Porsche GT 3: Mit dem Rennwagen in die Ferien
"Alltagstauglichkeit" ist eine besonders von Sportwagenherstellern gern und häufig verwendete Vokabel. Die mit Zuschreibung dieser Qualitäten verbundenen Erwartungen erfüllen die Fahrzeuge leider nicht immer. Der Porsche GT3 ist ein Rennwagen mit Straßenzulassung. Doch kann man mit so einem Boliden auch in den Urlaub fahren?
Auf der Rundstrecke zeigt der Porsche GT3 der Konkurrenz meist den dicken Heckspoiler. Was für den Laien aussieht wie ein 911er mit großzügig eingekauften Anbauteilen, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als reinrassiges Sportgerät. Nicht nur, dass die Karosse mit 90 Millimeter Bodenfreiheit dichter am Asphalt klebt, als bei normalen Autos. Auch die Zentralverschlüsse an den Felgen deuten darauf hin, dass Radwechsel im Sekundentakt möglich sind. Letzte Zweifel werden durch einen Blick aufs Datenblatt ausgeräumt: Mehr als 114 PS pro Liter Hubraum, alles ohne Turbo-Doping oder andere leistungssteigernde Mittelchen, 8500 Touren Höchstdrehzahl und eine kurze Übersetzung in allen Gängen.
Schluckfreudig - aber nur beim Gepäck
Erste Herausforderung: Die Gepäckverladung. So unausrottbar wie die klassische Form des Porsche 911 ist das Vorurteil, unter dem Deckel der Fronthaube könne man allenfalls ein Schminktäschen unterbringen. 105 Liter Volumen klingt auch wirklich nicht besonders reichlich. Der Selbstversuch belegt: Eine große und eine kleine Reisetasche sowie zwei schuhkartongroße Boxen schluckt das Fach ohne Mühe. Das sollte für die Freizeitgarderobe von zwei Personen reichen.
Wenn nicht, gibt es Ausweichmöglichkeiten. Rennwagen brauchen keine Rücksitzbank und so hat der GT3 hinter den Sitzen eine Teppichlandschaft, die noch gut als Stauraum genutzt werden kann. Nach VDA-Norm kann dort einen Volumen von 205 Litern untergebracht werden. Wird das Auto allerdings mit dem (kostenfrei!) erhältlichen Rennsport-Käfig ausgeliefert, reduziert sich der Gepäckraum natürlich entsprechend. Eine gut gefüllte Gepäckbox unter der Fronthaube hat sogar noch einen positiven Effekt auf die Fahrstabilität. Sie erhöht das Gewicht auf der Vorderachse und man hält im Grenzfall die notorische Heckschleuder leichter im Zaum. Um die Hinterachse braucht man sich keine Sorgen zu machen – der Heckflügel sorgt bei 200 km/h schon für rund 30 Kilogramm zusätzlichen Anpressdruck.
Zweite Herausforderung: Der Reisekomfort. Mit dem ambitionierten Ziel, in einem Stück die Republik vom östlichen Brandenburg bis ins westliche Rheinland zu durchqueren, lassen wir uns vorsichtig in die Karbonschalen gleiten. Mit einem Body-Maß-Index von 22 oder höher sollte man diesen Versuch besser gar nicht unternehmen, aber auch wer schmaler ist, kann sich an dem an der Polsterinnenseite angebrachten Gurtschloss einen blauen Fleck am Gesäßmuskel holen. Also: Vorsicht beim Einsteigen.
Trainingsanzug vom Maßschneider
Doch ist erst einmal die perfekte Position gefunden, die Lenkradhöhe eingestellt und der Gurt fixiert, tut sich Überraschendes: Man möchte gar nicht mehr aussteigen. Der GT3 ist wie ein Trainingsanzug vom Maßschneider. Wenn er passt, dann in jeder Situation. Ergebnis von 800 Tageskilometern, die nur zum Tanken unterbrochen wurden: Entspanntes Aussteigen, keine Wehwehchen, kein lahmes Kreuz, nur eine Menge Appetit aufs Abendessen. Mehr als Pommes-Mayo ist da aber nicht drin, denn die vorzüglichen Schalensitze kosten 4700 Euro extra.
Bei unseren europäischen Nachbarn gilt Deutschland als Autofahrer-Paradies, weil es kein generelles Tempolimit gibt. Die Realität kann aber die Hölle sein, wenn man im GT3 gezwungen ist, mit 80 km/h durch die Baustelle zu zuckeln. Ein Tempomat ist serienmäßig nicht vorgesehen ist, muss sich der GT3-Fahrer in Selbstbeschränkung und Geduld üben, bis die Sicht zum Horizont wieder frei ist. Dann aber stürmt das Coupé mit Urgewalt los, untermalt vom charakteristischen Boxer-Getöse, da es eine wahre Pracht ist. Das kurz abgestufte, knackige Getriebe machte es leicht, die jeweils optimale Fahrstufe zur Drehzahl zu finden und unmittelbar in Vortrieb umzusetzen. Da es ihn nur mit Handschaltung gibt, ist er aber für Stop-and-Go-Verkehr nur bedingt geeignet, denn da kann ob der harten Kupplung leicht der Wadenmuskel schlapp machen.
Die magische "3" als erste Ziffer auf dem digitalen Tacho zu sehen, war zwar selten der Fall, doch eine morgendliche Kurvenhatz durch die verschlafene Ardennen-Schleifen kann für vieles entschädigen. Die UHP-Reifen sind schlupfresistent und querbeschleunigungsgierig, bieten optimale Haftung auf trockener Straße und sind die denkbar beste Ergänzung für die äußerst präzise Lenkung. Allerdings ist das malerische Mittelgebirge zwischen Belgien und Luxemburg auch als Kulminationspunkt von Regenwolken europaweit bekannt, weshalb man mit UHP-Reifen bei nasser Fahrbahn seine sportlichen Ambitionen schleunigst hintenan stellen sollte.
Zu flach für Parkhausrampen
Das babyblaue Auto entpuppte sich als echter Hingucker (Sonderfarbe für 4165 Euro extra), die positiven Rückmeldungen von Sportwagenfans auf den Nebenspuren dokumentierten sich in hochgereckten Daumen, freundlichem Winken und Handy-Schnappschüssen beim Ampelstopp. Die Belagerung durch Schaulustige an der Tankstelle kann man minimieren, in dem man sich den aufpreisfreien 90-Liter-Tank bestellt.
Wer auf Reisen ist, muss gelegentlich auch eine Tiefgarage oder ein Parkhaus aufsuchen. Mit dem GT3 ist dies mit Risiko behaftet, da das Fahrwerk gegenüber dem normalen 911er um 30 Millimeter tiefer gelegt ist und obendrein die vordere Spoilerlippe nur 80 Millimeter über den Boden endet. An gelegentliche Schabegeräusche durch unvermeidliches Aufsetzen muss man sich gewöhnen, es sei denn, man wählt als Kunde die Option "Voderachslift" für 2975 Euro. Da ist gut angelegtes Geld, ermöglicht diese Technik doch das Anheben der Wagenfront um jene 30 Millimeter, was schadloses Passieren von Rampen und Bordsteinkanten ermöglicht. Das System ist intelligent genug, dass beim Überschreiten der 50 km/h-Grenze wieder eine Absenkung auf das Normalniveau erfolgt.
Dass für den Preis eines GT3 zwei nobel ausgestattete Limousinen der oberen Mittelklasse zu haben sind, schränkt den Kreis der möglichen Kunden erheblichen ein. Doch eines kann man Porsche nicht in diesem Falle nicht vorwerfen: Dass die Fahrer auch an der Tankstelle über Gebühr zur Kasse gebeten würden. Auf mehr als 1000 Kilometer Testfahrt gehörte der GT3 am Ende zu den wenigen Fahrzeugen, die im Alltagsbetrieb mit weniger Sprit auskamen, als nach EU-Norm ermittelt. 12,4 Liter je 100 Kilometer sind nicht eben wenig, mit einem länger übersetzten 6. Gang hätten es noch weniger sein können. Angesichts des Leistungsniveaus ist dieser Wert jedenfalls äußerst wirtschaftlich. Dabei ist noch zu berücksichtigen, dass mit jeder Tagesetappe dieses Urlaubstrips zusätzliches Gewicht an Bord kam – wer kehrt schon aus Frankreich ohne Wein, aus Belgien ohne Schinken und aus Holland ohne Käse heim?
Fazit
Natürlich ist es gewagt, ein so sportlich konzipiertes Fahrzeug als Reisewagen einzusetzen. Aber es funktioniert – zumindest mit dem Porsche GT3. Fahrspaß top, Wirtschaftlichkeit und Transportkapazität auf erstaunlichem Level, so wurde der Holiday-Trip im Rennwagen zu einer überraschend kurzweiligen und komfortablen Ausfahrt. Auch wenn der GT3 mehr austrainierter Sportler als Gebrauchsauto ist und eher in der Müllenbachschleife als auf der Sauerland-Linie zu Hause zu sein scheint, kann man ihm das Adelsprädikat "alltagstauglich" doch uneingeschränkt anheften.
Datenblatt | Porsche 911 GT3 |
Abmessungen LxBxH | 4,46 / 1,81 / 1,28 m |
Leergewicht | 1395 kg |
Sitzplätze | 2 |
Ladevolumen | 105 l vorn / 205 l hinten |
Maximale Zuladung | 285 kg |
Motor | 3,8-Liter- 6-Zyl-Boxermotor mit Multipointeinspritzung |
Getriebe | Heckantrieb / manuelles 6-Gang-Getriebe |
Leistung | 435 PS (320 kW) bei 7600 U/min |
Kraftstoffart | Superplus (98) |
Tankinhalt | 67 l (90 l optional) |
Höchstgeschwindigkeit | 312 km/h |
max. Drehmoment | 430 Nm bei 6250 U/min |
Beschleunigung 0 - 100 km/h | 4,1 sek |
Testverbrauch pro 100 Kilometer(gemischt) | 12,4 l |
CO2-Emissionen | 298 g/km |
Grundpreis |
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Quelle: n-tv.de

