil. Die Querbeschleunigungs-Anzeige veranschaulicht, dass beim 0,6-fachen des eigenen Körpergesichts schon ein fester Griff am Lenkrad vonnöten ist. Wer Lehrbeispiele sucht, wie mit Ausstattung Geld zu verdienen ist, braucht nur die Porsche-Preisliste zur Hand zu nehmen. Allein im Abschnitt Interieur wird Begehrenswertes auf 22 Seiten ausgebreitet.

Wofür sollen Kinder lernen?

Die Hoffnung, der mit dem Modellwechsel verbundene Zuwachs an Radstand würde sich spürbar auf den Abstand zwischen Vordersitzlehne und den hinteren Sitzmulden auswirken, hat sich indes nicht erfüllt. Kinder im Grundschulalter kann man dort anschnallen und ihnen bei der Fahrt durch die Berge nahebringen, wofür sich eifriges Lernen und eine solide Ausbildung lohnen. Der 911er bleibt ein gut ausgebauter Zweisitzer, dessen umklappbare hintere Lehnen gern noch die eine oder andere Reisetasche aufnehmen.

Die Frage, ob man 50 zusätzliche PS für mehr als 14.000 Euro einkaufen und eine "S"-Variante bestellen muss (Stückpreis also rund 280 Euro), wird wohl jeder Porsche-Kunde anders beantworten. Gegenüber dem Vorgänger hat der 911 Carrera 200 ccm weniger Hubraum, dafür 25 PS mehr. Die 350 PS starke Basisversion ist damit weder untermotorisiert, noch ein Schnäppchen (100.532 Euro). Da das Doppelkupplungsgetriebe auch noch einmal mit 3510,50 Euro zu Buche schlägt, sollte der Lottoschein schon mehr als vier Richtige nebst Zusatzzahl ausweisen.

Nur noch für die Tankfüllungen arbeiten zu gehen, ist jedenfalls keine Schreckensvision mehr. Selbst wer dem Spieltrieb nachgibt und den Elfer in 14 Sekunden von Null auf 200 km/h peitscht, muss sich am Ende des Testzyklus nicht grämen. Mit 0,9 Litern über dem EU-Sollwert hat der Testwagen eine sehr effiziente Performance hingelegt. Mehr Reichweite als beim Vorgänger darf also erwartet werden, denn der Tank des 911ers blieb im Zuge des Modellwechsels mit 64 Litern gleich groß.

Fazit: Warum baut Porsche so gute Fahrmaschinen? Weil sie’s können. Auch unter dem Druck von Ressourcenschwund und Abgasnormen stimmt die Performance, ist der Fahrspaß immens, bleibt der 911er das Sehnsuchtsobjekt vieler Autofahrer. Sehnsucht und Masse gehen aber nicht zusammen, deshalb müssen diese Objekte der Begierde so teuer sein. Die hohen Kosten, auch beim Unterhalt, stehen einer von anderen Marken unerreichten Wertstabilität gegenüber.

DATENBLATTPorsche 911 Carrera Cabrio
Abmessungen4,49/ 1,80 / 1,30 m
Radstand2,45 m
Leergewicht (DIN)1550 kg
Sitzplätze2+2
Ladevolumen (offen/geschlossen)173 / 173 l
Maximale Zuladung300 kg
Motor/Hubraum6-Zylinder-Boxer-Motor mit 3436 ccm
Getriebe7-Gang Doppelkupplungsgetriebe
Leistung350 PS (257 kW) bei 7400 U/min
KraftstoffartSuper plus
AntriebHeckantrieb
Höchstgeschwindigkeit284 km/h
max. Drehmoment390 Nm bei 5600 U/min
Tankinhalt64 l
Beschleunigung 0-100 km/h4,8 s
Normverbrauch (außerorts/innerorts/kombiniert)6,7/ 11,4/ 8,4 l
Testverbrauch9,3 l
CO2-Emissionen
(Normverbrauch)
198 g/km
Grundpreis104.042,50 Euro
Preis des Testwagens129.127,70 Euro

 

Quelle: n-tv.de

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