Praxistest

Neue E-Klasse von MercedesOptimismus als Prinzip

16.03.2009, 09:41 Uhr

Selbst eingefleischte Kleinwagenfahrer können sich dem Reiz der E-Klasse von Mercedes nicht immer entziehen. Wenn der Satz "Ach, lass uns doch ein Taxi nehmen" fällt, steigt man anschließend mit großer Wahrscheinlichkeit in einen Mercedes. Künftig könnten es sogar mehr Fahrgäste sein, die dem Charme des Standardgefährtes der deutschen Fuhrunternehmer erliegen. Die neue Mittelklasse aus Sindelfingen lockt mit einer gehörigen Portion S-Klasse-Niveau.

Rund fünf Prozent des gesamten Absatzes der E-Klasse wurde in der Vergangenheit in Deutschland vom Taxi-Gewerbe aufgesogen. Die Droschken sind meist mit Dieselmotor unterwegs. Die kommende E-Klasse, die am 28. März offiziell den Vorgänger ablöst, bietet allein bei den Selbstzündern eine Auswahl unter fünf Motoren. Unter anderem wird der doppelt aufgeladene Vierzylinder (als 250 CDI) und ein 350 CDI BlueTec mit sechs Zylindern angeboten. "Unser erster Dieselhybrid", verspricht Daimler-Chef Dieter Zetsche, "wird ebenfalls in der E-Klasse seine Premiere erleben." Fortgesetzt wird auch das Angebot eines kombiniertem Benzin-/Erdgasantrieb, allerdings erst im nächsten Jahr.

Die Marke mit dem Stern setzt große Hoffnungen in die neue E-Klasse. Die Baureihe ist seit Jahrzehnten Inbegriff des Mercedes-Fahrens und soll jetzt wieder neuen Schwung in den Absatz bringen. Anders als die Kleinwagenhersteller, die fast ausnahmslos von der Abwrackprämie profitieren, brach bei Mercedes der Verkauf in den ersten zwei Monaten des Jahres um mehr als ein Viertel ein. Dazu kündigt sich weiteres Unheil an: Leasing-Rückläufer aus dem Flottengeschäft mit Großkunden stehen mit Restwerten in den Büchern, die in der gegenwärtigen Flaute vollkommen realitätsfern sind.

34 Millionen Testkilometer

Dagegen hilft im Moment nur Optimismus. "Die E-Klasse ist das Herz der Marke", sagt Dieter Zetsche, "und bereits vor dem Start hat das Auto die beste Werterhalt-Prognose in seiner Klasse". Viele Kunden teilen offenkundig die Zuversicht des Daimler-Chefs. Ohne auch nur einen Kilometer Probefahrt mit dem Auto zurück gelegt zu haben, sorgten die Kunden schon für 40.000 Bestellungen. Für haben die Testingenieure um so mehr Kilometer geschrubbt: Rechnerisch waren es rund 850 Erdumrundungen oder 34 Millionen Kilometer, die im Rahmen der Entwicklung von Prototypen und Vorserienfahrzeugen zurück gelegt wurden. Nach dem etwas missglückten Start der letzten Modellreihe wollte man diesmal auf Nummer sicher gehen.

Zu den bekanntermaßen soliden und ausgereiften Aggregaten kommt im Fall der neuen E-Klasse noch eine Vielfalt an Sicherheits- und Assistenzsystemen, wie sie noch bei keinem Modell vorher zu finden war. Wer einen hohen vierstelligen Eurobetrag zusätzlich zu investieren bereit ist, kann seiner Limousine allerlei Kunststückchen beibringen. Zum Beispiel selbstständiges Ab- und Aufblenden des Fernlichts bei Gegenverkehr sowie verkehrsgerechte Anpassung der Leuchtweite, aktives Warnen vor Tempolimits sowie optische und akustische Signale, wenn sich ein fahrzeug im toten Winkel nähert oder der Sicherheitsabstand zum Vorausfahrenden sich unter ein kritisches Maß fällt. Mit dem Nachfahrassistenten macht die E-Klasse "der Eule Konkurrenz" (Zetsche) und lässt fast unsichtbare Fußgänger am Fahrbahnrand hell im Monitor erscheinen.

Kaffeetasse als Pausenempfehlung

Wenn der Fahrer Müdigkeitssymptome zeigt, leuchtet im zentralen Display eine Kaffeetassse als Pausenempfehlung auf. Der Tempomat regelt die Geschwindigkeit bis zum Stop-and-Go-Modus und wem das noch nicht genug ist, kann auch der Bremse ein Eigenleben einhauchen. Ist der Fahrer abgelenkt und droht der Aufprall auf ein Hindernis, leitet das Fahrzeug in Eigenregie die Notbremsung ein. Kunden mit hohem Sicherheitsbedürfnis tun also gut daran, für die Übernahme ihres Autos etwas mehr Zeit einzuplanen. Um alle Helferlein sinnvoll nutzen zu können, bedarf es einer sorgfältigen Einweisung.

Wenn der Hersteller, wie jetzt bei der Pressepräsentation in Spanien, die "technischen Highlights der neuen Mercedes-Benz E-Klasse" aufzählt, kommt eine Liste mit 61 Positionen zusammen unmöglich, sie alle zu beschreiben. Für den Kunden dürfte es wohl das Beste sein, sich erst für die Komfort- und Assistenzsysteme, die er bestellen möchte, zu entscheiden und dann für die Motorisierung. Je nach Version liegt das Leergewicht der E-Klasse zwischen 1700 und 1900 Kilogramm. Jede Sonderausstattung bringt logischer Weise mehr Gewicht ins Fahrzeug, dass der Kunde aber dennoch ebenso komfortabel wie dynamisch bewegt haben möchte.

Windschlüpfrig auf der Langstrecke

In der neuen Benz-Designsprache stehen Kanten für Charakter. Was der GLK seit dem Herbst demonstriert, setzt sich in der E-Klasse fort. Die Vier-Augen-Frontpartie blieb erhalten, aber die Scheinwerfergläser sind nun eckig. Überraschend, dass trotz der vielen Falten und Sicken, die besonders bei hellem Lack für schöne Schatten und Reflexe sorgen, der Luftwiderstandsbeiwert mit 0,25 sensationell niedrig ist. Langstreckenfahrer werden das zu schätzen wissen, denn gerade bei hoher Kilometerleistung hat die Windschlüpfrigkeit großen Anteil an Verbrauchsverhalten.

"Effizienz" ist eine der am häufigsten gebrauchten Vokabeln, wenn Mercedes-Leute von ihrem neuesten Produkt sprechen. 5,3 Liter Normverbrauch (beim 204 PS starken und 1735 kg schweren 250 CDI) sind tatsächlich ein erstaunlicher Wert. Dieser Motor, schwärmte Dieter Zetsche, "braucht den Vergleich mit so manchem Sechszylinder der Konkurrenz nicht zu scheuen". Und auch wer ans Ende der Leistungsskala schaut, zum 388 PS starken E 500 4MATIC, kann über getestete 11,4 Liter je 100 Kilometer nicht wirklich schimpfen.

Der Preis bleibt eine Schwachstellt

Bleibt am Ende eine Schwäche, die auch die nächste E-Klasse-Generation nicht ablegen wird: der Preis. Zwar rechnet Dieter Zetsche vor, dass "ausstattungsbereinigt" das neue Auto sogar günstiger sei als das alte, jedoch sind wenigstens 41.590 Euro zu zahlen (für den 220 CDI). Das entspricht einer Leasingrate von 522 Euro monatlich. Dann hat man zwar einen neuen und repräsentativen Mercedes, aber noch nicht das, was gerade die so spannend macht, nämlich die gewaltige Menge an Komfort- und Sicherheitsfeatures. Wohl damit die Zusatzkosten nicht so schmerzhaft erscheinen, kann man in der Preisliste gleich den jeweiligen Aufschlag zur Leasingrate nachlesen. Ein Aktiv-Multikontursitz zum Beispiel kostet dann nur noch 19 Euro im Monat.

Quelle: ntv.de