Nissans Murano: Luxus aus dem Glasreich
Mit dem Murano schickt Nissan ein SUV der Luxusklasse ins Rennen. Braucht man nicht, macht aber doch Freude. In der Praxis zeigt er sich als Verwöhn-Automobil.
Der erste Anblick ist üppig und fast ein bisschen furchteinflößend. Optisch besetzt er die ganze Straßenbreite und sein Kühlergrill scheint geradezu Zähne zu besitzen. Nein, für Understatement ist er nicht gemacht, der Murano von Nissan. Vielmehr wirkt er ein bisschen brachial in seinen Ausmaßen. Doch ganz so forsch ist der Japaner gar nicht. So richtig vernünftig ist er allerdings auch nicht.
Murano ist eigentlich eine Insel in der Lagune von Venedig. Dorthin schafften die Venezianer im 13 Jahruhundert alle ihre Glasbläsereien, um sie vor Brandschatzungen zu schützen. Das streng gehütete Geheimnis sollte nicht in falsche Hände geraten. Schließlich war die Handwerkskunst Grundlage für den Reichtum des Stadtstaates. Ähnlich verhält es sich mit dem Murano von Nissan. Dort haben die Japaner all ihre Handwerkskunst in ein Auto gepackt. Nur wird der Murano nicht versteckt, sondern sogar verkauft.
Der Name Crossover ist für Nissan Programm, was die SUV-Sparte angeht. Der Qashqai versteht sich als Kompakt-PKW im SUV-Gewande. Auch der Murano will folglich mehr sein als ein großer Geländewagen. Er wurde gestylt für die Business-Class. Und für die USA, denn da ist der Murano 2003 zuerst auf den Markt gekommen. Aber auch in Europa, wo er seit 2004 zu haben ist, hat der größte Geländegänger von Nissan seine Freunde gefunden. Im Frühjahr ist der Japaner aufgefrischt auf den europäischen Markt gekommen. Allerdings reicht es gerade einmal für 417 Zulassungen in Deutschland bis August dieses Jahres. Das ist ein Nischendasein, das der Dickmann aus Japan eigentlich zu Unrecht fristet. Mehr als 183.000 Geländewagen wurden in diesem Jahr in Deutschland bereits zugelassen, was einem Marktanteil von 6,1 Prozent entspricht.
Denn er macht eigentlich kaum etwas schlechter als die Konkurrenz. Hat man die erste Kontaktscheu überwunden, dann entdeckt man ein Auto mit viel Stil und kaum Mängeln. Das Design ist dabei in der Tat polarisierend, denn hinten ist er genauso umfangreich wie vorne. Der Murano wirkt dabei viel wuchtiger als er eigentlich ist. Mit 4,83 Metern ist er kürzer als die meisten Reiselimousinen und ähnlich lang wie die Premium-Konkurrenz aus Deutschland. Auch 1,73 Höhe und 1,89 Breite ist Standard in dieser Klasse. Mit seinen ausgestellten Radkästen, dem klobigen Vorderbau und den zahnartigen Lufteinlässen in der Fahrzeugfront baut sich der Murano jedoch ausgesprochen bedrohlich in den Rückspiegeln anderer Autofahrer auf.
Eigenes Wohnzimmer auf vier Rädern
Aber genau das macht ja auch den Reiz von SUVs aus. Hinter dem massiven Auftreten lässt es sich gut verstecken. Nach dem Eintritt in die Behaglichkeit einer Zweiraumwohnung stellt sich ein Gefühl der Unantastbarkeit her. Das "My car is my Castle"-Gefühl kommt auch beim Murano schnell auf. Zumal der Innenraum ausgesprochen luxuriös gestaltet ist. Doppelnahtiges Leder umspannt die Sitze, die Verkleidung der Seitentüren, das Lenkrad und das Armaturenbrett. Auf den Rücksitzen lädt das Entertainmentsystem mit DVD-Abspielgerät zur Entspannung während der Fahrt ein. Vorne leitet über der Mittelkonsole ein Navigationsgerät den Fahrer zum Ort der Bestimmung. Die Grafik ist für heutige Verhältnisse noch etwas grobpixelig, aber die Bedienung über einen zentralen Drehknopf recht simpel.
Die Sitze sind ausgesprochen bequem, bieten aber nicht viel Seitenhalt. Dafür gibt es in diesem Auto Platz im Überfluss, vorne und hinten. Sehr praktisch ist die elektrische Heckklappe des Autos. Allerdings kann einem das Piepsen beim Schließen, das auf einem Supermarktparkplatz schon mal größere Aufmerksamkeit erregt, schon mal peinlich werden. Der Automatismus lässt sich auch per Fernbedienung auslösen. Davon lässt sich der ein oder andere Passant gerne mal erschrecken. Auch im Heck zeigt sich der Japaner großzügig. 402 Liter Gepäck lassen sich da verstauen. Bei umgeklappter Rückbank sind es bis zu 838 Liter.
Bulliger V6
Nein, unkomfortabel ist der Murano keinesfalls. Sein Metier ist das gemütliche Cruisen mit überlegener Dominanz. Nun ist das in den USA eine geliebte Disziplin. In Europa wird das Ganze eher als Protzerei interpretiert, was die ausbaufähigen Verkaufszahlen erklärt. Flankiert wird der Luxus im Innern durch eine Menge technischer Helferlein. Zwei Kameras beschäftigen sich alleine mit dem Problem der unübersichtlichen Karosserie. Eine Rückfahrkamera verschafft dem Fahrer ein Bild vom Raum hinter dem Auto. Das tut auch Not, denn durch die hohe Kante ist alles unter einer Höhe von 1,40 Metern der Uneinsehbarkeit preisgegeben. Am rechten Außenspiegel zeigt eine Kamera den Abstand zum Bordstein auf. Auch das ist eine gute Idee, denn durch die Höhe der Türen wäre auch hier nur Schätzen möglich.
Mit dem Facelift hat Nissan den Murano aber nicht nur im Innenraum aufgerüstet. Angetrieben wird er durch einen überarbeiteten 3,5-Liter V6-Motor. Mit seinen 256 PS ist das Auto gut motorisiert, auch wenn selbst dieser bärenstarke Antrieb mit 334 Newtonmeter Drehmoment manchmal seine liebe Not hat die rund zwei Tonnen Leergewicht in Bewegung zu setzen. Das hohe Gewicht de Murano schlägt sich natürlich auch im Verbrauch nieder. Mit 10,9 Litern ist der Japaner angegeben. Bei gemächlicher Fahrt auf der Autobahn ist das nicht ganz abwegig. Den beherzten Tritt aufs Pedal bestraft der Nissan dann aber mit ordentlich Kraftstoffdurchfluss. In der Stadt oder bei Geschwindigkeiten jenseits der 150 km/h werden daraus gerne mal 16 bis 18 Liter. Das ist nachvollziehbar, aber an der Tankstelle durchaus schmerzhaft, wenn der 82-Liter-Tank gefüllt werden muss.
Weich aufgehängt
Sehr angenehm ist das ebenfalls überarbeitete CVT-Getriebe. Die Automatik schaltet nahezu ohne Zugkraftunterbrechung und bietet auf Wunsch auch manuelle Schaltbarkeit. Doch das ist eher Spielerei, denn schnell lässt sich feststellen, das es kaum möglich ist, sinnvoller zu schalten als die Elektronik. Der Kickdown wird durch ein Zurückschalten und bärigen Vortrieb quittiert. Allerdings fängt das Getriebe bei höheren Autobahngeschwindigkeiten an schaltfaul zu werden und belästigt die Insassen mit hohen Drehzahlen.
Das Fahrwerk ist auf amerikanische Bedürfnisse und Komfort ausgelegt. Dementsprechend weich liegt das Auto auf der Straße. Das ist für manche Europäer wahrscheinlich zuviel des Guten, doch für eine Auto dieser Größe und Abmessungen durchaus angemessen. Auch die Lenkung ist ausgesprochen weich ausgelegt, was allerdings jenseits der 100 Stundenkilometer eher zu einem unguten Gefühl führt. Dann wird es schwammig und ungenau.
Umfangreiche Serienausstattung
Soviel Luxus hat natürlich seinen Preis. 46.740 Euro stellt Nissan für den Murano in der Basisversion in Rechnung. Wer dazu bereit ist wird sinnvollerweise den Murano in der Executive-Ausstattung bestellen. Die gibt es für 50.450 Euro und lässt kaum noch Wünsche offen. Das DVD-Entertainmentsystem für die Rückbank gibt es für bescheidene 300 Euro Aufpreis. Empfehlenswert ist auch das "Sun&Sound"-Paket mit Glas-Hub-Schiebedach und Bose-Soundsystem, das aber mit 2.550 Euro noch mal ordentlich ins Geld geht.
Damit steht der voll ausgestattete Murano für gute 53.000 Euro auf der Straße. Das ist schon eine Hausnummer. Allerdings muss man sagen, dass er für seine Klasse nicht überteuert ist. Die großen Geländewagen der Luxusklasse beginnen alle jenseits der 50.000 Euro. Und belasten den Geldbeutel mit deutlich kostspieligeren Sonderausstattungslisten. Offen bleibt bei allen, ob es ein Luxus-SUV überhaupt sein muss. Doch diese Frage beantwortet die Käuferschaft schon selbst.
Quelle: n-tv.de

