BMW GT 535i: Nicht Fisch, nicht Fleisch, aber lecker
Eine Lenkradheizung? Welch ein Snobismus! Wer in den vergangenen Wochen mit klammen Finger den Leder- oder Kunststoffkranz bewegte, sieht das Thema vielleicht inzwischen etwas differenzierter. Ein BMW GT mit Lenkradheizung ist jedenfalls eine Wohltat, wie der Praxistest zeigte.
Er ist kein Fünfer, das steht fest. Ein Siebener ist er aber auch nicht, obwohl der Radstand identisch ist. Die variable Heckklappe macht ihn, viva bavaria, sicher nicht zum Skoda. Aber was ist er dann? Eine Limousine? Nein. Ein Kombi? Nein. Ein Coupé vielleicht? Aber kein richtiges. Ein Gran Turismo? Nur inoffiziell, wegen der Namensrechte. Also ein Van. Oder?
Seit BMW das Modell mit dem Kürzel GT vergangenen Oktober auf den Markt brachte, ist die Autowelt uneins, ob es sich dabei nun um ein Hochdach-Coupé, eine Großraum-Limousine oder noch etwas anderes handelt. Einigkeit herrscht nur darüber, dass das Fahrzeugkonzept eigenwillig und deshalb gewöhnungsbedürftig ist.
Auf fünf Metern Länge und fast 1,60 Metern Höhe sieht das Dickschiff so prall und wuchtig aus, als solle der Glanz des bayerischen Königreichs wieder hergestellt werden. Nicht zu bestreiten ist, dass eine menge 7er im GT steckt, bis zur B-Säule sind die Autos technisch weitgehend identisch. Die Dachlinie erinnert dagegen mehr an einen X6, den letzten Design-Aufreger aus bajuwarischer Produktion. Sucht man Parallelen zum GT-Konzept bei anderen Herstellern, kommt einem womöglich die R-Klasse von Mercedes in den Sinn, wobei deren Raumschiff sicher mehr Van als Gran Turismo ist.
Bequem erhöhte Sitzposition
Halten wir uns also nicht weiter mit Definitionsfragen auf, sondern freuen uns über die eleganten rahmenlosen Scheiben und das erhabene Raumgefühl im Innern. In alle Richtungen ist die Sicht gut, außer nach hinten, denn der gewölbte Dachhimmel schränkt sie ein. Die Türen öffnen sehr weit, so dass man sich trotz der um etwa sechs Zentimeter erhöhten Sitzposition schon ganz schon strecken muss, um nach dem Einstieg den Griff zum Zuziehen zu erreichen. Der chronisch knappe Fußraum in der zweiten Reihe, bei 3er und 5er-BMW vielstimmig beklagt, ist hier kein Thema. Auch die Kopf- und Schulterfeiheit sind reichlich bemessen. Serienmäßig wird der GT mit einer Einzelsitzanlage im Fond ausgeliefert.
Die Sitzflächen sind dabei in der horizontalen um je zehn Zentimeter verschiebbar, die Rückenlehnen können auf individuelle Wohlfühl-Neigung angepasst werden. Die Verstellung lässt sich auf Wunsch auch elektrisch herbeiführen (+1950 Euro), jedoch kann man das Geld auch besser anlegen. Zum Beispiel in Komfort-Gestühl für die Vordersitze. Diese vorbildlichen Automöbel sind mit veränderbarer Lehnenbreite, verlängerter Oberschenkelauflage und klappbaren Kopfstützenelementen ausgestattet, können zusätzlich im Schulterbereich in Richtung Kopf geneigt und an der Bandscheibe stabiler aufgepumpt werden. So kommt man auch mit einem entspannten Rücken an, wenn man den Tank in einem Stück leer gefahren hat.
Die 70 Liter Benzinvorrat, die der 535i dabei hat, reichen theoretisch für mehr als 780 Kilometer - wenn das Auto denn den offiziellen EU-Normverbrauch (8,9 L/100 km kombiniert) erreichen würde. Für einen schlanken Zweitonner ist dieser Wert recht ambitioniert. Die 11,5 Liter, die in diesem Praxistest ermittelt wurden, sind leider ebenso wenig aussagekräftig. Der witterungsbedingte Dauerbetrieb von Sitz- und Lenkradheizung, Heckscheibenenteisung und Warmluftgebläse dürfte den Verbrauch ordentlich in die Höhe getrieben haben.
Achtgang-Automat aus der 7er-Reihe
Stichwort Lenkradheizung: Sie kostet als Sonderausstattung 280 Euro Aufpreis. Wer sie nur 100 Tage pro Saison nutzt und das Auto drei Jahre lang fährt, hat nicht einmal einen Euro pro Nutzungstag dafür bezahlt. Ist das zuviel für gewärmte Finger bei eisigem Schneetreiben? Bei Schnee und Minusgraden bewahrt man übrigens seinen 5er Gran Turismo am besten in der Garage auf. Da die Motoren der Seitenscheiben so programmiert sind, dass sie bei jedem Öffnen und Schließen das Glas ein paar Millimeter herunter- bzw. hinauf fahren, können Eisverkrustungen diese Funktion beeinträchtigen.
Für weitere 1390 Euro kann man sich ein Head-Up-Display leisten, das den Fahrer über Tempo oder dessen Beschränkung sowie Navigationsdetails auf dem Laufenden hält. Es entbindet den verantwortlichen Fahrzeugführer aber nicht von der Pflicht, selbst die Straßenbeschilderung im Auge zu behalten, denn wie die Testfahrten belegten, ist die Schildererkennung per Kamera nicht zu 100 Prozent sattelfest.
Der Dreiliter-Sechszylinder leistet dank doppelter Aufladung 306 PS. Auch das Durchzugsvermögen ist mit 400 Newtonmetern schon ab 1200 Umdrehungen mehr als üppig bemessen. Die neue Achtgangautomatik von ZF, die auch im Siebener und der Fünfer-Limousine zum Einsatz kommt, schaltet nicht nur höchst komfortabel, sondern nötigenfalls auch über drei oder vier Fahrstufen zurück, um maximale Beschleunigung zu erzielen. Der Testwagen war außerdem noch mit dem so genannten Adaptive Drive-Fahrwerk versehen, das eine Wankstabilisierung und verstellbare Dämpfer beinhaltet. Mit der 3000 Euro teuren Sonderausstattung rollt der GT weich und samtig ab, gleitet so komfortabel, wie es dem auf Agilität getrimmten Markenimage gar nicht zuzurechnen ist. Die auffällige Handlichkeit erwarb der Testwagen durch Einbau der Integral-Aktivlenkung (+1750 Euro), mit der auch die Hinterräder ihren Laufwinkel bis zu 2,5 Grad in jede Richtung verändern können.
In Unterschied zu gewöhnlichen Kombis oder Vans, wo direkt hinter den Lehnen der Rückbank das Gepäckabteil beginnt, gönnten die Konstrukteure dem GT noch eine bewegliche Zwischenwand, die zweierlei Nutzen bringt. Sie mindert Geräusche, wenn zum Beispiel deine holperige Fahrbahn die hinten verstauten Koffer hüpfen lässt und sie hält die Wärme in der Fahrgastkabine, wenn zum Beispiel die hinten Sitzenden von den Verstellmöglichkeiten ihrer Sessel Gebrauch machen.
Bis zu 1700 Liter Ladevolumen
Das Fassungsvermögen des Kofferraums sieht mit 440 Liter zunächst einmal nicht üppig aus und passt zu der bescheidenen Standard-Ladeluke von 95 x 43 Zentimetern. Wenn man aber die Sitze umlegt, sind es bis zu 1700 Liter, da hat sogar der bisherige 5er-Touring mit maximal 1650 Litern das Nachsehen. Zum Beladen mit großen Stücken gibt die pfiffige Kombiklappe einen Schlund von 110 cm Breite und 70 cm Höhe frei, die Ladekante befindet sich 60 cm über Grund. Davon können X3 oder X5-Fahrer nur träumen. Ähnlich wie bei diesen Modellen ist auch die GT-Heckscheibe stärkerer Verschmutzung ausgesetzt als die einer herkömmlichen Limousine.
Ob man im GT nun stilvoller reist, als mit einer Limousine, mag dahin gestellt bleiben. Man reist in jedem Falle kostspielig, denn für den 535i müssen zunächst einmal 55.700 Euro auf den Tisch. Für Komfort und Wohlbefinden auf Testwagen-Niveau sind gleich 87.000 nötig. Weder für Geld, noch gute Worte ist ein Heck-Scheibenwischer zu haben, da ist der Neuling doch mehr Limousine als Touring.
Fazit: Ähnlich wie der X6 dürfte der Gran Turismo die Gemüter scheiden. Er bringt die klassische Segment-Ordnung durcheinander, verbindet bisher Getrenntes, ist nicht Fisch und nicht Fleisch, aber trotzdem lecker. Zwar ist der 306-PS-Benziner lustvoll zu fahren, bringt unter Last einen kernig, sportlichen Klang zu Gehör, doch dürfte der 530d aus wirtschaftlicher Sicht die vernünftigere Alternative sein.
Datenblatt | |
Abmessungen LxBxH | 5,0 x 1,9 x 1, 6 Meter |
Leergewicht | 2015 kg |
Sitzplätze | 5 |
Ladevolumen | 440 - 1700 Liter |
Maximale Zuladung | 630 kg |
max. Anhängelast(ungebremst/gebremst) | 750 kg/ 2100 kg |
Motor | 6-Zyl-Reihenmotor mit Turboaufladung |
Antrieb und Getriebe | Heck/ 8-Gang- Automatik |
max. Leistung | 306 PS / 225 kW bei 5800 U/min |
Kraftstoffart | Benzin |
Tankinhalt | 70 Liter |
Höchstgeschwindigkeit | 250 km/h |
max. Drehmoment |
400 Nm bei 1200- 5000 U/min
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Beschleunigung 0 - 100 km/h | 6,3 sek |
Verbrauch pro 100 Kilometer(Innerorts/Außerorts/Schnitt) | 12,3/6,9/8,9 L/100km |
CO2-Emissionen | 209 g/km |
Schadstoffklasse / Feinstaubplakette | Euro 5 |
Grundpreis | 55.700 Euro |
Quelle: n-tv.de

