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Dank des zuschaltbaren Allradantriebs ist der Nissan nicht auf Straßen angewiesen.
Dank des zuschaltbaren Allradantriebs ist der Nissan nicht auf Straßen angewiesen.(Foto: Axel F. Busse)

Western-Romantik auf Japanisch: Nissan Navara als Hobby-Pick-Up

Von Axel F. Busse

Der Erfolg des VW Amarok hat viele Hersteller von Pick Ups veranlasst, den Insassenkomfort ihrer offenen Transporter aufzuwerten. Aus schnöden Nutzfahrzeugen wurden schicke Lifestyle-Laster, so wie der Nissan Navara. Seine Qualitäten prüft ein Praxistest.

Auch wenn sie hier nicht gebraucht werden: Die Schienen und Ösen an der Ladeflächenwand sind sehr praktisch.
Auch wenn sie hier nicht gebraucht werden: Die Schienen und Ösen an der Ladeflächenwand sind sehr praktisch.(Foto: Axel F. Busse)

In den USA sind sie seit Jahrzehnten die meistgekauften Autos, bei uns treten sie erst langsam aus dem Schatten heraus: So genannte Pick Ups, Transporter um eine Tonne Nutzlast und mit offener Ladefläche werden immer häufiger von Privatnutzern als ideales Freizeit- und Hobbyfahrzeug entdeckt. Der Nissan Navara gehört zu dieser Fahrzeugkategorie und konnte schon im vergangenen Jahr die Zahl seiner Neuzulassungen in Deutschland gegenüber 2010 mehr als verdoppeln.

Im Unterschied zu den Vorlieben der US-Amerikaner sind die Autos in Europa bis auf wenige Ausnahmen nicht mit großvolumigen V8- oder V6-Benzinern ausgestattet. Drehmomentstarke Turbo-Dieselmotoren zwischen zwei und drei Litern Hubraum machen das Gros des Bestands aus. Für diesen Test stand ein Navara-Modell mit Doppelkabine, 2,5-Liter-Selbstzünder und manuellem Sechsgang-Getriebe zur Verfügung.

Das Mitleid der übrigen Verkehrsteilnehmer ist einem sicher: Wer mit einem 5,30 Meter langen Laster in die City tuckert, sucht meist länger nach Parkplätzen als andere. Mit diesen Abmessungen überragt der Nissan sogar den Segmentführer Amarok und den Toyota Hilux. Dieser Nachteil wird aber meist dadurch ausgeglichen, dass einem andere respektvoll die Vorfahrt gewähren, wenn zwei Fahrzeuge gleichzeitig eine Einmündung erreichen. Wuchtig und raumgreifend sieht der Laster aus, der den um einen Konsonanten verkürzten Namen eines historischen Königsreichs im spanischen Norden trägt.

Allradbetrieb per Drehknopf

Einladend: Bei Bedarf schleppt der Navara mehr als eine Tonne Nutzlast
Einladend: Bei Bedarf schleppt der Navara mehr als eine Tonne Nutzlast(Foto: Axel F. Busse)

Als Arbeitspferd für Garten- und Landschaftsbau oder in der Forstwirtschaft würde man so ein Auto wohl am ehesten verorten, doch die Pick Ups gewinnen immer mehr Bedeutung als multifunktionales Familienauto, mit dem nicht nur das Brennholz für den heimischen Kamin problemlos herangeschafft wird, sondern auch mal sperrige Hobby-Utensilien wie ein Geländemotorrad oder Jet-Ski transportiert werden. Die Doppelkabine bietet dabei Platz für fünf Personen, allerdings ohne Gepäck.

Fast alle gängigen Modelle aus dem Pick-Up-Sektor sind mit zuschaltbarem Allradantrieb ausgestattet. Das erweitert ihren Aktionsradius beträchtlich, ein Image-Problem wie bei vielen großen SUV ist nicht zu erkennen. Auch der Navara kann auf schwierigem Geläuf sein Fortkommen durch zwei angetriebene Achsen sichern. Im Normalfall wird der Transporter über die Hinterachse bewegt, und obwohl bei ungenutzter Ladefläche nur wenig Gewicht auf den Antriebsrädern liegt, zeigten sich im Test kaum Traktionsprobleme. Die Vorderachse wird elektronisch mittels eines Drehknopfs auf der Mittelkonsole zugeschaltet. Analog zu den manuell bedienbaren Untersetzungsgetrieben früherer Bauart gibt es die Wahl zwischen "4L" (für Low), was maximale Ausnutzung des Motor-Drehmoments garantiert und "4H" (für High), womit der gesamte zur Verfügung stehende Übersetzungs- und Tempobereich genutzt werden kann. Vor den meisten Gelände-Aufgaben braucht man mit dieser Ausstattung keine Angst zu haben. Die Offroad-Qualitäten des Navara lassen sich durch eine Hinterachs-Quersperre für 620 Euro extra noch maximieren.

Durchzugskräftig und nur mäßig durstig: Der 2,5 Liter große Dieselmotor.
Durchzugskräftig und nur mäßig durstig: Der 2,5 Liter große Dieselmotor.(Foto: Axel F. Busse)

Zwar sollen Leichtmetallfelgen und Dachreling einen Hauch von Schick in die Optik des Allradlers bringen, im Kern bleibt er doch, was er ist. Ein grundsolider Laster, der ordentlich Ladung von A nach B bringen kann. Diese Aufgabenstellung spiegelt sich auch in der konventionellen Bauart wider. Auf den separaten Leiterrahmen ist die Karosserie geschraubt, das Fahrwerk besteht aus einzeln aufgehängten Rädern vorn und einer Starrachse mit Blattfedern hinten. Die gehen auch bei einer reichlichen Tonne Nutzlast noch nicht in die Knie. Die rund 1,50 Meter lange Ladefläche ist mit einem raffinierten Schienen- und Ösensystem ausgestattet, die das Befestigen von sperriger Ladung erleichtert. Doch wer den Navara als Allround-Fahrzeug nutzen will, wird wohl um eine 2618 Euro teure Anschaffung nicht herum kommen: Soviel kostet nämlich das Hardtop, das die Ladefläche zu einem abschließbaren und wettertesten Gepäckraum macht. Wer den Navara als Zugmaschine für seinen Anhänger einsetzen will, darf bis zu drei Tonnen Anhängelast anspannen.

Hinterachse hüpft vor Freude

Trotz aller grobschlächtigen Anmutung und zur Schau gestellter Unverwüstlichkeit ist der Fahrkomfort erstaunlich kommod. Nicht nur die wulstige Bereifung mit Pneus im 65er-Querschnitt absorbiert viel vom holperigen Untergrund, sondern auch die hydraulischen Teleskopdämpfer, die an beiden Achsen zum Einsatz kommen. Nur wenn es mal allzu flott über die Waldpiste geht, können größere Unebenheiten die wenig belastete Hinterachse zu kleinen Freudenhüpfern veranlassen. Da vorn das meiste Gewicht liegt, sind dort wirksame Scheibenbremsen montiert. Bremsscheiben wünschte man sich auch an der Hinterachse, das ist einfach Stand der Technik.

Fast auf Pkw-Niveau: An der Innenausstattung des Lasters gibt es nichts zu tadeln.
Fast auf Pkw-Niveau: An der Innenausstattung des Lasters gibt es nichts zu tadeln.(Foto: Axel F. Busse)

Ein Faktor, der enorm zum Fahrvergnügen beiträgt, ist der wenig zimperliche Antritt des 190 PS starken Vierzylinders. Pfeifend verschafft sich das Schaufelrad des Turboladers Gehör und schon geht’s mit Macht vorwärts. Satte 450 Newtonmeter Drehmoment zerren ab 2000 Umdrehungen an der Kurbelwelle, doch ohne zu Murren gibt die Hinterachse das an die Räder weiter – sofern die nicht gerade auf nassem Kopfsteinpflaster stehen. Andernfalls tritt die Traktionskontrolle sanft in Aktion. Versperrt unversehens ein frisch gepflügter Acker die Weiterfahrt, muss den Insassen auch davor nicht bange werden. Die Zuschaltung des Allradantriebs vergrößert den mit 13,8 Metern nicht eben kleinen Wendekreis noch einmal geringfügig.

Trucker-Feeling inklusive

Zu den weiteren Überraschungen gehört, dass der knorrige Diesel ein genügsames Kerlchen ist. Immerhin sind ihm mindestens zwei Tonnen Last aufgebürdet, die er aber mit Bravour in rund zehn Sekunden auf 100 km/h beschleunigt. Wer über Tempo 120 hinaus geht, wird sich wundern: Der schnarrende Grundton des Aggregats tritt in den Hintergrund, gleichzeitig bleiben die Windgeräusche auf erträglichem Niveau. Die Herstellerangabe von 180 km/h erscheint realistisch, denn bei Vollgas zeigte die Tachonadel des Testwagens 190 km/h. Gemessen an Gewicht und Stirnfläche des Lasters ist der Testverbrauch von 8,5 Litern geradezu vorbildlich, liegt er doch nur 0,1 Liter über dem Mittel nach EU-Norm.

Auch wenn im Innenraum viel dafür getan wurde, die Nutzfahrzeug-Atmosphäre zu verdrängen und eine gewisse Wohnlichkeit zu schaffen, so bleibt dem Fahrer doch ein Lkw-Gefühl erhalten. Das liegt an der Neigung des Lenkrades, dem wenig präzisen Lenkgefühl und an den fast vier Umdrehungen, die man für eine komplette Richtungsänderung von Anschlag zu Anschlag braucht. Zusätzlich sorgen der lange Schalthebel und der etwas hakelige Weg durch die Getriebegassen für urwüchsiges Trucker-Feeling. Trotz seiner Größe ist das Auto einigermaßen überschaubar, nach hinten hilft eine Rückfahrkamera, die Bestandteil des Executive-Paketes ist. Das kostet stolze 2560 Euro und bietet zusätzlich zum Festplatten-Navigationssystem noch einen CD/DVD-Spieler mit USB-Anschluss. Annehmlichkeiten wie Sitzheizung und Tempomat sind ebenfalls vorhanden.

Fazit: Es fällt schwer, den Navara nicht zu mögen. Groß und schwer, wie er nun mal ist, bringt wohl der Hauch Western-Romantik die Sympathiepunkte, die einen Pick Up von einem gewöhnlichen Auto unterscheiden. Dank Pkw-gemäßer Ausstattung taugt er zum Allround-Mobil, lässt sich einigermaßen wirtschaftlich betreiben und auch der Fahrkomfort ist noch vorzeigbar. In der Rolle des Arbeitspferdes ist er ebenso zuhause wie in der des Freizeitgeräts. Nur die Parkplatzsuche ist hierzulande nicht so einfach wie im vermeintlich wilden Westen.

DATENBLATTNissan Navara Double Cab 2.5 dCi
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe)5,30 m/ 1,83 m/ 1,80 m
Radstand3,20 m
Leergewicht (DIN)2160 kg
Sitzplätze2+2
Zuladung1175 kg
EmissionsklasseEU 5
Motor/HubraumViertakt-Turbodiesel-Direkteinspritzer mit Ladeluftkühlung und VNT-Lader mit 2488 ccm
GetriebeSechsgang-Handschaltung
Leistung190 PS (140 kW) bei 4000 U/min
KraftstoffartDiesel
AntriebAllradantrieb
Höchstgeschwindigkeit180 km/h
max. Drehmoment450 Nm bei 2000 U/min
Tankinhalt80 l
Beschleunigung 0-100 km/h11,1 s
Normverbrauch (außerorts/innerorts/kombiniert)7,1/ 10,7/ 8,4
Testverbrauch8,5 l
CO2-Emissionen
(Normverbrauch)
229,5 g/km
Grundpreis34.199,00 Euro
Preis des Testwagens38.209,00 Euro

Quelle: n-tv.de

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