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Eine gute Idee, die noch nicht recht angenommen wird: die R-Klasse von Mercedes.
Eine gute Idee, die noch nicht recht angenommen wird: die R-Klasse von Mercedes.(Foto: n-tv.de/Busse)

Die R-Klasse fährt nicht aus der Nische: Mehr Raumschiff als Renner

von Axel F. Busse

Wenn es im Mercedes-Programm ein verkanntes Genie gibt, dann ist es die R-Klasse. Doch auch nach fast sechs Jahren und einer kosmetischen Operation ist ihr der große Durchbruch nicht gelungen. Das ist schade.

Wer den Wunsch nach wahrer Größe in sich trägt, kommt früher oder später um die R-Klasse nicht herum. Doch je größer jemand ist, desto dünner wird die Luft zum Atmen. Zumindest bei Bergen ist das so. Und die R-Klasse ist fast ein Berg, insbesondere die Version mit langem Radstand, 5,16 Meter von einem Ende zum anderen. In der zweiten oder dritten Reihe sitzend, wird niemand auf die Idee kommen, dass dieser grandiose Platz, den man vor und um sich hat, ein Problem sein könnte. Doch für den, der den Dampfer durch die engen Gassen mittelrheinischer Fachwerkdörfer bugsieren muss, könnte das schon zum Problem werden.

Trotz 2,3 Tonnen Leergewicht bewegt der große Diesel die R-Klasse erstaunlich munter.
Trotz 2,3 Tonnen Leergewicht bewegt der große Diesel die R-Klasse erstaunlich munter.(Foto: n-tv.de/Busse)

 

Eigentlich war die R-Klasse eine prachtvolle Idee. Ein bisschen Familienvan, ein bisschen Kombi, den Komfort einer Luxus-Limousine und dazu Allradantrieb, damit alles in geordneten Bahnen läuft - die Vielseitigkeit auf Rädern. Doch so richtig ins Rollen kam das originelle Konzept in Deutschland nie. 2010 wurden in Deutschland knapp 1700 Neuzulassungen gezählt, das erste Dreivierteljahr 2011 zeigt mit bisher 1500 Registrierungen einen leichten Aufwärtstrend. Auch in Amerika, wo viel Blech nie ein Problem war und man weite Wege zu fahren gewohnt ist, steht der große Durchbruch wohl noch bevor.

Raumschiff mit viel Komfort: 3,22 Meter Radstand schenken den Insassen viel Bewegungsfreiheit.
Raumschiff mit viel Komfort: 3,22 Meter Radstand schenken den Insassen viel Bewegungsfreiheit.(Foto: n-tv.de/Busse)

 

Etwas knurrig, aber durchzugsstark

 

Zweckmäßigkeit geht vor Schönheit: die R-Klasse nach der kosmetischen Modellpflege.
Zweckmäßigkeit geht vor Schönheit: die R-Klasse nach der kosmetischen Modellpflege.(Foto: n-tv.de/Busse)

Hätte man das Auto besser S-Klasse Kombi nennen sollen? Oder noch teurer machen, damit es für die Gutbetuchten zum unverzichtbaren Accessoire gehobenen Lebensstils wird? Um der Antwort auf die Spur zu kommen, dient ein R 350 CDI als Anschauungsobjekt, Lang-Version, 4Matic-Allradantrieb. Ohne aufpreispflichtigen Lack (1035 Euro) steht er mit 59.857 Euro in der Liste. Dass sich der Komfort dabei noch in engen Grenzen hält, das ist system- besser markenbedingt, und bedarf eigentlich keiner besonderen Erwähnung. Bei diesem Testwagen lassen Sonderausstattungen im Wert von 22.146 Euro aus einem Pauschal-Kutter einen echten Luxus-Liner werden.

 

Das Vielzweckmobil stellt im Bedarfsfalle 2,3 Kubikmeter Gepäckraum zur Verfügung.
Das Vielzweckmobil stellt im Bedarfsfalle 2,3 Kubikmeter Gepäckraum zur Verfügung.(Foto: n-tv.de/Busse)

Mit der letzten Verjüngungskur wurde aus dem 320er ein Modell 350 CDI mit mehr Ladedruck und geringerer Verdichtung. Das Drehmoment stieg auf lastwagenverdächtige 620 Newtonmeter und leider, man muss es sagen, der Klang auch. Obwohl in der E-Klasse ein fast baugleiches Aggregat Verwendung findet, dort seinen Insassen durch strenge akustische Zurückhaltung ein Quell steter Freude ist, brummte er im Testwagen den Fahrer an, als solle der sich für energisches Gasgeben entschuldigen. Selbst mit steigender Betriebstemperatur besserte sich das Klangbild kaum.

 

Die Leistung des Dreiliter-Sechszylinders stieg mit der Modellpflege auf 265 PS. Verantwortlich für den Zuwachs ist die Erhöhung des Ladedrucks um 0,3 bar. Gleichzeitig wurde die Verdichtung von 17,7 auf 15,5:1 gesenkt, was der Wirtschaftlichkeit aufhelfen sollte. Auf dem Prüfstand hat die lange R-Klasse mit diesem Motor einen kombinierten Durchschnittswert von 8,5 Liter je 100 Kilometer erreicht. Käme man in der Praxis in die Nähe dieses Werts, wäre das für ein fast 2,3 Tonnen schweres Automobil geradezu vorbildlich. In diesem Test gelang das allerdings nicht, glatte zwei Liter mehr wies die Endabrechnung aus. Das ist zwar nicht wirklich sparsam, aber gemessen an Beförderungsqualität und Komfortniveau akzeptabel.

 

Sportmodus am Getriebe verzichtbar

 

Die 7-G-Tronic ist als sauber abgestuftes, geschmeidig schaltendes Universal-Getriebe bekannt. Bei der R-Klasse wird die Fahrrichtung per Lenkradhebel gewählt. Gelänge es noch, dem Fahrzeug die leider nicht zu verkennende Anfahrschwäche anzugewöhnen, erhielte diese Motor-Getriebe-Kombination eine "1" mit Sternchen. Den "Sport"-Modus kann man getrost ungenutzt lassen, da neigt die Automatik zu nervösen Hin- und Herspringen zwischen den Gängen und lässt die so gut zum Fahrzeug passende Gelassenheit vermissen. So wird man sich mit der kleinen Denkpause beim Anfahren irgendwie arrangieren, doch was an Spontaneität fehlt, gleicht die enorme Durchzugskraft mehr als aus.

 

Hat der Turbo erst einmal gezündet und presst mit Macht die Verbrennungsluft in die Zylinder, schiebt das Dickschiff so vehement an, dass man vor Schreck das Gaspedal lupft. Welch enormer Druck da entfesselt wird, illustriert die Tatsache, dass das Diesel den Standardsprint von Null bis hundert Stundenkilometer mit einem Zehntel schneller absolviert als das Schwestermodell mit dem 3,5 Liter großen Benziner - das obendrein noch 100 Kilo weniger wiegt. Erst bei 235 km/h ist Schluss, doch am gemütlichsten schnurrt es sich bei Tempi um 160 km/h dahin.

 

Wer eine große und bequeme Reiselimousine sucht, findet kaum etwas Besseres. Die Mercedes-Standardsitze sind bekannter Maßen bequem, langstreckentauglich, seitenstabil und rückenfreundlich. Doch AMG-Sportsitze sind in allem ein bisschen besser und obendrein kann man ihre Wangen auch noch individuell anpassen – zusätzlich zur ebenfalls vorhandenen Beheiz- und Belüftbarkeit. Das ist zweifelsfrei ganz großes Kino, wenn es um Sitzkomfort geht. Glücklich der, der sich nicht fragen muss, ob er die mehr als 9300 Euro extra vielleicht einer sinnvolleren Verwendung zuführen kann – denn so viel kostet das AMG Sport-Paket Interieur inklusive Klimatisierung der Sitze und Memorypaket.

 

Heller Innen- und viel Gepäckraum

 

Da nehmen sich die 283 Euro für das Medien-Anschlusskabel sehr bescheiden aus, doch dass nicht jede Chance genutzt werden muss, die Kunden zur Ader zu lassen, hat sich inzwischen auch bei Mercedes herumgesprochen: Der neue SLK bietet bereits einen USB-Anschluss ohne Extra-Kosten. Auf die Rückfahrkamera (für 566 Euro extra) sollte man in keinem Falle verzichten, schon gar nicht, wenn man den Wunsch hat, die Langversion irgendwann einzuparken. Immerhin sind zwischen den Achsen 3,22 Meter Platz und hinter dem Fahrer räkeln sich im Zweifelsfalle noch fünf weitere Insassen in ihren bequemen Polstern.

 

Die R-Klasse gehört übrigens zu den wenigen Siebensitzern, wo man in der letzten Reihe bequemer sitz als in dem meisten Kleinwagen vorne. Zum edlen Fahr- und Raumgefühl trägt nicht nur das Panoramadach bei, das den Innenraum erhellt, sondern auch die luftgefederte Hinterachse, die es bei Bestellung der Langversion als Schmankerl obendrauf gibt. Die Nutzung von bis zu 2,3 Kubikmetern Laderaum ist dank einer 72 Zentimeter hohen Ladekante bequem.

 

Fazit: Außer einem individuellen Geschmack braucht man nur ein gut gefülltes Bankkonto und man kann viel Freude mit der R-Klasse haben. Unter den sieben Motor- und Radstandversionen, die Mercedes anbietet, dürfte der große Diesel die beste Wahl sein, da er das vernünftigste Paket aus Durchzugskraft und Wirtschaftlichkeit schnürt. Das Raumschiff im Modellsortiment ist nicht zum Renner geboren, weder auf der linken Spur, noch in der Verkaufsstatistik. Doch die Souveränität und die Vielseitigkeit, die man sich mit der R-Klasse in die Garage holt, ist ihr Geld wert.

 

DatenblattMercedes R 350 CDI 4Matic lang
Abmessungen L / B / H5,16 / 1,92 / 1,67 m
Leergewicht (DIN)2295 kg
Sitzplätze7
Ladevolumen
(normal / maximal) 
633 / 2385 l
Anhängelast (gebremst / ungebremst2100 / 750 kg
Maximale Zuladung615 kg
MotorV6-Zylinder-Diesel-Motor mit 2987 ccm Hubraum
Getriebe7G-Tronic-Automatik
Leistung195 kW/265 PS
KraftstoffartDiesel
AntriebAllrad
Höchstgeschwindigkeit235 km/h
max. Drehmoment620 Nm bei 1600-2400 U/min
Beschleunigung 0 - 100 km/h7,7 Sek
Normverbrauch (innerorts / außerorts / kombiniert)11,0 / 7,0 / 8,5 l
Testverbrauch10,5 l
CO2-Emissionen
(Normverbrauch)
223 g/km
AbgasnormEU 5
Grundpreis59.875 Euro
Testwagenpreis83.038,20 Euro

Quelle: n-tv.de

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