Der Klassiker: Praxistest im G 500 Cabrio: Mit Trink- und Feierlaune
Die langwierige und opferreiche Suche nach dem Heiligen Gral hätten sich die Ritter womöglich sparen können. In den Fertigungshallen von Steyr Daimler Puch in Graz scheint das Geheimnis ewiger Jugend verborgen. Wie anders ist es möglich, dass ein Automobil, welches erkennbar aus der Zeit vor der Erfindung des Windkanals stammt, heute immer noch so beliebt ist. Beliebt freilich nur bei jenen, die sich so ein G Modell leisten können. Unter 76.398 Euro (für den G 320 CDI) ist da leider gar nichts zu machen.
Es stecken halt auch etwa 100 Mann-Stunden Handarbeit drin, die kostet. Dass dieses scheinbar so urdeutsche Auto ist eigentlich ein Österreicher ist, tut weiter nichts zur Sache, die Nachbarn kennen es als "Puch G". Ob mit Stern oder ohne, es ist ein automobiler Sonderfall. Das kann man an jeder Ampel vom Fahrersitz aus prima beobachten. Besonders dann, wenn es wie das Testfahrzeug dem legendären "Papamobil" von Johannes Paul II. ähnelt, so blendend weiß lackiert und nach oben offen. Und erst recht, wenn es bei "Grün" unter Zurücklassung eines gewaltigen Grollens mit der Kraft von 530 Newtonmetern Drehmoment losstürmt und nach nicht einmal sechs Sekunden die 100-km/h-Grenze durchbräche, stünde dem nicht das innerörtliche Tempolimit entgegen.
Sitzhöhe wie im Linienbus
Der Verlierer des Ampelrennens erhält zum Trost den Blick auf eine Skurrilität, die es nur beim G-Modell gibt: Die Schwanenhals-Bremsleuchte. Mangels fester Karosseriestruktur auf Fensterhöhe sah man sich beim Hersteller genötigt, für das dritte Bremslicht eine gesonderte Halterung zu schaffen, die mit dem Träger des Reserverades verbunden ist. Ein Gasdruck-Dämpfer hilft dabei, das massive Rohrgerüst – das ja auch den Belastungen einer Geländefahrt sicher standhalten muss - zur Seite zu schwenken, wenn man zum Beispiel Zugang zum Kofferraum braucht. Vorsicht ist nach dem Zurückschwenken beim Verriegeln angesagt: Einklemmgefahr!.
Wer ernsthaft die Anschaffung eines G-Modells erwägt, sollte die Frage nach Trittbrettern nicht ausblenden. Ab 1100 Euro extra werden sie in Edelstahl mitgeliefert. Der Testwagen verfügte über diese Einstiegshilfe und der elegante Schwung hinauf auf die Sitzhöhe eines Fahrgastes im Linienbus wird damit zum ersten Vergnügen des Tages. Welche Anstrengung es kostet, das Innenleben eines knorrigen Geländewagens auf des Komfortniveau einer Mercedes-Limousine zu liften, ist am Beispiel der Sitze schön zu veranschaulichen.
Für den Zustieg auf die Rückbank müssen sie bei den G-Modellen mit kurzem Radstand einen Kippmechanismus haben. Die Gewichte sind sauber austariert und die Bewegung ist auch einhändig gut zu erledigen. Jedoch kommen dabei allerhand Kabel zum Vorschein, die der Multikontursitz (+523 Euro) für seine zahlreichen Verstellmotoren braucht. Kompromissfähigkeit ist also gefragt: Wer die Superbequemlichkeit haben will, muss die provisorisch und selbstgebastelt anmutende Optik in Kauf nehmen.
Im Gelände nicht zu schlagen
Die bekannte Mercedes-Wohnlichkeit lässt es an nichts fehlen, lediglich die Anzahl der Haltegriffe erinnert daran, dass man eigentlich in einem lupenreinen Geländewagen sitzt. Differenzialsperren (es gibt drei davon) sowie die Getriebe-Untersetzung werden bequem über Tasten an Mittelkonsole aktiviert. Damit ist das Krabbeltier im Gelände nicht zu schlagen. Sieht man einmal über die dürftige Grafik-Qualität des Navigationssystems und die fehlende Seitenscheibenautomatik hinweg, gibt es allen Grund, sich an Bord wohl zu fühlen.
Das beste Getriebe im Mercedes-Regal, die 7G-Tronic, ist im G 500 standardmäßig verbaut. Unauffällig, geschmeidig und anforderungsgerecht setzt sie Drehzahl in Vortrieb um. Lediglich ein etwas spontaneres Ansprechverhalten der Antriebseinheit würde man sich für kernige Zwischenspurts auf der Landstraße wünschen.
Von einem Kraftprotz und Naturbuschen wie dem G-Modell darf man auf längeren Autobahnfahrten nichts anderes als passiven Widerstand erwarten. Brausen, Pfeifen und Flattern, dazu Klappern in den Verdeckbügeln – die ganze Palette akustischer Mißfallenskundgebungen stellt sich schon knapp über 100 km/h ein. Zwar sind laut Hersteller technisch sogar 210 km/h drin, aber wer will das schon ausprobieren? Mit einem cw-Wert von 0,54 ist das G-Modell der sprichwörtlichen Schrankwand nahe und man erspare diesem archaischen Wesen bitte, sich auf dem Weg in die Ferien mit glattgelutschten Familienkutschen zu messen.
Öffnet schnell wie ein Roadster
Viel vergnüglicher ist es doch, das elektrische Verdeck zu öffnen und an den massivem Überrollbügel gelehnt den Großwildjäger zu mimen. Öffnen und Schließen des ausladenen Segeltuchverschlags erinnern eindringlich daran, wie bequem es die Fahrer von Pkw-Cabrios heute haben. Da braucht man meist nicht einmal mehr anzuhalten, um Luft und Sonne herein zu lassen. Beim G-Cabrio müssen Automatik-Wahlheben auf "P" und Handbremse arretiert sein, dann werden zwei Riegel am Frontscheibenrahmen gelöst und schließlich beginnen die Elektromotoren mit ihrer Arbeit. Und zwar erstaunlich schnell. In nur 15 Sekunden ist das Verdeck hinter den Rücksitzen verschwunden, das Schließen dauert nur unwesentlich länger.
Ist die große Freiheit erstmal hergestellt, lässt der Spaß nicht lange auf sich warten. Ob mit Schmackes übers Stoppelfeld gerumpelt oder durch knöcheltiefen Sand in der Kiesgrube gewühlt – infantiler Spieltrieb bricht sich unverhofft Bahn, wenn ein G-Modell in seinem Revier von der Leine gelassen wird. Am Ende einer solchen Lustpartie waren die Insassen auch darüber informiert, wie perlweißer Lack mit dezentem Matsch-Dekor harmoniert.
Auf dem Weg zurück in die Realität ist meist ein Stopp an der Tankstelle einzuplanen. Im Normtest auf dem Rollenprüfstand sind einmal 14,7 Liter je 100 Kilometer Durchschnittsverbrauch für den G 500 ermittelt worden. Doch Roboter verstehen nichts von Spaß. Der Testwagen war daher auch nicht dazu zu bewegen, sich mit weniger als 16 Litern zufrieden zu geben. Doch gehörten Trink- und Feierlaune nicht schon immer irgendwie zusammen?
Fazit: Im Kaufpreis von stolzen 94.605 Euro stecken nicht nur 19 Prozent Mehrwert-, sondern auch wenigstens 30 Prozent Vergnügungssteuer. Überragende Offroad-Fähigkeiten gepaart mit souveräner Fahrleistung und reichlich Prestige – das sind die Faktoren, die dem G Modell eine treue Fangemeinde beschert hat. Bis 2015 soll er mindestens noch gebaut werden. Wer dann keinen mehr bekommt, muss ihn sich vererben lassen.
Quelle: n-tv.de

