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Göttervater Odin hätte die Pferde auf der Koppel gelassen und sich für einen Volvo XC90 entschieden.
Göttervater Odin hätte die Pferde auf der Koppel gelassen und sich für einen Volvo XC90 entschieden.(Foto: Holger Preiss)
Dienstag, 07. Juni 2016

Göttlicher Schwede: Odin wäre Volvo XC90 gefahren

Von Holger Preiss

Mit dem Volvo XC90 stellen die Schweden ein göttliches SUV auf die Räder. Doch bei aller Schönheit hat der Große auch seine Schwächen. Irdische eben. Ob die zu verzeihen sind, findet n-tv.de im Praxistest heraus.

Von der Rückseite besehen wirkt der Volvo XC90 noch wuchtiger.
Von der Rückseite besehen wirkt der Volvo XC90 noch wuchtiger.(Foto: Holger Preiss)

Hätte Göttervater Odin sich seinerzeit abseits des Pferdes für ein standesgemäßes Fortbewegungsmittel entscheiden können, wäre seine Wahl, auch auf Anraten seiner beiden Raben Hugin und Munin, unter Umständen auf den Volvo XC90 gefallen. Seit seiner Neuauflage im Jahr 2015 trägt der Schwede schließlich den göttlichen Hammer bereits im LED-Tagfahrlicht. Aber nicht die Optik allein dürfte den altnordischen Gott fasziniert haben. Mit 4,95 Metern gehört der Volvo zu den wuchtigen SUV, der Raum ohne Ende auf allen Plätzen bietet. Selbst in der dritten Reihe, die auf Wunsch für 1500 Euro extra zwei weitere Sitzplätze bietet, wird nicht geknausert.

Wer laden will, muss sich lang machen

Kinder finden dort - vorausgesetzt, man muss sie nicht mehr in ein extra Gestühl zwängen - so viel Platz, dass es gar Streitigkeiten um die Besetzung der dritten Reihe gibt. Für Erwachsene kann die Kniefreiheit erweitert werden, wenn die Einzelsitze der zweiten Reihe etwas nach vorne geschoben werden. Lange möchte man dort dennoch nicht verweilen, denn der Anstellwinkel der Beine ist recht hoch. Angesichts des großen Schweden ist das aber jammern auf hohem Niveau. Selbst wenn die letzte Reihe ausgefahren wird, stehen noch 314 Liter Kofferraumvolumen zur Verfügung. Werden die beiden Sitze im Unterboden verstaut, sind es 692 Liter. Und wird auch die zweite Reihe umgelegt, wächst der Stauraum auf gigantische 1886 Liter.

Von 314 bis 1886 Liter reicht das Stauvolumen im Volvo XC90, je nach Lage der Rückenlehnen.
Von 314 bis 1886 Liter reicht das Stauvolumen im Volvo XC90, je nach Lage der Rückenlehnen.(Foto: Holger Preiss)

Schade, dass es im Testwagen keine Möglichkeit gab, die Staufläche elektrisch einzurichten. Vor allem, wenn die Rückenlehnen der äußeren Plätze zuerst eingeklappt werden, wird es schwierig, die Schlaufe zu finden, die gezogen werden muss, um die Mittellehne zum Liegen zu bringen. Noch umständlicher ist es, die dritte Reihe aufzustellen oder umzulegen. Will man die Riegel an den Außenseite der Rückenlehnen erreichen, muss man sich weit in den Kofferraum oder ins Innere des Wagens strecken.

Für Menschen unter 1,70 Meter wird das extrem schwierig. Bereits beim Entfernen der Kofferraumabdeckung muss man sich richtig lang machen. Das ist aber nicht der einzige Preis, den man bei der Befüllung des sanften Riesen bezahlt. Wer den XC90 auf angemessenen 20-Zoll-Rädern für 1250 Euro mehr rollen lässt, wuchtet das Ladegut über eine hüfthohe Kante. Letztlich ist der 2,1 Tonnen schwere Riese aber kein Transporter und im Alltagsbetrieb wird der Fahrer nicht so oft in die Verlegenheit kommen, irrsinnig schwere Güter ins Innere zu hieven. Zudem sorgt die Größe des Schweden auch für eine Vielzahl von Annehmlichkeiten.

Der sanfte Gigant

Auf Wunsch gibt es drei Sitzreihen. Selbst die letzte bietet ordentlich Platz.
Auf Wunsch gibt es drei Sitzreihen. Selbst die letzte bietet ordentlich Platz.(Foto: Holger Preiss)

Zum Beispiel kann man den XC90 für 1670 Euro mit Nappaleder-Sportsitzen ausstatten lassen, die mehr zu bieten haben als so mancher Fernsehsessel zu Hause. Nicht nur, dass die Oberschenkelauflage in der Länge angepasst werden kann, auch die Lendenwirbel können auf Knopfdruck gestützt oder entlastet werden. Ob das Gestühl cremefarben geordert werden sollte, darf aber infrage gestellt werden. Bereits nach 10.000 Kilometern zeichneten sich an den wunderbar ausgeformten Seitenwangen Färbungen ab, die von den Blue Jeans des Fahrers übernommen wurden. Ein unschöner Umstand, dem aber mit einer entsprechenden Farbwahl abgeholfen werden kann.

Ansonsten ist der XC90 in allen Belangen im wahrsten Sinne des Wortes ein sanfter Gigant. Vor allem dann, wenn für 2560 Euro zusätzlich das adaptive Luftfahrwerk unter dem Blech trägt. Damit lässt sich der Koloss ohne spürbare Verwerfungen über fast jeden Acker chauffieren. Aber Vorsicht: Nur weil der Volvo aussieht wie ein Offroader, kann er noch lange nicht alles. Der Testwagen fuhr als D4 vor. Was nichts anderes bedeutet, als dass er mit einem 2.0-Liter-Diesel bestückt ist, der mithilfe zweier Turbolader 190 PS zur Verfügung stellt und satte 400 Newtonmeter Drehmoment generiert. Im D4 wird die Kraft aber nur an die Vorderräder abgegeben.

Die Sportsitze im Volvo XC90 sind ein Traum, kosten aber 1670 Euro extra.
Die Sportsitze im Volvo XC90 sind ein Traum, kosten aber 1670 Euro extra.(Foto: Holger Preiss)

Das reicht für einen zügigen Vortrieb und alle im Normalfall anstehenden Straßenlagen. Selbst im leichten Geläuf oder auf verschneiten Pisten sollte der Schwede nicht sofort schlappmachen. Haben ihm die Ingenieure doch neben Eco, Comfort und Dynamic auch einen Offroad-Modus an die Hand gegeben. Der sorgt im Ernstfall dafür, dass leichte Verwerfungen des Geländes durch dosierte Kraftverteilung an die Vorderachse ausgeglichen werden. Das funktioniert so weit ganz gut, dürfte aber bei vereister Straße und Schnee seine Grenzen finden. Dazu ist der Wagen einfach zu schwer. Wer also mit dem Gedanken spielt, öfter Fahrten ins Skigebiet zu unternehmen, sollte den AWD, den Allradantrieb Euro, ins Auge fassen. Der ist allerdings für den D4 nicht zu bekommen. Hier muss also gleich der D5 mit 235 PS ab 58.900 Euro geordert werden.

Etwas zu durstig

Ansonsten lässt sich der Schwede bis auf seinen gigantischen Wendekreis von 12,1 Metern erstaunlich behände bewegen. Lediglich bei einem Kickdown gönnt sich das Triebwerk eine kurze Gedenksekunde, bevor es die ganze Kraft zum Einsatz bringt. Dann schiebt der Volvo bullig und vor allem geräuscharm nach vorne, während die Achtgangautomatik sanft die Gänge einlegt. Lediglich 9,2 Sekunden dauert es, bevor die 100-km/h-Marke geknackt ist. Am Ende eines solchen Sprints fliegt der Schwedenpanzer mit 205 km/h über die Piste. So weit geht alles mit den Datenblattwerten konform. Lediglich bei den Verbrauchsangaben kommt der Fahrer ins Grübeln. Liest er auf dem Papier von 5,2 Litern Diesel, die im Schnitt durch die Schläuche gesaugt werden, sind es im Alltagsbetrieb sage und schreibe 8,2 Liter. Das ist ordentlich, vor allem wenn man bedenkt, dass der große Schwede im Testbetrieb nicht über Gebühr beansprucht wurde.

Egal, wo der Schwede auftaucht, er macht eine richtig gute Figur.
Egal, wo der Schwede auftaucht, er macht eine richtig gute Figur.(Foto: Holger Preiss)

Erfreulicher sind da schon die vielen buchbaren Assistenten, die aber ihren Preis haben. Um in den Genuss der maximalen Sicherheit zu kommen, müssen zusätzlich 2000 Euro investieren werden. Dafür erhält der XC90 dann Dinge wie Fußgängererkennung, Querverkehr-Warnung oder einen Stauassistenten inklusive aktivem Tempomat und adaptiven Spurassistenten. Wer will, kann auch eine Parkhilfe buchen. Die befindet sich im Business-Paket und kostet 1677 Euro. Dafür schieben die Sensoren den Fünfmetertrum in - auf den ersten Blick - viel zu kleine Lücken und manövrieren ihn auch wieder raus. In der Ausstattungslinie Momentum bereits enthalten sind unter anderen Spurhaltewarner, Start/Stopp-Automatik, Verkehrszeichenerkennung, elektrische Differenzialsperre, elektrische Heckklappe, Regen- und Lichtsensor sowie Sitzheizung und beheizbare Scheibenwischer. Aber selbst die Basisversion "Kinetic" bietet schon viel Sicherheit und Komfort. Sie bremst bei Bedarf autark, bettet ihre Insassen weich und hält viel Raum zum Wohlfühlen bereit. Nicht mehr, aber auch nicht weniger ist von diesem Luxus-Schweden zu erwarten.

Großes Kino beim Infotainment

Noch etwas ist beredtes Zeichen dafür, wo der Schwede sich einsortiert. Hinter dem Lenkrad blickt der Pilot auf ein hochauflösendes 12,3 Zoll großes, vollgrafisches Display für die beiden Rundinstrumente und ein Infodisplay für die Kartenansicht des Navigationssystems. Dort, wo einst beim Volvo XC90 der viele Volvo-Fahrer verwirrende Knopftempel thronte, sitzt jetzt mit dem senkrecht stehenden 9Zoll großen Touch-Screen das Highlight im Armaturenbrett. Doch auch über diese Art der Bedienung wurde bereits wieder gezetert. Dabei funktioniert die Einheit wie ein Tablet: rein- und rauszoomen, wischen und tippen. Über das Display können die Fahrassistenzsysteme, Klima, Navi, Infotainment sowie die Park- und Sicherheitsfunktionen angesteuert werden, wobei die Hauptfunktionen wie Telefon, Navi, Radio und Medien, egal auf welcher Ebene man sich bewegt, immer erreichbar sind. Das ist schon großes Kino und eigentlich über jede Kritik erhaben. Einzig die Fingerabdrücke auf dem Display nerven irgendwann, aber dagegen hilft ab und an die Reinigung mit dem Brillenputztuch.

Fazit: Der Volvo XC90 weiß nicht nur, wo er herkommt, sondern auch, wo er bleiben will: im Premiumsegment. Dafür hat die chinesische Mutter Geely nicht nur ordentlich Geld in die Hand genommen, sondern die Schweden auch machen lassen. Herausgekommen ist ein Auto, das genügend Individualität hat, um sich abzugrenzen, aber auch technisch so viel mitbringt, dass man das Kräftemessen mit der Konkurrenz nicht fürchten muss. Ausstattungstechnisch ist der Schwede, wenn man denn genug Geld investiert, ein Highlight. Von der Verarbeitung ist er das bereits zum Grundpreis. Auch fahrtechnisch muss sich der große Schwede nicht vor der Konkurrenz verstecken, wobei er eher in die Cruiser- denn in die Sportrichtung tendiert.

DATENBLATTVolvo XC90 D4 Momentum
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe)4,95/ 2,14 (mit Spiegel)/ 1,78 m
Radstand2,98 m
Leergewicht (DIN)2087 kg
Sitzplätze5/7
Ladevolumen314 / 692 / 1886 Liter
MotorReihenvierzylinder Bi-Turbolader mit 1969 ccm Hubraum
Getriebe8-Gang-Automatik
Leistung140 kW / 190 PS bei 4250 U/min
KraftstoffartDiesel
AntriebFrontantrieb
Höchstgeschwindigkeit205 km/h
Tankvolumen71 Liter
max. Drehmoment400 Nm ab 1750 - 2500 U/min
Beschleunigung 0-100 km/h9,2 Sekunden
Wendekreis12,1 m
Normverbrauch (außerorts/innerorts/kombiniert)4,9 / 5,8 / 5,2 l
Testverbrauch8,1 l
EffizienzklasseA / EU6
Grundpreis54.430,00 Euro
Preis des Testwagens84.045,00 Euron

Quelle: n-tv.de

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